F.W. Nietzsche – genialer Philosoph oder geistesverwirrter Fanatiker?

Nietzsche

F.W. Nietzsche (1844-1900)

Wie irreführend geistige Orientierungen sein können, merkt man vor allem dann, wenn heute bedenkenlos Gedanken und Ansichten reaktionärer bürgerlicher Philosophen übernommen und zitiert werden, ohne jemals deren Klassenstandpunkt zu hinterfragen. Doch man muß, wie Lenin schon sagte, zweierlei voneinander unterscheiden: „bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht.“ [1] Einer dieser Philosophen, dessen irrationale Theorien vor allem bei den Nazis im faschistischen Deutschland hohen Anklang fanden, ist der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche. Nicht allein deshalb war Nietzsche völlig zurecht in der DDR verachtet. Warum auch hätte man seine sozialismusfeindlichen Ideen bei uns diskutieren sollen!

Über ihn schrieb der Dichter und spätere Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher:

„Unsummen deutschen Leides, unzählige Opfer wären uns erspart geblieben, hätten wir früher erkannt, was zu erkennen war. Und hätten wir es von uns selbst aus nicht erkannt, so wäre von unseren Feinden zu erfahren gewesen, wer zu wem gehört, wer zusammengehört. Der Vernunftzerstörer und Volksverächter, der fanatische Menschheits- und Freiheitsfeind Friedrich Nietzsche hat drei Mächten seine Todfeindschaft angesagt: der Demokratie, dem Sozialismus und dem Christentum … Demokratie, Sozialismus und Christentum, das waren auch die Mächte, deren Verfolgung sich Hitler am dringendsten angelegen sein ließ.“ [2]

Im Abriß der Geschichte der Philosophie wird das Werk Nietzsches beschrieben:


Die Lebensphilosophie

Reaktionäre bürgerliche Theorien im Blickpunkt

Neben dem Neukantianismus und Positivismus breitete sich in der bürgerlichen Philosophie im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts immer mehr eine irrationale Strömung aus, deren ideeller Ursprung vor allem in der Philosophie Schopenhauers zu suchen ist. Großen Erfolg hatte während dieser Zeit in den Kreisen der reaktionären, besonders der deutschen Bourgeoisie die pessimistische Philosophie E. v. Hartmanns (1842-1906), der Gedanken Schopenhauers verarbeitete und ein den Willen und die Vorstellung einschließendes unbewußtes Prinzip zur geistigen Grundlage alles Existierenden machte. Zur gleichen Zeit entstand eine einflußreiche Strömung unter der Bezeichnung Lebensphilosophie. Ihre Begründer waren F. Nietzsche und W. Dilthey in Deutschland sowie H. Bergson in Frankreich.

Irrationale Ansichten

Die Lebensphilosophie trägt einige positivistische Züge, unterscheidet sich jedoch vom Positivismus vor allem durch ihren herausfordernden Irrationalismus, der nicht nur darin zum Ausdruck kommt, daß er den Erkenntniswert des Verstandes mit seinen logischen Formen und Kategorien verneint, sondern auch darin, daß die Welt des Menschen und seine Geschichte ihrem Wesen nach als irrational aufgefaßt werden. Zweitens unterscheidet sich die Lebensphilosophie dadurch vom Positivismus, daß sie ihr Augenmerk vorwiegend auf Fragen der Geschichte, des gesellschaftlichen Lebens und der Kultur konzentriert und eine Weltanschauung sein will, die im Gegensatz zur wissenschaftlichen materialistischen Philosophie steht. Wenn die Positivisten weltanschauliche Grundfragen als „Metaphysik“ ablehnen, so werden von den Lebensphilosophen gerade solche weltanschaulichen Probleme wie die „ewigen Fragen“ über den Sinn des Lebens und der Geschichte in den Vordergrund gerückt.

