Der Arbeiter und der Klassenfeind. Eine frühe Erzählung von Aleksander Ścibor-Rylski

Aleksander Scibor-RylskiAleksander Ścibor-Rylski (1928-1983) war ein polnischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Während des Krieges nahm Ścibor-Rylski aktiv am Kampf gegen die faschistischen Okkupanten teil. Er wurde 1944 schwer verwundet. Nach dem Kriege studierte er in Warschau Polonistik und war als Journalist, vor allem in Bergbaurevieren, tätig. Aus den Er­lebnissen jener Zeit entstand die im Jahre 1947 spielende Erzählung „Der Abend bei Hanys Debiczek“. Mit seinem ersten Roman, Roman „Węgiel“ (Kohle, 1950) hatte der junge Autor einen hervorragenden Erfolg erzielt. Er erhielt dafür 1951 den Staatspreis für Literatur. Sein Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Später revidierte er allerdings seine durchaus richtigen Ansichten jener Zeit und stellte sich an die Seite derer, die den Sozialismus in Polen ablehnten. Das ist zwar bedauerlich, ändert aber nichts an der Richtigkeit seiner damaligen Wahrnehmungen. Hier nun zwei Auszüge aus der Erzählung, die unter dem Titel „Der Abend bei Hanys Debiczek“ 1955 in der DDR erschien:

Ein Journalist im Kohlerevier

Im Spätherbst des Jahres 1947 trug mir die Redaktion, für die ich arbeitete, auf, ein Interview mit dem Initiator des Arbeitswettbewerbes, dem Bergarbeiter Pstrowski, durchzuführen. Wenn ich damals reifer gewesen wäre, klüger und nicht so kindisch eingebildet, wenn ich mehr als nur ein Jahr journalistischer Erfahrung hinter mir gehabt hätte, dann würde sich mein Benehmen bei der ersten Begegnung mit Pstrowski sicherlich anders ausgenommen haben.

Unter Tage

Der graumelierte Obersteiger führte mich in den schwarzen Tunnel, in dem die Schüttelrinne lärmte und der Strom der Kohlebrocken donnerte. Mein Führer blieb auf der halben Länge des Stollenganges stehen, als wollte er von den in der Tiefe arbeitenden Bergleuten fernbleiben, und sagte: „Sie befinden sich, junger Mann, im achten Revier. Und dieser große Mensch mit der Picke, den Sie dort sehen, das ist der Kollege Pstrowski.

Der Bergmann

Pstrowski verriet weder Lust, seine Arbeit zu unterbrechen, noch einen Blick hinter sich zu werfen. Schon das ärgerte mich etwas, denn ich war überzeugt, er habe meine Ankunft bemerkt. In der Meinung, daß Aufsehenerregen die wertvollste Eigenschaft des Reporters sei, ging ich mit schnellen Schritten auf ihn zu und zog Notizbuch und Feder heraus. Ich berührte den Arm des Bergmannes und sagte schnell und laut, wie, ich das für richtig hielt: „Sind Sie Wincenty Pstrowski? Ich bin von der Presse. Ich bitte Sie um eine kleine Unterhaltung. Mich interessieren die Angelegenheiten des Arbeitswettbewerbes und die Bedingungen, unter denen er sich entfaltet. Seien Sie so gut und halten Sie mir die Lampe, ich werde schreiben. Zuerst…“

„Guten Tag“, sagte darauf Pstrowski, drehte sich um und streckte seinen langen Rücken. Er reichte mir seine große Hand, und ich wollte ihm meine Karbidlampe hineindrücken. Der Bergmann aber schob sie weg und sagte streng: „Aber nicht doch, ich wollte Sie begrüßen.“ Und als ich, den Mut schon verlierend, einen kurzen Händedruck mit ihm tauschte und meinen Namen hervorstotterte, neigte Pstrowski den Kopf und bat: „Verzeihen Sie, aber ich habe Sie nicht verstanden. Wie heißen Sie also?“ Dann setzte er lächelnd hinzu: „Man muß immer wissen, mit wem man spricht, nicht wahr?“

