Freispruch für Straftäter? Gibt es einen freien Willen oder ist menschliches Handeln streng determiniert?

originalÜber die Frage des freien Willens zu theoretisieren wäre sicherlich nicht angebracht, fänden sich nicht in einflußreichen Kreisen des Westens immer mehr Stimmen, die sich herausnehmen, das Urteil der fortschrittlichen Menschheit über die blutigsten Verbrechen der bisherigen Geschichte unter dem Anstrich von Wissenschaftlichkeit „moralisch“ zu revidieren. Gemeint ist der Umgang mit dem sogenannten Nationalsozialismus. Die heute vorgebrachten Rechtfertigungs- und Entschuldigungsversuche für die 1945 abgeurteilten Untaten des Faschismus stehen unter dem gleichen ideologischen Vorzeichen wie einst, und sie entsprechen den gleichen ökonomischen Interessen.

Muß man das Strafrecht „neu überdenken“?

Es ist bestimmt kein Zufall, wenn aggressive amerikanische und englische Ideologen sowie bestimmte bundesdeutsche Theoretiker sich in diesem Streit besonders hervortun und behaupten, daß „die Deutschen“ und insbesondere deren abartigster Auswurf, die deutschen Faschisten, mehr oder weniger schuldlos seien und man das Strafrecht „neu überdenken“ müsse, da nämlich die Hirnforschung angeblich beweise, daß genetische Veranlagungen, vorgeburtliche Prägungen und frühkindliche Erfahrungen eine freie Willensbildung unmöglich machten.

Ist menschliches Handeln streng determiniert?

Nein. Ein solcher unverstandener, mechanistischer Determinismus kommt diesem Gesindel gerade recht und ist nichts anderes als ein Freibrief für jegliches unmoralisches und strafwürdiges Verhalten. Und strafbar ist Massenmord, sind ungerechte Kriege nicht nur unter sozialistischen Bedingungen, und sie wären es auch heute, unter kapitalistischen Verhältnissen. Daß man daran erinnern muß, beweist, wie wichtig gerade heute die Frage der strafrechtlichen Verantwortung ist. Was ist also dran an der Behauptung, daß es einen freien Willen und damit die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun und Lassen nicht gäbe?

Der Wille

Der Terminus „Wille“ bezeichnet die Seite ds psychischen Lebens, die ihren Ausdruck in bewußten, zielgerichteten Handlungen ds Menschen findet. Die Handlungen eines Menschen gehen von bestimmten Motiven aus und sind auf bestimmte Ziele gerichtet. Ein Motiv ist das, was den Menschen zum Handeln anregt, und ein Ziel ist das, was der Mensch als Ergebnis dieser Handlung zu erreichen sucht.  … Nicht jeder Wunsch führt jedoch zur Tat… Wirksame Wünsche liegen auch der Willenstätigkeit des Menschen zugrunde. [1]

Die Frage der Erkenntnis…

Diese Frage ist keineswegs eine rein theoretische, ein Streitgespräch nur unter Philosophen, Theologen, Rechtsgelehrten und Hirnforschern, ist keineswegs ein Streit um des Kaisers Bart, sondern eine zutiefst praktische Angelegenheit. Kann man einen Menschen für seine Tat zur Verantwortung ziehen oder nicht? Juristen antworten darauf ganz klar: Keine Strafe ohne Schuld („nulla poena sine culpa“). Doch fragen wir weiter: Ist der Mensch imstande, die Welt zu erkennen, zu denken, sein Handeln und seine Entscheidungen auf dieser Grundlage selber zu bestimmen? Oder ist er das nicht? Gibt es also einen freien Willen, oder bilden wir uns das nur ein?

Was ist Determinismus?

Da ist zunächst die Frage zu klären: Wie hängen Ursache und Wirkung miteinander zusammen? Ist alles Geschehen auf der Welt in eine Kette von Ursachen und Wirkungen eingebettet, so daß jede Erscheinung absolut notwendig ist? Nein, keineswegs. Es gibt Notwendiges, und es gibt Zufälliges. Der dialektische Determinismus der marxistisch-leninistischen Philosophie anerkennt den objektiven Zusammenhang und die wechselseitige Bedingtheit aller materiellen Dinge und Erscheinungen und ihrer gedanklichen Abbilder auf der Grundlage der objektiven Gesetzmäßigkeiten.

Was verstehen wir unter Freiheit?