Wider jegliche Vernunft und Wissenschaft

Im Gegensatz zu Neukantianern und Machisten [3] standen die Vertreter der Lebensphilosophie in der Regel außerhalb der akademischen Kreise, und ihre Lehre bildete lange Zeit hindurch eine Opposition zu den offiziellen Schulen der Kathederphilosophie. Sie warfen den Neukantianern und Positivisten abstrakten Formalismus vor: Sie vergäßen die Bedürfnisse des Lebens und der Praxis, entstellten die Natur des Menschen und verwandelten ihn in ein trockenes Verstandeswesen. Hinter den Angriffen der Lebensphilosophen auf den Positivismus verbarg sich ein Aufbegehren gegen Vernunft und Wissenschaft überhaupt. Ihre falsche Alternative „Vernunft oder Leben“ wurde zugunsten einer irrationalistischen Interpretation des „Lebens“ entschieden, die die wissenschaftliche Erkenntnis offen oder versteckt ablehnte, dafür aber den angeblich unvernünftigen Willen, den Instinkt, Ausbrüche des Unbewußten und die irrationale Intuition in den Vordergrund stellte.

Sozialismusfeindliche Positionen

Ihrem gesellschaftlichen Charakter nach war die Lebensphilosophie Ausdruck der Interessen und Stimmungen der reaktionären Kreise der imperialistischen Bourgeoisie und der preußischen Junker. F.W. Nietzsches (1844-1900) „Philosophie“ entstand als Reaktion auf die Pariser Kommune, auf die Ausbreitung sozialistischer Ideen und den Sieg des Marxismus in der Arbeiterbewegung sowie auf die zunehmende Organisiertheit der Arbeiterklasse. Sie fand den größten Widerhall bei den aggressivsten Schichten der deutschen Bourgeoisie und der Junker. Nietzsches Lehre ist inkonsequent und in sich widersprüchlich, doch trotz des mangelnden logischen Zusammenhangs bildet sie ihrem Ziel, ihrem Geist und ihrer Tendenz nach eine Einheit. Sie ist von der Angst vor dem kommenden Sozialismus, vom Haß gegen das Volk und von dem Bestreben durchdrungen, den unvermeidlichen Untergang der bürgerlichen Gesellschaft abzuwenden.

Bürgerliche Dekadenz und Pessimismus

Ihr Ausgangspunkt besteht in dem Eingeständnis, das Leben des modernen Europas verlaufe in Widersprüchen von erschreckender Intensität und neige sich dem Verfall zu. Dessen Merkmale und Symptome sieht Nietzsche in einem allgemeinen Verfall des geistigen Lebens, in der Ausbreitung von Pessimismus, der epidemischen Begeisterung für dekadente Ideen, im Verlust des Glaubens an ehemals anerkannte Werte, kurz, in einem zum Kennzeichen des Jahrhunderts gewordenen Nihilismus. Nietzsche will diesen Nihilismus überwinden und seiner Klasse eine neue, optimistische Lehre vermitteln. Pessimismus und Nihilismus, von denen ein bedeutender Teil der bürgerlichen Intelligenz am Ende des 19. Jahrhunderts erfaßt wurde, waren jedoch letzten Endes der Ausdruck dafür, daß die Illusion von einer ruhigen und harmonischen Entwicklung des Kapitalismus durch das revolutionäre Auftreten des Proletariats zerstört worden war. Neue, in Verbindung mit den Anzeichen für die beginnende Epoche des Imperialismus entstandene Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch und gaben keinen Anlaß zum Optimismus für die bürgerliche Klasse. So war die Philosophie Nietzsches, die den Anspruch erhob, die Dekadenz zu überwinden und der herrschenden Klasse neuen Glauben zu vermitteln, selbst nur ein Ausdruck des Verfalls.

Nietzsche – ein Ideologe der Bourgeoisie

Natürlich kann und will Nietzsche nicht den geistigen Aufschwung sehen, der sich im geistigen und kulturellen Leben im Zusammenhang mit dem Erstarken des Proletariats, der Formierung seines Klassenbewußtseins und der Festigung des Marxismus als seiner wissenschaftlichen Weltanschauung abzeichnete. Für Nietzsche als Ideologen der reaktionären Bourgeoisie existiert nur die bürgerliche Kultur, deren Verfall von ihm als Verlust allgemeinmenschlicher Werte und als drohender Untergang der gesamten Kultur überhaupt aufgefaßt und dargestellt wird. Der Lehre Nietzsches liegt Skeptizismus und biologischer Voluntarismus zugrunde. Nietzsche interpretiert die Lehre Schopenhauers von der kosmischen Bedeutung des Willens in den Termini des zu jener Zeit modernen Biologismus. der auch bei den Machisten zu finden war. Er entwickelte eine „biologisch-ökonomische“ Erkenntnistheorie, deren Relativismus jedoch von ihm bis zum äußersten, bis zu einer Umwandlung in irrationalistischen Funktionalismus getrieben wurde. In seiner Lehre vereinigten sich die reaktionären Tendenzen der subjektiv-idealistischen Philosophie im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.

