Die Konterrevolution in der ČSSR (1968)

pukpr-201968 machte sie sich wieder einmal lautstark bemerkbar – die Konterrevolution. Diesmal in der ČSSR. Freilich waren dem bereits mehrere konterrevolutionäre Ereignisse vorausgegangen – in der Sowjetunion 1953 (Ermordung Stalins), die mutmaßliche Ermordung Klement Gottwalds, der unmittelbar nach seiner Rückkehr von Stalins Beisetzung plötzlich und unerwartet starb, im selben Jahr der vergebliche faschistische Putschversuch in der DDR, 1956 der revisionistische Staatsstreich in der Sowjetunion (mit der verräterischen Geheimrede Chruschtschows), 1957 in Ungarn der blutige faschistische Putsch (die Ermordung zahlreicher Kommunisten auf offener Straße) – Sabotage, Diversion und ideologische Beeinflussung der Bürger in den sozialistischen Staaten nahmen immer krassere Formen an. „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ war diesmal die zynische Parole der Feinde des Sozialismus. Der aufgeputscvhte Mob warf Brandflaschen auf die Panzer (siehe Bild). 11 sowjetische Militärangehörige, darunter ein Offizier kamen 1968 in Prag ums Leben, 87 (darunter 10 Offiziere) wurden verwundet oder waren traumatisiert.  Sie hatten den strikten Befehl, nicht zu schießen. Und daran hielten sie sich…

Was war dafür der Grund für den Putschversuch?

Nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus durch die Sowjetunion hatte sich das Kräfteverhältnis in der Welt bedeutend verändert. Innerhalb weniger Jahre waren zahlreiche andere Länder dem Beispiel der Sowjetunion gefolgt, hatten sich in die nationale Befreiungsbewegung eingereiht oder sogar einen sozialistischen Entwicklungsweg eingeschlagen. Auf einem Sechstel der Erde wehten rote Fahnen. Der Kapitalismus hatte viel verloren! Die ehemaligen Kolonien begannen, sich gegen die Ausbeutung ihrer Rohstoffe und die Unterdrückung ihrer Völker aufzulehnen. Sie fingen an, ihre Ausbeuter davonzujagen und lernten am Beispiel der sozialistischen Länder, wie Demokratie funktioniert. Neue Absatzmärkte waren für die kapitalistischen Länder schwer zu finden. Sie mußten gewaltsam erobert werden oder durch Intrigen oder Betrug. Also versuchte man erneut die sozialistische Staatengemeinschaft zu spalten. Doch auch dieser Versuch mißlang.

Wie kam es zur Konterrevolution in der ČSSR?

Die Ereignisse in der Sowjetunion nach dem konterrevolutionären Staatsstreich von 1956 blieben auch in den anderen sozialistischen Ländern nicht folgenlos. Zwar herrschte Einigkeit darüber, daß Veränderungen in Staat und Partei notwendig waren, doch was die richtige Anwendung der Grundsätze des Marxismus-Leninismus betraf, gab es innerhalb der kommunistischen Parteien scharfe Auseinandersetzungen. Zu stark hatten sich die revisionistischen Ansichten der Chruschtschowisten bereits durchgesetzt. Von 1961 an, nach der Schließung der DDR-Staatsgrenze zur BRD, war diesem subversiven Treiben zunächst erst einmal ein Riegel vorgeschoben. Der Klassenfeind jedoc gabh nicht auf. Von allen Seiten wurden die sozialistischen Länder bedroht; wie schon während der Interventionskriege die Sowjetunion in den 1920er Jahren. So kam es 1968 schließlich auch in der ČSSR zur Konterrevolution.

Aus der Sicht eines Außenstehenden

In seinem Buch „Der аndere Stalin“ legte Ludo Martens seine Sicht auf die Konterrevolution von 1968 dar: Der Einmarsch der Truppen der Sowjetunion und des Warschauer Vertrags am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei rief eine erbitterte Polemik hervor und verstärkte den Zerfall der internationalen kommunistischen Bewegung.

Vier geheime NATO-Operationen

Die Anhänger Breshnews, die zuvor erklärt hatten, daß die Diktatur des Proletariats in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft aufhört, eine Notwendigkeit zu sein, verkündeten plötzlich die „Transformation der Diktatur des Proletariats von einer nationalen zur internationalen Diktatur“ {946}. Wenn man die tschechische Konterrevolution 1968 aus historischer Perspektive betrachtet, so gab es vier große Operationen des Imperialismus gegen die kommunistische Bewegung seit 1940.

