Ein letzter Bericht aus Buchenwald

Buchenwald„Ich habe lange überlegt“, sagte der Genosse Paul Gla­ser, als wir uns über seine Erlebnisse im Konzentrationslager Buchenwald unterhielten. „Die Geschichte der deutschen Arbeiter­bewegung und besonders der Abschnitt, den ich miterlebt habe, ist so reich an Beispielen persönlichen Muts, daß es schwerfällt, einem den Vorzug zu geben. Ich möchte daher einiges vom Wider­standskampf im KZ Buchenwald erzählen: Die Kommunistische Partei war das Zentrum des Widerstandes im KZ Buchenwald. Die besten Genossen waren in verschiedenen Gruppen vereinigt und die illegale Widerstandsarbeit im Lager war bestens organisiert….

So war es möglich, Verbindung zu allen anderen Nationen aufzunehmen, die Fäden zu knüpfen für die Bil­dung des internationalen Lagerkomitees. Unter den Augen der SS-Mörder fanden Zusammenkünfte und Aussprachen statt. Alle Fäden der illegalen Arbeit liefen im Krankenrevier zusammen, das das Herz des Widerstandskampfes bleiben sollte bis zur Be­freiung im April 1945. Alle Versuche der SS-Lagerführung, durch Spitzel und verschiedene Korruptionsmethoden der Parteiarbeit auf die Spur zu kommen, scheiterten an der vorbildlichen Haltung der Genossen, an der guten Organisation und Solidarität der Genossen.

Die letzten Wochen

Die letzten Wochen vor der Zerschlagung des Faschismus waren für das internationale Lagerkomitee und für alle Genossen eine große Belastungsprobe. Dann kamen endlich die Tage des April 1945. Von den wuchtigen Schlägen der Roten Armee getroffen, waren die Faschisten bis weit hinter die Oder zurückgeworfen worden. Vom Westen her drangen die Alliierten nach Mitteldeutschland vor. Die Nazis stan­den kurz vor dem Zusammenbruch ihres „tausendjährigen Reiches“. Um die Mitwisser ihrer grauenhaften Verbrechen zu beseiti­gen, begannen sie, die Konzentrationslager zu evakuieren und die Häftlinge auf dem Marsch zu ermorden. Mit dieser barbarischen Maßnahme wurde auch im KZ Buchenwald begonnen.

Todesmärsche

Vor uns Häftlingen stand die bange Frage: Wird die SS-Lager­führung im letzten Moment das gesamte Lager vernichten? Oft hatten doch die SS-Mörder im angetrunkenen Zustand geäußert, daß sie vor ihrem Abtritt alles vernichten werden. Ende März entstand im Lager eine katastrophale Lage. Durch die Auflösung der Außenkommandos war die Belegung des Lagers so angewachsen, daß die Unterbringung und Verpflegung der Häft­linge nicht mehr möglich war. Dadurch wurde die Seuchengefahr zu einem Schreckgespenst. Der Beginn der Todestransporte stand vor der Tür.

Ein hinterhältiges Spiel

Der Lager­kommandant Pister hatte geäußert, daß die deutschen Lager­insassen von den Ausländern getrennt werden sollen. Worin war wohl der Grund zu suchen? Angeblich hatten die tschechischen und französischen Widerstandskämpfer vor, einen Aufstand im Lager durchzuführen. Welche „Fürsorge“ seitens der SS! Deshalb sollten wohl die deutschen Antifaschisten geschont werden? Dieses hinter­hältige Spiel der Faschisten wurde von der Partei sofort durch­schaut. Durch diese Maßnahme sollte die Einheit und Kampfkraft im Lager empfindlich geschwächt werden. Darum ging es den Faschisten. Diesen Gefallen wollten wir ihnen aber wirklich nicht erweisen.

Evakuierung des Lagers

Ich erinnere mich noch gut daran, als durch den Lautsprecher be­kanntgegeben wurde, daß alle Juden auf dem Appellplatz antre­ten sollten. Es wurde zur Gewißheit, daß die Faschisten mit der Evakuierung des Lagers begannen. Das illegale Häftlingskommittee versuchte, so gut es ging, die Todestransporte aufzuschieben und zu verhindern. Die SS war wütend, denn niemand war angetreten. Am nächsten Morgen wurde Gesamtappell angesetzt. Die Zusam­menstellung des ersten Transportes von 3000 jüdischen Häftlingen konnte nicht verhindert werden. Trotzdem gelang es uns aber doch, aus dem Transport einige bewährte Antifaschisten vor dem siche­ren Tode zu bewahren. Ich selbst hatte drei Kameraden in der Wäschekiste im Bad vom Block V versteckt. Das war möglich durch den festen Zusammenhalt aller und die gute Organisation der Partei.

