50 Jahre Parteizugehörigkeit

ParteiNeulich zeigte mir ein Genosse ganz stolz die Urkunde, die er von seiner Partei „Die Linke“ für 50jährige Parteizugehörigkeit bekommen hatte. Nun muß man ja sagen, daß diese Partei noch gar nicht so lange existiert… und mit welchem Recht eigentlich maßen sich die Genossen an, die SED als Vorgängerpartei für sich zu reklamieren. Ich jedenfalls gehöre nicht zu dieser Partei. Und es ist schon ein Witz, wenn man eine kommunistische Partei mit einer bürgerlichen Partei auf eine Ebene zu stellen versucht. Aber gut, es gibt ja heute mehrere solche Witzparteien, die ihre nicht immer ganz ahnungslosen Mitglieder zu allen möglichen Wahlen führen, damit diese am Ende stolz sagen können:

»Donnerwetter … nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei, aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! – Sieh mal, ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn ’n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein … und denn ahms is Fackelssuch … es is alles so scheen einjeschaukelt… Wat brauchst du Jrundsätze, wenn dun Apparat hast!« (frei nach Tucholsky: „Ein älterer, aber leicht besoffener Herr“)

Zu diesem Thema veröffentlichte Kommunisten-Online 2008 die beiden nachfolgenden Leserbriefe:

Leserbrief von Werner:

Lieber Günter,
mit der Zeit erfährt man dies und jenes. Zuerst öffnete mir die Publikation des Gen. Gossweiler ein Auge. Dann taucht mal da und mal dort ein Leserbrief auf, von Genossen geschrieben, die offensichtlich etwas mehr erfahren haben, als ich zu hören bekam. Langsam gehen einem die Augen über. Bisher (bis zur „Wende“) dachte ich, Mitglied einer kommunistischen Partei zu sein. Dann tauchte diese und jene Beschuldigung auf gegenüber führenden Genossen auf. Ich war entsetzt. Im Januar 1990 gab ich mein Parteibuch ab. Dass dieser Schritt letztendlich doch richtig war, zeigt sich aber erst jetzt.
Was mich äußerst bedrückt, ist die Tatsache, dass wir als Genossen in der SED nicht den Mut hatten, den einen oder anderen Schritt in der Politik der Partei zu hinterfragen. Bei der Schulung der Parteisekretäre war immer ein Mischmasch aus Betrieben, Schulen, Massenorganisationen. Die Genossen aus den Betrieben informierten uns natürlich, dass Honeckers Politik nicht zu finanzieren sei.
Aber glauben wollte es keiner. Auch die Frage der „friedlichen Koexistenz“ wurde (im kleinen Kreis) sehr diskutiert. Aber immer wieder ließen wir uns auf die Linie des ZK einschwören. Wir machten auch Betriebsbesichtigungen, hatten Kontakt mit den Arbeitern, die uns teilweise schon als „abgehoben“ bezeichneten. Und nicht zu allerletzt hatte jeder Genosse den Kontakt zu Hause zur Arbeiterklasse. Aber im Interesse der Partei haben wir auch da nicht nur nicht hingehört, sondern (eher im Interesse einer Schicht Parteikader) versucht, zu agitieren.
Was will uns der Dichter sagen? Langer Rede kurzer Sinn: Circa zwei Millionen Parteimitglieder der SED waren keine Kommunisten, sondern Karrieristen. Ich schließe mich ausdrücklich nicht aus, obwohl ich nicht wegen eines Postens in die SED eintrat. Das, was jetzt aus der einen oder anderen Information auftaucht, hätten wir selbst schon wissen können, bei marxistisch-leninistischem Herangehen. Dann wäre die Rolle Chruschtschows, Breschnews und Gorbatschows um einiges schwieriger gewesen.
Das musste ich mir mal von der Birne reden. Danke Genossen, für´s Zuhören.
Rot Front
Werner

Antwortbrief eines Genossen aus Gera:

