„Der byzantinische Dichter“ (Satirische Bemerkungen eines kritischen Zeitgenossen)

RudiBerger

Rudi W. Berger

Poetry slam, so sagt man, ist ein gesprochener Wettbewerb, eine Performance, bei der dem Publikum selbstgeschriebene Texte präsentiert werden. Das Publikum wählt anschließend einen Sieger aus. 1984 wurde diese Art des literarisch-darstellerischen Vortrages in den USA erfunden und erfreut sich seither auch bei uns großer Beliebtheit. Nicht selten war auch der Autor des nachfolgenden, kritischen Beitrags vielbewunderter (und mit Abstand ältester) Teilnehmer solcher Veranstaltungen. Rudi W. Berger (Jg. 1924) ist Journalist. Er ist ein Meister des Worts. Doch nicht nur das – er ist auch ein klassenbewußter Vertreter des gesellschaftlichen Fortschritts. Berger ist Kommunist. Das Geschwätz von Freiheit und die Lügen der bürgerlichen Medien sind ihm zuwider. Er haßt alle Unaufrichtigkeit, und er verachtet jene Speichellecker, die es zu allen Zeiten verstanden, ihre Meinungen gewinnbringend der jeweils herrschenden Klasse anzudienen. In der DDR hat das nicht so gut funktioniert, dafür aber umso mehr im kapitalistischen Westen Deutschlands…

Eine seltsame  „Liebe zur Wahrheit“…

Dem Schriftsteller Reiner Kunze wird in einem Artikel vom 16.8.2018 ein Strauß bester dichterische Eigenschaften gebunden. Die schönste Blume aber sei dessen Liebe zur Wahrheit, allerdings, ohne daß wir erfahren, wessen Wahrheit gemeint ist. Wer will, der findet die Antwort des Poeten Kunze im Text zu Salzburg „…auf dem Mönchsberg stehend“:

„nach ankunft im westen Europas
wiederzukehren
hierher, können von nun an mich hindern
Armut nur, Krankheit
und Tod…“

Vielgerühmt und hochgeehrt als Feind des Sozialismus

Deutlicher noch liest man’s im Prosaband „Die wunderbaren Jahre“, darin er Kindererziehung zu sozialistischen Patrioten kalt und gefühllos denunziert. Dieser Band habe ihn über Nacht zum Weltautor gemacht. Allerdings nur deshalb, weil er damit beste Munition im kalten Krieg gegen den Sozialismus lieferte. Und wer immer noch nicht begreift, welche Quelle Reiner Kunzes „Wahrheit“ speist, dem sei seine Dankesrede zur Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2009 im Journal „Palmbaum“ präsentiert, so auch deren Klassencharakter: „Wer die Freiheit schätzt und auf dem Wahlzettel die Partei ‚Die Linke’ ankreuzt, dem sollte die Hand zumindest zittern.“

Händeschütteln für die NATO

Auskunft gibt ebenfalls seine Rede auf einem Parteitag der CDU und das vom Einvernehmen triefende Shakehand mit dem Bundespräsidenten Köhler, derselbe, der künftig mehr Kriegsopfer der Bundeswehr einforderte und der, weil dafür kritisiert, beleidigt den Hut nahm, wie auch die in Reiner Kunzes jüngsten Poesie-Band gegeißelte Übernahme der Krim durch Rußland, die doch nichts anders war als Notwehr gegen die brandgefährliche Einkreisung durch die NATO. Und dieses alte, gehabte, tief kranke Deutschland marschiert nun zum zweiten, respektive zum dritten Male – entgegen aller Vernunft – wieder vornweg mit.

Die Folgen der Dichtung

Der Artikelschreiber nun rühmt den Poeten als einen der bedeutendsten lebenden Dichter Deutschlands, der selbst bemerkt, man müsse auch bereit zu sein, die Folgen der Dichtung zu tragen. Wenn denn dem so ist, dann muß er auch ertragen, einer der kränksten genannt zu werden, weil er für dieses kaputte Deutschsein Partei ergreift, bereit ist, es mit seinen Versen zu garnieren.

Die Liebe zum Klassenfeind

Kritisches müßte man ihm weit mehr sagen, weil er sich als Arbeiterkind bis heute willig und nicht weniger fleißig den Herrschenden andient, die die wirklichen Feinde seiner Klasse sind und die es trotz aller seiner Sozialisation mit ihnen auch bleiben: die Bourgeoisie. Damit ist jene hohe Zeit, da unser beider Verse in einer Anthologie des Ministeriums zur Verteidigung der DDR brüderlich vereint agierten, zwar vorerst vorbei, doch längst nicht vergessen.

Wer schreibt dies?

Das schreibt einer der wenigen Überlebenden des Jahrganges 1924, der auszog, um als Fliegersoldat berühmt zu werden und der, wie gestraft dafür, ins Inferno der Ardennenschlacht geriet, jedoch wie durch ein Wunder dem massenhaften Heldentod als dem „schönen vaterländischen Sterben“ von der Schippe sprang und dem der erste Arbeiter- und Bauernstaat deutscher Nation, die DDR, Schule und Heimstatt wurde.

Nachtrag

Während einer den Dichter Kunze ehrenden Veranstaltung seines Geburtsortes Oelsnitz überreichte ich ihm meinen Essayband mit der ganz anderen Wahrheit. Die Aufforderung, in einem öffentlichen Meinungsstreit wie einen „Sängerkrieg“ zu Greiz würdig auszufechten, lehnte er allerdings aus gesundheitlichen Gründen ab.

Rudi W. Berger, Langenwetzendorf


(Mit freundlicher Genehmigung übernommen und leicht bearbeitet, N.G.; Foto: M.Koita – Ausschnitt)

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2 Antworten zu „Der byzantinische Dichter“ (Satirische Bemerkungen eines kritischen Zeitgenossen)

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