Die illegale Parteileitung

Danach holte die SS zu einem Schlag aus gegen die illegale Parteileitung. Ohne etwas Genaues zu wissen oder einzelne zu kennen, griffen sie 46 Genossen heraus und befahlen, daß sich diese am Tor zu melden haben. Es waren 46 unserer besten Genossen und Funktionäre. Die Aufgabe bestand jetzt darin, diese Genossen unter allen Umständen vor dem Zugriff der SS zu bewahren. Die Genossen gingen nicht in die gestellte Falle. Sie waren plötzlich verschwunden. Trotz aller Drohungen der SS waren und blieben sie unauffindbar. Ich erinnere mich noch sehr gut an unseren: Blockältesten vom Block 42, Genossen Otto Große, und an den Genossen Ludwig Wolf. Diese beiden waren auch bei den 46 dabei, die die SS so gerne liquidiert hätte. Zwei Tage später traf ich im Bad vom Block V den Genossen Wolf. Ich habe ihn nicht wiedererkannt, so entstellt war er. Auf meine verwunderte Frage, ob er es auch wirklich sei, sagte er lachend: „Ja, Paul, ich bin es. Die können lange suchen, bis sie uns finden!“

Widerstand gegen die Evakuierung

In den folgenden Tagen wurden von der SS weitere Transporte zusammengestellt. Trotz aller Verzögerungen und Sabotage seitens der Häftlinge war es den Faschisten möglich, am 10. April wieder einen Transport „abzufertigen“. Dadurch entstand eine empfind­liche Lücke im antifaschistischen Kern der Widerstandsarbeit, denn unter den Evakuierten befanden sich sowjetische Genossen. Aus meiner Tätigkeit als Blockschreiber vom Block V im Kranken­bau erinnere ich mich noch an folgendes Beispiel des proletarischen Internationalismus: Von der Gestapo war der Genosse Paul Heilmann in das Konzentrationslager eingeliefert worden. Er wurde von uns in dem Krankensaal 21 untergebracht. Zwei Tage nach der Einlieferung kam der Genosse Dr. Matusek aus Prag zu mir und sagte, daß der Genosse Heilmann sofort verschwinden muß. Es besteht die Ge­fahr, daß er von der SS ermordet wird. Sofort wurde er in das Revier des Kleinen Lagers verlegt und mit einer Häftlingsnummer von einem Kameraden versehen, der am selben Tage verstorben war. So verstarb für die SS der Genosse Heilmann und wir er­hielten ihm das Leben für die kommenden großen Aufgaben beim Wiederaufbau Deutschlands.

Internationale Solidarität

„Der Eisendreher und Reichstagsabgeordnete der KPD Walter Krämer behandelte als Kapo des Reviers viele Kranke und wagte sich sogar an schwierige Operationen … Die Arbeit Walter Krämers setzte nach dessen Ermordung der kommunistische Reichstagsabgeordnete Ernst Busse fort.“ Auch der Genosse Martin Grießer aus Pößneck verbarg einige Tage ein polnisches Kind im Krankenrevier vor dem Zugriff der SS. In seinem Roman „Nackt unter Wölfen“ hat Genosse Bruno Apitz das Heldentum dieser Genossen eingehend gewürdigt und der internationalen Solidarität ein bleibendes Denkmal gesetzt. Heimlich hatten wir uns Waffen besorgt und warteten auf den Augenblick, wo wir mit der SS Abrechnung halten wollten.

Flucht der SS-Banditen

Am 9. und 10. April begrüßten wir freudig amerikanische Flug­zeuge, die über das Gelände des Konzentrationslagers flogen. Wir ahnten, daß es nur noch Stunden dauern konnte. Durch diese Flüge wurde die SS-Lagerführung an ihrem Vorhaben gehindert, das Lager durch deutsche Flugzeuge bombardieren zu lassen. Als schon der Kanonendonner der herannahenden dritten amerikani­schen Armee zu hören war, versuchten noch einige SS-Führer, für ihre Person zu retten, was jetzt noch zu retten war.

Mörder in Weiß

Besonders der SS-Lagerarzt Dr. Hoven war es, der sich in den letzten Tagen vor der Befreiung im Krankenrevier aufhielt und sich bei den Häft­lingen anzubiedern suchte. Er meinte zu uns, daß er doch immer gut gewesen sei. Dabei sah man ihm die Angst förmlich an. Was war jetzt plötzlich aus diesen stolzen „Teutonen“ geworden? Die Kameraden hatten aber auf Grund der brutalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit kein Verständnis für diese Speichelleckereien. Übrigens wurde dieser Dr. Hoven später im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß zum Tode verurteilt.

Letzte Provokationen

Andere SS-Führer versuchten zu provozieren. Besonders taten sich hier der Schutzhaftlagerführer Schober und sein Stellvertreter Gust hervor. Sie verbrachten die letzten Nächte im Krankenrevier und versuchten unter allerlei Vorwänden, die Häftlinge zu provo­zieren. Ihr Vorhaben, in letzter Minute ein Blutbad anzurichten, scheiterte an der besonnenen Haltung der Häftlinge. Auch diese beiden haben später ihre wohlverdiente Strafe erhalten.

