Braucht das Volk Religion und Kirche?

August Bebel

Über Christentum und Kirche

Dietz-Verlag Berlin 1958

Dem Nachdruck der ersten in dieser Broschüre enthaltenen Schrift von August Bebel, „Christentum und Sozialismus“, liegen die Ausgaben von 1901 und 1913 zugrunde; Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden modernisiert. Die beiden Auszüge aus „Die Frau und der Sozialismus“ sind der Ausgabe Dietz-Verlag Berlin 1954, entnommen.
Ist die Religion für das Volk nötig (zum Herunterladen als PDF)

Christentum und Sozialismus

Eine religiöse Polemik zwischen Herrn Kaplan HOHOFF in Hüffe und AUGUST BEBEL, dem Verfasser der Schrift: Die parlamentarische Tätigkeit des Deutschen Reichstages und der Landtage und die Sozialdemokratie.

Vorwort zur neuen Auflage

Das vorliegende Schriftchen, das vor 27 Jahren zum ersten Male erschien und seitdem ich weiß nicht wieviele Auflagen erlebte, soll aufs neue in die Welt gesandt werden. Das spricht dafür, daß sein Inhalt nicht veraltet ist.
Kulturkampf
Was aus meinem damaligen Widerpart, dem ehemaligen Kaplan Wilhelm Hohoff in Hüffe, geworden ist, weiß ich nicht. Die Fragen aber, um die wir uns damals stritten, stehen noch heute im Vordergrund des Interesses, wenn auch der sogenannte Kulturkampf, der in den Jahren 1873 und 1874 seinen Siedepunkt erreichte, zu dem Gewesenen gehört und endete, wie ich es in meiner im Herbst 1873 erschienen Schrift „Die parlamentarische Tätigkeit des Deutschen Reichstages und der Landtage“ und in der vorliegenden Polemik zwischen Kaplan Hohoff und mir vorausgesagt hatte.
Stütze der Bourgeoisie
Der Inhalt des vorliegenden Schriftchens hat im Laufe der Jahre heftigen Widerspruch und fanatische Anfechtung gefunden, was beweist, daß die ausgeteilten Hiebe gesessen haben, seine Wiederveröffentlichung ist aber gegenwärtig erst recht am Platze, wo von höchster Stelle immer wieder das Wort fällt: „Die Religion muß dem Volke erhalten werden“, und die deutsche Bourgeoisie ihre freigeistigen Traditionen längst vergessen hat und in der Kirche eine ihrer Hauptstützen für die Aufrechterhaltung ihrer Klassenherrschaft erblickt.
Vom Atheismus zur Religion
Welch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Bürgertum von ehedem, das dem Voltaireschen „Ecrasons l´infâme!“ (Vernichten wir die Infame: die Kirche!) und den atheistischen Lehren eines Feuerbach und David Strauß jubelnden Beifall zollte, und dem Bürgertum von heute, das religiöse Anschauungen zu haben behauptet, an die es nicht glaubt, und religiöse Bestrebungen unterstützt, die ihm innerlich zuwider sind. Alles aus Furcht vor der heranstürmenden Sozialdemokratie.
Auf zu sozialistischen Zielen!
Täuscht aber nicht alles, so beginnt das zwanzigste Jahrhundert wieder mit einem Kampfe gegen Kirchen und Dogmentum und gegen die Anmaßungen eines herrschsüchtigen Priestertums, das wieder seine Zeit gekommen glaubt, um dem Volk den Fuß auf den Nacken setzen zu können. Aber die immer weiter in die Massen eindringenden Resultate der Naturwissenschaften und der Geschichtsschreibung und die Erkenntnis der ökonomischen Tatsachen, die allen religiösen Theorien hohnsprechen, bereiten den Boden, auf dem ein neuer Kulturkampf entsteht, der jedoch von der Halbheit des bürgerlichen Kulturkampfes ebensoweit entfernt ist wie die bürgerlichen Freiheits- und Gleichheitsbestrebungen von den sozialistischen Zielen.
Schöneberg-Berlin, den 28. April 1901

A. Bebel


Brief des Kaplans Hohoff an den „Volksstaat“

An die verehrliche Redaktion des „Volksstaat“ zu Leipzig
Sie geben in dem Leitartikel in Nr. 114 des „Volksstaat“ vom 21. November einen Passus wieder aus einer in Ihrem Verlage erschienenen Broschüre, die den Titel hat: „Die parlamentarische Tätigkeit des Deutschen Reichstages und der Landtage und die Sozialdemokratie.“
Knechtung, Verdummung, Ausbeutung
In demselben wird unter anderem die Behauptung aufgestellt, daß Staat und Kirche sich „brüderlich unterstützen, wenn es das Volk zu knechten, zu verdummen und auszubeuten gilt“; die katholische Geistlichkeit und der moderne Staat seien „vollständig einig, wenn es sich um Unterdrückung des Volkes handelt“; die Priesterschaft sei stets „für den Rückschritt und die Barbarei eingetreten“.
Kompromittiert?
Da ich nun Mitglied der katholischen Kirche sowohl als des katholischen Klerus bin und als Geistlicher verpflichtet bin, eine Kleidung zu tragen, die es jedem, der mich sieht, sofort anzeigt, daß ich der katholischen Priesterschaft angehöre, so werden Sie mir zugeben, daß ich persönlich und speziell durch die obigen Anschuldigungen mitgetroffen und vor allen Lesern des „Volksstaat“, denen ich im Leben begegne, aufs Äußerste kompromittiert erscheine. Ich sehe mich daher genötigt, an Ihre Loyalität zu appellieren und Sie zu ersuchen, die folgende Verteidigung und Rechtfertigung meiner selbst zur Kenntnis Ihrer Leser zu bringen. Ich glaube dies um so mehr fordern zu müssen und zu können, da ich außer meiner Ehre und meinem guten Namen nichts, rein gar nichts besitze, auf mich also in vollstem Sinne die Worte Anwendung finden würden: „Ehre verloren, alles verloren!“
Pars pro toto…
Sie sind ein Gegner der katholischen Religion; Sie sind desgleichen ein Gegner der liberalen Bourgeoisie. Wenn die Söldlinge dieser letztern Ihnen die Sünden der Tölckianer aufbürden, so schreien Sie aus Leibeskräften über das Ihnen geschehene Unrecht und sagen mit Recht, man dürfe nicht den Sozialismus verantwortlich machen für dasjenige, was einzelne Menschen tun, die sich Sozialisten nennen, und Sie lehnen jede Solidarität mit den Hasenclever-Hasselmännern (1) ab. Zu meinem großen Befremden muß ich aber sehen, daß Sie gegenüber dem Ultramontanismus und dem ultramontanen Klerus in denselben Fehler fallen, den Sie an den Liberalen so scharf rügen. Sie machen die Kirche verantwortlich für die Fehler und die Religion für die Mängel und Sünden ihrer Bekenner; Sie legen der Gesamtheit zur Last, was einzelne verschuldet; Sie verdammen den Schuldigen mit dem Unschuldigen. Oder nennen Sie mir ein Laster, einen Übelstand – soweit er nicht in der Natur alles Irdischen begründet ist –, eine Ungerechtigkeit und Nichtswürdigkeit, die nicht von der katholischen Religion und von der katholischen Kirchenlehre streng verboten und verpönt wäre.
Die „unbefleckte“ katholische Kirche
Nennen Sie mir irgend etwas, das von Ihnen für schändlich und verwerflich gehalten und dessen Beseitigung von Ihnen angestrebt wird, das nicht auch entfernt und beseitigt sein würde, wenn die Lehren der katholischen Religion befolgt würden. Nennen Sie mir irgend etwas Gutes, Edles, Wünschenswertes, nennen Sie mir eine Tugend, welche nicht im Flor stände, wo man den Weisungen des Christentums nachkommt! Sie werden nicht dazu imstande sein! Und darum werden Sie einräumen müssen, daß die Schuld von den Mißständen, die Sie tadeln, nicht am Katholizismus, nicht an der Religion und der Kirche liegt, sondern an den Menschen.
Ei, wie wohltätig…
Wissen Sie nicht, daß Tausende und aber Tausende und Millionen von katholischen Christen und katholischen Priestern seit 1800 Jahren buchstäblich die Worte Christi erfüllt haben: „Wenn Du vollkommen sein willst, so gehe hin, verkaufe alles, was Du hast, und gib es den Armen und folge mir nach“? Wissen Sie nicht, daß ein Franz von Assisi, ein Vincenz von Paula und zahllose andere Millionen von Talern für die Armen gesammelt haben, daß sie ihr ganzes Vermögen den Dürftigen und Notleidenden schenkten und aus Liebe zu Gott und ihren Mitmenschen die freiwillige Armut wählten, um mit den Armen arm zu sein? Wissen Sie nicht, daß auch heute noch Tausende und Hunderttausende von Katholiken und Priestern jenem Beispiele folgen?
Ach, wie fromm und ehrwürdig!
Wenn zum Beispiel ein Bruder des Bischofs von Ketteler die Husarenattila mit der rauhen Kutte des Kapuzinermönchs und das flotte Offiziersleben mit der strengen Ordensaskese vertauscht, wenn ein fleißiger Student alle philosophischen Systeme von Sokrates und Pythagoras bis auf Schopenhauer, Feuerbach, Lassalle und Marx prüft und schließlich bei seinem wissenschaftlichen Forschen zu dem Resultate gelangt, daß der Katholizismus das Beste und Vollkommenste sei, wenn er deshalb Theolog und Priester wird, um diese allein wahre und allein beglückende Doktrin nach besten Kräften zu verbreiten: was, frage ich, gibt Ihnen das Recht, die Aufrichtigkeit und Lauterkeit seiner Gesinnung in Abrede zu stellen und ihn „eigennütziger Heuchelei“ zu beschuldigen?
Der beleidigte Herr Kaplan
Wenn solche Anklagen von Gegnern des Sozialismus gegen die Herren Liebknecht und Bebel erhoben werden, so weisen Sie voll tiefer Indignation auf die schlechte Situation hin, in welche Sie durch die Vertretung Ihrer Prinzipien sich gebracht sehen. Nun wohl, auch mir wallt das Blut ob solcher Anschuldigung, und auch ich glaube dieselbe durch den einfachen Hinweis auf die klägliche Stellung der meisten katholischen Geistlichen in der Gegenwart entkräften zu können.
Geheuchelte Armut und eine Drohung
Außer den Schulmeistern und den Nachtwächtern ist sicherlich keine Beamtenkategorie dürftiger besoldet als der niedere katholische Klerus. Ich kann Ihnen beweisen, daß ich pekuniär schlechter gestellt bin als ein Lakai oder eine Kammerjungfer. Und die Geringheit der Einkünfte ist noch das allerwenigste; Haß und Verfolgung, Spott und Hohn – das ist heute der Anteil des katholischen Priesters! Lassen Sie also nächstens niemals wieder den Spruch außer acht: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“
Satisfaktion?!
Wenn man aber, so werden Sie vielleicht jetzt denken, auch nicht dem gesamten ultramontanen Klerus Heuchelei und Eigennutz vorzuwerfen berechtigt ist, so sind doch mindestens diejenigen, welche es wirklich ernst und ehrlich meinen, überspannte Schwärmer und Narren. Falls Sie so sprächen, würde ich Sie schon eher entschuldigen können. Aber ich müßte es auch dann unbegreiflich finden, wenn die Sozialisten sich darüber wundern und beklagen, daß ihnen der gleiche Ehrentitel beigelegt wird.
Ich habe bisher geglaubt, daß die Redakteure des „Volksstaat“ mehr Sittlichkeits- und Rechtlichkeitsgefühl besäßen als ihre Kollegen von der offiziösen und liberalen Presse; sonst würde ich diese kurze Defension nicht niedergeschrieben haben und nicht an Sie abgehen lassen. Ich hoffe, nicht enttäuscht zu werden.
Hüffe bei Pr. Oldendorf, 22. November 1873