Verschwommene Begriffe

Zentraler Begriff in der „Philosophie“ Nietzsches ist das „Leben“. Dieser Begriff ist in der Lebensphilosophie ebenso verschwommen und unbestimmt wie der Begriff „Erfahrung“ im Machismus. Als Leben werden bald biologische Erscheinungen, bald das gesellschaftliche Leben und bald das subjektive Erleben aufgefaßt. Die verschiedenen Bedeutungen dieses Begriffs werden ständig gewechselt. Dadurch wird es nicht nur möglich, vom Standpunkt des offen subjektiven Idealismus auf die Position einer scheinbaren Objektivität überzuwechseln, sondern auch Anspruch darauf zu erheben, die Einseitigkeit von Materialismus und Idealismus zu überwinden, Bei Nietzsche wird das „Leben“ und sein Träger, der Organismus, als eine neutrale „dritte Realität“ angesehen. die weder materiell noch ideell sein soll.

Eine irrsinnige Vorstellung

Grundlage des Lebens ist nach Nietzsche der Wille. Das Leben ist Erscheinung und Objektivierung des Willens, jedoch nicht eines abstrakten Weltwillens wie bei Schopenhauer, sondern eines konkreten bestimmten Willens, nämlich des „Willens zur Macht“, „Leben ist Wille zur Macht“, wobei dieser „Wille zur Macht“ von Nietzsche vor allem als instinktives, irrationales Prinzip aufgefaßt wird, dem die Gedanken, Gefühle und Handlungen des Menschen untergeordnet seien. Der Mensch wird als irrationales Wesen dargestellt, das nach Instinkten und unbewußten Impulsen lebt. Dem „Willen zur Macht“ verleiht Nietzsche jedoch eine über die Grenzen des Lebens hinausgehende Bedeutung. Er betrachtet ihn als kosmisches Prinzip, als Grundlage und Triebkraft des Weltprozesses.

Der Mensch als „aggressives Subjekt“

Auf Schopenhauer zurückgreifend, versucht er, dessen irrationalistischen Voluntarismus und die daraus folgende Passivität (und den Pessimismus) zu paralysieren, indem er ihn mit aggressivem Handeln des Subjekts verbindet. Der Verstand wird durch Instinkt und Intuition ersetzt. Jene Philosophen würden der Zukunft die Gesetze vorschreiben, deren Wissen auf die aristokratische Intuition und eine Denkweise gegründet sei, welche Sklaverei und andere Formen der Abhängigkeit als notwendige Voraussetzungen der höheren Kultur anerkennt. ,,Die eigentlichen Philosophen … sind Befehlende und Gesetzgeber“. Ihr „Erkennen“ ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist – Wille zur Macht.“ 1[1]

Die Sinnlosigkeit der Welt

Als Gegengewicht zur wissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung entwickelt Nietzsche ein mystisch-irrationalistisches Phantasiegebilde. Er stellt die ganze Welt als ein tosendes Meer von Energie, als „Werden“ dar, das den Kampf von „Kraftzentren“ bzw. ,,Willenspunktuationen“, die ständig ihre Macht vergrößern oder verlieren, zum Inhalt hat. Die Welt sei das ständige Werden ohne Anfang und ohne Ende. Dieses Werden führe zu nichts Beständigem, ordne sich keinerlei Gesetzen unter und verlaufe ohne Richtung und Ziel. Es sei ein sinnloses Chaos, ein Spiel der Kräfte, die aus dem Nichtsein auftauchen und in ihm untergehen, ein „Prozeß, der nirgends hinführt“.

