Glauben oder Wissen? Über die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage und über ihre Verbreitung

zeitungenIn der kapitalistischen Gesellschaft ist es schon lange so, daß man mit journalistischen Aussagen konfrontiert wird, deren Wahrheitsgehalt gegen Null geht. Oder anders gesagt: Sie sind gelogen! Bürgerliche Journalisten schreiben, mit scharfem Blick auf das Zeilenhonorar, immer genau das, was von ihnen erwartet wird. Eine gründliche Recherche wird oft nicht mehr verlangt. Sie ist auch nicht erforderlich, solange der Text der geltenden Meinung nicht grundsätzlich widerspricht. Was das Feindbild betrifft, so gehören professionelle Lügen bekanntlich zum Geschäft. Und daß sich vor allem jüngere Autoren damit ihre ersten Sporen verdienen, steht außer Zweifel.

Man rechnet in den Redaktionen damit, daß der Leser den Wahrheitsgehalt einer Nachricht kaum noch überprüfen kann. Und man hofft, nach einer gewissen Zeit werde ohnehin Gras über die Sache gewachsen sein. Denn die Zeit ist schnellebig, und da gerät so manches in Vergessenheit. Doch zurück bleibt ein Gerücht! Und das hakt sich in den Köpfen der Leser fest. Schon Oliver Goldsmith (1728-1774) wußte: „Es ist bei allen Gerüchten die übliche Methode, erst seine Wahrscheinlichkeit zu untersuchen und dann so zu handeln, wie es die Umstände erfordern.“ [1] Das ist auch heute nicht anders! Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, über Ereignisse zu berichten:

  1. Fall: Die wahrheitsgemäße Darstellung. Nehmen wir also einmal an, ein Journalist hat nach gründlicher Untersuchung und umfangreichen eigenen Recherchen einen bestimmten Sachverhalt herausgefunden und schreibt darüber eine Reportage oder einen Bericht. Um dem Leser die Sache zunächst glaubhaft zu machen, führt er zahlreiche Argumente an. Und er beweist deren Richtigkeit auch an Beispielen aus der Realität. Somit kann man davon ausgehen, daß seine Aussagen richtig sind und der Wahrheit entsprechen.
  2. Fall: Die glaubhafte Darstellung. Stellen wir in einem Beitrag fest, der Autor ist selbst davon überzeugt, daß seine Erkundigungen, die er eingezogen hat, den Tatsachen entsprechen. Er betrachtet die Aussagen seiner Informanten als Zeugenaussagen. Sie erscheinen ihm glaubwürdig und stützen seine vorherigen Vermutungen. In diesem Fall handelt es sich um eine glaubhaft wahre Darstellung.
  3. Fall: Die subjektiv überzeugte Darstellung: Nehmen wir einmal an, ein Journalist hat von verschiedenen Seiten Erkundigungen eingeholt, die sich ähneln oder einander gleich sind. Es gab nichts, was ihn hätte daran zweifeln lassen, daß es sich im vorliegenden Fall um eine tatsächliche Begebenheit handelt. Er beendet sein Untersuchungen mit einem Ergebnis, das auch seinen Erwartungen entspricht.
  4. Fall: Eine auf falschen Überzeugungen beruhende Darstellung. Ein Berichterstatter weiß genau, was man von ihm erwartet. Er hat aus seinen bisherigen Kenntnissen ein bestimmtes Bild. Er sieht es so, wie er es gelernt hat, was seiner Weltanschauung entspricht. Und er behandelt den vorliegenden Fall so, wie er ihm zu sein dünkt. Er weiß allerdings auch, daß nicht alles zutrifft, ist sich aber seiner „Verantwortung“ bewußt, den Lesern genau das mitzuteilen, was er bzw. seine Redaktion für richtig hält.

Wir werden nun versuchen, den Zusammenhang von Gewißheit und Glaube einmal darzustellen, um herauszufinden, ob der Verfasser eines journalistischen Artikels an der Wahrheit interessiert ist oder nicht.

Gewißheit und Glaube als Gegenstand eines Kalküls

Georg Klaus schreibt:

Als Gegenstände eines Kalküls kann man auch die pragmatischen Kategorien „Gewißheit“ und „Glaube“ heranziehen. Werden diese beiden Kategorien für die Bewertung von Aussagen herangezogen, so ergibt sich unmittelbar, daß wir es hier mit einer mehrwertigen Logik zu tun haben. Neben das „gewiß Wahre“ und das „gewiß Falsche“ tritt das „Ungewisse“, neben das „glaubhaft Wahre“ und das „glaubhaft Falsche“ tritt das „glaubhaft Unbestimmte“. Wir haben es also zumindest mit einer dreiwertigen Logik zu tun.

