Ein Gespräch Lenins mit Sinowjew

16668Spätsommer 1917. Ein Heuschlag am Rasliw-See unweit Petrograds. Eine Laubhütte. Schnitter. Wer soll drauf kommen, daß einer der „Schnitter“ Lenin, der Führer des revolutionären Proletariats ist. Um dem Zugriff der Polizei zu entgehen, hat Lenin heimlich die Hauptstadt verlassen. Doch auch im Versteck ist er der Motor der Revolution, ein Mensch, erfüllt von unbeugsamem Willen, von überschäumender Energie und fester Zuversicht in den Sieg der revolutionären Bewegung. So steht es auf dem Einband des Büchleins von Kasakewitsch über Lenin…

Sinowjew: „Und ich fürchte gerade, daß Sie die Tuchfühlung mit den Massen verlieren; Sie eilen voraus, können nicht abwarten. Man muß Sie beim Rockschoß festhalten. Was wir jetzt tun müssen, ist manövrieren und warten.“

Lenin war während des Gesprächs auf und ab gegangen. Bei den letzten Worten blieb er unvermittelt stehen und wandte sich ruckhaft Sinowjew zu.

„Warten? Wer kann so warten wie wir russischen Marxisten? Haben wir etwa wenig gewartet? Wir, die wir seit langem den wissenschaftlichen Sozialismus beherrschen, für ihn soviel gelitten haben, die wir an die Arbeiterklasse und ihren Sieg glauben, wir sollten das Warten nicht gelernt haben? Wie oft haben wir Aufwallungen von Haß und Verzweiflung, den instinktiven Drang zum Terror, zu sofortigen Aktionen unterdrückt, der angesichts der Schändlichkeiten unserer Feinde durchaus menschlich war, wie oft zwangen wir all das nieder, weil wir wußten, daß es darauf ankommt, die Kräfte zu sammeln, die Menschen zu überzeugen und in vollem Glauben an den Sieg zu warten! Habe ich nicht in den Aprilthesen, die von vielen in der Partei anfangs als Rebellentum, Anarchismus, Blanquiismus und was weiß ich noch aufgefaßt wurden, habe ich in ihnen nicht die Massenaufklärung als die Hauptaufgabe bezeichnet? Die Richtung gewiesen und zum Warten aufgefordert?

Kamenjew kritisierte mich sogar damals von ,links‘ her, er behauptete, Massenaufklärung sei keine Politik. Für ihn besteht die Politik in schlau geknüpften politischen Kombinationen, in Intrigen gegen andere Parteien, in Blocks und Gegenblocks, in schwungvollen Reden auf der Parlamentstribüne. Habe ich schließlich und endlich während der Juliereignisse und danach nicht darauf gedrungen – wenn ich vielleicht auch die revolutionäre Stimmung der Massen unterschätzte –, daß die Aktion sofort abgebrochen und in eine friedliche Kundgebung umgewandelt wird? Heißt das ,nicht warten können‘?!

Aber in manchen Situationen wird Warten zum Verbrechen. Und dieser Augenblick kann bald eintreten, zweifellos wird er bald eintreten. Und wenn wir uns dann nicht zum sofortigen Handeln entschließen, sind wir kleinbürgerliche Dutzendsozialisten, Schwätzer, Phrasendrescher, und die Arbeiter werden sich von uns abwenden. Wenn wir in einem solchen Augenblick weiter warten und auch dann nicht wie einst Faust die Geduld verdammen, sind wir Feiglinge, Nullen, und das verzeiht uns die Geschichte nie.“

Sinowjew schwieg, erschüttert von dem tragischen Pathos, der in Lenins Mund so ungewohnt klang. Doch dann rief er verzweifelt:

„Aber begreifen Sie denn, was es heißt, jetzt, im gegenwärtigen Moment und im gegenwärtigen Rußland, die Macht zu übernehmen?“

„Ob ich das begreife?“ fragte Lenin auf einmal sehr ruhig und ließ einen langen Blick auf Sinowjews Gesicht ruhen. „Ja, ich begreife es. Über diese Frage habe ich Tage und Nächte gegrübelt, bis mir der Schädel brummte. Sie sprechen vom ,gegenwärtigen‘ Rußland. Um das künftige Rußland zu schaffen, müssen wir im gegenwärtigen die Revolution machen, einen andern Weg gibt es nicht. Rückständigkeit, jawohl. Bastschuhe, jawohl. Und noch viel Barbarei, richtig. Doch sobald wir die Macht haben, werden wir diese Schattenseiten der russischen Wirklichkeit doppelt, zehnmal, hundertmal so schnell überwinden können.