Das „Durcheinander der Gefühlseindrücke“

Nietzsche behauptet, die entstehende Welt sei nicht erkennbar; daher sei unser Erkenntnisapparat, der sich im Verlauf der Evolution herausgebildet hat, nicht zur Erkenntnis bestimmt, sondern diene der Beherrschung der Dinge für das biologische überleben und der Festigung des Willens zur Macht. Die Notwendigkeit der Orientierung im „Durcheinander der Gefühlseindrücke“ und der Voraussicht ihres Verlaufes zwinge uns dazu, in der Welt Beständigkeit zu suchen und sie in feste Formen zu kleiden. Aber gerade deshalb, weil die Welt absolutes Werden und Verändern sei, müsse jede Interpretation, die ja Bestimmtheit und Stetigkeit voraussetze, grundsätzlich falsch sein.

Wissenschaftsfeindlichkeit

Nietzsche führt den Agnostizismus der Positivisten und des subjektiven Idealismus zu Ende, indem er behauptet, daß alle wissenschaftlichen Begriffe, deren wir uns zur Erklärung der Welt bedienen, von uns hervorgebrachte Fiktionen seien. Es gebe weder Substanz noch Ding, weder Materie noch Bewußtsein. Alle diese Erfindungen und Fiktionen besäßen keine objektive Bedeutung.

Die gesamte uns verständliche Welt baue sich auf solchen Fiktionen auf; deshalb sei es vergebliche Mühe, die „wahre Welt“ oder das „Ding an sich“ zu suchen; es gebe keine objektiven Fakten, sondern nur Interpretationen. Das von der Wissenschaft als Wahrheit Bezeichnete sei lediglich eine biologisch nützliche Form des Irrtums, das heißt in Wirklichkeit nicht Wahrheit, sondern Unwahrheit. Daher sei auch die Welt, sofern sie irgendeine Bedeutung für uns hat, unwahr. Sie sei eine sich ständig verändernde Unwahrheit, die sich niemals der Wahrheit nähere. Dabei erklärt Nietzsche die Welt nicht nur für unwahr; es ist sogar so, daß Wissenschaft und Logik bei ihm geradezu ein System „prinzipieller Fälschungen“ bilden, wobei allerdings die Unwahrheit notwendige Bedingung für das Leben sei. Er „beweist“ das mit der Behauptung, daß unser menschliches Leben wie überhaupt die Existenz der Erde selbst sinnlos seien. Zur Aufrechterhaltung „des Lebens in einer sinnlosen Welt“ seien daher Illusionen und Selbstbetrug erforderlich. Den Schwachen dienten sie als Trost; sie gestatteten ihnen, die Last des Lebens zu ertragen. Für die Starken seien sie Mittel zur Bestärkung des Willens zur Macht.

Die sinnlose „Lehre vom Weltprozeß“

Im Widerspruch zu dieser Grundhaltung versucht Nietzsche indessen, eine Lehre vom Weltprozeß zu entwickeln. Natürlich gibt er dabei zu, daß diese Lehre nichts weiter als eine der „unzähligen Interpretationen“ darstellt, deren Vorzug lediglich darin liegt, daß sie die Möglichkeit vermittelt, die „Sinnlosigkeit dessen, was vor sich geht“, besser zu ertragen. Das bedeutet, daß der Verfall der bürgerlichen Philosophie bei Nietzsche bis zur offenen Mythologisierung der philosophischen Aufgaben geführt hat. Eine Lehre, deren gnoseologische Voraussetzungen als unwahr angenommen werden sollen und die im Geiste der bewußten Unwahrheit entwickelt wird, ist nichts anderes als ein Mythos. Wie Nietzsche selbst zugibt, trägt in seiner Philosophie vor allem die Lehre vom „Willen zur Macht“ als Grundlage des Weltprozesses mythischen Charakter.