Anmerkung: Es kann nicht unsere Absicht sein, einen Kalkül des Glaubens und der Gewißheit aufzubauen, wir wollen lediglich einige typische Begriffsbildungen, die für unsere pragmatische Analyse von Bedeutung sind, erläutern. Es muß noch bemerkt werden, daß dort, wo nur Glaube vorhanden ist, dieser keinesfalls identisch mit Ungewißheit ist. Glaube ist auch dort möglich, wo kein Beweis existiert, Ungewißheit hingegen ist die Unkenntnis eines Beweises. Existenz bzw. Nichtexistenz eines Beweises ist aber etwas ganz anderes als die Unkenntnis eines Beweises.

Die Wahrscheinlichkeit als Vorstufe zur Wahrheit

Glaube und Gewißheit hängen nicht nur mit Problemen der dreiwertigen Logik zusammen, sondern auch mit bestimmten psychologischen Explikationen des Wahrscheinlichkeitsbegriffes. Der Wahrscheinlichkeitsbegriff hat in seiner heutigen wissenschaftlichen Form keinen Bezug auf Glaube und Gewißheit von Personen. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht subjektiv, sondern relativ. Dies ist ein wesentlicher Unterschied. Wir wollen in aller Kürze sagen, was damit gemeint ist.

Unter der Subjektivität der Wahrscheinlichkeit versteht man den Grad des Für-Wahrhaltens von Aussagen bzw. den Grad der Möglichkeit des Auftretens von Ereignissen. Unter der Relativität hingegen versteht man, daß die Wahrscheinlichkeit sinnvoll immer nur auf ein System bezogen ist. Handelt es sich um eine Aussage, so muß die Wahrscheinlichkeit auf ein System von Aussagen bezogen werden. Handelt es sich um ein Ereignis, so muß die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses auf ein System von Ereignissen bezogen werden. Im Zusammenhang mit einer pragmatischen Analyse geht es uns nicht um Ereignisse, sondern um Aussagen und um Systeme von Aussagen.

  • Wahre Überzeugungen: Der „objektive Glaube“ (sofern man von Glauben hier überhaupt noch sprechen darf) an eine Aussage p besteht nun darin, daß eine Relation zwischen dieser Aussage, einer bestimmten Aussagenmenge M und der Wahrscheinlichkeit s, die diese Aussage p in bezug auf M hat, hergestellt wird. Besitzt ein Individuum x das Wissen, das in der Aussagenmenge M verankert ist, so kann man davon sprechen, daß sein Glaube, daß die Wahrheit der Aussage p den Grad s besäße, objektiv begründet sei. Tatsächlich brauchte man in diesem Fall das Individuum x in die Betrachtung überhaupt nicht aufzunehmen und könnte einfach feststellen, die Wahrscheinlichkeit der Wahrheit von p in bezug auf die Aussagenmenge M sei s.

Anmerkung: Es sind gerade sprachliche Formulierungen, die oft dazu verführen, den empirischen Grad des Glaubens, der seinem Wesen nach subjektiv ist, und den objektiven, auf objektiven Wahrscheinlichkeiten beruhenden Glauben miteinander zu verwechseln. …

  • Falsche Überzeugungen: Davon verschieden ist der psychologische Begriff der „Wahrscheinlichkeit“. Er ist ein Thema der empirischen Psychologie und Soziologie. Die syntaktisch vollständige Formulierung eines solchen psychologischen Wahrscheinlichkeitssatzes hätte etwa die Gestalt: ,,x glaubt zur Zeit t mit dem Grad s an die Wahrheit von p.“

Anmerkung: Eine solche Form der Wahrscheinlichkeit ist nicht absolut subjektiv. Die empirische Psychologie und Soziologie liefern sicherlich objektive Gründe, weshalb x zu diesem Zeitpunkt mit dem Grad s an die Wahrheit von p glaubt.

Beispiel: Wenn etwa ein frommer jugendlicher Katholik beispielsweise in seinem 14. Lebensjahr mit einem bestimmten Grad der Überzeugung an die Wahrheit der Aussage von der leiblichen Auferstehung der Jungfrau Maria glaubt, so ist dieser Glaube nicht objektiv im obengenannten Sinne. Er ist aber auch nicht völlig subjektiv (es lassen sich Gründe angeben, die sich aus der Erziehung dieses Individuums, aus seiner Bildung, aus seiner allgemeinen psychischen Verfassung usw. ableiten lassen).

Wahr oder Falsch?

