Sergej Alexejew: Die Tat des Obersergeanten Massalow

Sergeant MasalowEs war in den letzten Tagen des Krieges. Bis zum Zentrum Berlins war es keinen Kilometer mehr. Die Soldaten der 8. Gardearmee traten zum letzten Kampf an. Zu ihnen gehörte auch Nikolai Massalow, der Fahnenträger des 220. Gardeschützenregiments. Er hatte seine Fahne zum Kampf entrollt. Sie warteten auf das Angriffssignal. Vor ihnen lag einer der Kanäle, die von der Spree wegführen. Seitwärts dehnte sich ein freier Platz. Hinter dem Platz kam eine Brücke, auf der Feindseite vermint. Bald würden die Soldaten zum Sturm auf die Brücke und das andere Ufer antreten.

Die Gespräche der Soldaten waren verstummt. Das war immer so vor einem Angriff. Irgendwo donnerten Geschütze, wurde geschossen. Aber hier war alles still, wenn auch nur für eine Weile.

Auf einmal unterbrach das Weinen eines Kindes diese Stille. Es kam so unerwartet, daß die Soldaten zusammenfuhren. Ungewiß, woher das Weinen kam. Vom Ufer? Oder von dem großen Platz? Von der Brücke? Oder aus den Trümmern eines Hauses ganz in der Nähe? „Mutti! Mutti!“ rief die Stimme immer wieder. „Ein Kind“, sagte einer der Soldaten. Die Augen der Soldaten suchten das Kind. Wo mochte es sein? „Mutti! Mutti!“

Schließlich hatten die Soldaten herausbekommen, das Weinen kam von der Brücke her. Aber das Kind war nicht zu sehen. Steintrümmer verbargen es vor den Blicken unserer Soldaten. Da trat Obersergeant Massalow vor und ging auf den Kommandeur zu. „Gestatten Sie, das Kind zu holen.“

Einen Augenblick überlegte der Kommandeur. „Ich gestatte es, Obersergeant Massalow.“
Massalow kroch über den Platz auf die Brücke zu. Sofort ratterten die faschistischen Maschinengewehre los, schlugen Wurfgranaten auf dem Platz ein. An den Asphalt gepreßt, kroch der Obersergeant von Trichter zu Trichter, von einem Steinbrocken zum anderen.

„Mutti! Mutti!“ Die Stimme wollte nicht verstummen.
Den halben Weg hatte Massalow hinter sich, jetzt schon zwei Drittel.
Er richtete sich hoch auf und rannte in großen Sätzen auf die Brücke zu. Hinter einer niedrigen Mauer aus Granit suchte er Deckung vor den Kugeln.

Seine Kameraden hatten ihn aus den Augen verloren. Auch die Kinderstimme war verstummt, von Massalow nichts mehr zu sehen. Eine Minute verging, eine zweite … , eine fünfte. Die Soldaten wurden unruhig. Sollte der Tollkühne gefallen sein?
Oder war das Kind umgekommen?

Die Soldaten warteten, die Augen besorgt auf die Brücke gerichtet. Da sahen sie, Massalow kam zurück. Auf den Armen trug er ein deutsches Mädchen.
„Er lebt!“ riefen die Soldaten. „Er lebt!“
Ein Kommando: „Feuerschutz für Massalow!“
Die Soldaten eröffneten das Feuer. Maschinenpistolen ratterten, Maschinengewehre hämmerten. Dazwischen donnerten die Kanonen, als schössen sie Salut zu Ehren des Soldaten.

Massalow war zurückgekehrt. Das Mädchen brachte er mit. Wahrscheinlich war die Mutter mit ihrem Töchterchen über den Platz gerannt und dabei von einer Granate oder Kugel getötet worden. Massalow hielt das Mädchen fest im Arm. Das Kind schmiegte sich an ihn. Drei Jahre mochte es alt sein, mehr nicht. Schluchzend klammerte es sich an seinen Retter.

Die Soldaten umringten Massalow und schauten das Mädchen an. Sie versuchten, es abzulenken. Es durfte doch jetzt nicht mehr weinen. Sie spreizten die Finger, daß sie wie ein Ziegenbock aussahen, und sprachen dazu: „Seht, da kommt der Ziegenbock, Hörner hat er auf dem Kopf … “ Das Mädchen sah die Soldaten an. Fast schien es, als wolle es noch heftiger weinen. Plötzlich aber lächelte es ihnen zu.

Der Lärm des Krieges war verhallt. In Berlin, im Treptower Park, wurde allen sowjetischen Soldaten, die gegen den Faschismus gekämpft haben, ein Denkmal errichtet. Hoch über einem Hügel erhebt sich ein Sockel aus Granit. Er trägt die Gestalt eines Soldaten, der ein gerettetes Mädchen im Arm hält.

Treptow

Danke an Johann für die Bereitstellung des Textes.

Quelle: Entnommen aus dem „Lesebuch Klasse 3“ Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1990

Masalow

Ein Denkmal für Nikolaj Iwanowitsch Masalow (1922-2001)

Unter Einsatz seines Lebens rettete er ein deutsches Kind vor dem sicheren Tode. Dieses Handeln ist symbolisch und absolut typisch für einen sowjetischen Soldaten: Furchtlosigkeit gegenüber dem Feind und Liebe zum Menschen. Ihm zu Ehren schuf der sowjetische Bildhauer Sergej Wutschetitsch dieses grandiose Denkmal für Berlin im Treptower Park. Damit niemand jemals mehr vergessen möge, wer die Menschheit 1945 von der braunen Pest befreit hat: Es waren die Sowjetsoldaten, die Menschen der ruhmreichen Sowjetunion, die unter der Führung Stalins den Faschismus besiegten. Auch Marschall Tschuikow setzte dem Obersergeanten Masalow ein unvergängliches literarisches Denkmal. Er schrieb:

„Die Kampfbiografie Nikolaj Masalows widerspiegelt wie ein klarer Wassertropfen die Geschichte der 8. Gardearmee. Einberufen wurde Masalow im Tissuler Wehrbezirkskommando im Gebiet Kemerowo, wo gerade die 62. Armee aufgestellt wurde. Ihm fiel die Aufgabe zu, gemeinsam mit uns in Richtung des Hauptschlages der deutschen Truppen, die auf Stalingrad vordrangen, zu kämpfen. Am Mamajewhügel kämpfte Masalow als gewöhnlicher Schütze, während der Kämpfe am nördlichen Don wurde er zum Maschinengewehrschützen ernannt, beim Forcieren des Dnepr befehligte er bereits eine Abteilung, nach der Befreiung von Odessa wurde er zum Helfer des Kommandeurs der Einheit ernannt, am Brückenkopf des Dnestr wurde er verwundet, und vier Monate später, beim Forcieren der Weichsel, wurde er erneut verwundet. Aber der Gardist blieb standhaft und kämpfte den ganzen Weg von der Weichsel bis zum Oder-Brückenkopf weiter, trotz seines verbundenen Kopfes.“ (Quelle: archive.today, Übers.W.M.)

P.S. Wie sich später herausstellte, hatten SS-Leute die Mutter auf ihrer Flucht in Richtung Tiergarten in den Rücken geschossen. Er gelang ihr noch, das Kind unter einer Brücke in Sicherheit zu bringen. Dort starb sie.

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2 Antworten zu Sergej Alexejew: Die Tat des Obersergeanten Massalow

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