Unruhe im Lager

Es kam die letzte Nacht vom 10. zum 11. April 1945. Es sollte der letzte Tag der faschistischen Gewaltherrschaft im Konzentrations­lager Buchenwald sein. Die Nerven waren zum Zerreißen angespannt. Wir wußten, daß die amerikanischen Truppen nicht mehr weit waren. Werden sie noch rechtzeitig eintreffen? Wird die SS nicht doch noch im letzten Moment versuchen, das Lager zu vernichten? Solche und ähnliche Fragen bewegten die Häftlinge. Überall herrschte im Lager Un­ruhe.

Ermordung eines sowjetischen Häftlings

Ein herrlicher Frühlingstag war dieser 11. April 1945. Gegen 9.00 Uhr hatten wir noch folgendes Erlebnis, an dem auch die Genossen Eckert aus Hanau und der Genosse Martin Grießer aus Pößneck teilhatten. Gegenüber vom Krankenrevier lag das Kleine Lager. Um die be­sagte Zeit erschienen der SS-Arzt Dr. Bender und der SS-Haupt­sturmführer Wilhelm. Wir sahen, wie sie im Kleinen Lager ver­schwanden. Kurze Zeit später hörten wir einen erregten Wort­wechsel, dann mehrere Schüsse und einen Aufschrei. Der faschistische Arzt hatte in letzter Minute einen Häftling erschossen. Wie wir später feststellten, handelte es sich um einen sowjetischen Ge­nossen. Noch einige Minuten vor der Befreiung mußte er sein Leben opfern.

Ein Aufruf zur Flucht

Viel zu langsam schlich die Zeit dahin. Jeden Augenblick konnte noch etwas Unvorhergesehenes geschehen. Plötzlich Sirenengeheul ­Fliegeralarm! Kurze Zeit später brausten amerikanische Jagd­bomber im Tiefflug über das Lager. Überall Mützenschwenken, überall Freude! Das ist das langersehnte Ende! Spähtrupps aus den Reihen der Häftlinge waren bereits aufge­stellt. Plötzlich ein Knacken im Lautsprecher, der den ganzen Tag geschwiegen hatte und eine aufgeregte Stimme sagt: „Alle SS-­Angehörigen sofort aus dem Lager!“

Die Selbstbefreiung des Lagers Buchenwald

Jetzt hieß es für uns auf der Hut sein! Was plante die SS? „Feind­alarm“ bedeutete doch Mobilisierung der gesamten SS. Für uns aber war dieses Alarmzeichen der Beginn der Kampfhandlungen. Wenig später stürmten bewaffnete Häftlingstruppen den elektrisch geladenen Lagerzaun und befreiten sich von dem Terror der SS. Sie stürmten auch für ein besseres und schöneres Deutschland. Um 15.15 Uhr flatterte vom Turm eine weiße Fahne. Der Lager­älteste gab durch das Mikrophon bekannt, daß die Faschisten ge­flohen sind und das internationale Lagerkomitee das Lager über­nommen hat. Er appellierte an die Häftlinge, Ruhe und Ordnung zu halten, damit das KZ Buchenwald, das sich selbst befreit hat, den Verbündeten ordnungsgemäß übergeben werden kann.

Freiheits-Appell am 12. April 1945:

21.000 Überlebende geloben in dieser Stunde, nicht eher zu ruhen, bis der Tod der 56.000 ermordeten Kameraden gerächt ist, bis der Faschismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist und die Schul­digen an diesen Verbrechen die gerechte Strafe erhalten haben, damit niemals wieder Faschismus und Militarismus die Völker in Not und Elend stürzen können.

Maifeier 1945

Quelle:
Kreisleitung der SED, Pößneck (Hrsg.): Dem Sozialismus entgegen. 1961, S.14-19.

pdfimage  Letzter Bericht aus Buchenwald

Siehe auch:
Walter Barthel: Erinnerungen an Buchenwald
Die nazifreundlichen Amerikaner
KZ Buchenwald: So war es wirklich.
Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen

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6 Antworten zu Ein letzter Bericht aus Buchenwald

  1. giskoe schreibt:

    Danke für diesen Bericht. Diese Aussagen sind Gold wert in der heutigen „Gesellschaft“.

  2. Ulrike Spurgat schreibt:

    Mit Tränen und Schmerz danke ich für diesen Bericht.
    Nie wieder Faschismus und Krieg.
    Ich verneige mich vor dem Mut, der Kraft, der Solidarität., denn diese Fähigkeiten machen den Menschen zum Menschen.
    Der Tag der Selbstbefreiung Buchenwald war der 11.April 1945.

  3. roro schreibt:

    Dieser Tage fand in Auschwitz eine Propagandaveranstaltung statt. Unter dem Motto „Muslime in Auschwitz“ will man uns wiederholt und vehement verlogen klarmachen, daß Hitlers Konzentrationslager antisemistische, religiöse und rassistische Ursachen und Motive hatten. Man könnte natürlich genausogut erklären daß in diesem Jahr der Weihnachtsmann in Lederhosen kommt — Made in Polynasia — Kinderarbeit aber zum fairen Preis.

    Da freuen wir uns doch auf Weihnachten aber sowas von!

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