Was wir hier gewissermaßen als den „objektiven Glauben“ bezeichnen, läßt sich auf logische Gründe, auf Vernunftgründe aufbauen. Solche Gründe sind die Grundlage für ein richtiges Handeln auf der Basis entsprechender Wahrscheinlichkeitsaussagen. Dies bedeutet wiederum nicht, daß es für die Gesellschaft belanglos ist, wenn Individuen einen „Wahrscheinlichkeitsglauben“ im zweiten Sinne haben. Ein Handeln auf der Grundlage eines solchen Glaubens kann große gesellschaftliche Wirkung ausüben.

Der falsche Glaube und die Verwerflichkeit der Lüge

Um hier eine Beziehung zur Nützlichkeit herzustellen: Es ist beispielsweise für die herrschenden reaktionären Klassen nützlich, mit Hilfe ihrer Kommunikationsmittel (Radio, Fernsehen, Zeitungen usw.) Glaubensformen der zweiten Art zu verbreiten, die so beschaffen sind, daß sie zur Stabilität der Herrschaft dieser herrschenden Klassen beitragen. Daß es dies gab und heute noch immer in kapitalistischen Ländern gibt, zeugt von der verwerflichen Haltung der reaktionären herrschenden Klassen gegenüber den Werktätigen. Aber man muß dies als Faktum sehen und mit diesem Faktum rechnen, wenn wir die Erzeugung dieses ungerechtfertigten Glaubens entlarven wollen. [2]


Und so steht es im Wörterbuch der Psychologie:

„Eine Lüge zum Zweck persönlichen Vorteils oder mit dem Ziel, andere zu schädigen, ist Ausdruck eines gestörten Person-Umwelt–Erlebens.“ [3]  


Wahrheit: Bezeichnung dafür, daß sich Gegenstände, Erscheinungen und Gesetzmäßigkeiten der objektiven Realität im Bewußtsein des Menschen so widerspiegeln, wie sie außerhalb und unabhängig vom erkennenden Subjekt existieren; Übereinstimmung von Denkinhalt, von Urteilen und Begriffen mit dem Objekt, die geprüft wird durch die gesellschaftliche Praxis. Zur Wahrheit zu kommen, sagt MARX, bedeutet zu den Dingen zu gehen, wie sie sind (MEW 1,27).

Die Wahrheit ist folglich die objektiv richtige Reproduktion der Wirklichkeit im Bewußtsein des Menschen. … Deshalb hat auch A,O. Makowelski völlig recht, wenn er behauptet, daß kein Zweifel darüber besteht, daß nicht nur Urteile, sondenr auch Begriffe wahr oder falsch sein können, je nachdem, ob sie die Wirklichkeit wahr oder entstellt widerspiegeln. [4]


Verbreitung von Informationen

Schließlich werden massenhaft immer diejenigen Meinungen verbreitet, die im Sinne der herrschenden Klasse sind. Während im Kapitalismus die Bourgeoisie kein Interesse an der Verbreitung der Wahrheit (wissenschaftlicher Kenntnisse über die gesellschaftlichen Zusammenhänge) hat, ist der Sozialismus darauf angewiesen, daß sämtliche Mitglieder der Gesellschaft die gesetzmäßigen Zusammenhänge kennen, sie bewußt anwenden, in ihrem Handeln zum Wohle der Menschheit ausnutzen und überzeugt die Wahrheit darüber verbreiten. Während es sich im ersten Falle um Manipulierung des Bewußtseins handelt, ist im letzteren eine hohe Bildung und Moral eine unerläßliche Voraussetzung für den Sieg des Sozialismus.

Zitate:
[1] Oliver Goldsmith: Der Weltbürger. Briefe eines in London weilenden chinesischen Philosophen an seine Freunde im Fernen Osten. Leipzig und Weimar, 1977, S.443.

[2] Georg Klaus: Die Macht des Wortes. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin, 1972. S.177-180 (gekürzt, Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)
[3] Günter Clauß (Hrsg.) Wörterbuch der Psychologie. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1978, S.328.
[4] N.I. Kondakow: Wörterbuch der Logik. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1978, S.524f.

 

Siehe auch:
Nur die Wahrheit führt uns zur Erkenntnis
Woher kommt die Lüge?

Imperialistische Kulturpropaganda (USA)
Ulbricht: Warum Marxismus-Leninismus?
Der Griff der Kirche nach der Macht
Stalingrad: Der lange Weg der Erkenntnis

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5 Antworten zu Glauben oder Wissen? Über die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage und über ihre Verbreitung

  1. Pingback: Glauben oder Wissen? Über die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage und über ihre Verbreitung – – Sascha Iwanows Welt –

  2. Sascha Iwanow schreibt:

    Auf meinen Blog übernommen:
    – Sascha Iwanows Welt –
    https://saschasweltsicht.wordpress.com/

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