Wilhelm Hohoff, Kaplan

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1 Tölcke, Hasenclever, Hasselmann – Lassalleaner, führende Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Die Red.


Antwort August Bebels

Mein Herr!
Sie haben in Nr. 9 ein Schreiben veröffentlicht, worin Sie als ein „Diener der Kirche“ sich gegen die Angriffe zu verteidigen suchen, welche ich in der von mir herausgegebenen Broschüre: „Die parlamentarische Tätigkeit der Deutschen Reichstages usw.“ gegen die Kirche und die Religion überhaupt erhoben habe. Ihre Verteidigung erheischt eine Antwort, und zwar von mir als Verfasser jener Broschüre. Erfolgte diese nicht eher, so wollen Sie dies durch ein längeres Unwohlsein entschuldigen, das mich am Schreiben verhinderte, und fällt sie etwas länger aus, so mögen Sie daraus schließen, daß ich Ihre Einwände für wichtig und bedeutend genug hielt, um sie in einer längeren Ausführung zu widerlegen.
Opferwilligkeit ist kein Beweis
Sie fühlen sich durch einige Stellen meiner Broschüre persönlich getroffen und verletzt, wozu Sie, wie Sie bei nochmaligem Durchlesen derselben vielleicht selber zugeben werden, keine Ursache haben. Ich habe nirgends bestritten, daß es unter den „Dienern der Kirche auch eine Anzahl gäbe, die aus innigster, ehrlichster Überzeugung ihrem Berufe obliegen“; ich konnte dies um so weniger, als ich einigermaßen die Präparanden-Anstalten kenne, welche bestimmt sind, junge, unbefangene und noch unwissende Gemüter zum „Dienste der Kirche“ zurechtzukneten und zu erziehen. Ich gehe noch weiter: Ich gebe zu, daß es Tausende von Männern gibt, selbst auf vorgeschrittener Bildungsstufe, welche mit Leib und Seele der Kirche und ihren Lehren ergeben sind, daß es Tausende und aber Tausende gibt und Millionen gegeben hat, welche durch große Opfer aller Art sich ihr Seelenheil bei der Kirche zu erkaufen suchen. Aber was beweist das gegen die von mir entwickelten und hier in Frage stehenden Ansichten? Einfach nichts, absolut nichts. Dieselbe Opferwilligkeit, Selbstpeinigung und Askese, derselbe fanatische Glaube, mit welchem Millionen Menschen an dem Christentum gehangen haben und noch hängen, alle diese Eigenschaften haben Millionen Anhänger des Judentums, der Lehren des Buddha, des Konfuzius, des Mohammed bewiesen, sie alle können mit demselben Rechte wie Sie auf die Erfolge ihrer Religion, auf die Opfer ihrer Gläubigen hinweisen.
Nicht einmal der Buddhismus führt zu Freiheit und Selbständigkeit
Wollte man statistisch feststellen, in welcher Religion Millionen von Menschen am eifrigsten geglaubt und gestrebt, die größte Entsagung, die größte Selbstpeinigung, die größte Aufopferung stattgefunden hat, es unterläge keinem Zweifel, die Religion des Buddha würde in allen Beziehungen den Katholizismus und das Christentum überhaupt übertreffen. Nach Ihrer Schätzung des Wertes der Religion müßte also eigentlich der Buddhismus die wahre und wirkliche Religion sein, und ich hätte mich einer großen Sünde schuldig gemacht, indem ich erklärte, daß trotz alledem der Buddhismus so gut wie das Christentum die Menschenentwicklung zur Freiheit und Selbständigkeit nur gehindert und unterdrückt habe. Sie selbst aber sind genötigt, kraft der Lehren Ihrer Kirche den Buddhismus als falsch, verkehrt, ketzerisch zu betrachten, obgleich sich mit Leichtigkeit nachweisen läßt, was Moral und Sittenstrenge betrifft, der Buddhismus nicht nur dem Christentum vollständig ebenbürtig ist, sondern die Moralsätze, viele christliche Gebräuche und Dogmen aus dem älteren Buddhismus in das vierhundert Jahre jüngere Christentum herübergenommen sind.
Die Religion ist ein Menschenwerk
Und hier kommen wir auf den Hauptkern der Frage. Was ist denn das Christentum? Antwort: wie jede andere Religion Menschenwerk. Der Mensch, der auf niedriger Kulturstufe keine klare Vorstellung von der Natur und von den Naturereignissen, die ihm bald nützten, bald ihn schädigten, besitzen kann, der keinen Begriff von seiner Stellung als Mensch besitzt, schiebt alles Unverstandene, das um ihn vorgeht, übersinnlichen Wesen zu, welche die für ihn unbegreiflichen Erscheinungen nach Laune und Willkür hervorriefen, deren Gunst er dann, um sie sich geneigt und freundlich gesinnt zu erhalten, durch Bitten, Gebete, Zeremonien und Opfer zu erlangen sucht. Je nach dem Bildungszustand der Völker, der in erster Linie von ihren materiellen Existenzbedingungen abhängt, ferner von der Bodenbeschaffenheit, dem Klima, nehmen die unverstandenen Naturgewalten als übersinnliche Wesen verschiedene Eigenschaften und Gestalten an.
Es herrscht die Priesterkaste
Demgemäß bildet sich auch die Verehrungsweise, die, da die Formen für dieselbe bald sehr kompliziert und verwickelt werden, von pünktlicher und gewissenhafter Befolgung der religiösen Vorschriften aber Erfolg oder Nichterfolg bei den höchsten Wesen abhängt, Männern übertragen wird, die sich ausschließlich mit den religiösen Bedürfnissen befassen. Da hierzu naturgemäß nur die Klügsten und Gewandtesten gelangten, wurden diese auch die Herrschenden. So entstand die Priesterkaste, die, unterstützt von den herrschenden Klassen jedes einzelnen Volkes, es bei allen Völkern der Welt verstanden hat, in kurzer Zeit ihre Macht immer mehr auszudehnen, indem sie den Völkern den Glauben von ihrer Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit immer stärker einzuflößen suchte und, um dies mit Erfolg zu können, von vornherein jeder Aufklärung und Weiterentwicklung des Menschen entgegentreten mußte.
Die Religion führt zu Unwissenheit und Duldsamkeit
Zu der Unkenntnis der Natur und der Naturerscheinungen kamen noch Peinigungen und Gewaltsamkeiten der eigenen Herrscher oder fremder Völker und Herrscher, die nicht selten als selbstverdiente Strafen für begangenes Unrecht angesehen wurden und das Bedürfnis nach den religiösen Übungen nur verstärkten. Häufig auch außerstande, das Joch der Eroberer und Vergewaltiger aus eigener Kraft abzuschütteln, entwickelte sich die Hoffnung auf einen überirdischen Helfer, einen Messias, der zum Lohne für treue Verehrung der höchsten Wesen erscheinen und das Volk befreien werde.
Das klerikale Unterdrückungssystem
Diese und ähnliche Ideen, die bei fast allen alten Völkern mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden waren, hatten in ganz besonderer Weise infolge der historischen Entwicklung der kleinasiatischen und der angrenzenden afrikanischen Völker im Judentum Platz gegriffen, aus dem später das Christentum entstand. Und dieses trat keineswegs als eine fertige und abgeschlossene Religion, wie man uns zu lehren pflegt, auf die Bühne, sondern entwickelte sich allmählich zu einem Religionsgebäude, dessen Brauchbarkeit für die Unterdrückung der Menschheit bald von den herrschenden Klassen der damaligen Zeit anerkannt wurde. Das Christentum ist ebensowenig „göttlicher Offenbarung“ entsprossen wie die übrigen bekannten Religionssysteme (Judentum, Buddhismus, Islam), deren Stifter mit der Entschiedenheit ihre göttliche Sendung betonten, wie dies vom mythischen Stifter der christlichen Religion geschehen sein soll. Und wie die Hunderte von Millionen Anhänger beweisen, welche die Glaubenslehren des Buddha, Konfuzius und Mohammed gefunden haben, sind diese ebensosehr von deren göttlicher Sendung überzeugt wie die Anhänger des Christentums von der göttlichen Sendung Jesu.
