„Unter Zarenherrschaft und Sowjetstern.“ (Ein Augenzeuge der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution berichtet)

Dmitri_Nalbandjan_1919

D.Nalbandjan: Lenin im Gespräch

Im Jahre 1930 erschien in Österreich ein Buch, in dem ein Augenzeuge der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution über diese heroischen Tage berichtet. Der Autor, ein gewisser W.H. Braun, der im Mai 1915 als Deserteur freiwillig in russische Kriegsgefangenschaft gegangen war, hatte vom Morden in diesem 1. Weltkrieg restlos die Nase voll und er erlebte, wie sich das russische Volk mit Macht von der jahrhundertelangen mörderischen Knechtschaft befreite. Der Herausgeber des Buches schrieb über ihn: „Der Verfasser ist auf schriftstellerischem Gebiet ein Laie, beabsichtigt also nicht, Erlebtes und Geschautes in streng kunstgerechte Form zu zwängen, Vielmehr spricht aus jeder Zeile der schlichte und aufrechte Charakter des  Proletariers und des glühemdem Revolutionärs.“

Die rote Flut

Kann sich der Fernstehende, der Zweifler oder der kritisch eingestellte Mensch einen Begriff davon machen, was es heißt, die Trümmer und Reste einer alten, überlebten, untauglichen Staatsordnung fortzuräumen, um neue, geordnetere, bessere Verhältnisse zu schaffen, in denen die Menschheit sich freier bewegen, froher und glücklicher leben kann?

Heroismus und Schöpferkraft des russischen Volkes

Wenn die Baumeister einer neuen Gesellschaftsordnung in Rußland an die Lösung ihrer Aufgabe von Anfang an mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft, ja mit schier übermenschlicher Energie herangingen, so müssen sie ganz naturgemäß den starken Glauben an die Möglichkeit der Verwirklichung der marxistischen Lehre in sich getragen und in voller Oberzeugungstreue gehandelt haben. Wer heute einen Blick hinüber wirft nach dem Sowjetstaat Rußland und sich vergegenwärtigt, welch schwere Not auf dem Lande und seinen Bewohnern besonders während der Kriegs-, Revolutions- und Bürgerkriegsjahre lastete, der wird kein passendes Wort finden, womit der Heroismus und die Schöpferkraft des russischen Volkes ins rechte Licht gerückt werden können.

Ein schlimmes Erbe des Zarismus

Was fanden denn die Sieger der Oktoberrevolution vor, als sie die Staatsmacht erobert hatten? Die Hinterlassenschaft des Zarismus und der kurzlebigen Interimsregierung war ein in jeder Hinsicht zerrüttetes Land. Die Fabriken standen zum großen Teile still, die Transportmittel waren in der Mehrzahl unbrauchbar, die Hungersnot hatte sich ins Unerträgliche gesteigert, und zu alledem wurde auf jedem Gebiete der Wirtschaft die Sabotage der Anhänger der alten Staatsordnung fühlbar.

Feinde der Revolution

Die Sowjetregierung hatte von Anfang an mit zwei unerbittlichen Gegnern zu rechnen, die es ihr unmöglich machten, den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft Schritt für Schritt zu vollziehen. Die Diktatur des Proletariats sollte dabei als Brücke zum Übergang in den Kommunismus dienen. Die Schwierigkeiten und Hindernisse waren aber fürs erste groß, denn einerseits mußte sie sofort mit den konterrevolutionären Elementen im Innern des Landes den Kampf aufnehmen, anderseits drohten die Interventionen der imperialistischen Staaten den jungen proletarischen Staat zu vernichten.

Die imperialistische Räuberbande

Die Alliierten antworteten auf die Proklamierung der Sowjetmacht sogleich mit der Blockade. Die Friedensliebe der Soldaten, Arbeiter und Bauern Rußlands wurde vom deutschen Imperialismus benutzt, um die Unterzeichnung des Schmachfriedens von Brest-Litowsk zu erzwingen, und die Ukraine um so ungestörter ausräubern zu können. Noch bevor die Sowjets in den Provinzen ihre aufbauende Tätigkeit organisieren konnten, bevor die Bauern nur recht begriffen, daß jetzt die Zerstörung der Schlösser der Grundherren ein Ende habe und der Pflug wieder in die Hände genommen werden müsse, auch bevor die kriegsmüden Soldaten das Gewehr mit dem Hammer vertauschen konnten, trat die gesamte Konterrevolution auf den Plan, um der Welt zu beweisen, daß es unmöglich sei, einen Staatsaufbau nach proletarischen Grundsätzen betreiben zu können. Ein Verbrechen sei es, schrien sie im Chorus, das arme, gequälte Land immer tiefer in den Abgrund zu reißen. Dabei waren es gerade sie, die zum Mittel der Sabotage griffen, um den Ruin herbeizuführen. »Wir unterwerfen uns nicht dem Regime des Pöbels!« brüllten sie und entfachten mit militärischer Unterstützung der Imperialisten einen Brand, der über das Land fegte, richteten ein Blutbad an, das an Grausamkeit und Bestialität seinesgleichen sucht. Und das alles taten sie »im Namen der Gerechtigkeit«!

Eine neue Ordnung? Niemals!