Lieber Werner,
Nun weiß ich natürlich nicht, welche Rolle für Dich die SED gespielt hat. Ich selber wurde 1981 Mitglied unserer Partei, der SED, und das, weil ich schon lange zuvor erkannt hatte, daß allein eine marxistisch-leninistische, also eine wissenschaftliche Weltanschauung – die ja bereits unter kapitalistischen Bedingungen entstand – den Interessen des Proletariats und aller unterdrückten Werktätigen gerecht wird, und damit erst den Kampf gegen den Imperialismus ermöglicht. Was damals für uns Imperialismus war, brauche ich Dir nicht zu sagen. Wir wußten es sehr genau, wenn auch nicht aus eigenem Erleben.
Ich gab mein Parteibuch nicht ab, denn ich war – und bin es auch heute noch – stolz darauf, Mitglied einer kommunistischen Partei gewesen zu sein. Allerdings hatten mich die damaligen Ereignisse der 80er Jahre in der DDR sehr besorgt gemacht. Und alle Befürchtungen traten dann ja auch ein. Diesem PDS-Verein konnte ich mich nicht anschließen – es erschien mir wie ein Verrat meiner kommunistischen Ideale. Sicher gab es auch Karrieristen in unserer Partei. Ich zähle mich nicht dazu. Noch mehr aber gab es Mitläufer, Angepaßte, Ja-Sager und Schönredner. Eine gewisse Naivität im Umgang mit dem Klassenfeind kommt möglicherweise auch daher, daß man dessen Brutalität in der DDR nie so richtig zu spüren bekam. Wir lebten ja unter „gesicherten Verhältnissen“. Es gab – und gibt immer wieder – Verräter an der Sache des Proletariats. So richtig begriffen haben das wohl auch nach Chruschtschows Rede am XX.Parteitag der KPdSU nur wenige. Und da nützt es recht wenig, die Faust in Tasche zu ballen. Wie es auch heute wenig nützt!
Aber so allmählich scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, daß dieser Gorbatschow ein Lump und ein Verräter war. Kurt Gossweiler hat großen, wenn nicht sogar entscheidenden Anteil daran, dies aufzuklären, indem er die Zusammenhänge und die historischen Hintergründe des Revisionismus aufzeigte*. Dennoch ist die Anzahl der heutigen Revisionisten nicht weniger geworden. Darunter sind – wie wir sehen – auch eine Reihe gelehrter Professoren und sogar Politiker dieser sogenannten „Linken“ Partei. Die bürgerliche Weltanschauung hat sich im Verlaufe der letzten 20 Jahre dermaßen in den Köpfen festgesetzt, daß die tatsächlichen Ursachen und Zusammenhänge des Kapitalismus nicht mehr erkannt werden. Die Manipulations- und Verschleierungsmaschinerie der Bourgeoisie funktioniert fast perfekt. Nur dann, wenn es gelingt, aus diesem – wie der Dichter schon sagte – „Meer des Irrtums“ aufzutauchen, erst dann wird es möglich sein, diese kapitalistischen Verhältnisse zu überwinden.
Vielleicht liest Du einmal, was Genosse Heinz Kessler über die Hintergründe unserer Niederlage schrieb. Pete Seeger, der Sänger der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sagte, sein Sohn habe auf seinem Gitarrenkasten einen Aufkleber: „There is no hope, but maybe I am wrong!“
Ein Genosse aus Gera.

* Anmerkung Roter Webmaster: Hier sei jedoch anzumerken, daß sich Kurt Gossweiler in weiten Teilen seiner Auseinandersetzung mit dm modernen Revisionismus auf die Position der KP-Chinas und der Partei der Arbeit Albaniens beruft. Diese beiden Parteien haben bereits in der 60er Jahren den Modernen Revisionismus entlarvt und eine korrekte marxistisch-leninistische Position entwickelt.

(Quelle: Kommunisten-Online, im September 2008)

pdfimage  50 Jahre Parteimitgliedschaft

Siehe auch:
Heinz Kessler: Briefe aus dem Gefängnis (pdf-Datei)

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12 Antworten zu 50 Jahre Parteizugehörigkeit

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Der Genosse Werner spricht aus, was auch ich in meiner Umgebung festgestellt hatte, obwohl es unter meinen Kollegen ein paar „ganz scharfe“ gab, die übrigens bereits im Frühjahr 1990, noch vor den Wahlen im März, im Westen die Kurve kriegten. Wobei ich annehme, dass Werner nicht sehr bekannt war mit Marx und Engels‘ Werken, denn sonst hätte er sich zu den Ereignissen dieser Zeit selbst Fragen stellen und beantworten können. Der Marxismus ist eine Wissenschaft, das muss ihm doch bekannt gewesen sein, und das hieß Studium des Marxismus. Es hätte ihm doch schon am neuen Namen „Partei des demokratischen Sozialismus“ auffallen müssen, dass die SED zu einer sozialdemokratischen Partei umgemodelt worden war. Und wenn er glaubte, ein Kommunist zu sein und dass es reichte, „in der Partei“ zu sein, um sich so bezeichnen zu können, was war er dann für ein Kommunist?

    Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus, aber dass ihm nicht gleich aufging, dass mit Modrow, Bisky, Gysi, Krenz Leute am Werk waren, die keine Kommunisten mehr sein wollten, das verstehe ich nicht. Und dass er dann noch längere Zeit in der Linkspartei blieb und, falls ich richtig verstehe, es immer noch ist, das verstehe ich dann schon gar nicht mehr, auch wenn ihm recht langsam ein Licht aufgeht.

    Nun, Marx schrieb, dass es sehr schwer ist, gleich zu Anfang auf den Grund der Dinge zu sehen, die Wirklichkeit zu erkennen, und dass der Mensch erst über einen längeren Prozess des Denkens zur Erkenntnis kommt, das will ich ihm zugute halten. Aber solche Genossen waren es, die die Konterrevolution mit vorangetrieben haben. Und das kann ich als Nichtgenossin und damalige DDR-Bürgerin nur sehr schwer entschuldigen.

  2. roprin schreibt:

    Ich habe mein Parteibuch hingelegt 1991 und bin mit Tränen nach Hause gegangen. Es waren Delegierte für den Parteitag gewählt. Ich hatte in meinem Wahlbezirk 100 % der Stimmen, aber Roland Claus setzte sttatt meinen Namen den von Petra Sitte ein, die sich niemals in diesem Wahlbezirk hatte blicken lassen. Daraufhin berichteten andere Genossen, daß dasselbe in ihren Wahlbzitken geschah. An diesem Tag sollte Roland Claus, der inzwischen auf Demos in Springestiefeln und Lederjacke einer gröhlenden Masse von Nazis voranschritt, zum ersten Sekretär gewählt werden. Vor der Wahl ging einer durch die Reihen und schärfte uns ein; „Es darf nicht passieren, daß Roland Claus nicht gewählt wird.“ Ich meldete mich zu Wort und sprach die Wahrheit aus und verließ den kleinen Saal. Die Anwesenden riefen mir hinterher, ich solle bleiben, sie wollten mich wählen. Jedoch war diese Partei nicht mehr die SED, in die ich mal eingetreten war. Diese Ekenntnis war sehr schmezhaft.
    Ich habe in meinem Weblog einen Artikel über den Roland Claus, wen’s interessiert: Die Wendezeit 1989/90: https://reichtumundverlust.wordpress.com/2010/01/20/die-wendezeit-198990/

  3. Hanna Fleiss schreibt:

    roprin, ja, genauso schätze ich den Herrn Claus nach seinen Reden ein. Der Mann mit der Zungenspitze, der hat doch etwas zu verbergen oder ist leicht gestört, eine Pfeife durch und durch. Und solche Leute, die wussten, was passieren würde, die sich darauf mit der Einnahme von Pöstchen vorbereiteten, hatten wir auch bei uns. Statt die DDR-Bevölkerung vor den Folgen der Annexion der DDR zu warnen, zogen sie es vor, sich selbst zu versorgen, denn die nunmehr „erneuerte“ Partei war eine sichere Nummer, woanders hätten sie ja kein Auskommen gekriegt.

    Alle Achtung vor deinem Mut, aber es hätte alles viel früher kommen müssen, um solche Typen wie Claus dahin zu bugsieren, wo sie hingehören, in die Produktion, weg von den Entscheidungsschreibtischen. Und jetzt schwingt er seine Reden im Bundestag, ist finanziell dick gepolstert und leckt sich die Lippen bei jedem dritten Wort, man kann nicht hinsehen, der Mann ist widerlich – innen und außen. Und in der richtigen Partei.

