Entscheidungen…

Entscheidung„Von Kindesbeinen an trifft jeder Mensch täglich, ja stündlich Entscheidungen. Täglich, stündlich hat er zu wählen, ob er dies oder das tue, dieses oder jenes lasse. Die Probleme, vor die ihn der Alltag unaufhörlich stellt, sind ihm dabei so naheliegend, daß er sich der Tatsache des unaufhörlichen  Sich-Entscheidens kaum noch bewußt wird; er tut es ,automatisch‘ mit dem Versuch, persönliche und gesellschaftliche Interessen in Einklang zu bringen. Bewußt wird er sich der Notwendigkeit einer Entscheidung jedoch unzweifelhaft immer dann, wenn persönliche und gesellschaftliche Interessen sich reiben.“ So schreibt der Herausgeber im Vorwort des Buches „Die Entscheidung“ von Anna Seghers. Und die Entscheidungen, die zu jener Zeit getroffen werden mußten, d.h. nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus durch die Sowjetarmee, waren ganz gewiß nicht leichter als heute.

Man kann Entscheidungen hinauszögern, kann sich davor drücken oder kann sich ganz bewußt und klar für etwas entscheiden: etwas zu tun, was andere aus Angst oder aus Bequemlichkeit vermeiden. Zum Beispiel: Auf welcher Seite stehe ich in der Gesellschaft, lasse ich mich treiben oder stehe ich ein für den gesellschaftlichen Fortschritt? Denke ich auch an andere oder denke ich nur an mich? Und letztlich die Frage. Was will ich – Sozialismus oder Kapitalismus? Pawel Kortschagin, der Held des Buches „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Nikolai Ostrowski, entschied diese Frage für sich so:

kortschagin

Für die Befreiung der Menschheit von Ausbeutung und Unterdrückung, für den Fortschritt einzutreten, war konsequent, doch bei weitem nicht immer gefahrlos.

Anna Seghers beschreibt einen Fall aus der Nachkriegszeit in der sowjetischen Besatzungszone. Ein sowjetischer Offzier trifft auf einen deutschen Ingenieur – und beide hatten sich entschieden, der eine als überzeugter Kommunist, der andere verhielt sich noch zögerlich…

Petrow hatte sich selbst schon lange gewünscht, mit Thoms allein in ein Gespräch zu kommen. Er hatte im letzten Jahr gut Deutsch gelernt. Er stellte Toms ein paar Fragen, langsam, Fehler vermeidend. Obwohl ihm fast alles bekannt war, was Toms erwiderte, hörte er gespannt zu, was für Schwierigkeiten sie doch zuletzt noch überwunden hatten. Gerade, als er drauf und dran gewesen sei, sagte Toms, den Termin zu verschieben, sei der Arbeitsschwung gegen alle Voraussicht gewachsen. – Petrow nickte; er gab Beispiele aus seiner eigenen Erfahrung. Aus dem Krieg aus der dunkelsten Zeit. Bei der Belagerung seiner Heimatstadt sei die Widerstandskraft der Bevölkerung trotz Erschöpfung und Hungersnot aufgeflammt, anstatt zu erlahmen, wie es die Nazis berechnet hätten.
Toms hörte nachdenklich zu, dann sagte er: „Die Bevölkerung hat gewußt, worum es ging.“
Petrow sagte: „Gewiß.“ …

Keiner von beiden wußte genau, was für eine Art Mensch der andere war. Toms kam aus einer Gelehrtenfamilie. Bis zur Emigration war er in Süddeutschland aufgewachsen. … Seine Ausbildung, die Stellung, die er in Coventry eingenommen hatte, gaben ihm einen guten Namen – bei einem Teil der Kollegen. Und bei einem anderen Teil die Tatsache, daß er diese Stellung aufgegeben hatte und hierher gekommen war.

Petrow war ein ukrainischer Bauernsohn. Er war noch ein Kind gewesen, als sein Vater im Bürgerkrieg kämpfte. Er war in Charkow zur Schule und aufs Technikum gegangen. Nach seiner Ausbildung war er vier Jahre im Donbass gewesen – dann fing der Krieg an. Und er hatte vier Jahre verteidigt, wofür sein Vater gekämpft hatte. Vor zwei Jahren war er hierher geschickt worden, um das Kossin-Werk aufbauen zu helfen. Toms gefiel ihm ganz gut, aber er wurde nicht so richtig aus ihm schlau. Als Ingenieur war er so zuverlässig, wie es auf Berndts Empfehlung zu erwarten war. Der Professor Berndt war ihm durchaus verständlich. Dieses Leben war ihm klar – Berndt hatte ihm manchen Abend selbst davon erzählt -, er ging Schritt für Schritt, so kam es Petrow vor, auf das Richtige zu. Toms war ihm fremd geblieben.