Wie durften sich auch Proleten erkühnen, die Traditionen und Privilegien der Bevorrechteten anzutasten, wie konnten sie sich erdreisten, eine neue Gesellschaftsordnung schaffen zu wollen, in der den Menschen gleiche Rechte und Pflichten auferlegt sein sollten? Da war z.B. das Dekret von der Arbeitspflicht, wonach sie, die »Retter des Vaterlandes«, wenn sie essen wollten, auch arbeiten mußten. Das waren ja schöne Geschichten! Sie, die den Besitz von ihren Vätern ererbt hatten, sollten ihn nicht mehr nach Herzenswunsch genießen können? Zur Arbeit waren sie nicht geboren – dazu gab es ja genug Proleten! Eine neue Ordnung? »Wir brauchen keine, wir sind in der alten erzogen, die uns besser gefällt. Dort sind uns unsere Rechte garantiert. Und wo sich diese neue Ordnung breitmacht, dort werden wir sie behindern, zerstören, mit der Wurzel ausrotten. Verstanden!?«

Die Rache der Banditen

Zur Erreichung dieses ihres Zieles war den Konterrevolutionären jedes, auch das verwerflichste und schändlichste Mittel recht. Und sie ergriffen diese Mittel gegen die werktätige Bevölkerung in ausgiebigstem Maße, führten Legionen von Söldnern ins Feld, machten keinen Unterschied in den Nationalitäten, wie das sonst ihre Gewohnheit war. Jede Hilfe wurde begrüßt, ob Tschechen, Polen, Deutsche, Engländer oder Franzosen, – alle waren gut genug im Kampfe für die »Vaterlandsrettung« gegen den in den Kinderschuhen steckenden Staat der russischen Arbeiter und Bauern, gegen die Sieger der Oktoberrevolution. Auf diese Weise wurde die Entwicklung der jungen Sowjetrepublik gestört und gehemmt, dem russischen Volke der Existenzkampf erschwert.

Kampf um die Existenz der jungen Sowjetrepublik

Die Rote Garde, die als Miliz den friedlichen Ordnungsdienst im Staate versehen sollte, verwande1te sich schnell in eine Rote Armee. Ihr war die Aufgabe erwachsen, die Revolution, den proletarischen Staat zu schützen, den Gegner aufzureiben. In ihre Reihen strömten die Arbeiter und Bauern in Massen, nachdem sie am eigenen Leibe spürten, daß ihre Existenz, ihre Familie, ihr Leben bedroht war. Schweren Herzens trennten sie sich von der Scholle, die sie kaum erst betreten hatten in der Absicht, Fruchtbringende, segensreiche Arbeit zu verrichten. Sie griffen zur Waffe in dem Bewußtsein, daß ihnen der Bürgerkrieg aufgezwungen worden war von den Gegnern der neuen Staatsordnung. Sie zogen in diesen Krieg zur Verteidigung ihrer Menschenrechte. Und dieses Bewußtsein machte den Geist stark und hob die Widerstands, kraft der Roten Armee, so daß es ihr nicht nur zu Anfang des Bürgerkrieges, sondern in den harten Kämpfen und großen Entbehrungen der folgenden Jahre gelang, auf der ganzen Linie gegen einen weit überlegenen Feind standzuhalten und den Sieg an ihre Fahnen zu heften.

Die Konterrevolution sammelt ihre Kräfte

Die Fronten des Bürgerkrieges vermehrten sich rasch. Die Gegenrevolutionäre – die Weißen – sammelten ihre Kräfte und warfen sie in allen Teilen des Reiches in den Kampf. Das ganze Land erzitterte unter den Schlägen der Feinde. Immer wütender wurde das Blutvergießen, immer rasender die gegenseitige Vernichtung. Rot und Weiß bedeutete Schrecken für die einen wie für die andern. Wer noch unbeteiligt geblieben war, wurde in den Strudel gerissen. Ob schuldig oder unschuldig, ob Russe oder Landesfremder, ob friedliebender Bürger oder unwissender Bauer, – die Wellen des Bürgerkrieges schlugen über allen ohne Ausnahme zusammen und verschlangen Freunde und Feinde. Die Geschichte hielt Abrechnung mit den Menschen …

Die Siege der Roten Armee

Das Volk ächzte und stöhnte. Blutige Aufstände sowohl gegen die Weißen als auch gegen die Roten flammten auf, wurden niedergeschlagen, züngelten von neuem empor. Blutroter Nebel überlagerte die gequälte Erde, alle Geschöpfe hüllte er in seinen Schleier. Die Menschen erkannten einander nicht mehr und wußten nicht, daß sie Brüder waren … Mit schrecklichem, brüllendem Tosen brauste über die weiten Steppen Rußlands die rote Flut …

Finale

Quelle:

W.H. Braun: unter Zarenherrschaft und Sowjetstern. Erlebtes und Erschautes in Rußland und Sibirien während des Weltkriegs und der Revolution. Verlag Rudolf Köstenberger, Graz, 1930, S.158-162 und S.319. (Ausschnitt; Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

 

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8 Antworten zu „Unter Zarenherrschaft und Sowjetstern.“ (Ein Augenzeuge der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution berichtet)

  1. Pingback: „Unter Zarenherrschaft und Sowjetstern.“ (Ein Augenzeuge der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution berichtet) – – Sascha Iwanows Welt –

  2. Sascha Iwanow schreibt:

    Auf meinen Blog übernommen:
    – Sascha Iwanows Welt –
    https://saschasweltsicht.wordpress.com/

  3. Pingback: „Knute, Säbel und Blei“ – Aus der Zeit der Revolution. | Sascha's Welt

  4. ropri schreibt:

    Und diesen Zaren verehrt Putin, Er gedachte seiner während der Anfangszeremonie der Olympiade. Lenin jedoch und Stalin verschwieg er. – Das ist Putin, den viele so verehren.

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