Ist Christentum das „Beste und Vollkommenste“?
Ich habe nicht, wie Sie von sich behaupten, die philosophischen Systeme von Sokrates und Pythagoras bis auf … Marx geprüft … Aber ich habe mich ein bißchen mit Kulturgeschichte und Naturwissenschaften beschäftigt und danach gefunden, daß für ein denkfähiges und mit Forschungen und Entdeckungen der Naturwissenschaft einigermaßen vertrautes Hirn es recht schwer sein muß, an das Christentum als das „Beste und Vollkommenste“ zu glauben. Die Tatsachen, welche die Naturwissenschaften über die Entstehung und Entwicklung der Menschen in unwiderlegbarer Weise festgestellt haben, rauben dem Christentum den Boden, auf dem es steht, und bringen es zu Falle. Auch muß Ihnen so gut wie mir bekannt sein, daß die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte des Christentums von nichts weniger als göttlicher Abstammung zeugt, daß vielmehr Zank, Hader, Streit, gegenseitige Verfolgungssucht schon unter den ersten Christen in der abscheulichsten Weise sich breitmachten und daß in allen diesen „Tugenden“ jene vorangingen, welche als „Lehrer und Diener der Kirche“ mit dem entgegengesetzten Beispiel vorangehen sollen.
Eine sehr nebenhafte Lehre!
Christus, dessen Existenz sehr nebelhaft, von dessen Lehren und Reden auch nicht ein von ihm selbst geschriebenes Wort vorhanden ist, wurde erst später nach seinem Tode als Gottmensch verehrt. Jahrhundertelang wütete der Streit unter den Anhängern des Jesu darüber, ob Christus gleich oder nur Gott ähnlich sei; erst im Jahre 325 wurde auf der Kirchenversammlung zu Nicäa, wo … die Vertreter der beiden sich bekämpfenden Richtungen in der Christenheit in Ermangelung von Gründen sich mit Vorwürfen und gegenseitigen Beschimpfungen bedienten und, als das nicht mehr ziehen wollte, eine gründliche Prügelei vornahmen, die Zweieinigkeit von Gott und Christus endgültig festgestellt. Die christlichen Lämmerhirten jener Zeit hatten das Bedürfnis, eine feststehende Ansicht über das Verhältnis von Christus zu Gott zu schaffen, weil der Streit unter den Priestern auch die Lämmer ergriff und viele der Gescheiteren und Denkenden stutzig machen mußte. So war der erste große Schritt zur Begründung der christlichen Kirche, das heißt zur Leithammelei der Massen im Interesse der herrschenden Klasse durch die christlichen Priester, geschehen.
Die dreifältige Herrschaft der Kirche
Im Widerspruch mit den Christen des Abendlandes hatte sich unter den Christen des Morgenlandes die Auffassung von einer Dreiheit des Gottes, wie sie auch in älteren Religionen, zum Beispiel der ägyptischen, sich gebildet hatte, entwickelt. Damit drohte eine neue Gefahr der Kirche, und so wurde denn sechsundfünfzig Jahre später, im Jahre 381, auf der Kirchenversammlung zu Konstantinopel aus der Zweieinigkeit eine Dreieinigkeit geschaffen, indem man den heiligen Geist als Dritten im Bunde hinzufügte. Dies ist die einfache und sehr weltliche Geschichte der göttlichen Dreieinigkeit, des höchsten Dogmas der christlichen Kirche.
Die, ach so „göttlichen“ Glaubenssätze und „Wunder“
Sie werden zugeben, Herr Kaplan, daß rein menschliche Vorgänge, wie die hier geschilderten, sehr wenig geeignet sind, den Glauben an die Göttlichkeit des Christentums zu befestigen, und daß es sich eben nur aus der großen Unbildung der Zeiten und der Unkenntnis, welche die Menschen über ihre Beziehungen zu Welt und zu Natur und Naturereignissen hatten und leider noch haben, erklären läßt, daß die auf solche Weise festgestellten Glaubenssätze Millionen Anhänger gefunden haben. Millionen Anhänger, die bis auf den heutigen Tag nur möglich waren, weil die so von den Kirchenversammlungen zusammengestellten, zusammengestrittenen und zusammengezankten Dogmen von Kirche und Staats wegen der Menschheit als „göttliche Offenbarung“ eingebleut und schon sozusagen mit der Muttermilch eingesogen wurde. Wenn es passiert, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Hunderttausende von Köpfen sich über das neu ausgeheckte Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes erhitzen, darf man sich nicht wundern, wie fast zwei Jahrtausende lang ein großer Teil der Menschheit an die Offenbarungen und Wunder des Christentums glauben konnte.
Götzendienst und Fetischismus
Wie die heilige Dreieinigkeit erst durch die Priesterschaft geschaffen wurde, so erging es auch dem Heiligendienst. In den ersten Jahrhunderten wurden keine Bilder in den Kirchen geduldet, ja die Kirchenversammlung zu Elvira verbot sogar feierlichst, „die Gegenstände der Verehrung und Anbetung an den Wänden abzumalen“. Eusebius und Chrysostomos, zwei berühmte Kirchenväter, die im 4. Jahrhundert lebten, bezeichneten den Bildergebrauch als Götzendienst, und doch ist später die Heiligenanbetung und der Bilder- und Reliquiendienst in der christlichen Kirche so schlimm wie unter den schlimmsten „Heiden“ getrieben worden und wird heute noch in der katholischen Kirche als Kultus gepflegt. Der in der katholischen Kirche soviel bedeutende Rosenkranz ist eine Nachahmung desselben Gebrauchs bei den alten Ägyptern, er war also auch bei „Heiden“ vorhanden, und dieselbe Einrichtung besteht in dem älteren Buddhismus.
Der ganze religiöse Klimbim
Die Kindertaufe ist von alters her als religiöse Vorschrift bei morgenländischen und teutonischen Völkern gebräuchlich gewesen; erst im vierten Jahrhundert wurde sie von den christlichen Priestern eingeführt, und heute wird sie den Gläubigen als „ein von Gott eingesetztes Sakrament“ bezeichnet und gelehrt. Das Abendmahl, welches nur eine Verchristlichung des bei den Juden gebräuchlichen Passahfestes ist, erhielt ebenfalls erst später seine jetzige Bedeutung. Das Nicänische Glaubensbekenntnis vom Jahre 325 enthält noch kein Wort davon. Das Passahfest der Juden wurde später das christliche Ostern.
Das angebliche „Leben nach dem Tode“
Der Teufelsglaube, der im Christentum eine so große Rolle spielt, namentlich im Protestantismus kultiviert wurde und im 16. und 17. Jahrhundert die Ursache der schauderhaften Hexenverbrennungen war, ist älteren „heidnischen“ Religionen entnommen. Der Glaube an das Fortleben nach dem Tode ist eine nichts weniger als christliche Idee. Dieser Glaube war vorhanden bei allen auf höherer Kulturstufe stehenden Völkern des Altertums, und er ist vom Christentum nur aufgenommen und nach seiner Weise zubereitet und ausgebildet worden. Der Glaube an ein Leben nach dem Tode bestand bereits bei den alten Griechen (siehe die Gesänge Homers), ebenso bei den alten Deutschen (das Fortleben in Wallhall), und er wurde seit Sokrates von der griechischen Philosophie mit dem Eingottglauben, im Gegensatz zur Vielgötterei der Menge, kultiviert. Ähnliches gilt in bezug auf das sogenannte Weltgericht oder den „jüngsten Tag“, der in den „heiligen“ Schriften der Perser lange vor „Christi Geburt“ bereits Erwähnung findet.