1. Es begann schon während des bewaffneten Kampfes gegen den Faschismus, als es dem britischen Geheimdienst gelang, die kommunistische Partei Jugoslawiens unter seine Kontrolle zu bringen. Nach dem Krieg kam Tito dann unter die Kontrolle der Amerikaner, und diese haben ihn in eine der tückischsten und wirksamsten Figuren des Antikommunismus umgewandelt. Der Kampf, den Stalin und die Kominform in den Jahren 1948–1949 gegen den Revisionismus Tito führten, hatte enorme historische Bedeutung. Unter den neuen historischen Bedingungen wurde der Titoismus zu einer Synthese von im wesentlichen vier opportunistischen und revisionistischen Strömungen, die der marxistisch-leninistischen Linie widersprachen, die von Lenin und Stalin verteidigt wurde: des Menschewismus, des Trotzkismus und des Bucharinismus. Und die beiden letzteren beruhten auf einer reformistischen Grundlage: der Absage an die Diktatur des Proletariats und die Fortsetzung des Klassenkampfes unter sozialistischen Bedingungen. Die vierte Strömung war der bürgerliche Nationalismus, der die Vereinigung der Klassen aufgrund einer allgemeinen nationalen Identität propagierte.
2. Später, in Jahren 1945–1953, wurde Tito benutzt, um Einfluß auf die unerfahrenen Parteien zu gewinnen, die in Osteuropa neue volksdemokratische Staaten aufzubauen begannen. Die Vorgänge in den Jahre 1948–1952 waren im wesentlichen eine Bestätigung des Klassenkampfes zwischen dem herrschenden Proletariat und der nationalen und internationalen Opposition. Das kann man ziemlich genau beobachten, wenn man sich den politischen Kurs ansieht, der während der ungarischen Konterrevolution 1956 und der tschechoslowakische Konterrevolution 1968 eingeschlagen wurde: dieser Kurs war dem jugoslawischen sehr ähnlich, wie in den anschließenden Gerichtsverfahren festgestellt wurde.
3. Das dritte Glied der Kette war Ungarn 1956. Von 1921 an bis zum Sieg über die Hitlerbarbarei herrschte im Land die faschistische Regierung von Miklós Horty. Die langandauernde Regierungszeit der Faschisten gab dem Abenteurertums den ungarischen Konterrevolution ihr Gepräge.
4. Das vierte Glied wurde die Tschechoslowakei 1968. Die amerikanischen und westdeutschen Geheimdienste hatten Lehren aus dem ungarischen Mißerfolg herausgezogen. Sie verwandten viel Kraft darauf, um in die Führung der Tschechoslowakischen kommunistischen Partei einzudringen und in ihr eine revisionistische Strömung zu entwickeln. Danach warnten sie die unter ihrer Kontrolle stehenden konterrevolutionären Organisationen vor jeglicher Form des Abenteurertums. Sie empfahlen den Organisationen, vorsichtig zu agieren, jederzeit ihre erreichten Ziele auszuwerten und sich der Unterstützung einer Fraktion in der Führung der Partei zu versichern, bevor sie neue Schritte unternehmen.

Unterschiedliche Länder – das gleiche Muster

Vom Wesen her war die tschechoslowakische Konterrevolution der ungarischen sehr ähnlich, und ihr Resultat sollte unbestreitbar die Wiederherstellung des Kapitalismus sein. Das sozialistische China jedoch, das 1956 die Zerschlagung der Konterrevolution durch die sowjetischen Truppen in Ungarn unterstützt hatte, kritisierte 1968 den Einmarsch der Truppen nach Prag aufs Schärfste. Tatsächlich war die KP Chinas der Auffassung, daß die Revisionisten in der tschechoslowakischen Partei den Kapitalismus in ihrem Land bereits wiederhergestellt hatten. Die Chinesen erklärten überdies, daß die Wiederherstellung des Kapitalismus in der UdSSR den Auftakt für die sozialimperialistische Außenpolitik gegeben habe, d.h. das Land sei zwar dem Namen nach ein sozialistisches Land gewesen, in Wirklichkeit aber imperialistisch. Somit bildeten die Ereignisse 1968 in Prag tatsächlich den Boden für eine Auseinandersetzung zwischen dem Sozialimperialismus und der Volksbewegung für die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei.

