Heinz H. Schmidt: Kindergarten und Schule in der BRD und der Mißbrauch der Religion

SchmidtBereits 1981 erstellte der Pädagoge und Journalist Heinz H. Schmidt eine Analyse des BRD-Schulsystems, wie sie erschütternder nicht sein kann. In groben Zügen und anhand zahlreicher sachlicher und statistischer Belege weist er nach, wie die BRD-Schule auf der Grundlage reaktionärer und wissenschaftsfeindlicher Theorien vergangener Jahrhunderte zur Verblödung der Jugend beiträgt und dazu insbesondere auch die Religion als „Opium des Volkes“ (Marx) benutzt. Man braucht sich also heute nicht zu wundern, wenn Schulabgänger im Endergebnis nach Abschluß ihrer Schulzeit, wie Schmidt schreibt, „Fachidioten“ sind, die von ihrem Fach viel, von rationaler „Wirklichkeitsbewältigung“ jedoch nur wenig verstehen und deshalb leicht manipulierbar sind. Und das betrifft im wesentlichen alle Bevölkerungsschichten, vom „einfachen Arbeiter“ bis zum hochgelehrten Professor.

(Vorbemerkung: Wir bieten zur besseren Lesbarkeit nachfolgend einen Download an.)

Eingeschränkte „Wirklichkeitsbewältigung“

Schon seit Jahrzehnten stellten bürgerliche Wissenschaftler besorgt fest, daß in vielen kapitalistischen Ländern die Schulfähigkeit von immer mehr Kindern nicht nur aus den „unteren Schichten“, sondern immer öfter auch aus anderen Schichten nicht unbeträchtlich absinke. Koch und Rocholl verweisen wiederholt darauf und bringen das direkt mit der Schrumpfung der Familie in Zusammenhang. Neben der Verwahrung der Kinder berufstätiger Mütter war und ist die bessere Vorbereitung auf die Schule, als sie die Mehrzahl der Zwei-Generationen-Familien bieten konnten und können, deshalb in Ländern wie der BRD ein Hauptzweck des Kindergartens für die Drei- bis Sechsjährigen geworden und geblieben. Daß es hierbei in der bürgerlichen Gesellschaft schon in dieser Vorschulerziehung auch um die Verbindung des Ausbildens besserer kognitiver Fähigkeiten mit einer Verfestigung irrationaler „Wirklichkeitsbewältigung“ geht, beweist ein Blick in die offizielle Theorie und Praxis des dortigen Kindergartens. Die Kindergärten sind in der BRD erheblich zahlreicher als die wenigen Einrichtungen für die Null- bis Dreijährigen, auf deren Betreuung gesondert einzugehen sein wird.

Der pluralistische Irrsinn

In die offiziellen Statistiken der BRD werden auch die Spielzirkel, andere Einrichtungen, die der unmittelbaren Vorbereitung von Fünf- bis Sechsjährigen auf die Schule dienen, als Kindergärten einbezogen. Dabei geht es so „pluralistisch“ zu, daß es selbst für die Fachleute der Bundesrepublik schwer ist, einen Überblick über die vielen Formen und „Trägerschaften“ zu bekommen.

Bei näherem Hinsehen klärt sich jedoch das zunächst so verwirrende Bild. Durch alle Abänderungen, Novellen usw. hindurch wird an dem noch aus der Weimarer Republik und dem Dritten Reich stammende und in seiner jetzigen Form 1961 von der CDU/CSU geschaffene Jugendwohlfahrtsgesetz der BRD, am sogenannten Subsidaritäts-Prinzip, das die Vorrangigkeit der „freien Träger“ gegenüber staatlichen und kommunalen Einrichtungen in der gesamten Vorschulerziehung gesetzlich vorschreibt, als Grundprinzip festgehalten. Die Folge ist, daß die katholische und die evangelische Kirche zusammen doppelt soviel Kindergartenplätze (mit staatlicher Hilfe) unterhalten wie alle anderen (die „öffentlichen Hände“ Arbeiterwohlfahrt der SPD, Rotes Kreuz, privatgewerbliche Träger, Betriebe usw.) zusammengenommen. Den rund eine Million Kindergartenplätzen der Kirchen standen 1975 ungefähr eine halbe Million anderer, darunter rund 30.000 privatgewerblicher und rund 20000 Kindergartenplätze, die Betrieben angeschlossen waren, gegenüber.1 Die Arbeiterwohlfahrt der SPD betreute 1975 insgesamt nur 400 Kindergärten, Horte und Krippen.

