D. Melnikow: Die Gesetzmäßigkeit der Niederlage Hitlerdeutschlands im II.Weltkrieg

Sieg

Das Bild sieht aus wie eine neuzeitliche „Kunstinstallation“, ist aber tatsächlich eine Aufnahme aus dem Jahre 1945, als Soldaten der Roten Armee Berlin befreit hatten und nun die sowjetische Siegerfahne über dem Brandenburger Tor wehen lassen.

Der bekannte sowjetische Historiker Prof. D. Melnikow rechnet in diesem Exklusiv-Beitrag für DAS MAGAZIN mit den Apologeten des „Dritten Reiches“ in der BRD ab.

Rainer Maria Rilke faßte das politische Ziel der herrschenden Kreise in Deutschland nach der Niederlage der Novemberrevolution 1918 so zusammen: „Deutschland wollte beharren, anstatt sich zu ändern.“

Ja, der deutsche Imperialismus wollte nach dem ersten Weltkrieg „beharren“. Die Folgen davon sind allbekannt: Allein in Deutschland nach dem nächsten, vom deutschen Faschismus entfesselten Weltkrieg 10 Millionen vernichteter Menschenleben; 56 Millionen Opfer in der ganzen Welt; unermeßliche und unwiederbringliche Verluste an materiellen und Kulturwerten in vielen europäischen Ländern.

Haben die Deutschen nichts dazugelernt?

„Beharren“! Darauf, daß den deutschen Imperialismus keinerlei Schuld treffe! Keinen Zweifel zu lassen an der Redlichkeit der herrschenden Kreise bis hinauf zur Nazispitze! Verhindern, daß irgendwelche Lehren aus diesem Krieg gezogen würden, die an den Fundamenten ihrer Macht rütteln könnten! Das ist, kurz gesagt, Ziel der reaktionärsten (und leider auch immer zahlreicheren) Gruppen westdeutscher Geschichtsschreiber, die sich mit dem Weltkrieg 1939-1945 beschäftigen.

Dem Historiker, der die Evolution der westdeutschen Geschichtsforschung durch die gesamte Nachkriegsperiode verfolgt, stellt sich ein eigenartiges Bild dar: Von den ersten schüchternen Versuchen, den Führern des „Dritten Reiche““ wenigstens einen Teil der Verantwortung für die Aggression abzunehmen, sind die Anwälte des deutschen Imperialismus jetzt zu direkten Verfechtern seiner damaligen Politik geworden. Inzwischen rechtfertigen sie vorbehaltlos die Aggressivität und das Bestreben, die europäische, beziehungsweise die Weltherrschaft zu erobern.

Neofaschistische Geschichtsfälscher

Besonders hervorgetan hat sich da der neonazistische „Historiker“ Erich Kern. In seinem dreibändigen Werk über die Geschichte des „Dritten Reiches“ lobpreist er die Politik der Naziführung in allen Tonarten. Einige Auszüge aus einer Anzeige für die Trilogie, veröffentlicht in der „Deutschen Wochenzeitung“ vom 19. Juli 1970, geben eine Vorstellung von der Zielrichtung dieses Machwerks.

Band I: „Adolf Hitler und seine Bewegung. Führer der Partei.“ 2. Auflage. 392 Seiten. Der Verfasser der Anzeige beschränkt sich auf einige wenige Worte, die beim Leser Hochachtung für die politischen Fähigkeiten Hitlers, seinen „soldatischen Werdegang, seine politische Karriere bis zum einst mächtigsten Mann Europas“ hervorrufen sollen. Der Band ist gleichsam die Einleitung zu den anderen wesentlicheren Teilen des Elaborats von Erich Kern über die Geschichte des „Dritten Reiches“.

Band II: ,,Adolf Hitler und das Dritte Reich. Der Staatsmann.“ 472 Seiten. „Erich Kern nennt die Dinge beim Namen“, meint der Verfasser der Anzeige. „So wird manches – etwa der Juliputsch 1934 in Wien, die Kristallnacht 1938, das Judenproblem überhaupt, das Hineinschlittern in den ungewollten Krieg (! D. M.) in einem ganz neuen Licht geschildert.“

Und schließlich Band III: „Adolf Hitler und der Krieg. Der Feldherr.“ 2. Auflage. 462 Seiten. „Im dritten Band seiner Hitlertrilogie beleuchtet Erich Kern alle Handlungen Hitlers, alle schicksalhaften Fragen des Völkerringens. Hier wird belegt, daß Deutschland die Sowjetunion nicht überfallen hat.“ (!)

Soweit eine Kostprobe von nur einigen der „Wahrheiten“, die Erich Kern seinem, leider nicht geringen Leserkreis unterbreitet.