Mythos von der „ewigen Wiederkehr“

Auch die Idee der „ewigen Wiederkehr“, der Nietzsche große Bedeutung beimißt, ist als Mythos anzusehen. Das sinnlose Chaos des Werdens bringe eine große, aber immerhin endliche Zahl von Kombinationen hervor, die sich über einen gewaltigen Zeitraum hinweg von neuem wiederholen. Alles, was heute vor sich gehe, fand viele Male bereits früher statt und werde sich, auch künftig wiederholen. Auf sozialethischem Gebiet ist für Nietzsche die Legende von der „ewigen Wiederkehr“ letzte Zuflucht. Hier versucht er, dem Pessimismus und dein Bewußtsein der Sinnlosigkeit und der allgemeinen Unbeständigkeit auszuweichen. Diese Lehre ist das einzige stabile Moment, das er in der verfallenden Welt zu finden vermag. Wenn sich alles wiederholt, muß es letztlich so bleiben, wie es ist und wie es immer war. Schließlich ist die „ewige Wiederkehr“ das Surrogat für die von Nietzsche abgelehnte göttliche Vorsehung, ohne die er trotz seiner antireligiösen Einstellung nicht auskommen konnte und die er durch eine nicht minder mystische Idee ersetzen mußte.

Wie Nietzsche die Katastrophe verhindern will…

Nietzsche, der den unvermeidlichen Untergang des Kapitalismus ahnte, konnte der bestehenden Gesellschaft nur dadurch „den Stempel der Ewigkeit aufprägen“, daß er zu diesem Mythos der ewigen Wiederkehr des Gleichen, zur Vergangenheit seine Zuflucht nahm. Die Philosophie Nietzsches enthält praktische Rezepte, wie die für die bürgerliche Gesellschaft zu erwartende Katastrophe zu verhindern sei. Er empfindet die drohende Gefahr sehr deutlich. Als Ideologe der Ausbeuterklasse ist er jedoch unfähig, die objektiven Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Erscheinungen zu erkennen, und versucht, sie von der Idealistischen Position her zu erklären.

Die Herren und die Sklaven

Das ganze Unheil der modernen Gesellschaft besteht nach Nietzsche darin, daß die meisten Menschen die christliche Religion der Gleichheit vor Gott angenommen haben und nun Gleichheit auf der Erde fordern. Nietzsche stellt dem Gedanken der sozialen Gleichheit den Mythos der natürlichen, schicksalhaft gegebenen Ungleichheit der Menschen gegenüber. Wie Nietzsche behauptet, gibt es eine zum Befehlen berufene Herrenrasse und eine zum Dienen verurteilte Rasse von Sklaven; wie bisher werde die Gesellschaft stets aus einer herrschenden Aristokratenschicht und einer rechtlosen Masse von Sklaven bestehen.

Nietzsche fordert die „Umwertung aller Werte“. Er ruft die herrschenden Klassen auf, sich von allen liberalen Ansichten, demokratischen Traditionen, Moralnormen und religiösen Glaubensbekenntnissen frei zu machen, das heißt von allen politischen und geistigen Werten, die entweder einer Anerkennung der Rechte der Werktätigen entspringen oder als Rechtfertigung ihres Kampfes für diese Rechte dienen können. Er fordert die Wiederherstellung der Sklaverei, eine hierarchische Gesellschaftsstruktur und die Züchtung einer neuen Herrenkaste, deren „Wille zur Macht“ gefestigt werden müsse. Voraussetzung für ihre Herrschaft sei der Verzicht auf die christliche Moral als einer „Sklavenmoral“ und die Anerkennung einer „Herrenmoral“, die kein Mitgefühl oder Mitleid kenne und nach der dem Starken alles gestattet sei. Große Bedeutung bei der Verwirklichung dieses Ideals mißt Nietzsche dem Kriegskult bei, da der Krieg die Bestimmung jedes Vertreters der höheren Rasse und Voraussetzung seines Herrentums sei.

Der „Übermensch“

In seinem Buch „Also sprach Zarathustra“ ist Nietzsches Ideal der Herrenkaste in der Gestalt des „Übermenschen“ verkörpert, und zwar im Glanze eines poetisch verklärenden Mythos. Nietzsche bemüht sich, ihn mit höchster Vollkommenheit und Tapferkeit auszustatten. In seinen folgenden Werken fällt jedoch die poetische Maske dieses Ideals, und der „Übermensch“ zeigt sich in· seiner wirklichen Gestalt. Er entpuppt sich als „blonde Bestie“, als neuer Barbar, als ein mit den Instinkten eines wilden Tieres ausgestattetes Wesen. Nach Nietzsche soll es gerade die „blonde Bestie“ sein, die den Kapitalismus rettet.