„Meine Fragen“, sagte Toms, „ja, in den Leuten entstand ein neuer Arbeitsschwung, gegen alle Voraussetzung. Trotz der verspäteten Lieferungen, trotz der Transportstockung – ein Gefühl, daß es vorangeht. Daß das, was jetzt geschieht, der Anfang ist. Es war nur ein Gefühl, und längst nicht bei allen. Viele waren mitgerissen. Aber manche denken noch: Wer sagt uns, daß nicht alles noch einmal demontiert wird? Sie glauben nicht, daß das Werk wirklich ihnen gehört, wenn es auch Volksbetrieb heißt, daß es ihnen nie mehr genommen werden kann. – Das kann es doch nicht mehr?

Sicher, Toms sprach so offen, wie es seine Art war. Deshalb war er noch nicht leichter zu verstehen. Petrow kam es sonderbar vor, daß ein Mensch wie Toms, von solcher Ausbildung, solcher Bildung, unsicher in allem war, was ihm als selbstverständlich galt. …

Petrow sagte: „Wir sind mitten in einem Kampf. Verstehen Sie das?“ …
„Wir haben Hitler besiegt“, sagte schließlich Petrow, „Wir haben die Kriegsverbrecher enteignet. Als wir die Enteignung beendet hatten, ungefähr um dieselbe Zeit, hat der Herr Marshall, der Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika, einen Plan aufgestellt. Sechzehn Regierungen haben ihn unterschrieben, diesen Plan, denn er verspricht ihnen Hilfe. Nicht ihren Völkern, sondern den Direktoren und Unternehmern. Und vor allem den eigenen, drüben in den USA. Was sie alles daheim nicht verkaufen können, müssen die Länder in Europa ihnen abnehmen, aber zuvor bekommen die Lieferanten die Ware in Dollar bezahlt. Sie machen die Kriegsverbrecher wieder gesund, die wir enteignet haben. Verstehen Sie das, Toms?“
„Ja, so ziemlich“, sagte Toms.

„Warum fragen Sie mich dann, ob alle Voraussetzungen erfüllt sind? Sie fragen doch nicht nur nach dem Material, nach dem Transport. Auch nicht nur nach den Löhnen. Daß die Leute besser arbeiten, wenn sie mehr verdienen, das ist klar. Ich glaube, Sie fragen mich auch, ob die Menschen verstehen, worum es bei uns geht? Ob die Kraft der Menschen sofort wachsen wird, wenn sie das verstanden haben, ihr Selbstvertrauen, ihr Erfindungsgeist. Ob ihnen ,Nie mehr Krieg‘, ,Nie mehr Profit‘ mehr sagt als die Bestechungen und Verlockungen. – Im Krieg hat uns niemand den Sieg garantiert. Wir waren von unserem Sieg überzeugt, als die Deutschen vor Moskau standen, und niemand davon überzeugt war. Das war die Voraussetzung dafür, daß die Wehrmacht scheiterte. Und jetzt soll ich Ihnen in unserem harten Wettkampf für den Sieg garantieren? Das meinen Sie doch?“
Darauf antwortete Toms nicht. Petrow sah ihn nachdenklich an…

Quelle: Anna Seghers „Die Entscheidung“ (2 Bde.), Aufbau Verlag Berlin 1961, Bd.1, S.166-169

Soviel zu diesem Ausschnitt aus dem Buch von Anna Seghers. Wovon sind heute die Menschen überzeugt? Sind sie davon überzeugt, eines Tages besser leben zu können? Oder wollen sie lediglich ihre Ruhe haben? Ist ihnen der Profit, den ihre Chefs und die obersten Bosse machen, gleichgültig? Haben sie sich mit ihrer Situation, den Problemen dieser Welt abgefunden? Oder glauben sie noch an soziale Gerechtigkeit? Viele Fragen stehen auf der Tagesordnung – Antworten gibt es nicht. Oder nur wertlose Beschwichtigungen. Immer wieder dieselben: Wir schaffen das!

Nein. Kommunisten sind davon überzeugt, daß der Sozialismus siegen wird, denn er ist die einzige Alternative, um aus diesem Teufelskreis „Ausbeutung – Überproduktion – Krise – Krieg“ herauszukommen. – Es ist ein Kampf und wird ein Kampf sein! – Eine Garantie dafür gibt es freilich nicht…

Dieser Beitrag wurde unter Arbeiterklasse, Für den Frieden, Sozialistische Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Entscheidungen…

  1. Ulrike Spurgat schreibt:

    Was für ein wunderbarer Artikel.

  2. Henk Gerrits schreibt:

    Gutenabend Genossen dies kriegte iech in meine email box sehr interesant. https://espressostalinist.com/2018/08/07/molotov-on-khrushchev/

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