Klaus Hesse: Das Chruschtschowsche „Tauwetter“ – oder was? Was war es denn nun wirklich?

Tauwetter

Nikita S. Chruschtschow

Die auch unter Kommunisten oft nicht erkannten oder sogar mißverstandenen Entwicklungen in der Sowjetunion nach 1956 haben zu heftigen Auseinandersetzungen in der kommunistischen Weltbewegung geführt und sind noch heute zugunsten des Imperialismus ein wesentlicher Grund für deren Spaltung. Nachfolgende Analyse von Klaus Hesse führt uns auf die Spur, des im Westen so gerühmten „Tauwetters“ in der Sowjetunion, das wenig später auch zu dem berüchtigten sozialdemokratischen „Wandel durch Annäherung“ und zur vollständigen Zerstörung der Sowjetunion führte, was eben nichts anderes bedeutete als der allmähliche Übergang zur offenen Konterrevolution, was sich aber erst viel später im Bewußtsein der Menschen auf diese Art widerspiegelte.

Wer war eigentlich dieser Chruschtschow?

Seinerzeit war es für viele DDR-Bürger unverständlich, daß der – allein schon wegen seines unkonventionellen Auftretens – hierzulande bemerkenswert populäre Chruschtschow nur ein halbes Jahr nach seinem mit großen Reden gefeierten 70. Geburtstag einfach und ohne großes Aufsehen „abgelöst“ wurde. Nur wenige kannten, wie Eberlein und wenige andere, den Unterschied zwischen jenem Chruschtschow, der „oftmals die DDR besucht, der viel für die deutsch-sowjetische Freundschaft ge­tan und dessen Ablösung einen Schock ausgelöst hat, und einem Nikita Sergeje­witsch, der in Moskau viel Unmut ausgelöst hat, weil er ganze Ministerien verlegt und eigenwillige Entscheidungen getroffen hat, durch die es zu ernsten Versorgungs­schwierigkeiten gekommen sei…“ Den „zweiten Chruschtschow“ kannten wir in der DDR nicht. [1]

Wie wir uns doch täuschen ließen…

Wir erlebten den Mann, der mit seinem Auftritt auf dem XX. Parteitag „den Mut aufbrachte“, mit dem „Stalinismus“ zu brechen, ohne wirklich zu wissen, was es damit auf sich hatte und zu verstehen, was da wirklich ablief, daß und wie er selbst mit diesen inszenierten Ereignissen verbunden war, daß und wie er diesen Auftritt im Interesse seines Machterhaltes inszenierte, daß er selbst an den von ihm angeprangerten Verbrechen beteiligt war, daß er selbst es war, der in gröbster Manier gegen elementare Normen innerparteilicher Demokratie verstieß – von all dem wußten wir so wenig, wie von den nach wie vor anhaltenden elementaren Versorgungsschwierigkeiten in der Sowjetunion, von der subjektivistischen Willkür, mit der er ebenso unsinnige wie abenteuerliche Maßnahmen anordnete und diese in der Manier eines Alleinherrschers durchsetzte.

Das „Tauwetter“ in der Sowjetunion

Mit der Person Chruschtschows wurde jenes „Tauwetter“ [2] verbunden, das in der derzeitigen deutschsprachigen Geschichtsschreibung als „Periode der Auflocke­rung und größeren Freiheit der inneren Kultur in den Staaten des Ostblocks“ [3] und in der russischen Variante als „die Periode nach dem Tode Stalins (Ende der 1950er – Anfang der 1960er Jahre), die hinsichtlich der Freiheit des Wortes, einer relativen Demo­kratisierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens durch eine Schwächung der totalitären Macht und eine große Freiheit der schöpferischen Tätigkeit charak­terisiert war.“ [4]

Was steckte eigentlich dahinter?

Doch in diesen euphorischen Darstellungen wird nur in groben Kon­turen angedeutet, welche Erwartungen sich dahinter verbargen, wer wirklich dahinter stand, welche dramatischen Ereignisse damit verbunden waren und wie sich das auf die folgenden Jahre und die spätere Geschichte der UdSSR und des 20.Jahrhunderts auswirkte. Auch in der Gegenüberstellung der damals vor allem außerhalb der UdSSR weit verbreiteten Begeisterung ob der Volkstümlichkeit der Ausdrucksweise und die lebendige Kontaktfreude dieses Mannes und der damit errungenen Popularität dieses sowjetischen Politikers mit den individuelle Erfahrungen und subjektiven Enttäuschungen, die seinerzeit gemacht wurden, sind keine wirklich überzeugenden Ant­worten auf diese Fragen zu finden.

