Lesezeit?

„Zurück oder vorwärts, du mußt dich entschließen…“

20170119232032…heißt es in einem der Lieder des Oktoberclubs in der DDR. Das mag denen, die zurück zum Kapitalismus wollten, überdrüssig gewesen sein, doch es war eine entscheidende Frage. Und nicht jedem war das auch bewußt. Doch damit es einem bewußt werden kann, muß man lesen. Wenn heute über Bücher geredet wird, dann fast ausschließlich über Neuerscheinungen, über Bestseller und über Bücher, die kaum jemand kennt.  Kein Computer, kein eBook und keine Belehrung kann ersetzen, was man sich selbst erarbeitet hat. Und es wird wieder gelesen … sicher nicht nur die massenhaft erscheinenden Historienschmöker, die seichten Unterhaltungsromane oder die unvermeidliche Fachliteratur, sondern auch die Klassiker der Weltliteratur und – Bücher aus der DDR. Denn die DDR war das lebende Beispiel für ein Leseland par excellence.

In meinem Bücherschrank stehen zwei Bücher (freilich noch weit mehr; andere haben da ja vielleicht die Gläser stehen…) – das eine handelt von den „Fehlern der Vergangenheit“ und das andere von der Zukunft. Das eine in schönem farbigen Umschlag, das andere schon etwas älter und auch leicht vergilbt. Welches der beiden sollte ich nun zuerst lesen?

Da schreibt beispielsweise der DDR-Kunstwissenschaftler Hermann Meuche zu einem Wandbild von José Renau am Eingang des Verwaltungsgebäudes des VEB Energiekombinats Halle:

…rechts im Bild die technischen Energiesammler und links in gegenläufiger Bewegung die sich aufstaffelnden Fahnen der Arbeiterklasse; in sie eingeschmiegt, in ihrem Schutz und Bewegungsverlauf sich entfaltend, der dichte Schwarm der Friedenstauben … Hier wird sichtbar, daß damit keine formal-ästhetischen Reize gesucht werden, sondern durch bewußte Formung zwingende und stabile Erlebnisse und Einsichtsmöglichkeiten in einem objektiven, lebendigen revolutionären Prozeß hergestellt werden. [1]


In dem anderen Buch schreibt Emmanuil Kasakewitsch:

Gestern, als Sinowjew die neuesten Zeitungen las, hatte er voll Bitterkeit zu Lenin gesagt: „Wie schnell sich doch die Massen der Macht unterwerfen!“ – Und Lenin hatte sehr rasch, ohne sich umzuwenden, erwidert: „Solange sie selber noch keine Macht sind!“ Erst dann drehte er sich um, beugte sich über die Zeitung, überflog sie und setzte hinzu:

„Die Massen sind praktisch, sie wollen nicht unnötig den Kopf in die Schlinge stecken. Nicht wie die intellektuellen Einzelgänger. Wirkungsvolle Gesten und klingende Phrasen liegen ihnen nicht. Die überlassen sie lieber Kerenski und Awksentjew, den ehemaligen Gymnasiasten, die zu tief in den alten Plutarch geguckt haben; der hat schon manchem den Kopf verdreht. Die Massen werden begreifen, daß sie gescheitert sind, weil sie unorganisiert vorgingen. Das nächste Mal werden sie daraus gelernt haben.“

Sinowjew lächelte resigniert. In der jetzigen Lage von einem „nächsten Mal“ zu sprechen, hieß, gelinde gesagt, sich einer Selbsttäuschung hingeben.

Nein. Natürlich sind das nicht die „Fehler der Vergangenheit“, über die wir hier reden. Und es ist auch keine Nostalgie, wenn wir aus einem Buch zitieren, das schon über 30 Jahre alt ist. Wie zum Beispiel aus diesem von Gorki:

„Ihr solltet euch die alte Zeit aufmerksam betrachten, da würdet ihr alle Rätsel lösen.“ [3]

Also, wenn ich mich nun entschließen und entscheiden muß, dann lese ich doch lieber zuerst das Büchlein von Kasakewitsch, denn das entführt mich in die Zukunft…

ek

…denn die Sommerzeit ist schließlich auch mal wieder eine Lesezeit!

