Klaus Hesse: Zur Lage der Lohnabhängigen in Deutschland

Hesse LohnabhaengigeDer 200. Geburtstag von Karl Marx war gewiß Anlaß genug, sich noch einmal mit ihm und seinem Werk zu befassen. Daß da in bürgerlichen Zeitungen nicht viel mehr als ein paar dumme Sprüche zu erwarten waren, ist nicht verwunderlich. Der Bourgeoisie kann kaum daran gelegen sein, daß die Lohnabhängigen die Ursachen ihres sozialen Unwohlstandes erkennen. Und wenn da der Chefredakteur einer großen Tageszeitung nicht mehr von Marx gelernt hat als das folgende: „Fehlende Überzeugungskraft läßt sich nicht durch Gewalt und Erziehungslager ersetzen. An dieser Erkenntnis mangelte es Marx selbst und heute seinen ergebenen Jüngern.“ – dann zeugt das von einer geistigen Leere, die man wohl nur haben kann, wenn nicht über den eigenen Zeitungsrand hinwegzusehen vermag. Erkenntnis und Wissen ist zunächst immer mit Lernen und mit Studium verbunden, das ohne eigenes Nachdenken nicht einmal ansatzweise zur Wahrheit führt, geschweige denn zu Überzeugungen. Was will man also von jemandem erwarten, der von Marx nicht mehr gelesen hat als bestenfalls den Rückentitel seiner Bücher, und der den Auftrag hat gerade das, was Karl Marx zur Erkenntnis der gesellschaftlichen Lebensumstände beigetragen hat, seinen Lesern vorzuenthalten oder ins Lächerliche zu ziehen. Wie ist das nun mit den Lohnabhängigen? Gibt es heute eigentlich überhaupt noch ein Proletariat? Und wer gehört denn nun zur Arbeiterklasse? Ist Marx überholt? Bei weitem nicht! Darauf gibt der Autor Klaus Hesse in seinem neuesten Buch ausführlich Auskunft.

„Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird“

Quelle: K. Marx, F. Engels: Die heilige Familie, MEW Bd. 2, Berlin 1962, S. 38

Klaus Hesse schreibt (Seite 15):

In der Geschichte der Klassenkämpfe wurde immer wieder deutlich, daß eine Orientierung auf die Kriterien der objektiven Zugehörigkeit zur Arbeiterschaft allein keine hinreichende Grundlage für die Einschätzung der Ernsthaftigkeit der Entscheidung von Personen und/oder Personengruppen für die Sache der Arbeiterklasse sein kann. Das von Vorbehalten allerlei Art überwucherte Sprichwort vom Apfel, der ’nicht weit vom Stamme fällt‘ bestätigt sich in durchaus folgerichtiger Weise, wenn man – um im Bilde zu bleiben – man nachfragt, wie weit denn dieser Apfel rollt, wenn der Baum am Abgrund steht…

Das Leben der Lohnabhängigen

Und schließlich kann und darf auch nicht ignoriert oder ‚vergessen‘ werden, wie viele derer, die ihre Leben nur dadurch leben können, weil sie sich und ihre Familie durch lohnabhängige Arbeit ernähren müssen, unter diesen Umständen überhaupt die Zeit haben und also in der Lage sein können, sich so intensiv mit sozial-ökonomischen, politischen und ideologischen Konsequenzen ihres Lebens auseinander zu setzen, wie dies notwendig wäre, um sich die Voraussetzungen anzueignen, die sie in die Lage versetzen könnten, an diesen Auseinandersetzungen so aktiv teilzunehmen, wie dies notwendig wäre.

Treffende Worte

Aus der Kenntnis der damit verbundenen Probleme ging Lenin in diesem Zusammenhang auf Karl Kautskys „sehr treffende und wertvolle Worte“ vom Hineintragen ein:

„Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion wie etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die eine ebensowenig schaffen wie die andere; sie entstehen beide aus dem heutigen gesellschaftlichen Prozess. Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz’ (hervorgehoben von K. K.); ‚in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats hineintragen, wo die Verhältnisse es gestatten. Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes.“
Quelle: W.I. Lenin: Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, LW Bd. 5, Berlin 1959, S. 395

und weiter auf Seite 35:

1. Vorläufer und Anfänge

Die Beziehungen zwischen Lohnarbeit und Kapital bleiben unverständlich, wenn ihre Untersuchung erst mit der Herausbildung des Kapitals eingeleitet wird. Die Grundformen des Kapitals, des Handels- und des Wucherkapitals konnten nur und erst auf der Grundlage der zuvor über Jahrhunderte und Jahrtausende dauernden Geschichte der Ausbeutung der Arbeit entstehen. Dieser Prozess wurde in den vorangehenden Gesellschaftsformationen initiiert und fortschreitend intensiviert.