Das Übergewicht kirchlicher Einrichtungen

Die offizielle Angabe, in der BRD sei damit für die Altersgruppen der Drei- bis Sechsjährigen bereits eine Gesamtversorgung von etwa 50 Prozent gewährleistet, ist jedoch irreführend. Nach einer ebenfalls offiziellen Mikrozensus-Erhebung im Jahre 1975 betrug der Prozentsatz des Kindergartenbesuchs bei den Drei- bis Vierjährigen 23 Prozent, bei den Vier- bis Fünfjährigen 46,2 Prozent, bei den Fünf- bis Sechsjährigen 59,3 Prozent und bei den unmittelbar für den Schulbesuch vorbereiteten über Sechsjährigen 66,2 Prozent.2 Der so errechnete Durchschnitt von 50 Prozent trügt auch deshalb, weil zahlreiche der mitgezählten, vor allem nichtkirchlichen Kindereinrichtungen nur Halbtagseinrichtungen sind, in denen die reguläre Betreuungszeit etwa zwischen 9 und 12 Uhr liegt.3 Das Übergewicht der kirchlichen Einrichtungen ist also in der Wirklichkeit noch erheblich größer. Eine von Arnulf Hopf angestellte Untersuchung, inwieweit die im Jugendwohlfahrtsgesetz der BRD proklamierte „pluralistische Freiheit der Eltern“, die Erziehungseinrichtung für ihre Vorschulkinder selbst zu wählen, verwirklicht sei, kommt deshalb zu folgendem Schluß: „Das Wahlrecht der Eltern, die Grundrichtung der Erziehung irres Kindes durch die Auswahl unter vorhandenen Einrichtungen unterschiedlich geprägter Träger zu konkretisieren, (wird) fast stets zur Illusion. Die bestehenden Regelungen festigen den gesellschaftlichen Zustand und begünstigen einseitig die konfessionellen Trägergruppen.“4

Katholische Soziallehre

Diese kirchlichen Kindergärten arbeiten nach zwei einander ergänzenden Prinzipien: dem schon genannten, aus der katholischen Soziallehre stammenden „Subsidaritäts-Prinzip“ und der durch Entscheid des Bundesverfassungsgerichts abgesicherten „Kirchenfreiheit“. Das „Subsidaritäts-Prinzip“ (von subsidium – Hilfe, Unterstützung), zuletzt von Papst Pius XI in der Enzyklika Quadrogesimo anno domini 1931 erneut bestätigt und auch von den evangelischen Kirchen als Grundlage ihrer Sozialhilfe anerkannt, geht davon aus, daß jeder Notstand – und arbeitende Mütter, deren Kinder einen Kindergarten besuchen, seien in einem solchen „Notstand“ – im letzten Grunde personelle (und nicht etwa gesellschaftliche) Ursachen habe und deshalb auch in erster Linie durch personelle Hilfe, deren Quelle die christliche Nächstenliebe sei, gemildert werden müsse. Es ist eine der Ursachen dafür, daß den christlichen Wohlfahrtseinrichtungen seit eh und je in der Regel ein so penetranter Almosengeruch anhaftete, daß sie, wie Lenin schrieb, „von den besten Arbeitern mit Recht gehaßt und verachtet wurden“.5

