Erinnerungen an Konrad Blenkle

Konrad Blenkle_DDR_1981Auf einer Sitzung des Reichsausschusses des KJVD im Jahre 1922 sah ich Konrad Blenkle zum erstenmal. Er war damals der Vorsitzende der Groß-Berliner Bezirksorganisation des Jugendverbandes. Ich hörte, daß er großen Einfluß unter den Berliner Jugendgenossen hatte, und war deshalb neugierig, ihn kennenzulernen. Ehrlich gestanden: Ich war vom ersten Eindruck enttäuscht. Er fiel weder durch sogenannte Reformkleidung noch durch andere Äußerlichkeiten auf, wie viele andere Jungkommunisten und Funktionäre, die dadurch ihre antibürgerliche Einstellung dokumentieren wollten.

Keine Phrasen und keine Effekthascherei

Konrad Blenkle war etwa zwanzig Jahre alt, von mittlerer Größe, mit schmalem, fast krankhaft bleichem Gesicht. Ich begriff damals noch nicht richtig, wie berechtigt seine betonte Ablehnung des auch im Kommunistischen Jugendverband verbreiteten „Latschertums“ war, das die Organisation von den Massen der Arbeiterjugend zu isolieren drohte. Erst später, als ich Konrad in der täglichen Zusammenarbeit kennenlernte, verstand ich, daß gerade seine Feindschaft gegen jede Oberflächlichkeit, Phrasenhaftigkeit und Popularitätshascherei ihn zum Führer des Jugendverbandes befähigte.

Schwierige Aufgaben

Als Konrad Blenkle im Jahre 1924 zum Vorsitzenden des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands gewählt wurde, stand der Verband vor schwierigen Aufgaben. Die revolutionäre Welle der Nachkriegsjahre war abgeebbt. Die Großkapitalisten und Militaristen saßen in der Weimarer Republik wieder fest im Sattel. Partei und Jugendverband mußten ihre Politik auf die neuen Bedingungen einstellen. Es war verhältnismäßig leicht gewesen, die Jugend zum Kampf zu begeistern, solange die revolutionäre Welle anstieg, voranzustürmen, als die Massen nachdrängten und das Ziel greifbar nahe lag.

Mühselige Kleinarbeit

Aber nun waren wir ein Stück zurückgeworfen worden, mußten in mühseliger Kleinarbeit um jeden einzelnen ringen, den Kleinkampf · um ein paar Pfennige Lohn oder Unterstützung führen und durften dabei doch nicht im Reformismus versinken, durften keinen Moment die revolutionäre Perspektive, das Ziel aus den Augen verlieren.

Wie war Konrad Blenkle?

Kein anderer war so wie Konrad Blenkle geeignet, in dieser Situation den Kommunistischen Jugendverband zu führen. Er besaß das Vertrauen der Mitgliedschaft, weil er an der Seite Ernst Thälmanns konsequent gegen die verräterische Brandlergruppe in der Partei und im Jugendverband gekämpft hatte. Er besaß aber auch den Mut, unangenehme Wahrheiten zu sagen, Illusionen zu zerstören, überholte Arbeitsmethoden aufzugeben und neue Wege zu gehen.

Woran sollte man sich orientieren?

Es gab dabei nur einen zuverlässigen Kompaß: die Theorie des Marxismus-Leninismus. Doch hatten wir damals nicht die großen und vielfältigen Möglichkeiten zur Schulung, die heute der arbeitenden Jugend in der Deutschen Demokratischen Republik geboten werden. Der Kommunistische Jugendverband konnte bei Aufbietung aller Kräfte nur einmal im Jahr einen dreiwöchigen Lehrgang mit höchstens dreißig Teilnehmern durchführen. Im übrigen waren wir auf das Selbststudium angewiesen; doch war es auch damals schon mit der Studiendisziplin nicht immer zum besten bestellt. Manche verließen sich auf ihre Erfahrungen, meinten, es genüge, die „große Linie“ zu kennen.

