Heinz Kahlau: Fenster der Hoffnung

SternWarum, sagen Sie selber, sollte man einem Dichter seine Hoffnungen nicht glauben, wenn sie nicht sein Leben, sondern das Leben der Menschheit betreffen? Weil ein einzelner Mensch die Hoffnung der ganzen Menschheit nicht fassen kann? Oder etwa, weil ein einzelner Dichter gar nicht wissen kann, was diese Menschheit seit Anbeginn hofft? Aber ein Philosoph oder ein Politiker könnte das, ja? Unsinn! Es ist ja nur von Hoffnungen die Rede. Was sind denn Hoffnungen? Hoffnungen gibt es nur auf Kommendes, niemals auf etwas, das schon war. Jeder hofft auf Liebe, Gerechtigkeit, Frieden und damit auf ein schönes langes Leben. Wenigstens für sich. Das ist von der Natur aus so, sobald man zu leben anfängt. Also trägt jeder Mensch die Hoffnungen der ganzen Menschheit in sich, rein genetisch. Unser Lebenswille ist das, denn wir sind Wesen der Natur. Gemeinschaftswesen, die einzeln und außerhalb ihrer Art nicht existieren können.

Hoffnungen

Deshalb hoffen die meisten Menschen nicht nur für sich, sondern für viele. Weil wir nämlich auch Wesen der Gesellschaft sind. Also hat fast jeder in sich die Hoffnungen der Menschheit, und hat er außerdem die Begabungen eines Dichters, dann kann er sie für sich und andere in Worte fassen und mitteilen. Egal, wo er lebt und in welcher Sprache er das tut. Was die Hoffnungen der Menschheit betrifft, ist jeder Dichter absolut glaubwürdig, solange er die Fenster der Hoffnung sauberhält.

Hoffnungen haben eine besondere Eigenschaft: Im Moment ihrer Erfüllung machen sie neuen Hoffnungen Platz, sie verschwinden einfach. Aber solange sie nicht erfüllt sind, kann sie nichts aus der Welt schaffen.

Ein großartiges Gedicht, das über eine lange Zeit viele Aufregungen verursacht hat, wegen der in ihm pulsierenden, auf Erfüllung drängenden Hoffnungen, wird erst dann in die Asche seiner Worte zerfallen, wenn die Hoffnungen erfüllt sind. Das macht die Langlebigkeit vieler guter Gedichte aus. Das wissen die Dichter, denn die Idee von der „Unsterblichkeit“ ihrer Verse kommt nicht von den Dichtern. Sie haben immer die Untilgbarkeit der Hoffnungen gemeint und ihre Tilgung durch die Erfüllung erhofft. Wie immer sie selbst darüber vergangen sind.

Die Gedichte von Wladimir Majakowski

Wenn diese Behauptungen einer Auswahl von Gedichten des Wladimir Majakowski vorangestellt werden, dann geschieht das auch deshalb, weil seine Haltung zur Menschheit und seine Gedichte eine vorzügliche Gelegenheit bieten, meine Behauptungen zu beweisen. Der kommunistische Dichter Majakowski beteiligte sich mit seiner Arbeit als Dichter an der Oktoberrevolution, dem bisher erfolgreichsten Versuch, die uralten Hoffnungen der Menschheit zu erfüllen. Er verlangte, daß seine Feder ins Waffenverzeichnis der Revolutionäre aufgenommen werde, und wollte mit seinen Gedichten die Ursachen seiner Ge­dichte beseitigen und viele seiner Verse damit überflüssig machen. Er setzte auf die Erfüllung der Hoffnungen.

Der Gießer Iwan Kosyrew

Lesen wir heute sein Gedicht „Erzählung des Gießers Iwan Kosyrew vom Einzug in die neue Wohnung“, das elf Jahre nach der Revolution geschrieben wurde, so wissen wir inzwischen: wer auf eine solche Wohnung hofft und hoffen kann, wird dieses Gedicht anders lesen als alle, denen das eine Selbstverständlichkeit ist, und anders als die vielen Menschen in der Welt, die davon nicht einmal zu träumen wagen: Dieses Gedicht, so alltäglich es daherkommt, wird noch lange lesbar bleiben.

Sitzungen

Ebenso ist es mit dem Gedicht „Die auf Sitzungen Versessenen“. Die Erfüllung dieser Hoffnung bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe. Und wie ist es mit den anderen Hoffnungen in diesem schmalen Bändchen? Nicht immer sind sie so direkt ausgesprochen, sind vom Zeitgeschmack verstellt und haben, besonders bei den frühen Gedichten, eine Bil­derwelt, die nicht leicht zu erschließen ist. Majakowski, der damals sehr jung war, hätte am liebsten alles an dieser Menschenwelt erneuert, auch noch die Sprache. Ihn regte alles Verstaubte, Kleinzügige, Muffige, Spießige auf, er erfand explodierende Bilder, peitschende Worte, wollte ein Futurist sein, einer, für den nur noch die Zukunft gilt. Wer jung war, verstand das sofort, und ringsum war Revolution, die alles erneuern und befreien wollte, mit ihrer Gewalt.

Wir wußten, wen wir meinten!

Neunzehnhundertachtundvierzig, als ich seine Gedichte zum ersten Mal in die Hände bekam, war ich siebzehn, und sein Gedicht „In Heines Manier“ kann ich heute noch auswendig, obwohl ich es niemals gelernt habe. Ebenso geht es mir mit seinem „Linken Marsch“. Wir wußten genau, wen wir meinten, wenn wir auf den nächtlichen Straßen der Trümmerstadt Potsdam schmetterten, was Majakowski gereimt hatte:

Ananas, Rebhuhn,
täglicher Schmaus.
Warte nur, Spießer,
bald ist’s mit dir aus!,

und es war nicht nur das Geknurr unserer eigenen Mägen, das uns dazu angeregt hatte.
Majakowskis Gedichte lesen sich immer noch wie Hoffnungsberichte der Gegenwart für jeden, der über seinen eignen Tellerrand sehen kann. Denn der Kampf zwischen Sein und Haben, dem er sich bis zum letzten Atemzug verschrieben hatte und der zum Kampf um das Sein der Menschheit geworden ist, geht unerbittlich weiter.

Unvergängliche Hoffnungen

Diese kleine Auswahl aus dem Werk eines großen Dichters dieses Jahrhunderts ist nur ein Beispiel für die elementare Kraft und Lebendigkeit der uralten Menschheitshoffnungen, in die Sprache der Dichter gefaßt. In ihnen leuchtet der Sinn unseres Lebens, lassen wir niemals Erfahrungen über die Hoffnungen siegen, vertrauen wir ihnen – glauben wir ihnen – , denn nichts wird haltbarer als unsere Hoffnungen sein.

Heinz Kahlau

Quelle:
Vorwort zu Wladimir Majakowski „Ich will meinen Stern Majestät“, Gedichte. Verlag Tribüne Berlin, 1987, S.7-11. (Minibuch) – Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.

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