Die „netten“ Amerikaner. Wie dem Oberst Petershagen ein paar Zähne ausgeschlagen wurden und seine Frau von den Amis erpreßt wurde…

Petershagen_originalDie Geschichte ist schnell erzählt: Der letzte Stadtkommandant von Greifswald, Oberst Rudolf Petershagen, hatte die Stadt 1945 kampflos der Roten Armee übergeben und damit ein sinnloses Blutvergießen und die Zerstörung der Stadt verhindert. Nicht nur die Greifswalder waren ihm dafür zu unendlichem Dank verpflichtet; sie ernannten ihn zu ihrem Ehrenbürger. Petershagen stand zu seiner Entscheidung, doch für die Nazis und ihre US-amerikanischen Unterstützer galt er als Verräter.

Ein paar Tage später war auch Berlin vom Hitlerfaschismus befreit. Es war der 8. Mai 1945, das Nazireich brach zusammen und Keitel unterschrieb die bedingungslose Kapitulation. Die meisten Kriegsverbrecher, SS-Banditen und auch hohe Wehrmachtsoffiziere hatten sich nach dem Westen abgesetzt, so auch zahlreiche fanatische Hitleranhänger und verängstigte Einwohner, die aus „Angst vor den Russen“ panisch die Flucht ergriffen.

Doch die Geschichte sollte noch ein Nachspiel haben. Denn als auch in der Bundesrepublik einige ehemalige Offiziere Petershagen baten, über seine Erfahrungen „mit den Russen“ in der DDR zu sprechen, wurde er von den Amerikanern verhaftet, schwer mißhandelt und unter dem Vorwand der Spionage kurzerhand ins Gefängnis geworfen. Bald darauf versuchten einige „nette“ Amerikaner auch seine Frau unter einem falschen Vorwand zu erpressen. Doch es gelang ihnen nicht. Angelika Petershagen schrieb in ihren Erinnerungen: 

Im Frühjahr (1951) unternahmen Peter und ich eine kurze Reise nach Hamburg.Ich blieb dort bei guten Freunden, Peter fuhr nach München zu dem Kreis ehemaliger Offiziere, der ihn eingeladen hatte. Befriedigt kam er zurück. Voller Toleranz hatten sie diskutiert. Unter den früheren Kameraden, die ihm alle bekannt waren, befand sich nur ein Fremder namens Baer, den Peter als ausgesprochen sympathisch schilderte. Aber wie das mit ersten Eindrücken oft so ist…
Das Wiedersehen mit Verwandten und Freunden in Hamburg, die Erinnerungen in Kindheit und Jugend, die bei Peter an so mancher, vertrauten Stelle wach wurden, überschattete der schmerzliche Verlust von Mutter und Bruder.
Inzwischen zeigte der Marshallplan seine volle Wirkung: Die Läden waren überfüllt mit den schönsten Waren. Bei uns gab es noch die letzten Lebensmittelkarten. Ein Vergleich, gemessen am Sichtbaren, fiel ohne Zweifel zu unseren Ungunsten aus. Trotzdem kam niemand auf den Gedanken, Peter oder mir ernsthaft eine Übersiedlung nach Hamburg vorzuschlagen, ebensowenig wie wir daran dachten. Man hatte begriffen, daß wir in der Deutschen Demokratischen Republik fest verwurzelt waren.
Ein Telegramm aus Berlin
Im Sommer, besuchten uns die Freunde Börs und Strauß mit ihren Familien in Ahlbeck. Obwohl Peter keinen Urlaub hatte und für uns der Alltag seinen Lauf nahm, verlebten wir dennoch schöne Stunden miteinander. Seit vielen Jahren war mein Geburtstag nicht so vergnügt in einem großen Kreis gefeiert worden. Die Urlaubssaison näherte sich ihrem Ende, es wurde stiller auf der Insel. Gesundheitlich ging es Peter nicht gut, Asthma machte ihm zu schaffen. Sehnsüchtig dachten wir an unsere schöne, warme Wohnung in Greifswald. Ich war nicht begeistert, als er Anfang November durch ein Telegramm nach Berlin gerufen wurde. Er versuchte, mich zu beruhigen. Wir verabschiedeten uns am Bus, der nach Berlin fuhr. Am nächsten Morgen wollte ich nach Greifswald. Ich freute mich darauf, mal wieder in meiner Wohnung zu wirtschaften. Doch noch am gleichen Abend brachte mir der zurückkehrende Busfahrer einen Brief von Peter, über den ich heftig erschrak.
«Es ist praktischer», schrieb er, «wenn ich gleich nach München weiterfahre. So spare ich Zeit. Meine Aufgabe ist wichtig und duldet keinen Aufschub. Mach dir keine Sorge, sondern genieße Greifswald. In drei Tagen bin ich zurück.» Zwar, begab ich mich nach Greifswald, aber von «genießen» war keine Rede. Wäre ich doch bloß mitgefahren nach Berlin, dachte ich ärgerlich. Ich hätte niemals zugelassen, daß er in diesem Gesundheitszustand nach München reist.