Der Betrug mit der Erlösung
Die Erlösung der Menschheit durch einen Gesandten des höchsten Wesens, wie sie im Christentum dem Stifter desselben zugeschrieben wird, ist ebenfalls keine christliche Besonderheit; sie wurde von Buddha im 4. Jahrhundert v.u.Z. und ebenso von Zoroaster gelehrt, und selbst Sokrates deutet auf sie hin.
Heidnische Dogmen und Gebräuche
Wie hier bereits die wichtigsten Dogmen und Gebräuche, auf denen das Christentum beruht, einfach als aus dem „Heidentum“ herübergenommen nachgewiesen sind, so kann gleiches mit den Formen des christlichen, speziell des katholischen Gottesdienstes geschehen. Überall zeigt sich die Nachahmung des „Heidentums“, fast nirgends zeigt sich eine Spur von selbständigen, originalen Ideen. Der Opfertisch der Griechen und Römer, die alle diese Einrichtungen wieder dem Ägyptertum entnommen hatten, wurde der christliche Altar, der Rednerstuhl wurde die christliche Kanzel; Farben und Formen der Priesterkleider sind wesentlich dieselben wie bei den Priestern der alten Ägypter.
Religiöse Kulthandlungen sind falscher Zauber
Die Farben des ägyptischen Tag-Osiris, rot und weiß, und die langen Röcke der unbehosten Ägypter werden noch heute von den christlichen Priestern der verschiedenen Konfessionen getragen; der Krummstab des richtenden Osiris ging über in den Krummstab des christlichen Bischofs; aus der gehörnten Kopfbedeckung der Priester des Nacht-Osiris wurden die christlichen Priesterhüte, und sogar die Tonsur der katholischen Priester ist dem ägyptischen Gottesdienst entnommen; sie versinnbildlichte das Bild des strahlenden Sonnengottes Osiris. Weihwasser, Räucherungen und Salben, der Kelch, die Musik, der Gesang, das Niederknien zum Gebet, die Verbeugung vor dem Allerheiligsten, die Wechselgesänge und Reden zwischen Priester und Gemeinde – also alles Formen und Gebräuche, die heute noch, namentlich in der katholischen Kirche, eine so große Rolle spielen, sind ohne Ausnahme dem heidnischen ägyptischen Gottesdienste entlehnt. Ebenso ward das Geburtsfest des Sonnenkindes, zur Zeit der kürzeste Tag, umgewandelt in den Geburtstag Jesu. Das Fest des altsemitischen Feuergottes im Sommer ward christliches Johannisfest; das syrische Herbstfest, bei den Juden Laubhütten, ward Michaelisfest; daß ferner das Julfest der Germanen sich mit dem Geburtsfeste des Sonnenkindes der Ägypter, der späteren christlichen Weihnacht, deckt, ist ebenfalls bekannt.
Heidnischen und christliche Bräuche
Die Ähnlichkeit heidnischer und christlicher Religionssitten geht noch weiter. Die bildliche Darstellung des Sonnengottes der Ägypter entsprach genau der späteren bildlichen Darstellung des christlichen Jesu. Das geneigte Haupt, das wallende Haar, das milde Antlitz, der Strahlenkranz um das Haupt und die segenspendenden Hände waren bei jenem wie bei diesem. Isis, die Himmelsgöttin der Ägypter mit dem Sonnenkinde, entsprach genau der christlichen Muttergottes mit Strahlen- und Sternenkranz und dem Christuskinde auf dem Arme oder im Schoß. Trifft man doch noch heute in Süddeutschland in einzelnen Gegenden die Muttergottes als Mohrin dargestellt, ein Beweis für die Verwandtschaft mit ägyptisch-afrikanischer Anschauungsweise.
Es ist Menschenwerk, nichts mehr und nichts weniger…
Wie die christlichen Lehren nichts anderes als die Quintessenz der philosophischen Anschauungen des Altertums seit Sokrates und Plato sind, so sind seine gottesdienstlichen Formen, wie sie heute noch namentlich im Katholizismus geübt werden, heidnischen gottesdienstlichen Gebräuchen und Symbolen entnommen. Das Christentum ist also nichts anderes als jede andere Religion auch, es bildet den geistigen Niederschlag einer vorgeschrittenen Kulturperiode, für welche die alten bis dahin geltenden Religionen überwunden waren. Es ist Menschenwerk, nichts mehr und nichts weniger, das sich entwickelte und gestaltete, je nachdem die Sitten, Gewohnheiten und die alten Religionen eines Volkes, unter denen es sich Bahn brach, es notwendig machten. In Armenien wurde der Haupttempel der Mondgöttin Artemis durch Beseitigung ihrer Bildsäule in einen Christentempel umgeschaffen, in Ephesus wurde der heidnische Dianentempel dem Sankt Johannes geweiht, und noch heutigen Tages wird in der Peterskirche in Rom einem bronzenen Jupiter der Fuß geküßt, von dem die Geistlichkeit behauptet, er stelle den heiligen Petrus vor.
Das Christentum – eine billige Kopie
Man rühmt dem Christentum nach, daß es sich vor anderen Religionen dadurch auszeichnet, daß es den Eingottglauben einführte – der eine Gott, der aber wieder in eine Dreiheit vereinigt und umgekehrt – eine für den gesunden Menschenverstand unfaßbare Möglichkeit. Aber auch das ist nur Mythe. Bei den Juden war schon fünfhundert Jahre v.u.Z. die heilige Dreieinigkeit im einigen Gott vereinigt, und derselbe Glaube war viele Jahrhunderte v.u.Z. bei den Ägyptern vorhanden. In den Religionen der heidnischen Inder und Ägypter ist jedes christliche Dogma, jeder christliche Kirchengebrauch jahrhundertelang v.u.Z. schon in Übung gewesen, so daß man mit vollem Rechte sagen kann, das Christentum ist der Abklatsch der Religionen dieser beiden ältesten Kulturländer.
Die Bibel ein widersprüchliches kulturhistorisches Sammelsurium
Wie nun Dogmen und Gebräuche der christlichen Kirche nach dieser hier gegebenen Darstellung nicht „Gottes Werk“, sondern der Menschen Werk sind, so auch die Schrift, auf welche das Christentum sich stützt. Die Bibel ist als kulturhistorisches Werk von großer Bedeutung, nur ist sie auf ihren kulturhistorischen Wert bis heute noch verhältnismäßig wenig geprüft worden, und als kulturhistorisches Werk wird sie von der Kirche nicht betrachtet, sondern als Werk göttlicher Offenbarung. In dieser Eigenschaft aber ist sie als ein Buch, das eine zweitausend Jahre alte Kulturentwicklung umfaßt, die verschiedensten Vorgänge schildert und Überlieferungen enthält, die von Männern der verschiedensten Zeitalter und von den verschiedensten Standpunkten herrühren, notwendig voll der stärksten und unlöslichsten Widersprüche.
Einn Allzweckwerkzeug zur Disziplinierung
Diese Unklarheiten und Widersprüche der Bibel oder der sogenannten Heiligen Schrift sind es, die von jeher zu den verschiedensten Auslegungen führten und innerhalb der christlichen Kirche bis in unser Zeitalter den Grund zu den heftigsten Streitigkeiten und Spaltungen legten. Diese Unklarheiten und Widersprüche würden die katholische wie die evangelische Kirche längst in lauter Sekten aufgelöst haben, wenn nicht die Priester- und die Staatsgewalt gemeinsam alles aufböten, die Rechtgläubigkeit an den einmal aufgestellten Lehren mit Gewalt aufrechtzuerhalten. Darum handelt die katholische Kirche von ihrem Standpunkt aus ganz korrekt, wenn sie das Lesen der Bibel den Laien verbietet. Konnten die Gelehrten über die Deutung des Inhalts der Bibel nicht einig werden, wie sollte das dem einfachen gesunden Menschenverstande möglich sein? Kein Buch in der Welt hat denn auch mehr Menschen ins Irrenhaus gebracht als die Bibel. Die armen Grübler suchten, was nicht darinstand, und wenn sie glaubten, eine Wahrheit entdeckt zu haben, kam eine andere Stelle und zieh sie des Irrtums.