Je besser der Mensch seine Umwelt erkennt, und je tiefer er die ihr innewohnenden Gesetze durchdringt und beherrscht, desto freier ist er in seinen Entscheidungen. Und Freiheit des Handelns besteht eben nur da, wo die Erkenntnis der objektiven Gesetzmäßigkeiten auf wissenschaftlichen Grundlagen beruht. Wer diese objektiven Grundlagen leugnet oder ignoriert, der gelangt unweigerlich zu subjektivistischen Auffassungen und Urteilen, der macht sich abhängig von anderen, die diese Gesetze besser beherrschen als er.

Worin bestehen die ökonomischen Interessen?

Der Kapitalismus (gemeint ist die sogenannte „freie Marktwirtschaft“) beruht auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln. Die Besitzer der Produktionsmittel haben völlig entgegengesetzte Interessen zu denen, die nichts anderes zu verkaufen haben, als ihre Arbeitskraft. Während die ersteren an ständigem Wachstum der Produktion, an ständig steigenden Profiten, interessiert sind, müssen die Letztgenannten, also die Arbeiter, ob sie wollen oder nicht, ihre Haut zu Markte tragen, um überhaupt existieren zu können. Ständig steigende Profite aber sind nur auf Kosten der Lohnarbeiter möglich, durch verschärfte Ausbeutung ihrer Arbeitskraft.

Straftäter als künftige Unternehmer?

In der DDR war die Resozialisierung von Straftätern ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen, das mit einigem Erfolg auch verwirklicht werden konnte, da ohnehin jeder Bürger unseres Landes das Recht auf einen Arbeitsplatz hatte. In der kapitalistischen Bundesrepublik hingegen ist die Rückfallquote ganz erheblich höher. Bei Raub beträgt sie mehr als 70 Prozent. Doch nun versuchen kapitalistische Unternehmer, sich ihren Nachwuchs aus den Gefängnisinsassen zu rekrutieren, was nicht ganz unlogisch ist. Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Erfahrungen mit dem Strafgesetzbuch sind da ein großer Vorteil. Nach dem bekannten Ausspruch von Dunnings gibt es bei 300% Profit kein Verbrechen, das der Kapitalist nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens. [2] Das Erstellen eines Businessplanes, Präsentation, Marketing und Vertrieb kann den einstigen Knastologen daher nur von Nutzen sein. Und tatsächlich soll es schon Firmengründer mit Knasterfahrung gegeben haben, die bereits einen jährlichen Millionenumsatz vorzuweisen haben.

War Stalin ein Straftäter?

Ja, so hätten sie es gern, die Herren Kapitalisten! So wie man auch dem syrischen Präsidenten Dr. Bashar al-Assad unterstellt, er würde sein eigenes Volk „abschlachten“, beschuldigt man Stalin, ein Massenmörder gewesen zu sein. Doch die Wahrheit liegt woanders. Erstmals nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution war es nach 1917 den ausgebeuteten und unterdrückten Arbeitern, Bauern und Soldaten gelungen, das Joch der kapitalistischen Lohnsklaverei abzuwerfen und einen Staat ohne eine Kapitalistenklasse aufzubauen. Die Produktionsmitteln gelangten in die Hände des werktätigen Volkes. „Was des Volkes Hände schaffen, soll des Volkes eigen sein“ hieß es in der DDR. Und auch da wurden die Kapitalisten, Großgrundbesitzer und andere Schmarotzer enteignet.

Eine historische Heldentat

Ja, es gelang der Sowjetunion sogar, diesen gewaltigen sozialen Fortschritt, die Befreiung der Völker von Ausbeutung und Unterdrückung, gegenüber den räuberischen Angriffen der Imperialisten zu verteidigen und den schlimmsten, brutalsten und mächtigsten Feind, den deutschen Faschismus, restlos zu zerschlagen. Diese Lebensleistung Stalins und der Helden der Sowjetunion trugen ihnen auf der ganzen Welt hohe Anerkennung ein, und sie rettete die Völker dieses ersten sozialistischen Landes vorm Untergang. Stalin also mit Hitler gleichzusetzen, erweist sich mehr als zynisch, zumal es gerade die Sowjetunion unter Stalins Führung war, die dem Hitlerfaschismus ein schmähliches Ende bereitet hatte.