Einige überraschende Entdeckungen

Kurt Gossweiler hat in den einleitenden Bemerkungen zu seiner „Taubenfußchronik“ Ereignisse aufgelistet, die „nicht nur überraschend und unerwartet kamen, sondern fremdartig anmuteten und kaum mit bewährten Prinzipien unserer Weltan­schauung in Übereinstimmung gebracht werden konnten.“

  • Da waren erstens Maßnahmen, die im Frühjahr 1953 in der DDR ergriffen wurden, obwohl offensichtlich war, daß sie nur dazu führen konnten, große Teile der Bevölkerung gegen uns aufzubringen: Normenerhöhungen, Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel, … Entzug der Lebensmittelkarten für Selbständige…“ Das alles konnte nicht ohne Zustimmung wenn nicht gar auf Weisung der SMAD geschehen sein.

  • Zweitens wurden diese eben noch als unumgänglich begründeten Maßnahmen am 11. Juni durch einen „Neuen Kurs“ für falsch erklärt. „Das untergrub das Vertrauen in die Parteiführung und lieferte massenhaft Munition für die gegnerischen Kräfte zur Hetze gegen die Partei und die Regierung.“ Und wieder stellte sich nicht nur die Frage: Wie konnten die Freunde eine solche Dummheit zulassen? Hier tauchte Argwohn auf: „Sie haben das vielleicht, sogar wahrscheinlich, nicht nur zugelassen, sondern unserer Führung nachdrücklich ,empfohlen‘. Walter Ulbricht ist doch viel zu klug und viel zu erfahren, um nicht zu wissen, daß ein solches Kommunique der Partei nur schaden kann und nur dem Gegner nutzt.“

  • Im Juli 1953 folgte drittens die Nachricht über Berijas ,Ent­larvung‘ als Volksfeind und ,Agent des Imperialismus‘. „Das war ein weiteres beunruhigendes Symptom dafür, daß irgendetwas in der Sowjetunion und in der KPdSU nicht normal ablief.“

  • Viertens war da im Mai 1955 die Mitteilung, daß alle Anschuldigungen gegen Tito von Volksfeinden und niederträchtigen Agenten des Imperialismus fabriziert seien. Aber Marschall Tito hatte Jugoslawien zusammen mit den NATO-Staaten Türkei und Griechenland in den Balkan-Pakt gebracht und erhielt Waffen aus den USA. Das konnte auch Chruschtschows Rede nicht aus der Welt schaffen.

  • Fünftens. Noch besorgniserregender waren die Meldungen vom XX. Parteitag. Ange­sichts vieler fragwürdiger Wertungen stellte sich Gossweiler die Frage: „Was geht da eigentlich vor? Wo will dieser Chruschtschow eigentlich hin?“ Dazu kam das, was aus der ,Geheimrede‘ bekannt wurde: „Chruschtschows Abrechnung mit Stalin trug eindeutig den Charakter eines der kommunistischen Bewegung bis dato fremden ,Enthüllungs‘-Berichtes im Stile der bürgerlichen antikommunistischen Sensations­presse, der, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, auch nicht vor dick aufgetragenen Lügen zurückschreckte – so etwa, wenn Chruschtschow davon faselte, Stalin habe Hitler ,vertraut‘, oder wenn er, um Stalin als Dummkopf hinzustellen, zusam­menlog, Stalin habe militärische Operationen am Globus vorbereitet.“ Es habe ihn ,stutzig und argwöhnisch‘ gemacht, „daß im Ergebnis dieses XX. Parteitages und mit Chruschtschows Hilfe solche offenkundig antileninistischen ,Kommunisten‘, wie Gomułka in Polen und Imre Nagy in Ungarn an die Spitze der Parteien manövriert wurden.