Ein paar Literaturempfehlungen:
Manfred Liebscher: Im Paradies der Erinnerungen
Horst Jäkel (Hrsg.): DDR- unauslöschbar
Hermann Kant: Die Aula
N.Ostrowski: Wie der Stahl gehärtet wurde

Und wer wirklich Interesse hat an DDR-Literatur, der sollte möglichst bald nach 01594 Staucha/Sachsen fahren, südwestlich von Riesa. Dort befindet sich die weltweit größte Sammlung von DDR-Büchern: http://www.psb-staucha.de … Große Hochachtung für den Initiatior dieser Bibliothek, den Schauspieler Peter Sodann! Denn Millionen Bücher aus der DDR landeten nach 1990 auf der Müllhalde. Die Feinde der DDR hatten „ganze Arbeit“ geleistet. Also: Besser Sie lesen eines der Bücher, das in der DDR entstanden ist, als Dutzende dieser verlogenen, historisch-fälschenden, die DDR verunglimpfenden Bücher, die nach 1990 über die DDR geschrieben wurden. Im Antiquariat der Bibliothek werden Sie bestimmt Ihr Wunschbuch finden.
(Tel.: 035268/949574)

siehe auch: Karl Marx hatte recht!

Quellen:
[1] Hermann Meuche: Raum und Bild des Menschen. Beiträge zur Architektur und bildenden Kunst. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1980, S.186.
[2] Emmanuil Kasakewitsch: Das Blaue Heft. Erzählung über Lenin. Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin, 1962, S.23.
[3] Maxim Gorki: Die Geschichte mit dem Silberschloß. Frühe Erzählungen. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1975, S.95.
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7 Antworten zu Lesezeit?

  1. giskoe schreibt:

    Da hast Du vollkommen recht: Nur das Original ist die Wahrheit. Deshalb halte ich Noll, Kant, Strittmatter, Görlich, Seghers, Bredel und Co. in Ehren. Diese Bücher stehen im Bücherregal, die wenigsten sind verstaubt.

  2. Weber Johann schreibt:

    „Also: Besser Sie lesen eines der Bücher, das in der DDR entstanden ist, als Dutzende dieser verlogenen, historisch-fälschenden, die DDR verunglimpfenden Bücher, die nach 1990 über die DDR geschrieben wurden. Im Antiquariat der Bibliothek werden Sie bestimmt Ihr Wunschbuch finden.“

    Dieser Aussage kann ich uneingeschränkt zustimmen. Wichtig ist jedenfalls so zu handeln, wie Hewlett Johnson Dekan von Canterbury, in seinem Buch „1/6 der Erde“ erschienen im Verlag Volk und Welt 1947, es beschrieben hat:
    „Mir sind die tief verwurzelte Feindschaft und das Vorurteil gewisser Schichten unseres Volkes gegen die Sowjetunion wohl bekannt. Ich möchte die Leser bitten, beim Studium dieses Buches derartige Gefühle für einen Augenblick beiseite zu lassen, damit vielleicht eine weniger einseitige Anschauung und ein tieferes Verständnis in Ihnen geweckt wird.“

    Diese Erkenntnis des Dekan von Canterbury möchte ich noch so beschreiben: „Mir sind die tief verwurzelte Feindschaft und das Vorurteil gewisser Schichten unseres Volkes (BRD) gegen die DDR wohl bekannt. Ich möchte die Leser bitten, beim Studium der Bücher aus der DDR derartige Gefühle für einen Augenblick beiseite zu lassen, damit vielleicht eine weniger einseitige Anschauung und ein tieferes Verständnis in Ihnen geweckt wird.“

    Zum Üben gleich zwei Vorschläge:
    „Vom Werden unsere Staates – Eine Chronik“ Band 1(1945-1949) und Band 2(1949-1955) Staatsverlag der DDR, Berlin 1966

  3. Rolf schreibt:

    Peter Sodann soll ja mal in Bezug auf die DDR gesagt haben:
    „Wir waren schon mal weiter …“
    Das passt gut zu dem hier letztens gelesenen Ausspruch:
    „Wir haben in der Zukunft gelebt!“

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