„Philosophie“ und Ethik eines Irren

Die hier aufgezeigten Gedanken bilden den Kern der Gesamtlehre Nietzsches. Fiktionalismus und Voluntarismus, Wissenschaft und Moral als Illusion und Lüge, ungezügelter Wille zur Macht bilden das Hauptfundament dieser „Philosophie“. Die ethische Lehre ist mit der politischen Konzeption in der Philosophie Nietzsches untrennbar verbunden. Nietzsche ging von den in der vorimperialistischen Epoche vorhandenen philosophischen und soziologischen Ideen aus und entwickelte sie bis zu ihren extremen Konsequenzen. Die Zeitgenossen Nietzsches, die den liberalen und wissenschaftlichen Traditionen die Treue halten wollten, waren daher häufig über diese Ansichten schockiert und distanzierten sich von ihnen. Indessen enthielten diese Ansichten lediglich die Quintessenz ihrer eigenen Ideen.

Ein zweifelhafter Ruhm

Etwas später, in der Periode des Imperialismus, gelangte Nietzsche in der bürgerlichen Gesellschaft zu Ruhm und Anerkennung. Viele bürgerliche Philosophen machten sich von nun an die Gedanken Nietzsches zu eigen. James und Schiller, Spengler und Ortega y Gasset, Heidegger und viele andere beriefen sich auf ihn. Die Philosophie Nietzsches wurde zur wichtigsten Ideenquelle für die Ideologen des Faschismus: ihre Grundgedanken fanden in den faschistischen Ideen Eingang. Heute werden in Westdeutschland, den USA und anderen Ländern vielfache Anstrengungen unternommen, Nietzsche zu rehabilitieren, seine Persönlichkeit hervorzuheben und seine Ideen neu erstehen zu lassen.

Apologeten der kapitalistischen Gesellschaft

Somit werden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Vertreter der bürgerlichen Philosophie, die sich von den progressiven materialistischen und dialektischen Traditionen des 17. bis 19. Jahrhunderts lossagen, immer mehr zu offenen Apologeten der kapitalistischen Gesellschaft, deren antagonistische Widersprüche bereits deutlich sichtbar sind. Positivistische, das heißt agnostizistische und idealistische Interpretation der wissenschaftlichen Erkenntnis, irrationalistische Ablehnung einer Gesetzmäßigkeit in Natur und Gesellschaft, Verzicht auf die Ideen der bürgerlichen Aufklärung und des Humanismus, Reduzierung des gesellschaftlichen Lebens und des Erkenntnisprozesses auf biologische Prozesse sind anschaulicher Beweis dafür, daß die bürgerliche Philosophie bereits in die Periode ihrer Zersetzung eingetreten ist.

Quelle:
Abriß der Geschichte der Philosophie, Dietz Verlag GmbH, Berlin, 1966, S. 441-447. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Anmerkungen:
[1] W.I. Lenin: Was tun? In: W.I. Lenin: Werke, Dietz Verlag Berlin, Bd.5, S.396.
Das vollständige Zitat lautet: „…bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht (denn eine „dritte“ Ideologie hat die Menschheit nicht geschaffen, wie es überhaupt in einer Gesellschaft, die von Klassengegensätzen zerfleischt wird, niemals eine außerhalb der Klassen oder über den Klassen stehende Ideologie geben kann). Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine Stärkung der bürgerlichen Ideologie.“
[2] Johannes R. Becher: Deutsches Bekenntnis. In: Johannes R. Becher: Bemühungen, Reden und Aufsätze, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1971, S.388f.
[3] Neukantianer und Machisten: Anhänger idealistischer philosophischer Anschauungen, die zurückgehen auf Immanuel Kant und Ernst Mach.

NietzscheWB

Quelle: Jugendlexiskon Philosophie, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1987, S.135.

Siehe auch:
Was nützt mir Philosophie?

Die Krise der bürgerlichen Philosophie
Friedrich Engels: Über die Bedeutung der marxistischen Philosophie

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