„Gottes Wort“ ist eine menschliche Erfindung
Die Bibel kann also nicht „Gottes Wort“ sein, sie ist auch nicht von denen geschrieben, deren Namen sie in der Buch- und Kapitelbezeichnung trägt; die Bibel ist eine Zusammenstellung von Schriften der verschiedensten Männer, die zum größten Teil dem Namen nach nicht einmal bekannt sind und in verschiedenen Zeitaltern lebten. Die Zahl der Schriften, die den Anspruch erhoben, als echte und lautere Überlieferungen des Lebens und der Lehre Christi angesehen zu werden, war sehr groß. Es entstanden daher in den ersten Jahrhunderten u. Z. die heftigsten Streitigkeiten und Kämpfe über ihre Echtheit und ihren Wert. Nur nach und nach war es den verschiedenen Kirchenversammlungen möglich, eine Einheit zu schaffen, indem sie, ohne Rücksicht auf Echtheit und Unechtheit, eine Menge dieser Schriften, die in die neuen Verhältnisse nicht paßten oder anderen, die man aufgenommen sehen wollte, widersprachen, unterdrückten, beseitigten oder mehrere unter einem gemeinsamen Titel vereinigten. So kam nach jahrhundertelangem Streit und Kampf die Bibel als „unfehlbares Glaubenbuch“ und „Gottes Wort“ zustande, an deren Wahrhaftigkeit und Richtigkeit zu zweifeln noch vor nicht langer Zeit selbst von Staats wegen als Kardinalverbrechen galt.
Das gläubige Volk wird verdummt
Genaue Forschungen haben ergeben, daß keine einzige der vorhandenen Abschriften von den Evangelien und Apostelbriefen vor dem 4. Jahrhundert u. Z. entstand. Man fand, daß viele wichtige Stellen des Alten und des Neuen Testaments Einschaltungen sind, die von beliebigen Verfassern beliebig eingeschoben wurden und von der leitenden Priesterschaft nach Wunsch und Interesse ausgelegt und dem gläubigen Volke als „Gottes Wort“ gepredigt werden. Die Vergleichung aller vorhandenen Handschriften der Bibel hat mehr als 50.000 Abweichungen ergeben, von denen sehr viele den bezüglichen Stellen einen wesentlich anderen Sinn geben, aber trotz alledem ist die Bibel „Gottes Wort“, an dem nicht gerührt und getastet werden soll. Sie werden zugeben, Herr Kaplan, daß, wenn alle philosophischen Systeme den Glauben an die Göttlichkeit des Christentums nicht erschüttern können, derartige historisch und wissenschaftlich feststehende Tatsachen geeignet sind, das gläubigste Gemüt ins Schwanken zu bringen. Sie werden daher nach dem bis hierher Ausgeführten sich auch nicht wundern, wenn ich mich nicht nur als Gegner des Katholizismus, sondern als Gegner jeder Religion bekenne.
Die internationale Macht des Katholizismus
Die Religion ist, wie ich schon oben ausgeführt, das Produkt des Kulturzustandes eines Volkes oder einer Reihe auf gleicher Kulturstufe stehender Völker. Selbst ein und dieselbe Religion wird innerhalb verschiedener Völker eine ganz verschiedene Bedeutung haben, wenn der Kulturgrad und die geistigen Entwicklungsbedingungen verschieden sind. Der Katholizismus Spaniens ist wesentlich anders gefärbt als der Frankreichs, und so sind auch die protestantische Auffassung Englands und die des protestantisch gesinnten Deutschlands verschieden. Außerdem wirkt die steigende Kultur auch verändernd auf die Religion. Die frömmsten Christen des 19. Jahrhunderts ziehen vieles in Zweifel, an das die Christen des 15. Jahrhunderts felsenfest glaubten. Welche Rolle spielte zum Beispiel der Teufels- und Hexenglaube des 16. und 17. Jahrhunderts!
Das menschliche Wissen verdrängt die Religion
Die Dogmen und Glaubenssätze werden aber immer mehr erschüttert, je mehr die Errungenschaften der Naturwissenschaften und die kulturgeschichtlichen Forschungen immer weiteren Kreisen der Menschen bekannt werden. Die Kenntnis der Entwicklung unserer Erde zerstört die Schöpfungsmythen der Bibel, die astronomischen Forschungen und Entdeckungen zeigen uns, daß das Weltall keinen Himmel kennt und daß die Millionen von Sternen ohne Ausnahme Weltkörper sind, die jedes Engel- und jedes „Seligen“-Leben ausschließen. Es ist also wohl zur Genüge nachgewiesen, daß das Christentum weder das „beste“ noch das „Vollkommenste“ ist, sondern nicht besser und vollkommener ist als andere Religionen auch, das heißt mangelhaft und unvollkommen. Seine Beseitigung vom Standpunkt des Fortschritts der Menschheit ist eine Notwendigkeit. „Aber die Moral des Christentums!“ rufen Sie aus.
Es gibt keine „religiöse Moral“!
Die Moral hat weder mit dem Christentum noch mit der Religion überhaupt etwas zu schaffen; die Moral ist nach dem jeweiligen Kulturzustand der Völker verschieden. Bei allen Völkern haben sich bestimmte Regeln herausgebildet, deren Aufrechterhaltung im Interesse aller als allgemein notwendig anerkannt wird. Keine Gesellschaft kann ohne solche Regeln bestehen; ihre Übertretung gilt als unmoralisch und wird oft bloß durch die Kundgabe von Unzufriedenheit von seiten Dritter, oft aber auch noch durch materielle und physische Strafen, vollzogen durch die Autorität, die die Gesellschaft vertritt, an dem Übeltäter heimgesucht. Wie verschieden selbst innerhalb der katholischen Kirche gewisse Einrichtungen beurteilt, von dem einen Teil als moralisch und in der Ordnung, von dem anderen als unmoralisch und darum verabscheuungswürdig angesehen werden, mögen zwei Beispiele zeigen. Daß eine Ehe auch ohne priesterlichen Segen ihre volle Gültigkeit habe, findet der katholische Franzose ganz in Ordnung, der fromme katholische Deutsche betrachtet sie als Konkubinat, also etwas sehr Unmoralisches. Die absolute Trennung der Kirche vom Staat findet der katholische Nordamerikaner selbstverständlich, viele deutsche Katholiken sehen sie als eine schmähliche Preisgabe der Kirche seitens des Staates an.
Christliche Nächstenliebe – ein rührender Schwindel
Die Gebote der Nächstenliebe aber, die Gebote der allgemeinen Menschenliebe, der gegenseitigen Duldung, diese Lehren sind ohne Ausnahme im Buddhismus wie im Islam enthalten; sie sind bei allen Völkern von einiger Kultur anerkannt und werden bei Indern, Chinesen, Persern und Arabern auch mehr praktisch gehandhabt als im Christentum, das alle diese schönen Dinge erst für das „künftige“ Leben durchführen will. Die Religion der Liebe, die christliche, ist seit mehr als achtzehn Jahrhunderten gegen alle Andersdenkenden eine Religion des Hasses, der Verfolgung, der Unterdrückung gewesen. Keine Religion der Welt hat der Menschheit mehr Blut und Tränen gekostet als die christliche, keine hat mehr zu Verbrechen der scheußlichsten Art Veranlassung gegeben; und wenn es sich um Krieg und Massenmord handelt, sind die Priester aller christlichen Konfessionen noch heute bereit, ihren Segen zu geben, und hebt die Priesterschaft der einen Nation gegen die feindlich ihr gegenüberstehende Nation flehend die Hände um Vernichtung des Gegners zu einem und demselben Gott, dem Gott der Liebe, empor.
