DDR: Warum wurden die Kinder schon in der Schule zur Bewußtheit erzogen?

Unterricht in Elektrotechnik/Foto 1975 - Teaching electronics / Photo / 1975 -

Bewußtes Lernen in der DDR

Vielleicht muß man zuerst eine andere Frage stellen. Ist das heute etwa anders? Ja, es ist anders. Auffällig ist, daß nahezu die gesamte bürgerliche Ideologie das Unbewußte, das Unterbewußtsein, das Gefühl in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellt. Da wird menschliches Verhalten (im Sinne von Freud) aus dem Instinktiven, aus dem Unbewußten, dem Übersinnlichen erklärt. Man spricht von „gefühlter Wirklichkeit“, von „Meinungen“ und von „Stimmungen“, um Wahrnehmungen in Zweifel zu ziehen. Da werden Behauptungen aufgestellt, ohne auch noch die Spur eines Beweises anzuführen. Doch warum ist das so? Antwort: „Das ist die Paradoxie des wirklichen Lebens!“ Wollen die Eliten das einfache Volk etwa verschaukeln? Ja, so ist es. Und so neigen ungebildete Menschen wieder dazu, Horoskope zu lesen, an Wunder zu glauben oder ihren Psychiater zu fragen…

Selbständiges Denken und bewußtes Handeln

von Helmut Klein

Bewußtheit wurde in der sozialistischen Gesellschaft immer stärker zu einem bestimmenden Grundzug in allen Bereichen des Lebens. In der sozialistischen Produktion konnten die Menschen zum Beispiel immer besser erkennen, warum und wozu sie sich um die Steigerung der Arbeitsproduktivität bemühen müssen; sie konnten so in die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge eindringen, in denen ihre eigene Tätigkeit eine wichtige Rolle spielte. In der sozialistischen Gesellschaft werden die Menschen in allen Bereichen zu aktiven Gestaltern ihres Lebens, und sie gestalten dieses Leben in zunehmendem Mafle schöpferisch, das heißt mit klarer Vorstellung über das Ziel und auf wissenschaftlich begründete Weise.

Bewußtheit der Schüler im Unterricht

In der DDR war es üblich, daß die Schüler in der Schule, besonders im Unterricht, zu selbständigem und schöpferischem Handeln erzogen wurden. Das gelang allerdings nur, wenn auch schon die Tätigkeit der Schüler im Unterricht bewußt erfolgte und häufig schöpferischen Charakter trug. Die Schüler sind im Unterricht bewußt tätig, wenn sie sich über das Ziel ihrer Handlung klar sind, die Notwendigkeit der Tätigkeit einsehen und bis zu einem gewissen Grade auch die Zusammenhänge kennen, die ihrer Handlung zugrunde liegen. Wir bezeichnen als bewußte Disziplin, wenn sich die Schüler nicht nur entsprechend den Normen der sozialistischen Moral verhalten, sondern es aus Einsicht in die Notwendigkeit und Richtigkeit tun.

Beim polytechnischen Unterricht in der Schule

Ein Beispiel aus dem Unterrichtstag in der Produktion. Im Grundlehrgang Maschi­nenkunde II sind zwei Schülergruppen mit ihrem Betreuer damit beschäftigt, aus Lastkraftwagen die Vergaser auszubauen, zu reinigen und wieder einzubauen. Die eine Gruppe arbeitet recht unlustig, in der anderen geht es ziemlich lebhaft zu, und man merkt sofort, daß die Schüler mit Freude, Begeisterung und Sachkenntnis bei der Sache sind. Ihr Betreuer hat den Schülern – im Gegensatz zu dem der ersten Gruppe – die Funktionsweise des Vergasers in großen Zügen erklärt und auf die Folgen hingewiesen, die eine Verschmutzung dieses Teils hervorrufen kann. Die Schüler arbeiten bewufit, sie kennen das Ziel ihrer Tätigkeit, wissen, warum diese Arbeit notwendig ‚ist und worauf es im einzelnen ankommt, worauf zu achten ist. Sie arbeiten freudig und erwerben dauerhaftes und sicheres Wissen und Können. Die Schüler der anderen Gruppe dagegen führen mehr oder minder mechanisch aus, was der Betreuer im einzelnen von ihnen verlangt. Deshalb sind sie unlustig, und der Lerneifer ist gering.