Eingeschränkte Rechte

In diesen, noch heute von einer Million Kindern der „unteren Schichten“ wohl oder übel in Anspruch genommenen kirchlichen Kindergärten der BRD herrscht nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 21. September 1976 die sogenannte Kirchenfreiheit. Das heißt, in den Kindergärten kann „die kirchliche rechtliche Ordnung … nicht durch die staatliche Ordnung begrenzt“ werden. Die Kontrolle über die Betreuung der Kinder hat nicht die Schulbehörde, sondern der Pfarrer. In den darauf begründeten Dienstvorschriften des katholischen „Caritas“-Verbandes heißt es dazu ausdrücklich: „Freiheit und Selbstverständnis der Kirche lassen nicht zu, außerkirchliche Interessengruppen wie Gewerkschaften und Berufsverbände am Willensbildungsprozeß in ihren Einrichtungen und Diensten zu beteiligen. Daß kein Recht hierauf besteht, bestätigt die Kirchenfreiheit.“6 In der „Bruderschaft Christi“ könne es keine Arbeitnehmer geben.7 Und damit sich weder die Eltern noch die Kindergärtnerinnen etwa auf entgegengesetzte Bestimmungen des Grundgesetzes der BRD berufen können, wird im §78 Absatz 2 des Jugendwohlfahrtsgesetzes ausdrücklich festgelegt, daß die „Zielsetzung und Durchführung der erzieherischen Aufgaben allein dem Träger zu überlassen ist“ und daß ihr dabei auch die Heimaufsicht oder andere öffentliche Ämter nicht dreinzureden haben.8

Der angebliche „Rechtsstaat“ BRD

Die gleiche Rechtslage gilt für die Kindergärten der evangelischen Kirchen oder für die vergleichsweise geringe Anzahl anderer „Träger“, zum Beispiel die der 30.000 privat-gewerblichen Kindergartenplätze, worunter nicht nur teure Spezialkindergärten für Kinder zahlungskräftiger Eltern fallen, sondern auch die meist sehr kurzlebigen Experimental-Kindergärten sogenannter Anti-Autoritärer, die geduldet werden, weil sie in der Regel weniger den Kindern als dem Ansehen aller Linken schaden.

Eine besondere Rechtslage besteht im „Rechtsstaat“ BRD für die rund 400.000 Kindergartenplätze mit kommunaler Trägerschaft. Sie fallen unter das „Bundessozialhilfegesetz“, Darin heißt es im §10 Absatz 2: „Die Träger der Sozialhilfe sollen bei der Durchführung dieses Gesetzes mit den Kirchen und Religionsgesellschaften des öffentlichen Rechts sowie den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege zusammenarbeiten und dabei deren Selbständigkeit in Zielsetzung und Durchführung ihrer Aufgaben achten.“ Ergänzt wird diese Bestimmung durch §10 Absatz 4: „Wird die Hilfe im Einzelfall durch die freie Wohlfahrtspflege gewährleistet, sollen die Träger der Sozialhilfe von der Durchführung eigener Maßnahmen absehen.“ Und damit die Kirchen, um deren Einrichtungen, darunter auch die Kindergärten, es hier vor allem geht, ein wirksames gesetzliches Druckmittel haben, ihren Einfluß auch gegen fortschrittliche Kommunalverwaltungen durchzusetzen, wird im §93 Absatz 1 ausdrücklich festgelegt: „Sie (die kommunalen Träger der Sozialhilfe – d. Verf.) sollen eigene Einrichtungen nicht neu schaffen, soweit geeignete Einrichtungen der im §10 Absatz 2 genannten.Träger der freien Wohlfahrtspflege vorhanden sind, ausgebaut oder neu geschaffen werden können.“