Die Kirche ein Abbild der Rückständigkeit
Wenn heute die Kirche in dem früheren Maße nicht mehr unterdrückt, dann sind nicht die Priester und die Diener der Kirche daran schuld, sondern der allgemeine menschliche Fortschritt, der trotz Priester und Kirche und gegen Priester und Kirche erkämpft worden ist. Sie sagen, was die Diener der Religion getan, kann der Religion selbst nicht zum Vorwurf gemacht werden. Ah, Verehrter, wenn die Priester nicht als Ausnahme, sondern als Regel von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag nicht auf die Moralgrundsätze der Religion – die, das ist noch einmal zu betonen, mit der Religion selbst durchaus keinen ausschließlichen Zusammenhang haben – achteten, sondern Tag für Tag dagegen sündigten, was ist denn eine solche Religion wert?
Hexenverbrenhungen, Verfolgungen und Folter
Die eifrigsten Gläubigen haben aber, wenn sie auch glaubten, Gutes zu tun, am meisten der Menschheit geschadet, denn sie haben jedes Rütteln an den Dogmen als Ketzerei, jedes Bezweifeln der Grundlagen der Religion als Kardinalverbrechen angesehen und mit Feuer und Schwert dagegen gewütet. Die Kreuzzüge, die zahllosen Religionsverfolgungen, die Inquisition, die Judenverfolgungen, die Hexenprozesse, in denen Hunderttausende von Menschen dem blinden Wahn geopfert wurden, sind von fanatischen Priestern hervorgerufen und geschürt, von den klugen und kaltblütigen unter ihnen für Ausbreitung der Macht der Kirche – die ihre Macht war – und nicht selten des Raubes wegen unterstützt worden.
Die Freiheits- und Kulturfeindlichkeit des Christentums
Das Christentum ist freiheits- und kulturfeindlich. Durch seine Lehre vom passiven Gehorsam gegen die „von Gott eingesetzte“ Obrigkeit, seine Predigen zur Duldung und Ergebung im Leiden, verknüpft mit dem Hinweis, daß für alle Beschwerden hienieden die Seligkeit im jenseitigen Leben entschädigen werde, hat es die Menschheit von ihrem Zwecke, sich nach allen Richtungen zu vervollkommnen, nach ihrer höchsten Entwicklung zu streben und der gewonnenen Güter sich zu freuen und sie zu genießen, abgezogen. Es hat die Menschheit in der Knechtschaft und Unterdrückung gehalten und ist bis auf den heutigen Tag als vornehmstes Werkzeug politischer und sozialer Ausbeutung benützt worden und hat dazu gedient. Nach dem Sturz der griechischen und römischen Kultur hat das Christentum mehr als tausend Jahre in Europa geherrscht, und Unwissenheit und Barbarei lasteten auf den Völkern. Spanien, das unter der Herrschaft der „heidnischen“ Mauren in Ackerbau, Gewerben, Künsten und Wissenschaften den höchsten Blütepunkt erreichte, in dem zu jener Zeit – also unter den heidnischen Mauren oder Arabern – Christen und Juden eine Toleranz genossen, wie sie in unseren modernen Kulturstaaten kaum oder erst seit kurzem für die Juden besteht, ward, als christliche Waffen die Mauren verdrängten und das Christentum die Alleinherrschaft hatte, eine Stätte des Fanatismus und religiöser Verfolgungssucht.
Kulturbarbarei des frühen Christentums
Die blühendsten Städte und Gegenden wurden verwüstet, der Glanz arabischer Wissenschaft zerstört und das Land auf jenen Tiefstand gebracht, von dem es sich bis heute noch nicht erholt hat. Die Wissenschaft und der Fortschritt, welche im 12. Jahrhundert in Italien, im 15. Jahrhundert auch in Deutschland sich zu regen begannen, waren nicht die Folge des Christentums, sondern des Studiums der heidnischen altklassischen Literatur, die aus dem Staub und Moder, in den sie unter der Christenherrschaft gelangt war, hervorgeholt wurde und den kirchlichen Anfechtungen und Verfolgungen zum Trotz in immer weitere Kreise drang und die Menschheit auf die Bahnen des Fortschritts führte. Die Religion war nur Mittel zum Zweck, um die Herrschaft über die Massen auszuüben und mehr und mehr zu befestigen.
Das religiöse Geschwätz
Wie weitsehende und berühmte Männer der verschiedensten Zeiten die Religion nur als Mittel zum Zweck – der politischen Herrschaft – betrachteten (Aristoteles, Machiavelli), habe ich schon in meiner Broschüre erwähnt; es ist nicht überflüssig, Äußerungen und Taten einiger kirchlicher Autoritäten gleichfalls anzuführen. Der Bischof Synesius erklärte im Jahre 410 u. Z.: „Das Volk will durchaus, daß man es täusche, man kann auf andere Weise gar nicht mit ihm verkehren… Ich meinesteils werde stets Philosoph sein für mich, aber Priester“ (was in diesem Falle wohl Betrüger hieß) „in bezug auf das Volk.“ Und ebenso schrieb Gregor von Nazianz an Hieronymus: „Es bedarf nichts als Geschwätz, um beim Volke Eindruck zu machen. Je weniger es begreift, desto mehr bewundert es.
Lüge, Niedertracht und einträgliche Geschäfte
Unsere Väter und Lehrer haben oft nicht das gesagt, was sie dachten, sondern was ihnen die Umstände und das Bedürfnis in den Mund legten.“ Zur Zeit, als Papst Julius II. (1503 – 1513) regierte, existierte am römischen Hofe ein Leben, das an Ausschweifung, Liederlichkeit und Religionsverspottung das denkbar Mögliche leistete. Als eines Tages aus dem frommen Deutschland große Geldsendungen ankamen, sprach der Papst zu einem seiner Kardinäle die denkwürdigen Worte: „Gelt, Bruder, die Fabel von Jesus Christus ist einträglich.“ Wie der französische Gesandte die Moral des Papstes Paul III., im 16. Jahrhundert, beurteilte, geht aus folgender Stelle eines Briefes an seinen Hof hervor: „Der Papst und seine Minister (Kardinäle) haben Euch bisher in jeglicher Weise hintergangen; jetzt suchen sie es durch Heuchelei und Lügen zu decken und eine wahre Niederträchtigkeit daraus zu machen.“ Papst Paul VI. rief, um gegen die gut katholischen Spanier zu kämpfen, nicht bloß die Protestanten zu Hilfe, sondern forderte sogar den „Erbfeind“ der Christen, die Türken, auf, das spanische Sizilien und Neapel zu überfallen. Papst Alexander VI. lebte mit seiner eigenen Tochter, der berüchtigten Lucretia Borgia, in Blutschande. Als er einst sieben Kardinäle bei einem Festmahl vergiften wollte, verstanden diese es, den Koch zu bestechen, und ließen ihn nebst seinem Sohn, den er neben der Tochter besaß, obgleich er im Zölibat lebte, vergiften.
Der Komplott von Kirche und Staat
Sie bestreiten meine Angabe, daß Staat und Kirche sich jederzeit brüderlich verständigt, wenn es sich um die Ausbeutung des Volkes gehandelt, als richtig, vergessen aber, den Beweis zu führen. Wenn irgendein Staat verpflichtet war, das Bild eines christlichen Musterstaates zu geben, war es der Kirchenstaat, der unmittelbar unter Regierung des Papstes und der höchsten Geistlichkeit stand, und welches Bild hat uns der Kirchenstaat bis zum letzten Tage seines Bestandes geliefert? Das Traurigste, das in Europa sich auftreiben ließe. Eine schmählich vernachlässigte, in Aberglauben und Unwissenheit versunkene Bevölkerung; die Arbeit geschändet und unterdrückt, dagegen herrschend die unverschämteste Bettelei und die großartigste Massenarmut.
Kirchliche Verbrecherstatitstik
