Hewlett Johnson – der rote Dekan von Canterbury

HJohnsonHewlett Johnson (1874-1966) war ein anglikanischer Geistlicher. Geboren als Sohn eines Arbeiters in Manchester, lernte er beizeiten die finstersten Seiten des Kapitalismus kennen. Nach seinem Theologiestudium in Oxford übernahm er 1905 die Pfarrei in Altrincham. Wegen seines mutigen Eintretens für den Marxismus wurde er seit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917 vom britischen Geheimdienst überwacht und bespitzelt. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich für die Sowjetunion einzusetzen. Zweimal – 1934 und 1939 – bereiste er dieses großartige sozialistische Land und berichtete seinen Landsleuten darüber. 1939 erschien in London sein Buch „The Socialist Sixth of the World“ („Das sozialistische Sechstel der Welt“). 1945 wurde er dafür mit dem Rotbannerorden der Sowjetunion ausgezeichnet und 1951 erhielt er (wie auch schon Bertolt Brecht und andere fortschrittliche Persönlichkeiten) für die Festigung des Friedens zwischen den Völkern den hochangesehenen „Stalin-Friedenspreis“. Hier nun ein kurzer Ausschnitt aus seinem Buch…

Und doch muß eine Änderung kommen. Das Leben bewegt sich immer. Stagnation ist nur ein anderes Wort für Tod. Der Mensch marschiert vorwärts, und hauptsächlich und durch die Jahrhunderte marschiert er zum Verstand. Dieser Marsch kann langsam sein. Häufig ist er schmerzhaft und mit manch einer Unterbrechung versehen. Und manchmal kehrt der Mensch auf seinen Spuren zurück, wenn ein unüberwindliches Hindernis seinen Weg blockiert. Doch die Rückkehr ist bloß eine Suche nach einem anderen Umweg zum entfernten Ziel, um dieses Hindernis zu vermeiden. Der Marsch geht weiter und damit kommt auch die Veränderung.

Dieses Buch ist eine ehrliche und ernsthafte Entschuldigung, um mit weniger voreingenommenem Blick die Veränderungen zu untersuchen, die mit ihrer erschreckenden Neuheit Jahrhunderte zu überzuspringen scheinen. Und doch sind es Veränderungen, zu denen der Weg schon längst bereit gewesen ist. Sie haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Sie sind ähnlich wie ein stilles Gewässer, das hier und dort gestaut ist, doch immer stärker anschwillt, bis es plötzlich und ohne Vorwarnung zu einer mächtigen Flut wird, die alle Hindernisse beiseite spült.

Veränderungen werden auch in England, in Frankreich und in Amerika kommen. Kein Land kann stillstehen. Wenn die Entwicklung in einem Land voranschreitet, werden auch andere vorwärts gehen, oder sie werden unvermeidlich zurückgeworfen. Englands Fortschritt zu einer Industrieordnung hat die ganze Welt angesteckt. Rußlands überraschenden und zutiefst bedeutsamen Veränderungen schließen eine Änderung hier und anderswo ein. Nicht notwendigerweise auf dieselbe Art. Doch wir können, wenn wir wollen, von Rußlands Erfahrungen profitieren und die Zerstörung vieler wertvoller Dinge vermeiden. Wenn wir ehrlichen Herzens die notwendigen und wesentlichen Veränderungen rechtzeitig vornehmen, können wir mit friedlichen Mitteln dasselbe Ziel erreichen.

Eine Sache ist zumindest sicher: Die Veränderung wird kommen, und es wird besser sein, wenn wir selbst und bereitwillig die notwendigen Änderungen vornehmen, weil sie richtig sind, als wenn wir es unter Zwang tun, weil es anders nicht mehr geht.

Moralisch inspirierte Veränderungen sind jedoch alles andere als leicht. Dazu braucht es starke Hände, feste Überzeugungen und einen unerschrockenen Mut. Es braucht die Klarheit des Zieles und die Entschlossenheit des Willens. Und es braucht einen bestimmten kreativen Zweck.