Mutter holt mich nach Westberlin

Ich kannte mich selbst nicht wieder, so erfüllt von Angst und Unruhe war ich. Nur mit Mühe konnte ich meine Gedanken zusammennehmen; um die Weihnachtsplätzchen zu backen
…in höchster Gefahr???
Zu meiner Verwunderung sah ich Frau Katsch mit blassem, ernstem Gesicht auf unser Haus zueilen. Ich ging ihr entgegen und bat sie herein. «Ihre Mutter hat angerufen», sagte sie, «ich konnte nicht ganz klug daraus werden. Sie seien in höchster Gefahr und sollten sofort das Nötigste packen. Heute mit dem Abendzug kommt sie und holt Sie ab.» Ich war außer mir. «Wenn meine Mutter doch endlich mal begreifen würde, daß wir hier nicht weg gehen! Was soll dieser Unsinn nun wieder mit der Gefahr? Mit demselben Zug erwarte ich meinen Mann. Er ist krank und abgespannt, wie soll er da meine Mutter ertragen?»
Ein unerklärlicher Vorfall
Frau Katsch beruhigte mich, «sie könnte bei uns wohnen, wenn sie wirklich kommt». Ich dankte ihr, und wir rätselten hin und her, was diesen unerklärlichen Schritt bei meiner Mutter ausgelöst haben könnte. Zwar hatte sie es nie ganz aufgegeben; uns zum Übersiedeln nach dem Westen zu bewegen, doch solche Energie hatte sie bisher noch nicht aufgewandt. Es mußte schon Besonderes vorgefallen sein, und ausgerechnet, während Peter im Westen war. Sollte es da einen Zusammenhang geben? Woher sollte mir Gefahr drohen?
Eine bedrohliche Mitteilung
Ich dachte gar nicht daran zu packen. Die sonst so schönen Stunden in Greifswald wurden mir zur Qual. Viel zu früh stand ich frierend am Bahnhof und wartete auf den Zug, der pünktlich einlief. Mit steigender Unruhe suchten meine Augen in dem dünner werdenden Menschenstrom nach Peter, aber nur meine Mutter tauchte auf. In der Halle brachten wir beide kaum ein Wort der Begrüßung hervor. Nach ihren ersten Worten auf der Straße hatte ich alle Mühe, mich auf den Beinen zu halten. «Peter ist bei den Amerikanern in Schutzhaft oder so etwas Ähnliches, er ist krank und bleibt im Westen. Und du sollst auch kommen. Du bist in höchster Gefahr und mußt sofort weg von hier, mit dem nächsten Zug. Die amerikanischen Offiziere sind sehr nett. Sie warten in Berlin auf dich und bringen dich gleich zu Peter. Ich hoffe, du hast gepackt!»
Ein seltsamer Zettel
Aufgeregt sprudelte meine Mutter alles heraus, was mich wie Keulenschläge traf. Ich konnte nicht antworten, sondern brauchte alle Kraft, um bis in die Wohnung zu gelangen. «Hier ist ein Brief von Peter», sagte sie und gab ihn mir. In dem Umschlag war nur ein Zettel mit den Worten: «Komm sofort zu Deiner Mutter, Gruß Peter.» Ich dachte, mir bleibt das Herz stehen, ich mußte mich zum Atmen und Nachdenken zwingen. Meine Mutter sah sich in unseren beiden Zimmern um.
«Wo sind denn nun die Koffer? Hast du etwa noch nicht gepackt?»
«Nein, nichts», sagte ich.