Die bundesdeutsche „Armenhilfe“

Ein Versuch, diese ganze, aus mittelalterlichen „Armenhilfe“-Vorstellungen9 stammende gesetzliche Regelung wenigstens für die Kindergärten durch eine Novelle zum Jugendhilfsgesetz dahingehend zu verbessern, daß die staatlichen Subventionen nicht mehr nach der Vorrangstellung der „freien Träger“, was in 90 Prozent aller Fälle der Kirche heißt, vergeben werden sollten, sondern nach den „günstigsten Voraussetzungen“, scheiterte noch im Jahre 1974 schon im Referentenentwurf. Den konfessionellen Trägern blieb „eine außerordentlich große Einflußmöglichkeit gesetzlich zugesichert. Selbst dort, wo die Bevölkerung kaum noch eine Bindung zur Kirche hat, haben die konfessionellen Träger ein Optionsrecht, mit welchem sie allein die erforderlichen Sozialeinrichtungen erstellen und in ihrem Sinne leiten können“.10

‚Befriedung‘ im sozialen Bereich

Natürlich haben die anderen „freien Wohlfahrtsträger“ in all diesen Fragen das gleiche Recht wie die Kirchen. Aber sie sind auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen. Die Kirche dagegen hat ihre Kirchensteuer, die der Staat notfalls mit Hilfe des Gerichtsvollziehers eintreibt. Die Höhe der staatlichen Subventionen aber richtet sich nach der Höhe der von den „freien Trägern“ selbst aufgebrachten Mittel. Diese „Rechtslage“ verschafft dem „Rechtsstaat“ BRD nicht nur finanzielle Entlastung, sondern verstärkt zugleich die „Befriedung‘ im sozialen Bereich, für welchen gesellschaftserhaltende Ideologieträger von größter Wichtigkeit sind“.11

Die göttliche Mission des Pfarrers Wichern

Lebendige Tradition und offen deklarierter Zweck der auf jede Weise bevorrechtigten „freien kirchlichen Träger“ der Kindergärten in der BRD aber ist der Kampf gegen die organisierte Arbeiterbewegung. Am deutlichsten kommt das bei der evangelischen „Inneren Mission“ zum Ausdruck (seit 1965 mit dem „Hilfswerk der evangelischen Kirchen“12, dem späteren „Diakonischen Werk“ vereinigt zur jetzigen Organisationsform „Diakonisches Werk – Innere Mission und Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland“). Diese Innere Mission war 1849 – die Gegenrevolution hatte in Preußen gerade gesiegt – von dem evangelischen Pfarrer Wichern „als die bewaffnete Tochter der Kirche … zum offenen Kampf gegen die Verderber des Volkes … zur Bekämpfung der Revolution“ gegründet worden. Wichern hatte seit 1835 das soziale Elend in seiner Heimatstadt Hamburg geschildert, ähnlich wie Engels das über englische Industriestädte getan hatte. Aber Wichern zog daraus die entgegengesetzte Schlußfolgerung. Den Kampf gegen die „Sünde“ des Kommunismus, der die „umgekehrte Lehre des Rechts, des Gedankens der göttlichen Ordnung“ sei und der das alles auszunutzen versuche, setzte er der Inneren Mission als Hauptaufgabe. In jeder sozialistischen Orientierung habe man in erster Linie einen „moralischen Defekt“ zu sehen und als solchen nach den Grundsätzen des „christlichen“ Sittengesetzes zu bekämpfen.

Erziehung zu gehorsamen Untertanen

Auch die katholische „Caritas“ wurde schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts durch die päpstliche Enzyklika Rerum novarum in ähnlicher Weise festgelegt. „Vor Gott sei Armut keine Schande“, sonst aber offenbar doch. Die „Caritas“ hatte deshalb vor allem die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die Besitzlosen das auch einsehen, und die vom göttlichen Willen vorgegebene Gesellschaftsstruktur abgestufter Hierarchien auch akzeptieren. „Diese obrigkeitlichen und patriarchalischen Elemente“, schreibt Hopf, „sind außer in der katholischen Kirche auch für die evangelische Kirche bis heute konstitutiver Bestandteil ihrer Macht geblieben. Ihre Wirksamkeit haben sie zu allen Zeiten in der Einübung in den Gehorsam gehabt und mit innerer Konsequenz den Typ des frommen Untertanen gefördert.“13

