H.H. Holz: Perspektiven des Marxismus-Leninismus

Holz

Der Philosoph Hans Heinz Holz (1927-2011)

Es gibt nicht wenige Leute, die vom Marxismus keine blasse Ahnung haben. Sie wiederholen nur, was man ihnen erklärt hat – nämlich: daß der Sozialismus aufgrund seiner wirtschaftlichen Ineffizienz gescheitert sei. Sie halten die „Demokratie“ für die beste aller Gesellschaftsformen und wollen nichts anderes als ihre „Freiheit“. Daß es aber seit dem Untergang der DDR und der anderen sozialistischen Staaten (den sog. Ostblockstaaten) in der Welt mehr Kriege gegeben hat als je zuvor, scheint sie kaum zu stören. Und daß die Umwelt in einem bisher nie gekannten Ausmaß verschmutzt ist, läßt sie bestenfalls zu der Auffassung kommen, daß die Politik hier nun endlich handeln müsse. Wer sich hingegen ernsthaft mit der Frage nach einer gesellschaftlichen Alternative befaßt, einen Ausweg aus den sich häufenden Problemen der Gegenwart sucht, der kommt nicht umhin, sich mit dem Marxismus-Leninismus zu beschäftigen. In seinem Aufsatz über die philosophisch-politischen Perspektiven hat Hans Heinz Holz Wege aufgezeigt, wie wir aus dieser gedanklichen Sackgasse herauskommen können.

Warum ist der Marxismus dafür geeignet?

Zunächst ist festzustellen, daß sich auch innerhalb der kommunistischen Bewegung eine gewisse Verzweiflung breit gemacht hat. Die Niederlage des Sozialismus wird auf ganz unterschiedliche Weise verarbeitet oder einfach nur zur Kenntnis genommen. Den verbliebenen Marxisten ist es  nach nunmehr fast 30 Jahren seit der sogenannten „Wende“ immer noch nicht gelungen ist, einen akzeptablen Weg in eine neue Gesellschaft aufzuzeigen, der – um ein Wort von Marx zu gebrauchen – die Massen auch ergreift. Und dabei sind die theoretischen Voraussetzungen dafür doch gar nicht mal so schlecht.  Hans Heinz Holz nennt hier einige Grundzüge:

  1. Der Marxismus bietet ein rationales Erklärungsmodell geschichtlicher Prozesse.
  2. Er liefert ein universelles Konstruktionsprinzip des Gesamtzusammenhangs.
  3. Er entwirft den Grundriß einer humanen Gesellschaftsordnung.
  4. Er bringt die Probleme unserer Zeit auf den Begriff.
  5. Er stellt eine politische Handlungsanleitung zurVerfügung.

Das sind, kurz gesagt, die wesentlichen Stärken der marxistischen Philosophie.

Wo liegen die Fehler der Kommunisten?

Selbstverständlich hat die Niederlage des Sozialismus in erster Linie ökonomische Gründe. Doch es gibt auch eine Reihe fundamentaler theoretischer Fehler, die von den Kommunisten begangen wurden und die dazu führten, daß es in den sozialistischen Ländern zu einer Stagnation und schließlich zu einer Niederlage kam. Aus der richtigen Theorie von der allgemeinen Krise des Kapitalismus seien die falschen Schlußfolgerungen gezogen worden, nämlich:

  •  man habe den Kapitalismus unterschätzt und geglaubt, die Auswirkungen seiner inneren Widersprüche und Krisen würden gewissermaßen von selbst zu seinem Niedergang führen, andererseits habe man aber das eigene Potential des sozialistischen Gesellschaft überschätzt.
  • man habe eine Fehleinschätzung der Epoche als die des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus getroffen sowie die inneren Probleme und strukturellen Widersprüche des Sozialismus unterschätzt.

(Daß es auch noch andere Gründe für die Niederlage des Sozialismus gab, hat Genosse Kurt Gossweiler ausführlich dargelegt. Siehe: War der Untergang des Sozialismus unvermeidlich?)

Wie ist das mit der Hegemonie des Proletariats?