Die Fackel des Lebens ruht jetzt in unseren Händen. Diejenigen, die nach uns kommen, werden besser im Stande sein als wir zu urteilen, ob sie klarer und heller brennt, oder ob es finsterer wird, ob wir das Leben unserer Tage verbessert haben oder ob es uns schlechter gehen wird. Sie werden uns eher an unserem Ziel und unseren Bemühungen messen, als am Erreichten. Wenn es denn eine moralische Wahrheit und Festigkeit bei diesem großen Experiment gibt, das ich versucht habe zu beschreiben, dann wird es die Oberhand gewinnen. Wir können das akzeptieren und mit Freuden seinen Fortschritt beschleunigen, oder aber es zurückweisen und müssen dafür die persönliche Frustration erdulden.

Doch gemäß der Wahrheit, die darin liegt, wird es erfolgreich sein. Und somit stimme den edlen Worten von Anatole France zu:

„Die Wahrheit besitzt eine eindringliche, innere Kraft, der Fehler und Lügen fremd sind. Wenn ich ‚Wahrheit‘ sage, verstehen Sie den Sinn. Für hehre Begriffe braucht man Wahrhaftigkeit und Recht nicht zu definieren, um deren tieferen Sinn zu verstehen. In ihnen ruht eine strahlende Schönheit und ein himmlisches Licht. Ich glaube fest an den Triumph der Wahrheit: Das ist es, was mich in Zeiten des Irrtums aufrecht erhält….“

Quelle:
Hewlett Johnson: The Socialist Sixth of the World. Bombay, p.144f. (Danke an den holländischen Genossen Henk Gerrits für diesen interessanten Hinweis!)

pdfimage Hewlett-Johnson_The-Socialist-Sixth-Of-The-World

NB. Es besteht kein Zweifel, daß Hewlett Johnson die beeindruckende Entwicklung der Sowjetunion nach 1917 richtig eingeschätzt hat. Allerdings hat uns die Geschichte auch gelehrt, daß es einen sanften, friedlichen Übergang in eine sozialistische Gesellschaftsordnung nicht geben wird. Denn bekanntlich hat sich die herrschende Klasse stets mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, mit aller Gewalt gegen jegliche Veränderungen gewehrt. Sie schreckt dabei weder vor Betrug noch vor Völkermord zurück. Der Klassenkampf verschärft sich, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich die übergroße Mehrheit der ausgebeuteten und ins Abseits gestellten Menschheit gegen ihre Beherrscher  durchzusetzen vermag und sie zum Teufel jagt.

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7 Antworten zu Hewlett Johnson – der rote Dekan von Canterbury

  1. Weber schreibt:

    Folgende Worte von Hewlett Johnson, die in der CDU-Ost Zeitung „Neue Zeit“ am 14. November 1956 veröffentlicht wurden, sollten nicht vergessen werden:

    Dekan von Canterbury zu Ägypten und Ungarn
    London (ADN). In einer Erklärung zu dem imperialistischen Überfall auf Ägypten und den Ereignissen in Ungarn weist der Dekan von Canterbury, Hewlett Johnson, darauf hin, daß kein Mensch die britisch-französischen Truppen zu ihrer Intervention in Ägypten aufforderte, während die ungarische Regierung dagegen die Sowjetunion um Hilfe bei der Zerschlagung des konterrevolutionären Putsches gebeten hat. Wörtlich erklärte der Dekan: „Erstens wurde die Sowjetunion zum Eingreifen in Ungarn von der Regierung aufgefordert. Wir wurden nicht gebeten, nach Ägypten zu kommen. Zweitens haben unsere Aktionen das Ziel gehabt, die Uhr zurückzustellen zum Imperialismus, während die Sowjetunion verhindern sollte, das sie zum Faschismus zurückgestellt wird. Unsere gegenwärtige Aufgabe besteht darin, alles zu tun, um das Vertrauen zwischen den Großmächten wiederherzustellen. Ich begrüße von ganzem Herzen die Vorschläge der Schweizer Regierung für ein Treffen in Genf.“

    • sascha313 schreibt:

      Vielen Dank für die Ergänzung! Der Dekann blieb seinen richtigen Überzeugungen bis an sein Lebensende treu!