Gewiß, viele, sehr viele unserer Arbeiter sind im Vergleich mit den westlichen wenig kultiviert und ungebildet. Das vergrößert die Schwierigkeit, hat aber auch seine gute Seite. Die russischen Arbeiter sind nicht verseucht von der im Westen groß aufgezogenen bürgerlichen Propaganda der Besitzermoral, die Hirne und Herzen vergiftet, und nicht von der Gier nach Geld, der Sucht nach kleinbürgerlichem Komfort. In den Herzen unserer Arbeiter lodert der große Haß gegen die Ausbeuter. Und dieser Haß ist wahrhaftig aller Weisheit Anfang, die Grundlage jeder revolutionären Aktion…“

Lenin schwieg, dann setzte er kühl hinzu: „Übrigens haben wir eine Partei und ein ZK, und die werden im nötigen Augenblick die Entscheidung treffen.“

„Das sind Worte“, stieß Sinowjew hervor. „Worte! Sie wissen sehr gut, daß Ihre Meinung im ZK den Ausschlag gibt.“

„Nun wohl, ich bin stolz, daß ich meine Genossen zu überzeugen vermag. Führer ist, wer bei absoluter Meinungsfreiheit überzeugt. Doch wenn ein Entschluß gefaßt ist, gibt es keine Meinungsfreiheit mehr. Sie entsinnen sich, ein gewisser römischer Feldherr gab vor vielen Jahrhunderten den eigenen Sohn dem Richtbeil preis, weil er in der Schlacht einen Befehl nicht befolgte. Die Römer vor der Kaiserzeit wußten, was Disziplin ist. Deshalb verwandelte sich die Landschaft Latium in das große Rom.“

Sinowjew entgegnete hierauf mit Zitaten aus Marx, Engels und Proudhon. Aber Lenin schien jedes Interesse an dem Gespräch verloren zu haben und schwieg.

Der Abend war angebrochen, grau und unfreundlich. Ab und zu ging ein Regenschauer nieder, vom See her wehte Kälte. Das Schweigen wurde drückend. Und Sinowjew, der dem Klopfen der herabfallenden Regentropfen lauschte, war es auf einmal, als tickte irgendwo eine große Nebeluhr, die die Zeit dieses Schweigens maß. Er sah zu Boden und wartete. Lenin überquerte die Wiese, kam zurück, blieb …

Quelle:
Emmanuil Kasakewitsch: Das Blaue Heft. Erzählung über Lenin. Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin, 1962, S.156f.

Lenin Rasliw

Nach der blutigen Niederschlagung der Julidemonstration 1917 hatten sich die Bourgeoisie und ihre sozialrevolutionären und menschewistischen Helfershelfer vor allem auf die bolschewistische Partei gestürzt, um das Proletariat seiner Führung zu berauben und den Arbeitern und Bauern einen erfahrenen und zuverlässigen Führer zu nehmen. Massenverhaftungen bolschewistischer Funktionäre hatten begonnen, die Prawda und andere bolschewistische Zeitungen wurden verboten und ein Befehl war erlassen worden, Lenin zu verhaften. Unter diesen Umständen war die bolschewistische Partei erneut gezwungen in die Illegalität zu gehen. Ende Juli 1917 trat in der Illegalität in Petrograd der VI.Parteitag der Bolschewiki  zusammen. Lenin hielt sich in dieser Zeit in einem Zelt in der Nähe der Station Rasliw (Finnland) verborgen. Dort schrieb Lenin das Werk „Staat und Revolution“. Lenin leitete den Parteitag durch seine Mitkämpfer Stalin, Swerdlow, Molotow, Ordshonikidse. Stalin führte den Parteitag fest und entschieden auf dem Leninschen Weg. In dieser Zeit wuchs die Partei der Bolschewiki zu einer großen Kraft heran. In den fünt Monaten der Revolution vergrößerte sie ihre Mitgliederzahl um das Sechsfache. Sie zählte in ihren Reihen 240.000 Mitglieder. (Lehrbuch für die Politischen Grundschulen. Erster Teil, Dietz Verlag 1951, S.81f.)

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