«Bist du wahnsinnig geworden? Wozu habe ich angerufen? Schnell, gib mir die Bodenschlüssel, ich will die Koffer holen!» forderte sie energisch.
Wo ist nur der Brief von Peter?
Ich war nicht fähig, irgend etwas zu tun. Eine Nachbarin im Hause half eifrig beim Packen. «Was suchst du denn so nervös? Hilf uns lieber, das Silber einzuwickeln!» meinte meine Mutter. «Ich verstehe das gar nicht», antwortete ich zögernd, «hier auf dem Schreibtisch hat doch vorhin Peters Brief gelegen, den er mir mit dem Busfahrer geschickt hat. Wo kann er nur geblieben sejn?»
«Den habe ich in den Ofen gesteckt», sagte Mutter. «Das fehlte noch, so einen Brief mit zu den Amis zu nehmen! Er schrieb darin irgend etwas von seinen verrückten, politischen Ideen, man muß auch mal ein Opfer bringen können für unsere gute Sache oder so ähnlich. Ich bin froh, daß er jetzt vernünftig geworden ist und von der guten Sache endlich genug hat und du hoffentlich ebenfalls.»
Was ist geschehen?
Ich hatte das Gefühl, mit diesem Brief das letzte Lebenszeichen von Peter verloren zu haben. Er war meine Rettung gewesen: Es kann nicht sein, daß Peter im Westen bleibt! Und nun war er vernichtet. Der Zettel zählte nicht. Weiß der Himmel, unter was für Umständen der geschrieben worden war. Meine Mutter merkte, was sie angerichtet hatte. Mit Kognak und starkem Kaffee bewahrte sie mich nur knapp vor einer Ohnmacht.
Die Mutter spricht von den „netten Amerikanern“
«Ich verstehe nicht, daß du dich derartig gehenläßt und dich nicht ein bißchen freust, daß ihr nun doch noch zu uns in den Westen kommt. Natürlich ist es schwer, hier alles zu verlassen. Aber das haben wir ja alle durchgemacht und keine Koffer gepackt und kein amerikanischer Offizier versprach uns eine gute Pension. Nun reiß dich endlich zusammen. So kommst du ja gar nicht bis zum Bahnhof. Wenn du den Zug verpaßt, sitzt du morgen schon im Kittchen», versuchte sie mich aufzurütteln.
Wer kann helfen?
Wieviel lieber säße ich bei den Genossen der Staatssicherheit als abzufahren, dachte ich. Ich würde ihnen alles erklären, sie würden mir sicher helfen. Wenn ich nur wüßte, was mit Peter los ist! Mir kam der schreckliche Gedanke, er habe den Verstand verloren durch irgendein heimlich eingegebenes Mittel. Mein Peter, den ich kannte und liebte, würde auf keinen Fall zum Verräter, ein mitleidig belächelter Rückkehrer in die alte Welt.
Tiefes Vertrauen
Immer wieder unterbrach Mutter meine Überlegungen. Aber ich mußte mir klarwerden über das, was in mir vorging, dessen Gewalt mir selbst noch rätselhaft war. Nicht der Verlust des glücklich geretteten Haushaltes, nicht die Trennung von Greifswald raubten mir jegliche Kraft. Die Worte: «Peter bleibt im Westen» waren es, die mein Herz fast versagen ließen. Selbst wenn er wieder frei wäre, würde ich damit den Menschen verlieren, dem ich vertraute, den ich liebte und vor allem auch achtete. Auf der Höhe seines Lebens und seiner Karriere hatte die schmerzliche Erkenntnis begonnen, allen Mut und alle Tapferkeit den Kräften der Unmenschlichkeit gewidmet zu haben.