Eine wirksame Art der Herrschaftsdurchsetzung verlangt (nach H.H. Holz) die Sicherung der bestehenden Produktionsverhältnisse (Eigentumsgarantie), die Fixierung der (sozialen wie technischen) Arbeitsverhältnisse, der Verkehrsform, der Familienstruktur, der Erziehung und des Wissenschaftsbetriebes. Und H.H. Holz erklärt: „Die Dominanz der herrschenden Klasse besteht darin, daß sie wesentliche Züge ihrer Weltanschauung auch den Beherrschten … konsensfähig zu machen vermag…“  Das ist auch soweit klar! Doch wieso (so fragt hier H.H. Holz) kam es schließlich zu einem Versagen der Hegemonie des Proletariats, insbesondere auf theoretischem Gebiet? Warum hat die Aufklärung bisher nicht funktioniert?

Warum konnte das Proletariat seine Hegemonie nicht behaupten?

Hierzu gibt H.H. Holz die folgende Erklärung:

Das bürgerliche Konzept der weltanschaulichen Aufklärung, wie es von fortschrittlichen Intellektuellen in den sechziger und siebziger Jahren als politische Strategie der Systemveränderung vertreten wurde, ist aus klassenstrukturellen Gründen falsch und darum auch, trotz zeitweilig starker Repräsentanz dieser fortschrittlichen Gruppen im Bildungswesen und in den Massenmedien, notwendigerweise (man kann nicht einmal sagen gescheitert, sondern einfach) folgenlos geblieben.
Dies sollte man deutlich sehen – gerade dann, wenn nach dem Scheitern des ersten Versuchs, eine sozialistische Gesellschaft in einem Teil der Welt aufzubauen, die Frage nach einer Strategie für die Zukunft des Sozialismus zu stellen ist. Die Zielstrebigkeit und Brutalität, mit der heute alle Daseinsformen und Institutionen des kulturellen Lebens in den ehemals sozialistischen Ländern zerschlagen werden, um sie in den ideologischen Apparat der bürgerlichen Gesellschaft aufsaugen zu können, läßt keinen Zweifel an der weltanschaulichen Kompromißlosigkeit und Unversöhnlichkeit der Bourgeoisie; die abwägende und wohlwollende Einstellung von einzelnen ändert daran nicht viel. Wissenschaftliche Weltanschauung schließt zu einem wesentlichen und unverzichtbaren Teil auch politisches Handeln ein, das sich die Gestaltbarkeit der Geschichte nach wissenschaftlichen Prinzipien zur Grundvoraussetzung macht.
Wissenschaftliche Prinzipien: Das bedeutet den Vorrang des Allgemeinen vor Sonderinteressen aufgrund der Erkenntnis, was für die menschliche Gattung (und nicht nur für einige) gut und nötig ist. Eine solche wissenschaftlich und geschichtsphilosophisch begründete Politik steht aber notwendig im Gegensatz zu den besonderen Interessen der herrschenden Klasse, diese muß also, um ihrer Selbsterhaltung willen, einer wissenschaftliche Weltanschauung die Zerfällung des gesellschaftlichen Bewußtseins in die Beliebigkeit gleichberechtigter »Meinungen« entgegensetzen. Der Pluralismus ist die Strategie der Bourgeoisie zur Verteidigung ihrer Hegemonie.

Quelle: http://toposzeitschrift.de/27_holz.htm


Fazit: Der Marxismus befindet sich keineswegs „in der Krise“. Holz schreibt: „Im Gegenteil: Er liefert das Erklärungsmuster, um die Krise der bürgerlichen Gesellschaft, ihren Selbstwiderspruch (den andere Theorien nur konstatieren und beklagen) in ihrer geschichtlichen Notwendigkeit zu begreifen und den Ausweg aus ihr,  also den Weg in eine neue Gesellschaft aufzuzeigen. Um das zu vermögen, muß er allerdings in der Lage und willens sein, die Niederlage zu erklären, die der Sozialismus in der Konkurrenz der Gesellschaftssysteme hinnehmen mußte.“ Soweit der Philosoph H.H. Holz! (Hervorh. von mir, N.G.). Daß dies längst geschah, ist bei Kurt Gossweiler nachzulesen (siehe: Taubenfußchronik, Wider den Revisionismus und anderes), auch müssen sich die Kommunisten endlich dazu durchringen, ihre falschen, revisionistischen Ansichten über die Zeit bis zur Ermordung Stalins abzulegen. Siehe:

Kurt Gossweiler: Der Antistalinismus – das Haupthindernis für die Einheit aller Kommunisten

 

pdfimage  Holz: Perspektiven des Marxismus

(Schließlich: Danke an Olaf B. für den wertvollen Hinweis!)