Frühformen der Ausbeutung

Was mit den Frühformen der Ausbeutung in der Auflösungsphase der urgesellschaftlichen Lebensformen, mit der Zwangsarbeit von Gefangenen eingeleitet und in den um Größenordnungen effektiveren Dimensionen der einfachen Kooperation der Arbeit von Sklaven in Bergwerken und auf Feldern fortgesetzt wurde, kam mit der Ausbeutung leibeigener Bauern, der Dienerschaft und der Handwerksgesellen auf das Niveau, wo die Abwicklung des Handels mit Waren zur Entstehung des Warenhandelskapitals und in dessen Folge zur Verselbständigung und zum wachsenden Einfluß und zur Verselbständigung des Geldhandelskapitals trieb.

und dann auf Seite 41/42:

„Es wird unser aller Geschichte
Nämlich nicht nur von Herren gemacht
Wir alle machen Geschichte
Und keiner schafft es allein:
Es können die Unterdrückten
Sich nur selbst und gemeinsam befrein! „

Quelle: H. Jestrabek: Der große Bauernkrieg 1525 in Ostwürttemberg, unter: http://jestrabek.homepage.t-online.de/1525.htm

Auch und gerade angesichts der historischen Bedeutung dieser frühbürgerlichen Revolution ist der abschließende Tenor dieses ‚Schlußliedes’ überaus aktuell… Im Unterschied zur derzeit herrschenden Art der Geschichtsschreibung, in der ein paar Sätze zum Bauernkrieg in einer nicht einmal durch Zwischentitel hervorgehobenen Passage unter der Überschrift ‚Die Krise des Reiches und die Entstehung evangelischer Territorialkirchen (1522-1533)’4 steht auch ein von Albrecht Dürer entworfenes Bild zu einem Denkmal für den Bauernkrieg. In einem Lehrbuch für darstellende Geometrie beschrieb er die Bauernkriegssäule folgendermaßen:

„Wer eine Siegessäule aufrichten will für den Sieg über die aufrührerischen Bauern, sollte sich folgender Elemente bedienen: eines rechteckigen Steins, der auf einer rechteckigen Platte steht. In den Ecken liegen gebunden Kühe, Schafe und Schweine. Auf dem oberen Stein stehen auf den vier Ecken Körbe mit Käse, Butter, Eier, Zwiebeln und Kräutern. Darauf setze einen Haferkasten mit Schloß und Deckel. Darauf stürze einen Kessel; auf dessen Boden sich ein Käsenapf befindet. Den decke mit einem Teller zu und stelle ein Butterfaß darauf. Mitten darauf setze einen Milchkrug, darin stehen vier Holzgabeln, darum binde man eine Garbe und hänge daran bäuerliches Werkzeug wie Schaufeln, Hacken, Mistgabeln, Dreschflegel und dergleichen. Obendrauf setze man einen Hühnerkorb, stürze darauf einen Schmalztopf und setze einen Bauern darauf, der von einem Schwert durchstochen ist.“

Quelle: Albrecht Dürer, Underweysung der messung, mit dem zirckel und richtscheyt in Linien ebnen unnd gantzen corporen, Nürnberg 1525, S. 93 f, nach: Albrecht Dürers Bauernkriegssäule, unter: https://www.klett.de/web/uploads/assets/be/bead4c8/Probeseite_1_424022.pdf

So wurde schon von Dürer die Geschichte verfälscht, während die aufständischenn Bauern sehr wohl erkannt hatten, wer ihre Unterdrücker waren…

♦  ♦  ♦

Auch wenn wir hier nur willkürlich einige Textstellen herausgreifen können – das Buch ist insgesamt eine sehr empfehlenswerte Lektüre für diejenigen Leser, die der Geschichte auf den Grund gehen wollen und sich nicht scheuen, ein so umfangreiches, dennoch aber locker und spannend geschriebenes Buch zu lesen. Zahlreiche Tabellen und Quellenhinweise untermauern die Aussagen. Klaus Hesse ist ein gründlicher Arbeiter, der nichts zu Papier bringt, was er nicht von mehreren Seiten auf seine Richtigkeit hin überprüft hat. (Bestelladresse im Buch!) Hier nun der vollständige Text als pdf-Datei:

pdfimage  Zur Lage der Lohnabhängigen 2

Hesse Zur Lage der Lohnabhängigen 1

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2 Antworten zu Klaus Hesse: Zur Lage der Lohnabhängigen in Deutschland

  1. Wolfgang Schumann schreibt:

    Naja mein Freund, haste gut gemacht, das Buch von Klaus Hesse ins Netz zu stellen. Ich habs teilweise schon gelesen. Alles Gute für Dich , mach bitte mal ein Angebot, wie, wo, wann wir uns treffen können. Wir wollens schon seit Jahren.

    Herzlichst Wolfgang

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