Katholische Wertvorstellungen

Von dieser Zielrichtung aus gesehen wird in einer Denkschrift des Deutschen Caritasverbandes zur Vorschulerziehung im Jahre 1969 folgende Orientierung für den katholischen Kindergarten gegeben: „Im Kindergartenalter vollzieht sich die Bildung grundlegender Wertvorstellungen. Auf dem Wege der Identifikation und der Introjektion entstehen Grundstrukturen des Gewissens. Erfahrungsgemäß erweisen sich im späteren Leben die in diesem Alter emotional besetzten Werte als die tragfähigsten. Der katholische Kindergarten bietet deshalb in Antwort auf das ihm zugewandte Wahlrecht der Eltern eine wertorientierte Erziehung. Es ist daher ein legitimer Auftrag, diesen Dienst auf der Grundlage des katholischen Glaubens zu verwirklichen.“14

Der „religionspädagogische Auftrag“ der Kindergärten

Ähnlich formuliert die evangelische Kirche der BRD den „religionspädagogischen Auftrag“ ihrer Kindergärten 1972 wie folgt: „Der evangelische Kindergarten hat über seine pädagogische und soziale Aufgabe hinaus an Kindern (und Eltern) einen missionarischen und katechetischen Auftrag zu erfüllen und dies in einer für das gesamte künftige Leben entscheidenden Entwicklungsphase der Kinder.“15

Ein irrationales Weltbild

Der Normalbürger der spätbürgerlichen Gesellschaft, vor allem wenn er den „Unterschichten“ angehört, kommt also mit der Gefahr, in der Schule „zuviel“ zu lernen, erst in Berührung, nachdem er durch eine sentimental-irrational überbetonte Familienatmosphäre und in Millionen Fällen durch kindlich-religiöse Kindergartenschulung gründlich auf eine irrational getönte „Wirklichkeitsbewältigung“ getrimmt ist, die Robert Alt als notwendiges Element der Reproduktionsbedingungen jeder ausbeutenden Gesellschaftsordnung nachgewiesen hat. So vorbereitet, kommt dieser Normalbürger dann in die Fänge eines sorgfältig abgestuften Schulsystems. Es hat mit seiner „pluralistischen“ Vielfalt, besonders abgesichert durch die „Schulhoheit“ der Bundesländer, eine Doppelfunktion. Das mindestens dreizügige, in Wirklichkeit aber mit seiner Aufsplitterung in Gymnasium, Realgymnasium, Lyzeum, Oberrealschule, Realschule, Mittelschule, Gesamtschule, Hauptschule bis zur berüchtigten Einklassenschule und schließlich, was nicht unerwähnt bleiben sollte, mit seinen zahlreichen Privatschulen für Kinder besonders zahlungskräftiger Eltern – den englischen „Public schools“ für eine Elite selbst innerhalb der herrschenden Klasse nachgeahmt – unübersichtlich vielzügige Schulsystem dient zunächst einmal der Tarnung eines Bildungsmonopols in der Tradition des 19. Jahrhunderts, das die Kinder der Arbeiterklasse besonders diskriminiert. Deshalb wird es auch von den reaktionärsten Vertretern der herrschenden Klasse fanatisch verteidigt.

Bürgerliche Erziehungsfanatiker

Ebenso fanatisch wird von diesen Kreisen die Koedukation, die gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen, abgelehnt. In der Praxis bedeutet das, es gibt in der Regel außer der schon genannten Vielfalt eine weitere Trennung in Knaben- und Mädchenschulen, wobei das verminderte Bildungsangebot für Mädchen als zukünftige Hausfrauen und Hilfsarbeiter selbstverständlich ist.