Die Verbrecherstatistik schlimmer als in irgendeinem Staate der Welt, die öffentliche Unsicherheit sprichwörtlich, die Staatsverwaltung die liederlichste, die existierte und das Verbot der christlichen Nächstenliebe, das sich doch zunächst in der Toleranz gegen Andersgläubige zeigen müßte, mit Füßen getreten. Das war der christliche Musterstaat. In allen Staaten Europas, wo Vertreter der Kirche, einerlei ob protestantische oder katholische, in der Staatsleitung, in der Volksvertretung ein Wort mitzusprechen haben, überall ist ihr Einfluß auf Erhaltung und Stärkung der volksfeindlichen Staatsgewalt bedacht.
Helm an zum Gebet!
Und wenn im Augenblick Deutschland in bezug auf die katholische Priesterschaft eine Ausnahme zu machen scheint, so scheint dies auch nur der Fall zu sein. Eine Politik, wie sie unkluger von keinem Staatsmann der herrschenden Klassen je geführt wurde, hat die katholische Geistlichkeit in die Stellung der Unterdrückten gebracht, und diese Stellung einzig und allein ist es, welche sie veranlaßt, heute Forderungen zu vertreten, die sie in der umgekehrten Lage nimmer stellen oder gutheißen würde. Welche Stellung die Leiter und bewußten Vertreter des Katholizismus – denn die Geleiteten wie die unklaren Köpfe kommen nicht in Betracht – vor wenig Jahren noch in Bayern, in Preußen und anderwärts einnahmen, ist hinlänglich bekannt, sie standen stets auf der Rechten, der äußersten Rechten sogar, wie dies im Augenblick tatsächlich noch in Österreich und namentlich auch in Frankreich der Fall ist und in Deutschland in Bälde wieder sein wird. Darüber täuschen wir uns also nicht. Kann es denn anders sein?
Die Kirche als Unterdrückungswerkzeug des Staates
Der Fortschritt der Menschheit bedingt, daß allem Vorrecht und aller Herrschaft der Krieg erklärt wird; die Kirche übt eine nicht geringere Herrschaft über das Volk aus als der Staat. Auf der Autorität und dem blinden Glauben beruhend, muß sie alles bekämpfen, was diese zu untergraben trachtet, also das Wissen und die Bildung, wie sie der Sozialismus erstrebt. Der Sozialismus, der das reine Volks- und Menschentum ist, der die Moralgesetze, die der Kirche seit achtzehn Jahrhunderten kaum mehr als Aushängeschild für die Unterdrückung und Ausbeutung der Massen gedient haben, in der Wirklichkeit zur Geltung bringen will; der die allgemeine Gleichheit, die allgemeine Menschenliebe, das allgemeine Glück nicht verwirklichen will, weil ein Buddha, ein Jesus, ein Mohammed es gepredigt, sondern weil es Ziele und Ideale sind, denen die Menschheit unter allen Zonen, allen Staats-, allen Religionsverfassungen bewußt oder instinktiv zustrebte, auch wenn es keinen Buddha, keinen Christus, keinen Mohammed gegeben hätte. Diese haben vielmehr, indem sie die Erde als ein Jammertal darstellten, die Entbehrung und Enthaltsamkeit predigten und die Menschheit auf ein künftiges Leben verwiesen, für dessen Existenz keine Beweise vorhanden sind und keine beigebracht werden können, weil seine Existenz unmöglich ist, dem menschlichen Streben die schlimmsten Fesseln angelegt und den menschlichen Fortschritt gehemmt. Das Gute, das während der Herrschaft des Christentums entstanden, gehört ihm nicht, und das viele Üble und Schlimme, das es gebracht, das wollen wir nicht, das ist mit zwei Worten unser Standpunkt.
Grundlegende Unterschiede von Religion und Sozialismus
Und nun werden Sie vielleicht einsehen, Herr Kaplan, wie himmelweit verschieden unser Streben von dem des Christentums ist. Ihre Bischöfe, Ihre Domherren, Ihre Grafen, Barone und Bourgeois, die als Leiter an der Spitze der katholischen Bewegung stehen, das sind nicht unsere Männer; sie wollen die Gleichheit und das Glück der Menschen nicht, denn sonst müßten sie ihre bevorrechtigte Stellung, wenn nicht aufgeben, so doch benutzen, um der von ihnen angeblich erstrebten Wohlfahrt der Menschen zum Siege zu verhelfen. Aber sie sind die Hauptverteidiger der Vorrechte, der Standes- und Klassenherrschaft, sie wollen nicht die Gerechtigkeit, sondern die Mildtätigkeit, nicht die Gleichheit, sondern die demütige Unterwerfung, nicht das Wissen, sondern den Glauben. Und während das Volk nach menschenwürdiger Existenz und dem Ertrage seiner Mühe und Arbeit strebt und verlangt, predigen sie ihm die Zufriedenheit und vertrösten es auf den Himmel; sie selbst aber leben in Herrlichkeit und Freude und genießen die Früchte der Arbeit anderer.
Das arbeitende Volk gehört zu uns!
Das katholische Volk, das sich müht, sorgt und arbeitet, das bisher diesen Männern folgte, das gehört zu uns, und wir hoffen, es eines Tages, wenn auch ihm die Augen aufgehen, auf unsere Seite zu ziehen. Treten dann die ausgebeuteten und unterdrückten niederen Geistlichen, deren Proletarier-Stellung Sie so vortrefflich schildern, mit in unsere Reihen, gut, sie sollen uns willkommen sein, sie werden dann finden, daß das ideale Streben, das sie vergeblich in ihrer Kirche zu verwirklichen suchten, in unseren Reihen und durch uns verwirklicht wird und daß wir eine bessere Aufgabe für sie haben als die Verrichtung leerer Formeln einer Religion, die bisher nur, wie jede andere, ein Hemmschuh des wahren Fortschritts der Menschheit war. Sie, Herr Kaplan, sind schlechter gestellt, nach Ihrem eigenen Geständnis, als ein Lakai oder eine Kammerjungfer und führen ein Leben wie der niedrigste Proletarier; der Bischof aber lebt wie ein großer Herr und bezieht die Einkünfte und Ehren eines solchen.
Der heuchlerische kirchliche Wohltätigkeitstrick
Will das Christentum, wie Sie sagen, dasselbe wie der Sozialismus, wie kann es dann ein solches System der Standesunterschiede und der Ungleichheit aufrechterhalten und als „von Gott geschaffene Einrichtung“ verteidigen? Kann eine solche Religion unsere Achtung und unseren Beifall finden? Oder muten Sie uns zu, daß wir auf die allgemeine Wohlfahrt und das möglichst hohe Glück aller Menschen warten sollen, bis eine Religion, die seit bald neunzehn Jahrhunderten besteht und bis heute nicht einmal ihre eigenen Priester zu ihren Grundsätzen bekehrt hat, es uns bringt? Da könnten wir bis in alle Ewigkeit warten, und das menschliche Leben ist kurz. Nein, nein! Suchen Sie noch so eifrig zwischen der Kirche und „einzelnen“ ihrer Diener einen Unterschied zu machen, es wird und kann Ihnen nicht gelingen. Was Sie als Ausnahme hinzustellen suchen, ist Regel und Prinzip, und Ihre Regel die Ausnahme. Sie wissen aber, daß die Ausnahme nie die Regel aufhebt.
Kirche und Sozialismus sind unvereinbar!
Es ist mir also nicht möglich, Ihrer Ansicht mich anzuschließen, wonach das Christentum dasselbe erstreben soll wie der Sozialismus. Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser. Der sogenannte gute Kern im Christentum, den Sie, aber ich nicht darin finde, ist nicht christlich, sondern allgemein menschlich, und was das Christentum eigentlich bildet, der Lehren- und Dogmenkram, ist der Menschheit feindlich. Ich überlasse es Ihnen, wie Sie sich in diesem Widerspruch Ihrer Theorie mit der Praxis zurechtfinden wollen.