Auf dem richtigen Weg
Dieses Erkennen hatte ihm die Kraft gegeben zur kampflosen Übergabe Greifswalds, bei der er sein und mein Leben aufs Spiel setzte. Kleine Schritte brachten uns gemeinsam voran auf dem Weg der Abkehr von der alten Welt, an die Seite von Parteifreunden, aber auch Genossen, mit deren Hilfe er sich das Wissen für die Arbeit in einem sinnvollen Leben erworben hatte. Spott und Feindschaft von Verwandten und alten Freunden hatten wir in Kauf genommen. Er war glücklich gewesen, daß ich ihn verstand und unterstützte und darin die letzte Konsequenz der Worte meines Vaters sah, die zwei Jahrzehnte früher nicht mehr als eine Andeutung gewesen sein konnten.
Ich hielt uns beide nicht für so wichtige Persönlichkeiten, dachte noch zu wenig in politischen Kategorien, um für Peters angeblichen Entschluß die Worte „Verrat am Sozialismus“ zu gebrauchen. Ob wir hüben oder drüben lebten, der Sozialismus würde auch ohne uns nicht untergehen. Aber der Verrat an all den Menschen, die uns vertrauten, die uns anerkannten, obwohl wir «von der anderen Seite» kamen, der bedrückte mich schwer.
Eine neue, sozialistische Gesellschaft
Peter, der in Greifswald am Aufbau einer Partei wesentlich beteiligt war, die Menschen unserer Herkunft, Menschen zwischen zwei Welten, den Übergang in eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit erleichtern wollte, gerade er sollte kleinlaut zurückkehren in Verhältnisse, gegen die er so überzeugt argumentiert hatte? Wie hart die Belastungsprobe für Peter auch sein mochte, ich konnte und wollte es nicht glauben, daß er versagte. Wie vielen Menschen hatte er abgeraten, nach dem Westen zu gehen, diesen kleinen, ärmeren Teil Deutschlands, dessen Aufbau so viel schwerer war als in der Bundesrepublik, nicht im Stich zu lassen, und nun sollten wir…? Unfaßbar!
Im Zug nach Berlin
Ich mußte mich zusammenreißen. Peter brauchte mich jetzt mehr denn je. Wenn ich erst Gewißheit. hatte, daß ich mich nicht in ihm irrte, würde ich auch die Kraft haben, alles zu tragen, was auf mich zukam. Meine Mutter gab mir die Schlüssel für die Berliner Wohnung und war froh, als sie mich auf einem Eckplatz des D-Zuges untergebracht hatte. «Ich komme so schnell wie möglich nach», sagte sie, «nun schlaf noch ein bißchen. In Berlin wirst du keine Zeit mehr haben. Um zehn wollten sie kommen.»
«Sie», das waren die Amerikaner, die so reizend nett sein. sollten, Einerseits konnte ich das Gespräch mit ihnen kaum erwarten, in der Hoffnung auf Klarheit, andererseits graute mir davor. Was würden sie mir eröffnen? Ich drückte mich in die Ecke, an Schlaf war nicht zu denken. Meine nervliche Erschöpfung löste sich in einem Strom von Tränen, lautlos, aber unaufhaltsam. Ich hatte kein Gefühl mehr für die Peinlichkeit vor den anderen Reisenden.