Die „Logik“ der Lügen

Dieses „Werk“ und die große Anzahl neonazistischer historischer Schriften, die den Büchermarkt der Bundesrepublik vor dem 30. Jahrestag des Sieges über den deutschen Faschismus überfluten, entstellen nicht einfach einzelne Tatsachen der Geschichte. Mit ihrer Hilfe wird vielmehr versucht, den historischen Prozeß auf den Kopf zu stellen und in den Hirnen der Leser Verwirrung zu stiften, um sie an allbekannten Fakten zweifeln zu lassen. Hier einige Beispiele, die über die „Logik“ Aufschluß geben, deren sich die Verteidiger des „Dritten Reiches“ bedienen. Das trifft schon allein auf die Fragestellung zu, ganz zu schweigen von den Antworten:

  • Erste Frage: „Hat Deutschland den zweiten Weltkrieg verloren?“

Das überrascht Sie, verehrter Leser, nicht wahr? Keineswegs aber die Apologeten des „Dritten Reiches“. Gewiß sei die Wehrmacht zerschlagen und Deutschland besetzt worden. Aber den Krieg verloren hätten die Westmächte, Deutschlands Gegner. Anstatt den Faschismus zu unterstützen und den Sowjetstaat zu vernichten, hätten sie zugelassen, daß der Nazismus beseitigt wurde. Damit hätten sie „sich selbst als Großmächte vernichtet“ und „Europa als Weltzentrum“. Unter der „These“ von der „Vernichtung Europas“ verstehen sie den Sieg des Sozialismus in einer Reihe von europäischen Ländern, darunter in der DDR. Besonders „markant“ wird das in einem Buch dargelegt, das den bezeichnenden Titel trägt: „Untergang des Weltzentrums Europa. Wege zur Wirklichkeit.“ Bd. IV, herausgegeben von einem Autorenkollektiv, das sich „Deutsches Seminar 1914-1945“ nennt. Jedoch findet man solcherart Betrachtungen auch in den Arbeiten anderer reaktionärer Historiker.

  • Zweite Frage: „Trug Hitler die Schuld an der Entfesselung des zweiten Weltkrieges und der Niederlage der deutschen Wehrmacht?“

Der erste Teil der Frage wird mit einem einmütigen Nein beantwortet. Doch darin, wer denn nun die Schuld am Krieg trage, gehen die Meinungen auseinander. Die einen finden – Polen, andere – die USA, wieder andere – die Sowjetunion. Nur nicht Hitler! Er hat nur die „Vereinigung Europas“ angestrebt und war im Grunde seiner Seele Pazifist. Beim zweiten TeiI der Frage bemühen sich die modernen Geschichtsfälscher nachzuweisen, daß die Gründe für die Niederlage des „Dritten Reiches“ weniger in einigen zufälligen Fehlleistungen Hitlers zu suchen seien als vielmehr im Unvermögen seiner Satrapen, Berater, Generäle. Das [st der Grundgedanke des dritten Bandes von Erich Kern.

Aber greifen wir einen der jüngsten Versuche heraus, von dieser Position aus den Ruf des „Führers“ zu verteidigen, Wir meinen die Erinnerungen des ehemaligen Gauleiters von Halle und Magdeburg, Rudolf Jordan: „Erlebt und erlitten. Weg eines Gauleiters von München nach Moskau.“ Das hört sich so an: „Dem gehandhabten straffen Organisationsprinzip der Partei und des Staates stand im Sub- und Koordinationsprozeß die provozierende Individualität egozentrischer Funktionäre entgegen.“ Also Unverständnis, Fehler, ungenaues Erfüllen von Befehlen, ja sogar ihre Sabotage bewirkten unter anderem Deutschlands Niederlage. Hitler und die faschistische Führung hatten damit nichts zu tun! Ähnliche „Argumente“ müssen auch für die letzte Frage herhalten.

  • Dritte Frage: „Konnte Hitler den zweiten Weltkrieg gewinnen?“

Aber natürlich, sagen die „Historiker“ im Chor. Man hätte nur die Fehler vermeiden, zum Beispiel schon früher mit den „Saboteuren“ aus dem Generalstab, die das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 verursacht haben, abrechnen sollen; eine exaktere Ausführung von Befehlen der Führung erreichen; eine andere Politik in den besetzten Ländern verfolgen müssen und so weiter und so fort. Letztlich zielen solche Erwägungen auf das Wiedererstehen der sogenannten Dolchstoßlegende hin. Wieder habe Deutschland wegen Verrates kapitulieren müssen.