A.Bebel


 (Gekürzt, Ziwschenüberschriften eingefügt. Danke an Mikro1971)

Vollständiger Text – siehe hier:

pdfimage Ist die Religion für das Volk nötig?

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19 Antworten zu Braucht das Volk Religion und Kirche?

  1. Politnick schreibt:

    Eine kleine Anekdote: Nur ein einziges Mal besuchte ich eine sog. Lehrstunde der evangelischen Pfarrei unserer Gemeinde. Als naturwissenschaftlich überaus interessierter Mensch, ich war um die 10, habe ich mich, als diese Stunde endlich vorbei war, dermaßen gefreut, daß ich nach Hause gerannt und dabei schwer gestürzt bin, was mit einer tiefen Fleischwunde am Knie und einer Gehirnerschütterung endete.
    Mit Pfarrer Lindner hatten wir alle dennoch ein ausgesprochen gutes Verhältnis. Mein Kumpel Roland (gest. 2006) durfte auf der Kirchenorgel Deep Purple spielen und ich durfte in die Kuppel klettern, Fledermäuse zählen und nach den Gelegen der Schleiereulen gucken 😉
    Freundschaft 😉

  2. Mikro1971 schreibt:

    Danke fürs „Rebloggen“, Sascha! 🙂 Irgendwie muß ich in meinem Blog noch an der Schriftart und am Gesamterscheinungsbild arbeiten. Bisher habe ich das leider noch nicht hinbekommen.

    • sascha313 schreibt:

      Hallo Mikro,
      Du mußt beim Bearbeiten (also, wenn Du den Text reinkopierst) in den HTML-Modus gehen (nicht „visduell“), dann fallen die ganzen Steuerzeichen weg, und Du kannst später im „visuell“-Modus unter „Absatz“ die Schriftgröße einstellen. Am besten lesbar ist es natürlich, wenn Zwischenüberschriften eingefügt sind…

  3. Pingback: Über den Sinn der Religion | Die Goldene Landschaft

  4. Politnick schreibt:

    Was Bebel über die Bibel schreibt sehe ich übrigens genauso. Interessant ist da z.B., daß die Handlung des Neuen Testament z.T. im Land der Pyramiden spielt, Letzere jedoch nirgendwo erwähnt sind. Daraus schließe ich, daß diese Schriften aus wesentlich älteren Überlieferungen gefasst worden sind.
    Andererseits ist von Zinsen die Rede und Münzen gab es auch. Was ja auch irgendwie die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegelt. Insbesondere das Kapitel 21/Matthäos in der Lutherbibel. Was da steht finde ich revolutionär, aber Pastoren interpretieren das völlig anders und in ihrem Sinne.
    Auf jeden Fall stellt die Bibel einen Bezug zwischen Gesellschaft und Religion her, was der Koran definitiv nicht tut. Beim Lesen des Koran war mein erster Eindruck eher der, als wäre das irgendwie von der Bibel abgeschrieben nur halt ohne erkennbaren Zusammenhang.
    Und natürlich kann man die Geschichte des Hesekiel (Altes Testament) auch als einen Flug ins Orbit interpretieren, was wissen wir schon von der Technik des Alterums!? Bei meiner heutigen Wanderung am Felsberg Odenwald sind mir wieder die seltsamen Steinbearbeitungen an Granit aufgefallen. Sie sind präzise geführt was trotz Verwitterung unschwer zu erkennen ist und scheinen von einem Diamantbesetzten Fräser zu stammen. Tatsächlich kann mir jedoch bis heute keiner erklären mit welchem Werkzeug diese über 2T Jahre alten Bearbeitungen erfolgten. Hier ein paar Fotos:

    http://rolfrost.de/felsberg.html

    Fakt ist, auch die Bibel birgt solche Geheimnisse. Die fehlenden Pyramiden sind nur eines davon. Bleibt abzuwarten, was sich irgendwann an neuen Erkenntnissen ergibt. Der Kalender der Maya wurde ja auch erst in den 20er Jahren entdeckt, diese Hieroglyphen kannte ja schon Diego Landa, aber daß es sich dabei um einen Kalender handelt war völlig unbekannt.
    Und was die moderne Ägyptologie alles an Blüten hervorbringt, ist auch bekannt. Es ist höchstens dazu geignet irgendwo Profite zu erzielen was mit Wisschenschaft freilich nichts zu tun hat. „Da lachen ja die Götter“, danke EvD.

    Freudschaft 😉

    • “Sie sind präzise geführt was trotz Verwitterung unschwer zu erkennen ist und scheinen von einem Diamantbesetzten Fräser zu stammen.“

      Ich denke nicht, denn auch wenn es wie ein Schnitt aussieht, ist das recht leicht zu erklären: in den Granit werden Löcher getrieben, dann wartet man auf Frost, füllt diese Löcher mit Wasser, das zu Eis gefriert und sich dabei ausdehnt und den Granit längs der Löcher und bis zu ihrer Tiefe sprengt..

      • Politnick schreibt:

        Noch interessanter sind die Erklärungen auf zahlreichen Tafeln, wie die Römer vor 2T Jahren riesige und tonnenschwere Granitblöcke vom Felsberg i. Odenwald zum Rhein und zur Mosel transportiert haben sollen. Da wird einfach nur behauptet, ohne das nur ansatzweise zu belegen, das ist alles mehr als lachhaft. Und warum die Römer das gemacht haben sollen, wird natürlich auch geflissentlich verschwiegen. Auch fehlen für Behauptungen, daß Gebäude in Trier unter römischer Herrschaft aus Odenwaldgranit errichtet wurden, bis heute jegliche Nachweise.
        Sicher sieht der Domstein in Tier der Römersäule am Felsberg ähnlich, aber die Granite sind erheblich unterschiedlich zusammengesetzt was bereits der Farbton verrät. Auch das Fehlen gleichartiger oder zumindest ähnlicher Bearbeitungsspuren deutet darauf hin, dass der Tierer Domstein eben nicht vom Felsberg des Odenwaldes stammt.

        Feldspat, Quarz und Glimmer,
        das vergeß‘ ich nimmer 😉

        …Jaja. Klugscheißer gibts genug auf dieser Welt, ganz besonders links des Rheins und südlich des Mains. Und morgen erkläre ich Euch warum die Dinos ausgestorben sind. Überraschung vorweg: Nicht wegen eines Meteoriteneinschlages.

        Freundschaft 😉

      • Eigentlich wollte ich das ja nicht erklären, aber so werden in unseren Breitengraden nun schon ein paar tausend Jahre Steine “gespalten“. Na, ja … die Römer: davor gab es die Hochkultur der Kelten. Nur ein Beispiel: Vor drei Jahren war ich mit zweien meiner Söhne im Regensburger Münster. Neben einer Gruft waren Fundamente freigelegt deren Säulen eindeutig — sogar für einen Laien — als keltisch zu erkennen waren.
        Und dass Römer und nach ihnen die Kirche kein Interesse hatten, Wissen über diese Kulturen weiter zu vermitteln, wird wohl hier keinen verwundern. (Na jedenfalls gab es in Europa während der Bronzezeit bereits mehr als 50.000 Minen und Handelswege, die bis nach Indien und China führten, bzw. von Peking nach Delhi und von dort Richtung Westen …)

    • Mikro1971 schreibt:

      Was du über das alte Testament schreibst, Politnick, da stimme ich dir zu. Hab vor vielen Jahren auch schonmal drin gelesen. Da wird bei Hesekiel wirklich die Landung eines (Raum-) Flugkörpers beschrieben, wie wir sie heute kennen (in etwa). Und das habe ich gelesen und erkannt, bevor ich EvD kannte. 🙂

      • sascha313 schreibt:

        Das ist nicht erstaunlich. Auch in den beliebten Mosaik-Heftchen der 1950er Jahre war schon von automatisch fahrenden Auto und Flugkörpern die Rede. Technische Erfindungen regen ja auch immer die Phantasie an.

        Doch was viel wichtiger wäre, angesichts der heutigen katastrophalen sozialen Misere in der Welt, ist das Träumen über die Zukunft der Menschheit. Da bietet der Kapitalismus nichts an, außer „so wie es ist, soll es auch bleiben“ (wie in einem dümmlichen Liedchen heißt) und leere Versprechungen.

        Und dabei schreien die Probleme geradezu nach Veränderung. Und zwar grundlegender Veränderung! Mit einem kostenlosen KiTa-Jahr und Gewinnspielen im Radio („Du hast 100 Euro gewonnen!“) und Propaganda versucht die Bourgeoisie dieses brüchige Regime immer wieder zu kitten…

      • Politnick schreibt:

        Hallo;

        ich kenne EvD sogar persönlich und teile sehr viele seiner Ansichten. Ansonsten habe ich mich auch schon, bevor ich EvD kannte, für Megalithen (z.B. Baalbek) interessiert und mein besonderes Interesse gilt nach wie vor dem Ereignis von Tunguska im Jahre 1908. Da bin ich schon seit Ende der 60er Jahre dran.
        Freundschaft 😉

      • sascha313 schreibt:

        Bitte zum Thema!!! Tunguska und EvD sind hier nicht diskutabel!

  5. Rolf schreibt:

    Der Herr von Däniken hat vermutlich ebenfalls kein Interesse an „grundlegender Veränderung“. An einer Verbesserung des Lebens der Menschheit. Er will ja auch nur SEINE Interessen durchsetzen.
    Rolf

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