Die allgegenwärtige Bürokratie

AktenWir haben heute oftmals von den vielen, endlosen bürokratischen Hürden und Hindernissen die Nase gestrichen voll. Jede nur denkbare Kleinigkeit muß beantragt werden. Formulare sind auszufüllen, Erläuterungen zu lesen, Paragraphen zu studieren, das Kleingedruckte zu beachten, Belege einzureichen, Begründungen zu schreiben… die Aktenordner werden immer dicker. Denn alles muß ja seine Ordnung haben. Doch immer öfter werde die Bürger in der BRD mit dem anmaßenden, herrischen Ton der Anschreiben konfrontiert und sehen sich den dreisten  Willkürmaßnahmen und Gebührenforderungen zumeist hilflos ausgesetzt. „Das ist Politik nach Gutsherrenart“ sagen sie. Und immer: Mit freundlichen Grüßen. Das klingt fast wie ein Hohn!

Welchen Wert hat da noch der Mensch?

Woher kommt das nur? Ist ein solcher Gesetzes- und Vorschriftendschungel denn noch normal? Oder zeigt sich darin, zeigt sich in dieser ganzen Bürokratie nur allein die undurchdringliche Macht des Beamtentums, die Macht der herrschenden Klasse? In der DDR wurden „Erscheinungen bürokratischen und herzlosen Verhaltens entschlossen bekämpft“ – so stand es im Programm der SED. Und so geschah es auch. In der kapitalistischen Bundesrpublik geschieht das nicht. Wozu auch? Hier steht ohnehin nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern ausschließlich der Profit. Es ist eine raffinierte Methode von Spitzbuben, jede Sache so undurchschaubar und kompliziert wie möglich zu machen, um so leichter lassen sich unwissende Menschen betrügen.

Was ist Bürokratie und woher kommt sie?

Bürokratie: wörtlich Herrschaft des Büros, des Beamtentums; gemeint ist damit die gesellschaftliche Erscheinung, daß eine besondere Schicht von Beamten, von Verwaltungs- und Leitungsspezialisten eine überragende Bedeutung bei der Leitung des Staates, der Wirtschaft und anderer Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ge­winnt.

Wie entsteht die Bürokratie?

Die Bürokratie entsteht im wesentli­chen erst in der Feudalgesellschaft, erfährt ihre volle Ausgestaltung und höchste Entwicklung im Kapi­talismus, insbesondere im staats­monopolistischen Kapitalismus, und wird im Sozialismus überwunden. Erst im absolutistischen Feudalstaat erforderte die Verwaltung in Staatsangelegenheiten die Herausbildung eine Gruppe von Menschen, welche die hierzu notwendige Büroarbeit lei­steten. Naturgemäß gingen diese aus dem Bürgertum, insbesondere dem Kleinbürgertum, hervor.

Welche Rolle spielte die Bürokratie im Feudalismus?

Zunächst spielte diese Bürokratie eine gewisse positive Rolle, weil sie die Willkürherrschaft der feudalen Herrscher etwas beschränkte und zur Verein­heitlichung des Staates beitrug. „Die Bürokratie machte die Idee der Einheit gegen die verschiedenen Staaten im Staat geltend.“ (MEW, 1, 283); „die Bürokratie war das erste politische Werkzeug der Bourgeoisie gegen die Feudalen, überhaupt gegen die Repräsentanten der   ‚altadligen’   Ordnung“. (LW, l, 455)

Welche Bedeutung hat die Bürokratie im Kapitalismus?

BuerokratIm Kapitalismus wird z.B. zu einem wichtigen Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie, die in deren Auftrag und Interesse die Verwaltung der Staatsangele­genheiten besorgt. Die Ministerialbürokratie in einem riesig aufgeblähten Staatsapparat, die Bürokratie des Wirtschaftsmanagements und die Justiz-Bürokratie sind im staatsmonopolistischen Kapitalismus eng miteinan­der verflochten. Mittels formal-demokratischer Prozeduren werden dieser Zusammenhang und die Ver­bindung der Bürokratie mit den Grundin­teressen des Monopolkapitals ge­schickt verschleiert, so daß der Klassencharakter der Bürokratie. schwer zu durchschauen ist.

Ist die Bürokratisierung unvermeidlich?