Schulexperimente

Der schüchterne Versuch, die dem Vorbild der polytechnischen Oberschule der DDR in mancher Hinsicht nachgeahmten „experimentellen Gesamtschulen“, von denen es einige wenige in sozialdemokratisch regierten Ländern der BRD gibt, zu mit Gymnasien usw. gleichberechtigten Regelschulen, deren Abschlußzeugnisse in der ganzen BRD anerkannt werden, zu machen, scheiterte im Frühjahr 1980 am Widerstand der vereinigten christlich-demokratischen und christlich-sozialen Mehrheit im Bundesrat. Der Antrag, die Anerkennung von Gesamtschulen als Regelschulen abzulehnen, kam nicht zufällig vom Lande Bayern, dessen christlich-soziale Regierung besonders sorgfältig dafür sorgt, daß die konfessionelle Bindung der Schulen, von den in Bayern gar nicht seltenen Einklassenschulen bis zum exklusiven Gymnasium, soweit als irgend möglich erhalten bleibt.

Erziehung zu Fachidioten und Hinterwäldlern

Auf diese Weise kommt die andere Seite der Doppelfunktion des „vielzügigen“ Schulsystems der BRD optimal zur Wirkung: dafür zu sorgen, daß der Typ des „Fachidioten“, der von seinem Fach viel, von rationaler „Wirklichkeitsbewältigung“ jedoch nur wenig versteht und deshalb leicht manipulierbar ist, wie in praktisch allen spätbürgerlichen Ländern, so auch in der BRD, vom „einfachen Arbeiter“ bis zum hochgelehrten Professor, in ausreichender Zahl immer wieder nachwächst. Die erstaunliche Erscheinung, das viele, „humanistisch“ oder sogar naturwissenschaftlich durchaus gebildete Bundesbürger in ihrer politischen Bildung auf dem Niveau oberbayerischer Stammtischrunden oder dem vergleichbaren Niveau nordamerikanischer Hinterwäldler und Südstaatler stehen, findet eine durchaus plausible Erklärung auch in diesen zurückgebliebenen Bildungssystemen und der systematischen Förderung „irrationaler Wirklichkeitsbewältigung“ durch diese Bildungseinrichtungen.

Das reaktionäre bürgerliche Bildungssystem

Doch damit genug. Denn da nicht Vorschulpädagogik oder Bildungsmonopol das Thema der vorliegenden Arbeit sind, muß für weitergehende Information über deren Stand in der bürgerlichen Gesellschaft von heute auf entsprechende Spezialliteratur verwiesen werden, insbesondere auf das Buch von Robert Alt über das Bildungsmonopol und seine vorhergehenden Bücher über Geschichte und aktuelle Rolle der Schule in der bürgerlichen und vorbürgerlichen Gesellschaftsordnung.

Hier haben wir uns bewußt darauf konzentriert, die politisch-ideologische Seite dieser Bildungsziele und -ergebnisse mit dem Blick auf ihre Rolle, die Lösung der Frauenfrage in der bürgerlichen Gesellschaft zu hemmen, darzustellen. In seiner vollen Bedeutung wird dieser Zusammenhang der „Frauenfrage“ und der „Kinderfrage“ jedoch erst deutlich, wenn man sich der Tradition, der Praxis und der Theorie der Betreuung der Säuglinge und der Kleinkinder unter drei Jahren in der bürgerlichen Gesellschaft zuwendet.

Quelle: Heinz H. Schmidt: Die berufstätige Mutter. Dietz Verlag Berlin 1981, S.135-144


Anmerkungen:

1 Siehe: Statistisches Bundesamt der BRD: Öffentliche Sozialleistungen 1975. In: Wirtschaft und Statistik, 1979, Nr. 12, S. 745ff.

2 Siehe ebenda, S. 747.

3 Siehe Rüdiger Koch/Georg Rocholl: Kleinkinderziehung als Privatsache?, S. 34.

4 Arnulf Hopf: Historische Analyse der trägerspezifischen und rechtlich-organisatorischen Bedingungen öffentlicher Kleinkindererziehung. In: Ebenda, S. 87.