Die «netten» Amerikaner

Diese Entspannung gab mir die Kraft, kurz nach meiner Ankunft in der Wohnung meines gefallenen Bruders die Amerikaner gefaßt zu empfangen. Beide murmelten ihre Namen und baten, sich mit mir in einem Lokal unterhalten zu dürfen. Ich konnte meine Mutter verstehen. Es waren elegante Erscheinungen, in denen sie noch dazu ihre Bundesgenossen sah.
In amerikanischer «Schutzhaft» (wie bei den Nazis)
«Wir mußten Ihren Mann vorläufig in Schutzhaft nehmen», begann Mister Thomas, «schon um seiner eigenen Sicherheit willen. Außerdem ist er in ärztlicher Behandlung, um eine Lungenentzündung zu verhüten. Er wird im Westen bleiben und erwartet, daß Sie zu ihm kommen: Aber das ist ja selbstverständlich.»
Freundlich fragten sie mich nach meinen Wünschen: Kaffee, Kognak?
«Nein, danke, nichts.»
Sie sollten nicht merken, daß ich kaum atmen konnte vor Entsetzen, viel weniger noch schlucken. Ich wollte mich durch nichts ablenken lassen, nur hören und nachdenken. Die «ärztliche Behandlung» beruhigte mich ein klein wenig.
Schwere Mißhandlungen
Gut, daß ich, nicht ahnte, wie sie in Wirklichkeit aussah. Später erfuhr ich: Nach einer Nacht auf dem Steinfußboden eines mit Urin und Kot beschmutzten, dunklen Loches rang Peter auf einer Pritsche im Keller, nach Atem. In seine Lungen strömten die Auspuffgase von Kraftwagen, deren Motoren. vor den Luken der Gefängniszellen liefen. Er befühlte die Zahnlücken, sein von genagelten Absätzen zerschundenes Gesicht. Der Arzt wurde nicht aus rührender Fürsorge herbeigerufen, sondern um die Vernehmungsfähigkeit des Häftlings einigermaßen wieder herzustellen.
Das alles wußte ich nicht. Mir genügte die Lungenentzündung, um tief zu erschrecken. Ich dachte an 1943, als Peter wochenlang zwischen Tod und Leben geschwebt hatte. «Schutzhaft» und «Sicherheit» vor «Gefahr», vor welcher? Das Geschehen erinnerte mich an die Nazizeit, Rätsel, deren Beantwortung mir unwichtig erschien vor der einen großen Frage, die für die Amerikaner keine war. «Ihr Mann bleibt im Westen», das behaupteten sie, ohne den geringsten Zweifel zu lassen, Worte drangen an mein Ohr, die mich immer mehr erstarren ließen.
Ein ziemlich «verlockendes» Angebot
«In drei Tagen, am Donnerstag, haben wir einen Platz im Flugzeug für Sie reserviert, in einer unserer Militärmaschinen. Ein Soldat bringt Ihnen alle nötigen Papiere, auch Geld und die Adresse der Pension in München, in der Sie wohnen werden. Ich stelle Ihnen meine Wohnung zur Verfügung. Dort können Sie sich mit Ihrem Mann treffen und in Ruhe aussprechen», sagte Mister Thomas in einem Ton wie ein guter Onkel.
Er war enttäuscht, auf meinem Gesicht nicht die Spur von Freude zu entdecken, sondern nur eine kurze Frage zu hören: «Und was soll dann werden, wovon soll ich leben?»
«Wir geben Ihnen genügend Geld, bis alles geklärt ist. Dann werden Sie mit Ihrem Mann in eine Stadt ziehen, die Sie sich aussuchen können, zum Beispiel Wiesbaden. Dort richten wir Ihnen eine Villa nach Ihren Wünschen komplett ein, und Sie beide sind endlich dort, wo Sie hingehören. Wir sorgen selbstverständlich dafür, daß Ihr Mann sofort seine Pension bekommt.»
Beide sahen mich erwartungsvoll an. Immer noch kein Freudenschimmer?
«Aber das tut man doch nicht! Ohne Grund seine Heimat verlassen, die Menschen, die einem vertrauten, die Aufgaben, die man erfüllen wollte!» sagte ich, verzweifelt über diesen vollendeten, verlockenden Plan.
Die verlogene Geschichte
«Das ist sehr anständig gedacht», meinte Mister Thomas, «wir sind sehr dafür, daß drüben Deutsche bleiben, die in unserem Sinne arbeiten. Aber Ihr Mann ist dort fehl am Platz. Sie haben es ja erlebt, wie schwer man ihm den Aufstieg gemacht hat, trotz seiner hervorragenden Verdienste und Fähigkeiten. Auch die Lage, in die er jetzt geraten ist, hat er seinen Leuten drüben zu verdanken. Man hat ihn in eine Falle laufen lassen, man will ihn los sein. Er ist zu unbequem, weil er nicht zu allem ja sagt. Solche Leute kann man in einer Diktatur, wie sie drüben herrscht, nicht gebrauchen. Dort werden Sie nie auf einen grünen Zweig kommen. Ihr Mann hat das alles jetzt durchschaut und will deswegen nicht zurück in die Ostzone.»
…und eine versteckte Drohung
Ich sagte kein Wort. In München, von eurem Geld, in eurer Wohnung mit Abhörapparat, da sind wir verraten und verkauft, dachte ich.