Was ist der Sinn dieser Kampagne?

Vornehmlich, so scheint uns, das Bestreben, vor dem Volk und der öffentlichen Meinung die Gesetzmäßigkeit der Niederlage Hitlerdeutschlands im zweiten Weltkrieg zu vertuschen. Der Zusammenbruch des faschistischen Regimes in Deutschland erfolgte unter anderem dank der Wechselwirkung einer Reihe von objektiven und subjektiven Faktoren. Insofern war er gesetzmäßig und unausbleiblich.

  • Da war, erstens, die wachsende Rolle der Volksmassen. Im gesamten historischen Prozeß und im Krieg sowie der demokratischen und friedliebenden Kräfte in den okkupierten Ländern. Der Zusammenschluß dieser Kräfte im Kampf gegen den Faschismus, ihre Entschlossenheit, das faschistische Reich endgültig zu zerschlagen, haben dem Krieg seinen kompromißlosen Charakter verliehen und seinen Ausgang – die bedingungslose Kapitulation Deutschlands – bestimmt.
  • Da war, zweitens, die führende Rolle der Sowjetunion im Krieg mit Nazideutschland. Die UdSSR war zum Kern des antifaschistischen Kampfes in der ganzen Welt geworden.
  • Drittens gehörte dazu die Antihitlerkoalition der führenden Mächte: der UdSSR, der USA, Englands und Frankreichs, um die sich die anderen friedliebenden Staaten scharten.
  • Und schließlich, viertens, die breite antifaschistische Widerstandsbewegung in allen von Deutschland besetzten Ländern und im Reich selbst. Wir meinen den aufopferungsvollen Kampf der Antifaschisten in der ganzen Welt.

Der Sieg über das faschistische Deutschland war ein Ergebnis des Ringens von Millionen Bürgern der Antihitlerkoalition, der demokratischen friedliebenden Kräfte in den unterdrückten Ländern Europas und des heldenhaften Kampfes der Antifaschisten im Hinterland der Nazis. Das ist der Grund, warum heute die gesamte Menschheit diesen Sieg feiert.

(Aus dem Russischen von Tanja Zorn)

Quelle: Das Magazin, Heft 5, Mai 1975, S.26f.


P.S. Der obige Ausspruch R.M. Rilkes trifft genau auch auf die USA zu. Was ist es anderes, wenn ein USA-Botschafter noch vor seinem Amtseintritt verkündet, er wolle „die konservativen Kräfte stärken“ – erstens Einmischung in die Politik eines anderen Landes, zweitens Ausdruck einer erzreaktionären Haltung und drittens ein Zeichen von Panik der aggressivsten Kreise des USA-Imperialismus – die Furcht vor dem Verlust ihrer Einflußsphären. Aber auch deren Untergang wird gesetzmäßig sein!

 

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5 Antworten zu D. Melnikow: Die Gesetzmäßigkeit der Niederlage Hitlerdeutschlands im II.Weltkrieg

    • sascha313 schreibt:

      Danke – guter Hinweis! Ich habe mir gerade das Buch von Katasonow „Die Ökonomie Stalins“, Moskau 2014, besorgt. So ganz bin ich noch nicht dahintergestiegen, wie man Katasonow einzuordnen hat. Aber er kommt nicht umhin, eine klare Trennlinie zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu ziehen, wo bei Sjuganow noch völlig verschwommene, opportunistische Ansichten herumgeistern.

      Katasonows Erklärungen hängen auch ein bißchen damit zusammen, daß man ohne explizit auf den Revisionismus zu sprechen zu kommen, keine Antwort auf den wirtschaftlichen Niedergang der UdSSR finden kann. Die „gefährlichen Experimente“ Chruschtschows sind eben nicht auf seine ökonomische Unwissenheit zurückzuführen, sondern auf seine revisionstischen Absichten.

      Aber zurück zur Niederlage Hitlerdeutschlands. Hier kann man D. Melnikow (alias D.E. Melamid) durchaus ergänzen…

      • Blogger schreibt:

        Heute muss man beim Lesen eines jeden Artikel sein Gehirn einschalten. Was aber auch nicht weiter schwierig ist. Es gilt die Regel: Was aus der bürgerlichen Presse kommt, ist genau andersherum http://blog.rolfrost.de/globalsoz.html

        MfG

      • sascha313 schreibt:

        🙂 das mag ja für unsereinen auch zutreffen, doch was tun diejenigen, bei denen das Gehirn unterentwickelt ist? – fehlende Geschichtskenntnisse, keine Logik, Unterrichtsausfall usw. Da muß man manchmal beim Erklären möglicherweise mit dem Urschleim anfangen ))))

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