…die Kinder in der DDR konnten besser lesen!

Jan auf der Zille

ine Beschriftung ein

Ein Kinderbuch der DDRDie DDR war ein Leseland. Überall wurde gelesen und gelernt. Die Menschen lasen in der Straßenbahn, im Urlaub und auf Reisen. Die Staatlichen Allgemeinbibliotheken der DDR mit ihrer kostenlosen Buchausleihe wurden dafür gern und häufig genutzt. Es gab kostenlose Buchausleihen in Krankenhäusern, Ferienheimen und Betrieben. In abgelegene Ortschaften kam wöchentlich sogar ein Bibliotheksbus. Und Kinderbücher gab es zu Hunderten – spannende, lehrreiche, lustige – eben für jede Altersgruppe das passende. Bücher waren Allgemeingut – ein Kulturmerkmal unserer entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Doch wie ist das nun heute? Die Buchläden werden überschwemmt mit Dutzenden von Neuerscheinungen – Trivialliteratur, Bücher die kein zweites Mal gelesen werden, die oft das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Sie lenken zumeist ab von der Wirklichkeit, von den brennenden Problemen der Menschheit und von deren Ursachen. Doch das ist ein anderes Thema. Warum konnten nun die Kinder in der DDR besser lesen?

Anneliese Gruse

LESEN IN DER UNTERSTUFE

Lesen gehört zu den Grundfertigkeiten, die alle Schüler der sozialistischen Schule am Ende der vierten Klasse in einem solchen Grade beherrschen müssen, daß sie im­stande sind, aus einem ihrem Alter angepaßten unbekannten Text selbständig den Sinn zu erschließen und einen bekannten Text ausdrucksvoll vorzulesen. (s. Unterstufe) Diese Grundfertigkeit aller Schüler ist eine wichtige Voraussetzung für die selbständige Arbeit mit dem Buch, die der Fachunterricht in der Oberstufe unbedingt erfordert, und ermöglicht erst eine erfolgreiche Arbeit im Fach Deutsche Sprache und Literatur.

Das bewußte Lesen

Im Erstleseunterricht (erste Klasse) ist die Grundfertigkeit so weit auszubilden, daß die Schüler die bewußte Synthese beherrschen, das heißt aus einem unbekannten Text, der aus überwiegend bekannten Wörtern besteht, den Sinn erschließen können (s. Fibel) [1]. Unter Lesen ist also nicht allein der technische Vorgang, die Reproduk­tion der Wortklangbilder und der Sprechbewegungsverstellungen auf der Grundlage der optisch wahrgenommenen Schriftbilder, zu verstehen, sondern die Sinnerfassung des Gelesenen ist untrennbarer Bestandteil dieses Vorganges. In dieser Auffassung der marxistischen Pädagogik vom Lesen sind auch die Ansichten solcher fortschritt­lichen Pädagogen der Vergangenheit aufgehoben wie F.A.W. Diesterwegs, der· als den Zweck des Lesens bezeichnete, „daß man das Gelesene verstehe“ [2].

Das verstehende Lesen

Das Sinnerfassen des Gelesenen wird bereits im Erstleseunterricht erreicht, er­streckt sich aber, was den Grad der Fertigkeit anbetrifft, vornehmlich auf die kleinste sprachliche Sinneinheit, das Wort. Im Verlauf der weiteren Schuljahre der Unterstufe steigert sich der Umfang des Sinnganzen, das der Schüler selbständig erfassen kann, über längere und komplizierte Wortbilder, Wortblöcke, Satzabschnitte, zusammen­gesetzte Sätze, bis zum Textganzen, das in Umfang und Inhalt dem jeweils höheren Fassungsvermögen der Schüler angepaßt ist.

Ausbildung der Lesefertigkeit

Das heißt, nachdem die Schüler die be­wußte Synthese erreicht haben, muß in den Klassen zwei bis vier planmäßig und systematisch daran gearbeitet werden, die Lesefertigkeit weiterzuentwickeln. Übun­gen zum ganzheitlichen Erfassen der Wortbilder, Wortblöcke und Satzabschnitte er­möglichen die Ausbildung der Lesefertigkeit bis zum fließend sinnvollen Lesen und bahnen das künstlerisch ausdrucksvolle Lesen an. Die Hauptaufgabe des Leseunter­richts in der Unterstufe ist also die Ausbildung der Lesefertigkeit.