Mister Thomas fuhr fort: «Übrigens ist ein Brief von Ihrem Mann unterwegs, in dem er Ihnen alles erklärt. Den bringen wir Ihnen noch, bevor Sie abfliegen. Sie stehen jetzt unter unserem Schutz. Sollte Ihnen allerdings der östliche Schutz lieber sein, dann entfallt natürlich der unsrige.»
Ich hatte die kleine Pause verstanden, sie war eine Warnung.
«Orientieren Sie uns sofort, wenn irgend jemand aus der Ostzone sich bei Ihnen blicken läßt oder Sie Post bekommen. Vermeiden Sie jedem Kontakt mit Ihren Leuten von drüben, gehen Sie nicht an die Sektorengrenze, fahren Sie nicht S-Bahn, man wird nichts unversucht lassen, Sie zurückzuholen.»
Die Unterredung war beendet. Ich war so erschöpft, daß ich Angst vor dem Aufstehen hatte und nur mit letzter Kraft, ohne zu wanken, in den Wagen kam. Die Amerikaner setzten mich vor der Wohnung ab und verabschiedeten sich höflich.
Immer noch keine Klarheit…
Ich wollte mich zum Schlafen zwingen, ehe meine Mutter eintreffen würde. Es war ein vergeblicher Versuch. Das Gespräch hatte nicht einen Funken Klarheit gebracht. Im Gegenteil, es war alles noch furchtbarer als vorher. Die vollendeten Tatsachen, die Selbstverständlichkeit, mit der sie annahmen, daß ich im Westen bleibe, empörte mich. Ich mußte unbedingt jemand von «meinen Leuten drüben» sprechen, aber wen? Das Naheliegende, zum Parteivorstand meiner Partei zu fahren, war unmöglich. Es hätte am Tage sein müssen, zur Dienstzeit. Unter Androhung von Verhaftung hatten mir die Amerikaner jeglichen Kontakt rnit dem Osten untersagt. Wahrscheinlich ließen sie nicht nur mich, sondern auch unser Parteigebäude beobachten. Also blieb. Die Nacht.
Verabredung mit Freunden
Plötzlich kam mir der rettende Gedanke: Artur Strauß! Der Freund; den Peter so hoch schätzte. In unserer Wohnung war Telefon, aber ich wartete die Dunkelheit ab, um ihn von einer Zelle aus anzurufen. Bei den Worten: «Artur, Peter ist verhaftet von den Amerikanern, war es vorbei mit meiner Fassung. Er hatte Mühe, mich zu verstehen. Wir verabredeten ein Treffen in seiner Wohnung. Es würde spät werden, weil er nach dem Dienst seine kranke Frau in der Klinik besuchen wollte. Die Aussicht, ihn zu sprechen, war mir ein Trost. Vorsichtig sah ich mich um; ehe ich die Telefonzelle verließ.
Die Mutter
Eben stieg meine Mutter aus einer Taxe. Ich trat hinzu, als hätte ich sie auf der Straße erwartet. Gemeinsam schleppten wir die schweren Koffer nach oben. Ohne sie zu öffnen, verstaute ich sie in einer Ecke. «Willst du nicht sehen, was ich alles eingepackt habe? Ich habe eine Menge reinbekommen», erklärte Mutter stolz. Das konnte ich mir denken, darin war sie Meisterin. Oft hatte sie mir geschildert, wie geschickt sie die Koffer packen mußte, wenn sie ihren Vater auf den Nordland- oder Mittelmeerreisen des Kaisers begleitete.
«Du sagst ja gar nichts? Wie war es denn mit den Amerikanern? Sie sind doch sehr nett und anständig und haben so wohltuend gute Manieren. Wann fährst du denn nun zu Peter?»
Ohnehin von großer Leistungsfähigkeit, war sie jetzt beflügelt von der Aussicht. auf die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches. Um so unverständlicher war ihr meine Schweigsamkeit und völlige Ermattung. Ich murmelte nur: «Ich muß heute abend noch einmal fort, es kann spät werden», und schlief nun doch auf dem viel zu kurzen Sofa ein.

Ausschnitt aus dem Buch von Angelika Petershagen „Entscheidung für Greifswald“, Verlag der Nation Berlin, 1981, S.214-223. (Zur besseren Lesbarkeit wurden kleine Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Das Bild ist übrigens aus einer 2011 in Rußland erschienenen Neuauflage seines weltberühmten Buches „Gewissen in Aufruhr“

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Nachtrag:

Selbstverständlich verließ Angelika Petershagen nicht die Deutsche Demokratische Republik. Aufgrund intensiver anwaltlicher und diplomatischer Bemühungen von Seiten unseres sozialistischen Staates war es schließlich gelungen, Rudolf Petershagen aus dieser unrechtmäßigen amerikanischen Haft zu befreien. Danach äußerte sich Petershagen wie folgt in einer Zeitung der DDR:

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Quelle: Neues Deutschland, 15. November 1955, S.3.

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