Soziale Veränderungen

Ist es also wahr, daß die Menschen im Sinne eines moralischen Verschuldens nichts für das können, was sie wollen und wofür sie sich entscheiden? Nein. Es ist nicht wahr. Nur durch kollektives und bewußtes Handeln, auf der Grundlage der erkannten Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft ist es dem Menschen möglich, das Leben auf unserem Planeten wahrhaft lebenswert zu machen. Ohne dieses Wissen jedoch wird immer der größere Teil der Menschheit zu Sklaverei und Ausbeutung durch eine Minderheit von immer reicher werdenden Kapitalisten verdammt sein. Um so lächerlicher, weil feige, erscheint uns daher auch die Auffassung eines solchen katholischen Theologen, wie Drewermann, anstatt von Schuld und Sühne  von Verzweiflung und Tragik zu reden.


[1] B.M. Teplow: Psychologie. Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1957, S.175f.
[2] J.P.Dunnings-Zitat. In: Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, Dietz Verlag, Berlin 1983, S.788.

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8 Antworten zu Freispruch für Straftäter? Gibt es einen freien Willen oder ist menschliches Handeln streng determiniert?

  1. eine korrupte Geschichte verewigt Korruption untergräbt die soziale Ordnung, die Familie und das Leben, aber die Wahrheit, heilt, befreit und befriedigt

    • sascha313 schreibt:

      …das ist die „pluralistische“ Gesellschaft

      • Harry 56 schreibt:

        Eine „pluralistische Gesellschaft“ ist doch die beste ideologisch-verbale Nebelwand für alle bürgerlichen materialistischen Opportunisten, Mitmacher, Mitläufer, Schergen, Profiteure, Schmarotzer, Denunzianten, Feiglinge….
        Die Vielheit der Meinungen“ garantiert bestens die eine reale Macht der Gesellschaft, die „normative Macht des Faktischen“.

        Ganz und gar un-pluralistische Grüße

  2. Pingback: Freispruch für Straftäter? Gibt es einen freien Willen oder ist menschliches Handeln streng determiniert? – – Sascha Iwanows Welt –

  3. Samy Yildirim schreibt:

    Von Peter Hacks stammt die Bemerkung, dass es auf die Frage, wie viele Ohren der Mensch hat, viele Antworten gibt, aber nur eine richtige. Die „Freiheit der Lehre“ sowie die „Freiheit der Meinungsaeusserung“ besteht darin, dass man alle falschen Anworten geben darf. Die „Gemeinsamkeit der Demokraten“ besteht darin, dass man die richtige Antwort nicht geben darf.

    Als im Herbst 1914 klar wurde, dass es mit einem schnellen Sieg nichts werden wuerde, liess Kaiser Wilhelm II. Postkarten drucken und ueberall im Kaiserreich verbreiten. Auf der einen Seite war sein Portraet zu sehen, auf der gegenueberliegenden eine Szene aus dem Krieg. In der Mitte stand der Satz: „Ich habe es nicht gewollt.“ Im Jahre 1945 hoerte man ueberall im zu Recht besiegten Deutschland die Erklaerung: „Ich habe es nicht gewollt. Ich habe es nicht gewusst. Ich habe nur meine Pflicht getan. Ich bin mit keiner Schuld bewusst.“

    • sascha313 schreibt:

      So ist es! Als im kaiserlichen Berlin der russische Dressurclown Durow sein Schwein in die Arena schickte, das dann unter einem Haufen von Gegenständen einen preußischen Militärhelm heraussuchte und Durow kommentierte „Schwein will Helm!“ hat man ihn ausgewiesen. Zwei Jahrzehnte später wurden Leute nach einer derart zweideutigen Bemerkung „abgeholt“ – und sie kamen nicht wieder. Und heute? …die Zeit ist nicht stehengeblieben seither.

  4. Ulrich Schliz schreibt:

    Um ehrlich zu sein, zum Thema „freier Wille“ habe ich nur meine eigene subjektive Erfahrung aufzuweisen. In meinemLeben bin ich ziemlich ruppig mit Klassenwiderspruechen, Krieg, Elend und Verrat und auch mit grossen Beispielen von Edelmut, Tapferkeit und Prinzipientreue konfrontiert worden. Narürlich habe ich mir auch immer die Frage gestellt, inwieweit einer verantwortlich ist für das, was er tut – jahrelang. Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass natürlich die gesellschaftlichen Umstände eine sehr wichtige Rolle spielen. Aber es gibt, meiner Meinung nach immer eine Instanz in einem Menschen, wo er eigentlich und letzten Endes weiss, was er tut. Jeder ist für seine Taten verantwortlich. Das ist jetzt nur die Quintessenz meiner subjektiven Erfahrung. Wenn jemand anderer Meinung ist, höre ich gerne zu.

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