Lesen-Lernen nach didaktischen Prinzipien

Sie erfordert plan­mäßige und systematische Übungen, die eine genaue Analyse des Leistungsstandes voraussetzen, die entsprechend den didaktischen Prinzipien [3] aufgebaut sind, die Schüler zu konzentrierter Arbeit erziehen und ein gesundes Anspruchs­niveau bei ihnen entwickeln. Die Arbeit an der Ausbildung der Lesefertigkeit muß sichern, daß alle Schüler das Ziel der Klasse erreichen. Entwickelt sich die Lesefertig­keit einiger Schüler schlecht, so sollte man zuerst nach den Ursachen forschen, bevor man besondere Übungsmaßnahmen einleitet.

Wissenvermittlung in der Schule

Das Sinnerfassen des Gelesenen wird vom Beginn des Leseunterrichts an an­gestrebt. Mit zunehmender Fertigkeit wird das Lesen also auch bereits in der Unter­stufe zu einem Mittel des Wissenserwerbs. Das Material – Texte in den Lesebüchern, geeignete Lektüre aus Kinderbüchern und Kinderzeitschriften – vermittelt den Schülern Fakten aus Natur und Gesell­schaft, macht sie mit der sozialistischen Wirklichkeit vertraut, führt zu ersten Be­gegnungen mit literarischen Kunstwerken der Vergangenheit und Gegenwart. Neben seiner Hauptaufgabe, die Lesefertigkeit zu entwickeln, hat das Lesen auch eine kenntnisvermittelnde Rolle.[4]

Das literarische Verständnis

Die Beschäftigung mit künstlerisch geformter Sprache macht den Gebrauch der richtigen Wort- und Satzformen der Muttersprache geläufig. Der Wertschatz der Schüler wird wesentlich bereichert, und treffende Bezeichnungen und Redewendungen prägen sich ein. Demzufolge wirkt das Lesen wesentlich auf die Sprachentwicklung der Schüler ein.
Bereits in der Unterstufe werden auch der Form nach unterschiedliche Texte ge­lesen: Die Lesebücher enthalten Prosa und Poesie; wir finden Märchen, Erzählungen, Schwänke, Fabeln, Beschreibungen, Schilderungen und verschiedenartige Gedichte. Das Lesen dieser Texte und ihre unterschiedliche Interpretation durch den Lehrer bahnen bereits in der Unterstufe das literarische Verständnis an.

Eine gebildete Generation

Das Lesen hat für den Gesamtprozeß der Bildung und Erziehung in der sozialisti­schen Schule große Bedeutung. Es ermöglicht die Anwendung des wichtigsten Unterrichtsmittels, der Muttersprache, in Wort und Schrift und die selbständige Arbeit der Schüler mit dem Buch; das Lesen führt die Schüler an vorbildlich geformte Sprache heran und trägt damit zur Entwicklung ihrer eigenen Sprache bei. Die Ausbildung der Lesefertigkeit ist eine wichtige Voraussetzung für den Fremdsprachen- und Literaturunterricht.[5] Die Fähigkeit, ausdrucksvoll zu lesen, führt zum Verständnis der Schönheit unserer Muttersprache und zur Achtung vor den kulturellen Leistungen auf literarischem Gebiet; sie ist eine wichtige Voraussetzung, daß sich die Schüler schöpferisch literarisch-musisch betätigen.

ANNELIESE GRUSE

Quelle: Pädagogische Enzyklopädie (2 Bde.), VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1963, Bd.2, S.596f.