    • roprin schreibt:

      Roland Claus war bis vor 1989 in FDJ-Zentralrat in Berlin. 1989 tauchte er auf einmal in der Bezirks- und Stadtleitung Halle auf und sagte, er sei jetzt der Erste Sekretär. Niemand hatte ihn gewählt, niemand kannte ihn, niemand wußte etwas über ihn. Ich denke, die haben für den Prozeß der Annexion aus allen Bereichen Leute rekrutiert, die willig für das schmutzige Geschäft waren. Die wurden dann 1989 nach langer ideologischer Bearbeitung auf ihre neuen Posten geschickt.
      Wenn Du magst, Hanna Fleiß, dann lies mal diesen Beitrag aus meinem blog: https://reichtumundverlust.wordpress.com/2010/01/27/parteihochschule/ – das lief alles vor dem Mauerfall.

    • Harry 56 schreibt:

      Hallo Hanna, deinen Ekel kann ich zu 100% nachvollziehen, aber, dieses ganze bürgerliche Schw. – „Parlament“ besteht doch aus genau solchen Typen.
      Auch nur den Anblick dieser aus unser aller Steuergeldern gekauften abartigen Subjekte erspare ich mir schon seit langen Zeiten wenn immer nur möglich!

      Soz. Grüße!

      • Hanna Fleiss schreibt:

        Wenn du dir dieses ganze bürgerliche Schw.-„Parlament“ ersparen willst, ist das deine Sache, Harry. Ich sehe das anders. Man braucht nämlich Fakten, um die Situation richtig einschätzen zu können. Was meinst du, was Schnitzler gemacht hatte? Er hat genau das gemacht, er hat sich diese überlebte Welt genau angesehen, ihre eigenen Worte geprüft und sie zitiert, damit wir verstehen, was in der BRD geschieht. Er hat täglich im Dreck wühlen müssen. Im Westen wusste man nur zu gut, wie gefährlich er ihnen war. Und das kam nicht davon, weil er die Vergangenheit Vergangenheit sein ließ, sondern weil er die Geschichte als Prozess in ihrer Entwicklung als Ganzes begriff.

        Wie hast du zum Beispiel den Schwarzen Kanal gesehen? Auch nur bis zum Schni geschafft?

  4. Harry 56 schreibt:

    Mein Hinweis ist ganz einfach so zu verstehen, sich endlich aus einer inzwischen völlig abgewickelten (DDR)Vergangenheit zumindest gedanklich zu verabschieden und sich den heutigen Anforderungen und Bedingungen zu stellen.
    Wie stellt sich denn die heutige Situation dar, wer ist Feind, Mitläufer oder nur Feigling?
    Ein „Herr Claus“ ist beinahe schon Geschichte wie jener Pontius Pilatus und andere verflossene Gestalten schon längst vergangener Zeiten.

    Soz. Gruß!

    • Hanna Fleiss schreibt:

      Harry, du begreifst etwas nicht: dass diese Vergangenheit noch lange nicht Vergangenheit ist. Ein Claus ist immer noch aktiv in der Linkspartei als „Volksvertreter“.
      Es reicht auch nicht zu schimpfen. Ich verstehe deinen Unmut, aber was tust eigentlich du heute für den Sozialismus?

  5. Harry 56 schreibt:

    Hallo Hanna, dieser Ex-DDRler Typ ist ein gekaufter Lump des Systems, genauer, des bürgerlichen parlamentarischen Systems…, ca. 15.000 EUR staatlichen Bestechungsgeldes genannt „Diäten“, dazu vielleicht noch Bestechungssümmchen aus der Sozial- oder („Asyl“)Integrationsindustrie, vielleicht gar aus gewissen „Clanen“?….., ein Lump dieses Systems! Er ist kein „Volksvertreter“, nur Sch. dieses Systems, und nur als SOLCHES sollte er überhaupt nur benannt, charakterisiert und angesprochen werden!
    Und verstehe, auch heute noch stehen viele solcher Wanzen in den „linken“ oder auch „rechten“ Startlöchern bereit, um als System-Huren den wahren „Eliten“ dienen zu dürfen…, natürlich gegen ausreichendes „Bakschisch“…., versteht sich?
    Aufwachen!

    Beste Grüße an dich! 🙂

  6. sascha313 schreibt:

    Könnt Ihr die Debatte um diesen Typen mal beenden?

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