5 W. I. Lenin: Die große Initiative. In: Werke, Bd. 29, S. 419.

6 Dienstbestimmungen des „Caritas“-Verbandes, weshalb das Mitbestimmungsrecht in seinen Einrichtungen nicht gelte. (Zit. in: Rüdiger Koch/Georg Rocholl. Kleinkinderziehung als Privatsache?, S. 76/77.)

7 Die Kirchen in der BRD beschäftigten 1977 rund 400.000 „Arbeitnehmer“ in ihren Einrichtungen. Sie waren damit hinter dem „öffentlichen Dienst“ der zweitgrößte „Arbeitgeber“ in der BRD. Nur 20.000 ihrer „Arbeitnehmer“, (insbesondere die Handwerker, Heizer usw.) waren gewerkschaftlich organisiert.

8 Siehe: Dienstbestimmungen des „Caritas“-Verbandes, weshalb das Mitbestimmungsrecht in seinen Einrichtungen nicht gelte, (Zit. in: Rüdiger Koch/Georg Rocholl: Kleinkinderziehung als Privatsache?, S. 77.)

9 Noch am Anfang des 20. Jahrhunderts galt „Armut“ offiziell als persönliches Verschulden. Empfang von „Armenpflege“ hatte den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, vor allem des Wahlrechts, zur Folge. „Die Bourgeoisiewohltätigkeit, mit der Miene des Gönners gewährt, degradiert und entehrt“, war ein besonderer von Clara Zetkin auf sozialdemokratischen Parteitagen vertretener Standpunkt, der von ihr mit der Forderung nach Unentgeltlichkeit des Kindergarten- und Volksschulbesuchs verbunden wurde; denn ein notwendiger Zuschuß zum Kindergarten- oder Schulgeld aus der „Armenkasse“ war schon „Armenpflege“ und mit der Gefahr des Verlusts des Wahlrechts verbunden. (Siehe Rüdiger Koch/Georg Rocholl: Kleinkinderziehung als Privatsache?, S. 86, 91.)

10 Ebenda, S. 80.

11 Ebenda, S. 81.

12 Nach dem zweiten Weltkrieg von Eugen Gerstenmaler gegründet, der sein Amt als Präsident des Bundestages wegen unklarer Grundstücksgeschäfte niederlegen und aus der öffentlichen politischen Arbeit für längere Zeit verschwinden mußte.

13 Zit. in: Rüdiger Koch/Georg Rocholl: Kleinkinderziehung als Privatsache?, S. 72.

14 Denkschrift zur Vorschulerziehung, Hrsg. vom Deutschen Caritasverband e.V., Freiburg 1969, S. 20. (Zit. in: Ebenda, S. 39.)

15 Evangelischer Kindergarten im Wandel der Zeit, Münster 1972, (Zit, in: Ebenda.)

pdfimage  Schmidt: Schule und Religion in der BRD

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Bildung und Erziehung, Gegen die Religion, Kapitalistische Wirklichkeit, Massenmanipulation veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Heinz H. Schmidt: Kindergarten und Schule in der BRD und der Mißbrauch der Religion

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    Bereits 1981 erstellte der Pädagoge und Journalist Heinz H. Schmidt eine Analyse des BRD-Schulsystems, wie sie erschütternder nicht sein kann. In groben Zügen und anhand zahlreicher sachlicher und statistischer Belege weist er nach, wie die BRD-Schule auf der Grundlage reaktionärer und wissenschaftsfeindlicher Theorien vergangener Jahrhunderte zur Verblödung der Jugend beiträgt und dazu insbesondere auch die Religion als „Opium des Volkes“ (Marx) benutzt. Man braucht sich also heute nicht zu wundern, wenn Schulabgänger im Endergebnis nach Abschluß ihrer Schulzeit, wie Schmidt schreibt, „Fachidioten“ sind, die von ihrem Fach viel, von rationaler „Wirklichkeitsbewältigung“ jedoch nur wenig verstehen und deshalb leicht manipulierbar sind. Und das betrifft im wesentlichen alle Bevölkerungsschichten, vom „einfachen Arbeiter“ bis zum hochgelehrten Professor.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s