Bürgerliche Theoretiker stellen die „Bürokratisierung der Gesellschaft“ oft als einen unumgänglichen Sachzwang dar, der sich angeblich in der gan­zen Welt durchsetze. Auf diese Weise leugnen sie die soziale Grundlage und den Klassencharak­ter der Bürokratie und des Bürokratismus und versuchen ihn theoretisch als eine gesellschaftliche Erschei­nung hinzustellen, die sich in glei­cher Weise im Kapitalismus wie im Sozialismus durchsetze. Die Bürokratie und der Bürokratismus sind Formen der Entfremdung in der kapitali­stischen Gesellschaft, weil die ge­sellschaftlichen Funktionen, die aus dem Lebensprozeß der Men­schen hervorgehen, ihnen als fremde und sie beherrschende Mächte gegenübertreten.

Gibt es auch im Sozialismus Bürokratie?

Im Sozia­lismus werden die sozialen Grund­lagen der Bürokratie und des Bürokratismus beseitigt. Die politische Macht der Arbeiterklasse im Bündnis mit al­len Werktätigen, die sozialistische Demokratie, steht sowohl ihrem In­halt wie ihrer Funktionsweise nach in striktem Gegensatz zur Herr­schaft einer vom Volk abgesonder­ten Bürokratie. Der sozialistische Staat kennt kein Berufsbeamtentum, sondern zieht in breitem Umfang Werktätige zur haupt- und ehren­amtlichen Arbeit in den gewählten Körperschaften wie auch in den Organen des Staates, der Wirt­schaft, der Justiz, der Kultur usw. heran.

Wie war das in der DDR?

Die Sozialistische Einheits­partei Deutschlands (SED) förderte die Be­reitschaft der Werktätigen, sich für die Lösung der staatlichen und ge­sellschaftlichen Aufgaben einzuset­zen und Verantwortung zu über­nehmen. „Die staatlichen Organe sind verpflichtet, die Initiativen und Vorschläge dr Bürger in ihrer Leitungstätigkeit sorgfältig zu berücksichtigen und für die Lösung dr Aufgaben zu nutzen.“ (Programm der SED, 57). Die Tatsache, daß es im Sozialismus keine Bürokratie mehr gibt, schließt allerdings Erscheinungen des Bürokratismus wie ungenügende Beachtung der Interessen und Bedürfnisse  der Werktätigen, engstirniges, bürokratisches, herzloses Verhalten, Überheblichkeit u.a. nicht aus.

Gab es noch Bürokratismus in der DDR?

Obwohl sie keine objektiven Grundlagen in der sozialistischen Gesllschaft haben, entstehen sie aus der Wechselwirkung objektiver und subjektiver Faktoren wie dem Nachwirken von Tendenzen und Gewohnheiten der Bürokratie, mangelnder politisch-ideologicher Qualifikation, moralischen Defiziten einzelner Leiter usw.

„Die SED hält es für erforderlich, daß Erscheinungen bürokratischen und herzlosen Verhaltens entschlosssen bekämpft werden.“ (Programm der SED, 57)

Quelle:
Kosing, Alfred: Wörterbuch der marxisitsch-leninistischen Philosophie. Dietz Verlag, Berlin, 1985, S.91.


Weitere Hinweise und Zitate

Im Jahre 1895 beschreibt LENIN den Prozeß der Herausbildung der Bürokratie wie folgt:

„Die Bürokratie war das erste politische Werkzeug der Bourgeoisie gegen die Feudalen, überhaupt gegen die Repräsentanten der altadligen Ordnung; mit ihr betraten zum erstenmal nicht blaublütige Grundbesitzer die Arena der politischen Herrschaft, sondern Angehörige nichtprivilegierter Stände, das ,Kleinbürgertum‘.“ (LW, 1, 435)

Bürokraten sichern die Interessen der Ausbeuterklasse

Durch die bürgerliche Revolution, bei der es sich nicht um eine soziale, sondern um eine politische Revolution handelte, nämlich nur um die Beseitigung der politischen Gegensätze zwischen dem dritten Stand und den privilegierten Ständen, wurde die Bürokratie zum wirklichen politischen Repräsentanten der Interessen der Bourgeoisie.

«Erst die Französische Revolution vollendete die Verwandlung der politischen Stände in soziale oder machte den Ständeunterschied der bürgerlichen Gesellschaft zu nur sozialen Unterschieden, zu Unterschieden des Privatlebens, welche in dem politischen Leben ohne Bedeutung sind,.. Stand im mittelaltrigen Sinn blieb nur mehr innerhalb der Bürokratie selbst, wo die bürgerliche und die politische Stellung unmittelbar identisch sind» (MARX/ENGELS l, 283f.).

Ein starkes und feingesponnenes Netz….