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10 Antworten zu H.H. Holz: Perspektiven des Marxismus-Leninismus

  1. giskoe schreibt:

    Zu der roten Hervorhebung: Vergleiche Artikel 18, Absatz 1 der Verfassung der DDR von 1968. siehe: http://www.verfassungen.de/de/ddr/ddr68-i.htm

    • sascha313 schreibt:

      Verfassung der DDR:
      Art. 18. (1) Die sozialistische Nationalkultur gehört zu den Grundlagen der sozialistischen Gesellschaft. Die Deutsche Demokratische Republik fördert und schützt die sozialistische Kultur, die dem Frieden, dem Humanismus und der Entwicklung der sozialistischen Menschen-gemeinschaft dient. Sie bekämpft die imperialistische Unkultur, die der psychologischen Kriegführung und der Herabwürdigung des Menschen dient. Die sozialistische Gesellschaft fördert das kulturvolle Leben der Werktätigen, pflegt alle humanistischen Werte des nationalen Kulturerbes und der Weltkultur und entwickelt die sozialistische Nationalkultur als Sache des ganzen Volkes.

      Diese Verfassung hat jeder DDR-Bürger ausgehändigt bekommen (spätestens zur Eheschließung)

  2. Henk Gerrits schreibt:

    Sehr lehrzam lehrreich. Gebe das weiter an Bekannte. Herzlichen Dank

  3. Ulrike Spurgat schreibt:

    Holz hatte und hat? z. B. in der DKP einen großen Einfluss, ähnlich wie Steigerwald über viele Jahre.. Endlos Diskussionen, die zeitweilig, nur als durchgeknallt gesehen werden können, und den Antikommunismus immer im Gepäck. Sicherlich ist es dir, Sascha und Anderen besser möglich die Theorie auf den Punkt zu bringen, Ich komme mehr aus der Praxis..Später hat Holtz Positionen überdacht, und sich K.Gossweiler zumindest angenähert, wenn ich es richtig verstanden habe, Wenn nicht bitte ich um Korrektur, um es richtig einordnen zu können.Und wir meinen wohl den Holtz, über den auch G. Ackermann richtig geschrieben hat ?
    Schade, und ein echter Verlust des aufrechten Kommunisten.
    Der Briefwechsel Gossweiler-Steigerwald ist in höchstem Maß nicht nur interessant, sondern mehr als aufschlussreich. Es ist klar erkennbar, wer wo steht.
    .

    • sascha313 schreibt:

      Genauso ist es. Daß Kurt Gossweiler mit dem Steigerwald so eine Geduld hatte – wohl nur deswegen, damit Steigerwald sich selber als Antikommunist entlarvt. Das hat er dann ja auch getan.

      Hans Heinz Holz hatte in manchem eine etwas unrealistische Position (meine ich), deshalb zitiere ich ihn nicht mehr als nötig.

      • Ulrike Spurgat schreibt:

        Dem kann ich nur beipflichten, mit „unrealistische Position.“ (Holz)
        Aufrechter Kommunist, damit meine ich G. Ackermann (Kommunisten online).

      • sascha313 schreibt:

        Günter fehlt uns sehr!!! (Und es gibt bisher niemanden, der in ersetzen könnte.)

  4. Ulrike Spurgat schreibt:

    Lieber Sascha, ich hab lange gesucht, und weiß, dass es Verluste gibt, die mehr schmerzen als andere, umso mehr schätze ich und lerne mit genau der Begeisterung hier weiter, und das ist sicherlich in Günthers Sinn.
    Vielen Dank für deinen unermüdlichen Einsatz.

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