Einige Maßnahmen

Um zu erreichen, daß sich die Schüler im Unterricht Wissen und Können bewußt aneignen, haben sich einige Maßnahmen bewährt:

  • Das Ziel: Grundsätzlich sollte den Schülern das Ziel der gemeinsamen Tätigkeit innerhalb der Unterrichtsstunde oder des Unter­richtstags in der Produktion in verständlicher Form bekanntgegeben beziehungs­weise mit ihnen erarbeitet werden.
  • Das Motiv: Mit der Zielangabe verbindet man zweckmäßi­gerweise – besonders bei wichtiger Neueinführung – eine Motivierung, das heißt, führt die Schüler zu der Einsicht, daß es notwendig ist, sich mit den entsprechenden Fragen zu beschäftigen.
  • Die Einsicht: Zielangabe und Motivierung erfordern manchmal nur wenige Worte. Dem Schulanfänger leuchtet es beispielsweise unmittelbar ein, daß er Lesen und Schreiben lernen mufj, und der Lehrer braucht ihm – bei richtiger Vor­bereitung des Schulanfangs durch Kindergarten und Elternhaus – diese Notwendig­keit nicht ausführlich zu beweisen.
  • Das Vorstellungsvermögen: Dagegen wäre es falsch, in einer erweiterten Oberschule die Behandlung der Differentialrechnung mit der lakonischen Zielangabe zu eröffnen: „Wir wollen jetzt die Differentialrechnung einführen“, weil sich die Schüler darunter noch nichts vorstellen können.
  • Die Praxis: Besonders wertvoll in bildender und erzieherischer Hinsicht ist es, die Tätigkeiten von der Praxis der Schüler her zu motivieren, das heißt von ihren Erfahrungen während des Unterrichtstags in der Produktion oder der gesellschaftlich-nützlichen Tätigkeit und den Widersprüchen oder Problemen, die ihnen dort entgegengetreten sind. Auch an die Interessen der Schüler kann man anknüpfen.

Erziehung zu kritischem Denken und bewußtem Handeln

Um die Schüler während des ganzen Unterrichts zu bewußten Tätigkeiten zu führen, muß man ihnen Gelegenheit geben, in das Wesen der behandelten Erscheinungen einzudringen, muß man sie zur selbständigen und kritischen Auseinandersetzung mit dem Stoff anhalten. Deshalb ist eine problemhafte Unterrichtsführung zu fordern, die den Widersprüchen nicht ausweicht, sondern sie mit den Schülern in gemeinsamer Arbeit löst. Weitere Voraussetzungen sind: Einheit von Theorie und Praxis, Anschaulichkeit, Wissenschaftlichkeit und Faßlichkeit des Unterrichts.

Die richtige Einstellung

Die Bewußtheit der Schülertätigkeit ist eine notwendige Voraussetzung, um jeden Formalismus in den Kenntnissen des Schülers zu beseitigen, und damit Grundlage für ein dauerhaftes und anwendungsbereites Wissen und Können. Darüber hinaus wird durch bewußte Tätigkeit der Schüler im Unterricht auch erreicht, daß die Schüler zu jener Einstellung zur Arbeit, zum Lernen und auch zur gesellschaftlichen Tätigkeit erzogen werden, die den Menschen in der sozialistischen Gesellschaft auszeichnet und die unsere Aktivisten, Neuerer und Arbeiterforscher schon besaßen (Sozialistische Arbeitserziehung).