[1] Die Fibel: Als älteste deutsche Fibel gilt der „Modus legendi“ von Christoph Hueber aus dem Jahre 1477. Es ist selbstverständlich, daß sich in der DDR mit einem neuen, einem sozialistischen Bildungs- und Erziehungsziel auch der Fibelinhalt gegenüber den bisherigen und den gegenwärtig in Westdeutschland benutzten Fibeln ändern mußte und sich auch geändert hatte. Für die Entwicklung des Inhalts unserer Fibeln galt folgender Grundsatz: Auswahl und Gestaltung des Fibelinhalts können nur im Zusammenhang mit den Anforderungen unserer Gesellschaft an das Bildungswesen und die daraus abzuleitenden Bildungs- und Erziehungsziele erfolgen. So hatte die Schule in der DDR z.B. die Aufgabe, ein gründliches und anwendungsbereites Wissen und Können zu vermitteln und sozialistische Gewohnheiten und Verhaltensweisen auszubilden, wie die Liebe zur Arbeiterklasse, zur DDR, die Liebe zur Arbeit, zur Achtung vor den arbeitenden Menschen. Die Welt des Kindes ist keine isolierte Spielwelt, sondern das Leben des Kindes ist ein Teil des gesellschaftlichen Geschehens. Der Leselehrgang in den Fibeln der DDR war nach der analytisch-synthetischen Methode aufgebaut. Das Ziel des Lesens war die Sinnerfassung. Das Mittel zur Erreichung dieses Ziel war die Lesetechnik. Der Schüler im Erstleseunterricht kann lesen, wenn er in der Lage ist, mit Hilfe ihm bekannter Lautzeichen aus vorher nicht bekannten Wortbildern selbständig den Sinn zu erschließen. Aus dem heimatkundlichen Anschauungsunterricht wurde die lebendige Situation gewonnen. Daraus ergaben sich Satz, Wort, Laut und Buchstabe und aufbauend Laut und Buchstabe, Wort, Satz, Situation. Es wurden keine künstlichen Geschichten um den Laut erfunden („Lautromane“).  (ebd. S.303-305 stark gekürzt)
[2] Diesterweg, F.A.W.: Sämtliche Werke. Bd.I, Berlin 1956, S. 27.
[3] Die Didaktik stellt fest, was notwendig ist, um Kinder zu lehren, worin das Wesen des Unterrichtsprozesses besteht, und welche Wege und Mittel zu einem erfolgreichen Unterrichtsergebnis führen. Die sozialistische Didaktik unterscheidet sich dabei grundlegend von der bürgerlichen. Lenin: „Die gesamte Erziehung, Bildung und Schulung der heutigen Jugend muß eine Erziehung zur kommunistischen Moral sein.“ Didaktische Prinzipien: 1.Der erziehende Charakter der Bildung und des Unterrichts, 2.Wissenschaftlichkeit der Unterrichts. Verbindung von Theorie und Praxis, 3.Anschaulichkleit, 4.Bewußtheit und Aktivität der Schüler, 5.Die Systematik des Unterrichts, 6.Die Faßlichkeit, 7.Die dauerhafte Aneignung der Kenntnisse, 8.Das individuelle Eingehen auf die Schüler im Unterricht, 9.Die führende Rolle des Lehrers im Unterricht. (Quelle: Jessipow/Gontscharow: Pädagogik, Berlin, 1953, S.107-119)
[4] In der DDR gab es eine umfangreiche Kinder- und Jugendliteratur, die altersgerecht und bezogen auf Themen der Gegenwart und der sozialistischen Gesellschaft war.
[5] Im Literaturunterricht wurden Werke humanistischer deutscher Dichter und Schriftsteller behandelt, sowie herausragende Werke der Weltliteratur.

Siehe auch:
Das einheitliche sozialistische Bildungssystem in der DDR
Literaturunterricht in der DDR
Vom Leseland zum Land der Idioten
Müssen Kinder lesen lernen?
Bibliotheken

pdfimage Kinder lesen in der DDR

Dieser Beitrag wurde unter Bildung und Erziehung, Meine Heimat DDR veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu …die Kinder in der DDR konnten besser lesen!

  1. Pingback: Hildegard Reissmann: Geistige Schätze in Gestalt von Büchern | Sascha's Welt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s