«Die besondere Schicht, die in der modernen Gesellschaft die Macht in den Händen hat, ist die Bürokratie. Der unmittelbare und äußerst enge Zusammenhang dieses Organs mit der in der modernen Gesellschaft herrschenden Klasse der Bourgeoisie folgt sowohl aus der Geschichte … als auch aus den Bedingungen, unter denen sich diese Klasse herausbildete und ergänzte; der Zugang zu diesem Organ steht nur ,aus dem Volke emporgestiegenen Bürgerlichen offen, es ist mit dieser Bourgeoisie durch Tausende stärkster Fäden verknüpft» (LENIN 1, 435).

Der Mechanismus der Macht

Die Beziehungen zwischen der Bourgeoisie und der Bürokratie regeln sich im Prinzip auf folgende Weise: Da in der klassengespaltenen bürgerlichen Gesellschaft die Bourgeoisie zur Sicherung ihrer ökonomischen Vormachtstellung einer politischen Legitimation bedarf, Proletariat und Bourgeoisie aber — allerdings nur im günstigsten Fall — formal die gleichen politischen Rechte genießen, nutzt die Bourgeoisie ihre ökonomische Vormachtstellung aus, um sich die Bürokratie dienstbar zu machen, und die Bürokratie erfüllt ihre Funktion als politischer Repräsentant der Bourgeoisie, indem sie die ökonomische Vormachtstellung der Bourgeoisie politisch sichert und verteidigt.

Siehe auch: Philosophisches Wörterbuch 2.Bde., VEB Bibliographisches Iinstitut Leipzig, 1975, Bd.1., S.235-238.

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7 Antworten zu Die allgegenwärtige Bürokratie

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Am günstigsten ist es wohl, man ist Beamter im öffentlichen Dienst, bis man sich als Insider alle Wege und Umwege erarbeitet hat, um zu einem Stempel unter ein bestimmtes Papier zu kommen. Und man sollte schon mal zwei Monate lang fürs Fahrgeld sparen, denn die Dienststellen, die zu dem bewussten Stempel führen, sitzen über ganz Berlin verteilt, und da der Senat die öffentlichen Verkehrsmittel kaum noch bezuschusst, wird die Jagd nach dem Stempel zu einer unfreiwilligen Stadtbesichtigung, die enorm ins Portemonnaie langt. Und steht man dann erschöpft vor dem Schreibtisch mit dem bewussten Stempel, macht sich demütiges Auftreten unter Umständen bezahlt und man ist am Ziel seiner Wünsche: dem Stempel unter ein Stück Papier! Versteht sich, dass man den Raum mit dankbarem Dackelblick nur rückwärts verlässt und die Tür so leise schließt, dass der Beamte, der schwer an seiner Verantwortung trägt, nicht beim Auspacken des Frühstückspakets gestört wird. So mir geschehen vor einigen Jahren, sozusagen ein Blick in die bürokratische Praxis des Berliner Senats. Alle Details stimmen, nur einer nicht: Ich war nie beamtet im öffentlichen Dienst.

    • sascha313 schreibt:

      …kommt noch hinzu, daß in jeder Verwaltung immer weniger Menschen, immer mehr bürokratische Vorgänge bearbeiten müssen.
      Die Aktenordner stapeln sich. So werden auch die niederen Verwaltungsmitarbeiter schonungslos ausgebeutet! Und die Wut der einfachen Menschen auf „die da oben“ nimmt zu! Die Bürger werden einfach nicht mehr gefragt…

  2. Pingback: Die allgegenwärtige Bürokratie – – Sascha Iwanows Welt –

  3. Ulrich Schliz schreibt:

    Meiner Erfahrung nach ist der Bürokratismus nicht nur dazu da, um die Dinge zu verschleiern. Der Bürokratismus ist eine direkte Konsequenz der Klassenwidersprüche. Der Unterschied den die kaptalistische Ausbeutung im Lebensniveau der Klassen erzeugt, bedingt logischer Weise die Korruption. Dem beugt die Ausbeuterklasse mit Kontrolle vor. Damit es da ja nur nicht ein Schlupflöchlein gibt, muss das flächendeckend sein, was eigentlich alle Möglichkeiten übersteigt. Dieser uferlose Widerspruch muss dann ja gerade alle möglichen Abstrusitäten und Absurditäten erzeugen.

  4. Hanna Fleiss schreibt:

    Sehe ich auch so, Ulrich Schliz: Die „Bürokratie“ ist Ausdruck der Klassengegensätze in diesem Land. Und dazu gehört natürlich die Korruption auf allen Ebenen der Gesellschaft, besonders der „Eliten“. Wenn man in diesem Land irgendwas werden will, muss man direkt korrupt sein, sonst gilt man gleich als Linker. Ich habe da meine ganz persönlichen Erfahrungen.

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