Lernen und Arbeiten zum Nutzen aller

So mußte der Lehrende sich bemühen, den Schülern – besonders mit zunehmendem Alter – die Verflechtung ihrer eigenen Tätigkeit, des Lernens, der gesellschaftlich nützlichen und politischen Tätigkeit mit der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung klarzumachen. Das konnte nur erreicht werden, indem die Schüler bereits im Unterricht auch in der Hinsicht bewußt tätig sind, daß sie das Lernen nicht als Privatangelegenheit ansahen oder als eine Verpflichtung den Eltern und Lehrern gegenüber, sondern als gesellschaftliche Aufgabe ansehen.

Quelle:
Pädagogische Enzyklopädie (2 Bde.). VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1963, Bd.1, S.116-118. (bearbeitet)


Nachbemerkung:
Wenn man heute in den Schulen der BRD das Lernen, die Wissensaneignung und die Meinungsbildung der Kinder und Jugendlichen untersucht, so wird man feststellen, daß nur in einigen wenigen naturwissenschaftlichen Fächern ein wissenschaftliches Unterrichtskonzept vorhanden ist; doch selbst das läßt noch zu wünschen übrig. Das logische Denken, das Erkennen von Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten – und ganz allgemein das vermittelte Weltbild –  ist in der BRD durch völlige Rückständigkeit gekennzeichnet. Die „Museumreife“ des westdeutschen Schulwesens ist ganz offensichtlich.

Warum ist es so wichtig, daß bereits die Schüler in der Schule zu bewußtem Lernen und selbständigem Denken angehalten werden? Nur durch bewußte Wahrnehmung und Erkenntnis der Zusammenhänge entwickelt sich auch bewußtes Verhalten. Es geht darum, daß wir uns als denkende Menschen vor allem auch diejenigen Wahrnehmungen ins Bewußtsein rufen und nach deren Ursachen und Hintergründen fragen, die für uns und unser Verhalten wesentlich sein könnten. S.L. Rubinstein schreibt: „Das eigene Erleben wird vom Menschen nur mit Hilfe seiner Beziehungen zur äußeren Welt, zum Objekt, erkannt und zum Bewußtsein gebracht.“

Somit wird auch all jenen bürgerlichen Theorien eine deutliche Absage erteilt, die das menschliche Verhalten (im Sinne von Freud) auf sein sogenanntes „Triebleben“ zurückführen wollen oder (wie Murphy und andere Propheten des Übersinnlichen) behaupten, es sei vom Unterbewußtsein gesteuert.

So schreibt z.B. der amerikanische Psychologe William McDougall: „Die allerwichtigsten und relativ unveränderlichen Tendenzen, welche die Basis des menschlichen Charakters und Willens bilden“, sind an erster Stelle die „Instinkte“. Er behauptet, „daß der Mensch wenigstens ebenso viele Instinkte hat als irgendein Tier“ und mißt ihnen „eine führende Rolle in der Bestimmung menschlicher Handlungen und geistiger Prozesse“ zu. In seinem Buch beschäftigt er sich deshalb vorzugsweise mit mit psychischen Vorgängen bei Wespen, Kaninchen, Gänsen usw.   Der Mensch als Wespe, das ist das Niveau dieser Psychologie.

Solche Auffassungen sind natürlich nicht zufällig. Der dialektische Materialismus lehrt, daß je nach dem Charakter der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen, die sich mit der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse ändern, auch sprunghafte qualitative Veränderungen bei der historischen Entwicklung des Bewußtseins auftreten. Während der Sozialismus das bewußte Handeln des Menschen in der Gesellschaft ermöglicht, ist der Imperialismus ein Rückfall in schlimmste Barbarei, die den Menschen in den entwürdigenden Zustand eines bestialischen Tierreichs hinabstößt.

Quelle:
Hans Siebert, in der Einleitung zu Kornilow/Smirnow/Teplow: Psychologie. Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1951, S.11.
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