Nicht auf die Trotzkisten hereinfallen…

Aber das genügte eben nicht, um in allen Fragen sicherzugehen. Die Feinde der Arbeiterklasse versuchten damals, den Jugendverband gegen die Kommunistische Partei auszuspielen, die sie mit Recht fürchteten. Die Trotzkisten schmeichelten der Jugend, sie sei doch „von Natur aus“ viel radikaler und revolutionärer als die alten „verkalkten“ Parteifunktionäre. Wohl warnte uns unser gesunder Klasseninstinkt – wir fühlten, daß diese Gestalten nichts mit der Arbeiterschaft gemeinsam hatten –, aber das mußte man auch jedem Jugendgenossen erklären und die scheinbar so revolutionären „Argumente“ zerfetzen. Dazu genügte es nicht, einige „leichtverständliche“ Broschüren über den Marxismus-Leninismus gelesen zu haben; man mußte die Quellen, die Klassiker studieren, mußte von Lenin und Stalin, von der Partei der Bolschewiki lernen.

Wachsam sein gegen Verfälschungen…

Konrad Blenkle gab uns das Beispiel. Er fällte keine Entscheidung, faßte keinen wichtigen Beschluß, ohne sich nicht im Selbststudium gründlich darauf vorbereitet zu haben. Er brachte die Schriften Lenins und Stalins zur Sitzung mit, zitierte daraus, zeigte uns, wie wir die Lehren auf unsere Praxis anzuwenden und wachsam gegen jede Verfälschung der revolutionären Theorie zu kämpfen hätten. Wenn die Parteifeinde im Jugendverband nie nennenswerten Einfluß gewinnen konnten und seine überwältigende Mehrheit immer fest zu dem Thalmannschen Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands stand, dann war das neben dem großen Einfluß Ernst Thälmanns vor allem Konrad Blenkle zu verdanken.

Kritik und Selbstkritik?

Konrad sprach nie großartig über Kritik und Selbstkritik, aber er beachtete sie in seiner täglichen Arbeit. Er nahm nichts unbesehen hin, überprüfte jede Behauptung und forderte von den Verbandsfunktionären konkrete Berichte statt allgemeiner Redensarten. Konrad wollte alles genau wissen und ließ nicht locker: Wo und wie habt ihr das festgestellt, womit könnt ihr es beweisen, welche Unterlagen habt ihr?

Er verlangte vor allem eine kritische Oberprüfung der eigenen Arbeit. ,,Wissen wir überhaupt, wie die Masse der arbeitenden Jugend lebt und denkt, was ihre Interessen, Wünsche, Forderungen sind?“ Wir waren über eine solche Fragestellung empört. Es gab im ganzen Ver­band nur ein gutes Dutzend hauptamtlicher Funktionäre; die meisten Mitglieder des Zentralkomitees, alle Mitglieder der Bezirksleitungen standen am Schraubstock und an der Drehbank, lebten mitten unter der .Arbeiterjugend – und wir sollten nicht wissen, was sie dachte, was sie bewegte? Aber wir mußten uns überzeugen lassen, daß wir es doch nicht genügend wußten. Der Verband hatte fast nur Einfluß auf den verhältnismäßig engen Kreis der politisch fortschrittlichen Jugend und wenig Verbindung zu der großen Mehrheit der Jungarbeiter, die, politisch indifferent, sich allenfalls um ihre wirtschaftlichen Interessen und ihre berufliche Ausbildung oder nur um Sport und Unterhaltung kümmerten.

In die Betriebe und Gewerkschaften gehen…

Wir mußten unsere Arbeit also mehr in die Betriebe und Gewerk­schaften verlegen und dort für die Belange der Jugend eintreten. Und als wir damit erst den Anfang gemacht hatten, zeigte es sich, daß auch diese angeblich „trockene“ Arbeit interessant sein konnte, daß es Spaß machte, den Unternehmern und Spitzeln zum Trotz Flugblätter und Betriebszeitungen in die Betriebe zu bringen, in den Gewerkschaften die opportunistischen Führer matt zu setzen.

Ein echter Berliner…

Nichts wäre irriger, als wenn meine Schilderung den Eindruck hervorriefe, Konrad Blenkle sei ein trockener, pedantischer Musterknabe gewesen. Im Gegenteil, als waschechter Berliner besaß er eine ansehnliche Portion Mutterwitz. Er konnte in einer öffentlichen Auseinandersetzung einen Gegner mit einem einzigen, trocken hingeworfenen Satz lächerlich machen.