Ein mißglücktes Interview

Ich schaute ihn aufmerksam an – scharf und unwillig. Er war ein großer Mensch, sehr lang und blaß. Er hatte eine häßliche Nase und einen häßlichen Mund. Aber das wußte ich schließlich vom Foto her. Als wir uns gegenüberstanden, sah ich nur seine Augen. Plötzlich wurde mir klar, daß mein Herabziehen der Brauen und das bedeutungsvolle Festdrehen der Feder nichts nutzte, Pstrowski war kein Mensch, vor dem man angeben konnte. Ich sagte etwas leiser, zerstreut, mit den Schultern zuckend: „Na, wie denn? Eigentlich …“
„Jetzt nicht, Kollege von der Zeitung. Wenn Sie zuschauen wollen, bitte, setzen Sie sich. Nur nicht auf die Kohle, die Kohle ist kalt. Aber unterhalten kann man sich hier nicht. Hier wird gearbeitet.“
„Es würde nicht viel Zeit in Anspruch nehmen … Zehn Minuten …“
„Zuwenig“, sagte der Betgmann.
„Zuwenig?“
„Zehn Minuten reichen nicht aus“, klärte er mich kurz, ungeduldig und rauh auf. Er schaute mich dabei an, wie ein Schneider sich ein Stück Stoff ansieht, bevor er die Schere benutzt. Dann machte er sich wortlos an seine Kohle. …


Ein Gespräch bei Debiczek

Debiczek sah wie ein armer Säufer aus, der die Nacht im Rinnstein verbracht hat, und, verfroren, am Morgen eine warme Ecke finden möchte. Er zuckte mit den Schultern. Ich glaube aber, daß er an nichts Bestimmtes dachte. Als Debiczek endlich Gläser auf den Tisch stellte, empfand ich eine Erleichterung. Ich verstand! Ich winkte Pstrowski zu und begann, halb vom Stuhl erhoben, zu sprechen:

„Wer in Polen den Sozialismus aufbauen will, dann zahlen die Grafen Rétard und die Fürsten Pleß ihren Janczuks, damit sie töten. Wen sollen sie töten? Die, die am meisten gebraucht werden. Stört so ein Mensch, der der Initiator des Arbeitswettbewerbs ist, die Fürsten Pleß? Er stört sie. Er stört sie sehr. Wann kann man einen Menschen am leichtesten umbringen? Dann, wenn man einen Wagen mit Kohle über den Bremsberg auf ihn losläßt, wo es keinen Ausweg und, keine Rettung gibt. Reißen sich die Wagen von alleine los? Sicherlich geschieht das auch. Darf man auf dem Bremsberg gehen? Man darf nicht. Also geschieht Kudryczka nichts. Ja?“
„Nein“, sagte Pstrowski.

Ich wurde verlegen. Erst in diesem Moment wurde es mir bewußt, daß Kudryczka, da ja Pstrowski vor mir saß, aus irgendwelchen Gründen seinen Plan nicht hatte ausführen können. Pstrowski sagte: „Nein, denn der Klassenfeind, der töten soll, befindet sich nicht in einer Wüste. Meistenteils sind Menschen um ihn herum. Und wenn nur ein Debiczek. Alles hängt davon ab, was der Debiczek in solch einem Moment tut. Irgendein Debiczek, mag er heißen, wie er will, ob er mein Kamerad war oder nicht. Na und eben Debiczek rief uns nach oben. Erinnern Sie sich? Er ist ein Säufer. Er mag den Arbeitswettbewerb in Volkspolen nicht, aber er läßt es nicht zu, daß man in seiner Nähe andere Menschen der Arbeit umbringt.“

Quelle: Aleksander Ścibor-Rylski. „Der Abend bei Hanys Debiczek“. In Polen erzählt. Ein Einblick in die polnische Literatur, Volk und Wissen, Volkseigener Verlag Berlin, 1953, S.206/215 (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Hier der gesamte Text zum Herunterladen:

pdfimage  Scibor-Rylski: Ein Abend bei Hanys Debiczek

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