Der Titoismus als subversive Methode des Klassenfeinds

Auf diese Weise haben der Tito-Revisionismus und die Aktionen des Klassenfeindes, die 1949–1952 noch verurteilt worden waren, durch die ungarische Konterrevolution 1956, die tschechoslowakische Konterrevolution 1968 und die folgenden „samtenen“ Konterrevolutionen 1989 eine geradlinige, politische Fortsetzung erfahren. Die führenden Figuren hielten 1989 die gleichen Reden und wendeten dieselbe Taktik an, wie wir das schon 1968 in Prag beobachten konnten.

In den Jahren 1949–1952 hatte man sich gegenüber den Erklärungen der kommunistischen Führer noch skeptisch verhalten und sogar zugaben, daß westliche Geheimdienste Regie führten. Doch die Reden der „Leninisten“ und die verräterischen Intrigen Gorbatschows und der „kommunistischen Führer“ der Länder Osteuropas von 1989 erwiesen sich als genaue Kopien der Reden und Taten der Konterrevolution, wie sie schon in den Jahren 1949–1952 zum Vorschein gekommen war.

Quelle: Чехословакия: природа контрреволюции 1968 года (Übersetzung: M.Wischer)


Ein historischer Rückblick

Horst Schneider, Jahrgang 1927, war zu dieser Zeit von 1955 bis 1990 als Dozent und ab 1980 als Professor für Allgemeine Geschichte an der Pädagogischen Hochschule in Dresden tätig. Er hat diese Ereignisse bewußt miterlebt. Prof. Schneider schreibt:

In allen sozialistischen Ländern war die Zeit reif für Reformen. In der DDR waren diese auf dem VI.Parteitag der SED begonnen worden. Ulbrichts Konzept des „Neuen ökonomischen Systems“ war, wie wir heute wissen, der einzig realistische Reformansatz in 75 Jahren Sozialismus sowjetischer Prägung. Aber auch Ulbricht bekam zu spüren, daß solche Veränderungen sich nicht im politischen Vakuum vollzogen, sondern unter konkreten außenpolitischen Konstellationen erfolgten, die man sich nicht gesucht hatte. Sie waren einfach da.

  1. konnten Veränderungen nur mit Zustimmung der UdSSR erfolgen,
  2. durften dabei keine Zugeständnisse an den Westen gemacht werden.

Hielt man sich nicht daran, gefährdete man nicht nur sich selbst, sondern den europäischen Frieden und die Existenz des Sozialismus. – beides bedingte einander, wie inzwischen jeder bestätigen wird.

Quelle: Klaus Kukuk „Prag 68 – Unbekannte Dokumente“, edition ost, 2008, S.18f.

770201 Berliner Ztg Charta77

Warum gab es nur eine „Verwarnung“?

Man kann sagen, der Revisionismus in Partei und Regierung der ČSSR war 1977 schon so weit fortgeschritten, daß die Abweichungen vom Marxismus-Leninismus schon kaum noch auf einen energischen und entschlossenen Widerstand seitens der Parteiführung der KPČ stießen. In dem Buch von Klaus Kukuk „Prag 68“ (hier eine Rezension) findet man viele bisher unveröffentlichte Dokumente, die den Beweis dafür liefern, daß die Konterrevolution in Prag 1968 vom westlichen Imperialismus angestift und von den sozialismusfeindlichen Kräfte in der ČSSR weitergetragen wurde. In dem Artikel heißt es beispielsweise:

Zum Beispiel gehörte W. Ulbricht nicht – wie bis heute gebetsmühlenartig behauptet – zu den Verfechtern eines „harten“ Kurses gegenüber der KPTsch. Er betonte die Notwendigkeit des ideologischen Kampfes unter den Bedingungen der von den USA und der BRD forcierten psychologischen Kriegführung gegen die sozialistischen Länder und die ideologische Auseinandersetzung nach innen. Während der Dresdner Beratung im März 1968 sagte er u. a.: „Der Imperialismus ist bestrebt, alle Probleme, die sich in einem sozialistischen Land zeigen, zur Führung des psychologischen Krieges gegen uns alle auszunutzen. Ich bin der Meinung, daß unsere Anstrengungen darin bestehen sollten, daß wir uns verständigen, wie wir das verhindern können, daß Probleme, die neu in diesem oder jenem sozialistischen Land auftauchen, durch den Imperialismus als Waffe in der Führung des psychologischen Krieges gegen uns alle ausgenutzt werden können.“

Quelle: http://www.vip-ev.de/text393.htm
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2 Antworten zu Die Konterrevolution in der ČSSR (1968)

  1. Henk Gerrits schreibt:

    Vielen dank Sacha. Hochst interesant wie immer.

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