  • Sechstens ging es um die Ereignisse der ungarischen Konterrevolution: Wie konnte die sowjetische Führung dulden, daß sich dort der weiße Terror eben so zu entfalten begann, wie bei der Niederschlagung der ungarischen Räterepublik, daß bei Anwesenheit sowjetischer Truppen Kommunisten gejagt und an Bäumen aufgehängt wurden. [5]

Seine Schlußfolgerung daraus faßt Kurt Gossweiler wie folgt zusammen:

„Ja, das Undenkbare, für unmöglich gehaltene hat sich tatsächlich ereignet: an der Spitze der Partei Lenins hat sich ein als ergebener Schüler Lenins und Stalins getarnter Feind, ein ferngelenkter Langzeitagent des Imperialismus emporzulavieren und hochzuputschen verstanden, der nichts Geringeres betreibt, als über die Verw­andlung der bolschewistischen Partei in ein Werkzeug der Destruktion der Diktatur des Proletariats die Sowjetmacht zu untergraben und das Land reif zu machen für die Restauration des Kapitalismus.“ [6]


Chruschtschow. Die Karriere einen Revisionisten

Aber so aufschlußreich die in diesen Überlegungen notierten Beobachtungen auch immer sind – es wird sich zeigen, daß die Hintergründe dieser Feststellungen – so zutreffend sie in vielerlei Hinsicht sind, weitaus facettenreicher und widersprüch­licher sind. Es ist viel zu einfach, Chruschtschow eben das zu unterstellen, was der seinen Konkurrenten vorwarf. Obgleich er durch seine Handlungen wie ein ferngelenkter Langzeitagent des Imperialismus wirkte – dieser bauernschlaue Apparatschik hätte allein schon deshalb die Sowjetunion weder zerstören noch ihr schaden wollen, weil er trotz seiner äußerst mangelhaften Fähigkeiten nur in diesem Lande eine solche Karriere machen konnte. Aber es ging gar nicht so sehr um das, was er wollte.

Einige Merkwürdigkeiten

Viel aufschlußreicher ist, was er konnte, was er von den Problemen dieses riesigen Landes verstand, mit wem er sich dabei verbündete, was diese seine Verbündeten wollten, warum und wobei sie ihn unterstützten und warum sie ihn schließlich fallen ließen. Die Auseinandersetzung mit diesem Komplex von aus dem Ruder laufenden Ambitionen, Rechthaberei, Intrigen, Machtspielchen und Vetternwirtschaft ist schon deshalb deshalb unerläßlich, weil erst in diesem Wust von Merkwürdigkeiten, Ver­brechen, mißbrauchten Worten und instrumentalisierten Menschen zu erkennen ist, wie es dazu kommen konnte. Erst in diesem Zusammenhang kann das Wesen der seinerzeit und bis heute dominierende Tendenz der Darstellung dieser Ereignisse erfaßt werden.

Die Vermutungen bestätigten sich…

Zum Zeitpunkt er Ausarbeitung der „Taubenfußchronik“ gab es kaum Einblick in die Dokumente, mit denen belegt werden konnte, was Kurt Gossweiler auf Grund seiner Erfahrungen und der ihm zugängigen Quellen zu sagen hatte. Dazu kommt auch die Tatsache, daß die hinter diesen Ereignissen verborgenen Umbrüche in der Entwicklung der Produktivkräfte mit all ihren Konsequenzen zum damaligen Zeitpunkt erst in Konturen zu erkennen waren, die keine reale Vorstellung von den damit ausgelösten Umbrüchen ermöglichten.

Im Spannungsfeld des Klassenkampfes

Erst in diesem Spannungsrahmen einander ausschließender Sichtweisen werden verschiedene Aspekte der Tätigkeit dieses Mannes Nikita und der Entwicklung der UdSSR in einer Art und Weise sichtbar, die zwar auch den Handlungsrahmen, vor allem aber die Vorgehensweise der politischen Führung in dieser Phase charakterisieren. Hier wird sichtbar, warum und wie sich in den unterschiedlichen und gegensätzlichen Einschätzungen des politischen Wirkens Stalins und seiner Nachfolger die Veränderungen artikulieren, die in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts in der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapital von ausschlaggebender Bedeutung wurden.

Ohne die Kenntnis der Konflikte, die im Hintergrund dieser Ereignisse standen, d.h. ohne eine nüchterne Feststellung mittlerweile in Vergessenheit geratener oder erst jetzt bekannt werdender Ereignisse dieser Zeit, ist es kaum möglich, den Verlauf der Jahre zwischen 1953 und 1964 und die damals geführten Auseinandersetzungen zu verstehen.