      • Harry 56 schreibt:

        Leider werden solche hervorragenden Menschen heute totgeschwiegen, die heutige Jugend mit übelster Scheiße zugemüllt…, fauligster Imperialismus pur…, und die Opfer steigen und steigen…

  2. Henk Gerrits schreibt:

    Der Dean war in der Sovjetunion. Er war eingeladen zusammen mit A.T.dEye fur eine reise durch Rusland zu Machen. dEye erzahlt, In drei Monaten haben wir mehr gesehen dan andere in drei jahren.Wir haben die vernichtung gesehen Wir sind nach Stalingrad gefahren mit Flugzeug ein gebiet zwissen Weichsel und Wolga.70.000 Dorfer, 1710 stadte, 40.000 krankenhauser.84.000 schulen sind totaal vernichted geworden

  3. Weber Johann schreibt:

    Das Ost-CDU-Blatt, die „Neue Zeit“ schreibt am 20. Juli 1948:
    Dekan von Canterbury zur Verantwortung für die Weltspannung
    London, 19. Juli (ADN). Der Dekan von Canterbury, Dr. Johnson, wies auf einer öffentlichen Versammlung im Anschluß an die Weltfriedenskonferenz darauf hin, daß die Verantwortung für die gegenwärtige internationale Spannung bei den Regierungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens liege. Er appellierte an das britische Volk, der Politik der Spaltung Deutschlands, die er als einen Weg ins Unheil bezeichnete, ein Ende zu bereiten und gemeinsam mit der Sowjetunion für den Weltfrieden zu kämpfen.

    Am gleichen Tag steht in der Mittelbayerischen Zeitung vom 20.7.1948:

    Dr. Gerstenmeier von Sowjets beeindruckt

    Kassel, 16. Juli (Dena). Der Leiter des Evangelischen Hilfswerks in Deutschland. Oberkonsistorialrat Dr. Eugen Gerstenmeier, Stuttgart, erklärte nach seiner Rückreise von dem Eisenacher Gesamtdeutschen Evangelischen Kirchentag in einem von den Kasseler Nachrichten veröffentlichten Interview, er sei von dem Willen sowjetischer Kommandostellen, alles zu tun, um mit den Deutschen in Freundschaft und Frieden zu leben, tief beeindruckt gewesen.
    Zum Abschluß des Kirchentages habe der sowjetische Kommandant von Thüringen, Gardegeneralmajor Kolesnitschenko auf einem für die Teilnehmer der Kirchenversammlung veranstalteten Bankett eine Rede gehalten. In der er den Wunsch des sowjetischen Volkes, mit dem großen Volk der Deutschen in Frieden und Freundschaft zu leben, in einer sehr Überzeugenden Weise zum Ausdruck gebracht. — Ich habe, bemerkte Dr. Gerstenmeier, in Amerika, England, Kanada, Italien und der französischen Besatzungszone schon viele freundliche Worte über Deutschland gehört, aber eine solche Rede ist noch von keinem der Befehlshaber gehalten worden.
    http://digipress-beta.digitale-sammlungen.de/de/fs1/calendar/1948-07-02.1437944-2/bsb00064727_00035.html?zoom=1.5

  4. sascha313 schreibt:

    Danke, Johann, für die interessante Ergänzung. Es ist interessant, daß man an Hand der historischen Zeitungen immer nachlesen kann, was damals tatsächlich gesprochen wurde. Das ist oft etwas ganz anderes, als was in den neuesten BRD-Geschichtsbüchern steht. Große Hochachtung vor dem sowjetischen Genossen Gardegeneralmajor Iwan Sasonowitsch Kolesnitschenko!

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