Mit Spaß und Humor

Ein Jugendfunktionär muß mit der Jugend lachen können; er darf sich auch zu ihren Vergnügungen nicht überheblich verhalten. Was nutzten die besten und längsten hochpolitischen Referate, wenn in unsere Versammlungen nur ein kleiner Teil der Jugend kam? Aber Zehntausende gingen zum „Schwof“ oder vergnügten sich auf den Rummelplätzen. Also mußten wir an diese Formen der Unterhaltung anknüpfen, mußten ihnen einen politischen Inhalt geben. Konrad schlug vor: Machen wir einen „Roten Rummel“, eine lustige politisch-satirische Veranstaltung. Schon der Name rief den Protest aller „Hochpolitischen“ hervor. Aber Konrad verstand es, uns für seine Idee zu begeistern.

Gemein­sam arbeiteten wir das Programm der ersten Veranstaltung aus, in dessen Mittelpunkt eine grimmige Verhöhnung der militaristischen Erziehung der Jugend im „Freiwilligen Arbeitsdienst“ der Weimarer Republik stand. Konrad steuerte die zündendsten politischen Witze bei, feilte an dem Text, dessen Knüttelverse Rudi Schwarz, der Redakteur der „Jungen Garde“, gedichtet hatte. Konrad begutachtete die Proben und freute sich mit uns über den Bombenerfolg und die überfüllten Säle. Der „Rote Rummel“ wurde Ausgangspunkt zahlreicher Spieltrupps der Partei und des Jugendverbandes. Wir hatten eine Arbeitsmethode des Komsomols, die „Blauen Blusen“, nicht schematisch übernommen, sondern richtig ins Deutsche, in diesem Fall sogar ins Ber­linische übersetzt.

Kameradschaftlich und geduldig

Konrad war ein prächtiger Kamerad. So unerbittlich er gegen Oberflächlichkeit und Schlamperei war, so kameradschaftlich und geduldig half er den Jugendfunktionären, falsche Ansichten und Schwächen zu korrigieren. Er pochte nie auf seine Autorität, ließ die begründete Meinung anderer gelten, scheute sich nicht, auch einen eigenen Irrtum unumwunden zuzugeben – und eben deshalb war seine Autorität so groß und unbestritten.

In Dänemark von der Gestapo verhaftet

In der Zeit der faschistischen Diktatur arbeitete Konrad Blenkle illegal in Deutschland und im Ausland. 1940 wurde er in Dänemark von der Gestapo verhaftet. Drei Jahre lang quälten und folterten ihn die faschistischen Henker, ehe sie im Jahre 1943 das Todesurteil vollstreckten.

,,Ich muß von Dir scheiden, lebe wohl! Ich habe den letzten Nachmittag verlebt und gehe dem Ende ruhig entgegen. Als Kämpfer habe ich gelebt und werde als Kämpfer sterben. Du bist der Mensch, der mir am nächsten steht. Deine Liebe und Verehrung waren für mich das Wertvollste. Wenn ich mein Leben rückschauend betrachte und Bilanz ziehe, so kann ich im großen und ganzen zufrieden sein. Aber auch ich war ein Mensch mit Schwächen und Fehlern. Trotzdem weiß ich, daß mein Leben wertvoll war und ich Nützliches geleistet habe. Handle immer verantwortungsbewußt, arbeite unablässig an Deiner Vervollkommnung, schone Dich nie, wenn es um Großes geht und Du Dich einsetzen mußt…“

Mit diesem Brief, den Konrad Blenkle angesichts des Todes am Tage der Hinrichtung an seine Tochter geschrieben hat, hat er sich das schönste Denkmal gesetzt.

Robert Leibbrand

Quelle: Deutschlands Junge Garde. 50 Jahre Arbeiterjugendbewegung. Verlag Neues Leben 1954, S.277-281. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Blenkle_Garde

 

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4 Antworten zu Erinnerungen an Konrad Blenkle

  1. Pingback: Erinnerungen an Konrad Blenkle – – Sascha Iwanows Welt –

  2. Nadja Norden schreibt:

    Klasse! Eine Straße in Berlin-Prenzlauer Berg erinnert an Conrad Blenkle, es gab in der DDR auch ein Grenzregiment der seinen Namen trug. Heinz Kruschel schrieb über ihn der Roman „Der Mann mit den vielen Namen“ der ich in meinem Blog empfehle. Wen es interessiert: Das Buch ist geeignet zur Schulung in konspirativem Verhalten. Ein wahrer Genosse muß soweit möglich alle Kampfmethoden und -Formen beherrschen!
    https://politiekencultuur.blogspot.be/2018/02/erinnerungen-conrad-blenkle-1901-1943.html

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