Chruschtschow: Vom Lakaien Stalins zum Zerstörer der Sowjetunion

In den Bänden 1.1 bis 1.3 dieser Ausarbeitung wurde wiederholt auf die Rolle und das Verhalten dieses Mannes hingewiesen. [7] Schon hier wurde deutlich, daß dessen wiederholt demonstrativ bekundeten Ergebenheitserklärungen an den lebenden und die geradezu in exzessiver Verurteilung des toten Stalin sein Verhalten, seinen engagierten Eifer bei der Verfolgung und Ausschaltung tatsächlicher und ver­meintlicher Gegner und der rücksichtslosen Vernichtung von Konkurrenten ihn in ebenso erbärmlicher wie aufschlußreicher Weise charakterisiert.

Die ,ganze‘ Geschichte…?

Wer sich etwas gründlicher mit der Rolle dieses Mannes (Chruschtschow) in den Jahren nach 1953 befaßt, wird sehr schnell darauf stoßen, daß er dieser Grundstruktur seines Verhaltens treu blieb. Aber so schnell dann schon ein Urteil über ihn möglich zu sein scheint – auch im Kontext dieser Ereignisse wird deutlich, daß damit nicht nur nicht der ,ganze‘ Chruschtschow und schon lange nicht die ,ganze‘ Geschichte der UdSSR und der KPdSU zu fassen sind. Vielmehr reifen Fragen, die weit über den damit erfaßten Zeitrahmen und die hier vorerst nur in Konturen deutlich werdenden Probleme hinausreichen.

Anmerkungen:
[1] Werner Eberlein: Geboren am 7. November – Erinnerungen, Berlin 2000, S.334
[2] In Anlehnung an den Titel einer Erzählung Ilja Ehrenburgs (,Оттепель‘ – ,Tauwetter‘) aus dem Jahre 1954
[3] Tauwetter-Periode, unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Tauwetter-Periode
[4] Хрущёвская оттепель (Chruschtschows Tauwetter), unter: http://ru.wikipedia.org/wiki/Хрущёвская_оттепель
[5] Kurt Gossweiler: Die Taubenfuß-Chronik oder Die Chruschtschowiade 1953 bis 1964, München 2002, S. 12-20
[6] ebd. S.21
[7] Klaus Hesse: Zur Geschichte der UdSSR und der KPdSU – Über erste praktische Erfahrungen mit dem Sozialismus. Fragen zur historischen Wahrheit, zu den Quellen, zu Hintergründen der Siege, der Niederlagen und des Scheiterns. Teil 1.1, Von den Anfängen bis 1941, Leipzig 2012, S. 321, 341ff., 347ff., 353ff., 380, 385; derselbe: Zur Geschichte der UdSSR und der KPdSU – Über erste praktische Erfahrungen mit dem Sozialismus. Fragen zur historischen Wahrheit, zu den Quellen, zu Hintergrün­den der Siege, der Niederlagen und des Scheiterns. Teil 1.2, Der große Vaterländische Krieg, Leipzig 2012, S.45f., 55, 192f., 465f., 509; derselbe: Zur Geschichte der UdSSR und der KPdSU – Über erste praktische Erfahrungen mit dem Sozialismus. Fragen zur historischen Wahrheit, zu den Quellen, zu den Hintergründen der Siege, der Niederlagen und des Scheiterns. Teil 1.3, Nach dem Sieg bis zum Tode Stalins, Leipzig 2012, S.24, 128, 180, 182ff., 186, 200, 213, 219ff., 233, 241, 243-247, 273, 291, 315, 319f., 331, 333ff., 341f., 343, 345, 352, 355-366, 370f.,

Quelle:
Klaus Hesse. Chruschtschow – Tauwetter, oder was…? In: Geschichte der UdSSR und der KPdSU. Teil 2. S.66-69.

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Geschichte der UdSSR veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Klaus Hesse: Das Chruschtschowsche „Tauwetter“ – oder was? Was war es denn nun wirklich?

  1. Pingback: Die russischen Pseudo-Bolschewiken | Sascha's Welt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s