Wolfgang Jantzen: Gemeinsam auf ein humanes Ziel

Freidenker3-18Die Freidenker, so beschreibt es das BI-Universal-Lexikon der DDR (1986), waren ursprünglich Vertreter des englischen Deismus, die im Unterschied zum Christentum eine „Vernunftreligion“ vertraten. Seit der Aufklärung jedoch ist es eine Bezeichnung für alle Gegner des Gottesglaubens und religiöser Dogmen. Aus dieser Sicht heraus befaßt sich im nachfolgenden Beitrag auch der Bremer Professor für Psychologie und Soziologie, Wolfgang Jantzen, dessen Gedanken wir hier auszugsweise wiedergeben wollen.

Ich verwende nach vielen Jahren diese Anre­de wieder: Liebe Genossinnen und Genos­sen! Das hat eine persönliche Geschichte, es hat aber auch die Geschichte, sich mit allem nochmal von vorne auseinanderzusetzen. Auch nach der großen Katastrophe des Zusammenbruchs eines Systems, von dem wir uns viel mehr erwartet haben, als wir letztlich erwarten konnten, nun – wir haben es halt vergeigt, alle zusammen. Dazu gehört aber, sich bestimmte Dinge auch nochmal neu anzusehen.

Über die freie Entwicklung jedes Einzelnen

Die Negation des Einzelnen, die der Real­sozialismus teilweise betrieben hat, ist die Aufgabe sowohl des Allgemeinen wie des Besonderen, weil nur im Einzelnen Allge­meines und Besonderes gemeinsam existie­ren können. … denn das hebt hervor, daß eine sozialistische … Gesellschaft nur sein kann, wenn zugleich die humanistische Basis – also die freie Entwicklung eines jeden mitbedacht wird.

Die unteren Schichten

Auch in der Lektüre der Marx’schen Klassenanalyse bin ich schon Mitte der 1970er Jahre darauf gestoßen, daß in der Regel damals von Behinderten, von Obdachlosen und vielen anderen Menschen immer von ,,Lumpenproletariat“ gesprochen wird. Nein, das war nicht die Marx’sche Terminologie, das Lumpenproletariat war ein bestimmter Teil der Bohème, aber über jene Leute hat er von „Lazarus-Schichten“ gesprochen.[1] Marx hat also grundsätzlich vom Leiden der Men­schen her gedacht; und auch seine Kritik ist daraus entwickelt…

Über die Reproduktion der Arbeitskraft

Marx selber hat Produktion nie als die ma­terielle Produktion alleine gedacht, sondern im Arbeitskapitel des Kapitals ist sehr deut­lich nachzulesen, daß der Arbeiter in seiner Reproduktion sich selbst produziert. [2] Aber – was ist eine Reproduktion? Es ist immer die gemeinsam mit Familie und Kindern und die Hervorbringung der nächsten Generation in solidarischer Arbeit.

Ein neuer Begriff der Vernunft

Über den Vernunftbegriff als wesentliche Dimension des Menschen hinaus zeigt die neuere Debatte sehr deutlich, daß wir einen neuen Vernunftbegriff der Aufklärung brau­chen. Die Vernunft ist nicht und war nie nur Rationalität gewesen, sondern die Vernunft war immer die Einheit von Rationalität und Humanität. … Was ich hiermit deutlich machen will: Wir brauchen eine völlig neue Lektüre der zeit­genössischen wissenschaftlichen Diskussion, wir dürfen uns nicht abgrenzen wie bisher, sondern müssen sehen, daß von unterschied­lichen Standpunkten Dinge behandelt wur­den, die sehr wohl in ein gemeinsames Hand­lungsfeld, ein gemeinsames humanes Feld hineinführen…

Der soziale Sinn

Wir alle sind geborene Musiker, ob wir das entwickeln oder nicht. … Marx hat nicht Spiritualität und Religion als solche verachtet, er hat ihre Kolo­nisierung, ihre Herrschaftsform verachtet, die in Form der herrschenden Religion, derer sich das Volk zu Recht als Opium bedient, als „Aufschrei der gequälten Kreatur“ – denn wo soll es sonst Hoffnung und persönlichen Sinn finden? Irgendwie muss jeder Mensch leben und Sinn finden; wir sind gerade in einer Zeit, in der Sinn so zusammenbricht wie in keiner anderen Epoche, wo auf sehr unterschiedliche Weise Sinn gesucht wird.

Die heutige Jugend – zerbrochene Schicksale

Ich habe ja nun auch viel Kontakt mit jün­geren Leuten, und sehe, was da alles abgeht. Wo die Eine, weil sie es nicht aushält, sich jedes Wochenende besäuft, die andere von Bett zu Bett geht, mit irgendwelchen Jungs, die auch nicht mehr klarkommen – es ist eine merkwürdige Welt. … ,,Jeder ist seines Glückes Schmied“, ,,Ich­-AG“, Hartz 4, und „wer arbeiten will, kriegt auch Arbeit“, ,, wer keine Arbeit hat, ist selbst dran schuld“. Die letzten Folgen der Fern­sehsendung „Die Anstalt“ haben das wun­derbar aufgezeigt. … und das Schlimmste ist natürlich: sozialen Sinn zerbrechen.

Die teilnahmslose Vernunft

Diese teilnahmslose Vernunft negiert alles, macht es unsichtbar, wirft es in einen Ab­grund … Man sieht, wie mit der Konstruktion des Pharao auch erstmals die Konstruktion eines Jenseits, in dem jemand leben kann, in die Welt kam, an der sich später alle bedient haben: die frühen Christen in aufkläreri­scher Hinsicht, aber danach die Katholische Kirche in unterdrückender, und unser vielgerühmter Luther nochmal in einer absolut schlimmen Weise: als Frauenfeind, als De­mokratiefeind, als Judenfeind, als Humanismusfeind. Den Tod von Thomas Müntzer nimmt er ebenso auf seine Kappe wie den von Erasmus von Rotterdam. [3] Soviel zum Protestantismus. Wir brauchen also eine neue Welt…

Unsere eignen Vorhaben entwickeln!

Wir müssen unsere eigenen Vorhaben entwickeln, um uns nicht vom Mythos der Herrschenden besetzen zu lassen, auch da­rauf verweist Roland Barthes: Die Bour­geoisie ist ökonomisch sichtbar, politisch verschwindet sie, und ideologisch ist sie gar nicht sichtbar. Denn überall werden gesell­schaftliche Verhältnisse, was die Individuen betrifft, auf Natur und was Gesellschaft betrifft, auf die Gesetze des „Freien Marktes“ reduziert.

Heute beginnen!

„Die freie Entwicklung eines jeden als die Bedingung der freien Entwicklung aller?“ [4] ist etwas, was wir nicht auf den Kommunismus verschieben dürfen. Dann wird er niemals kommen. Sie muß hier und heute beginnen. … Mit den Mitteln der kulturhistorischen Psychologie, wie sie uns Alexej Leontjew, Lew Wygotskij und Alexander Lurija, aber auch die Physiologen Pjotr Anochin und Nikolai Bernstein oder die Sozio-Linguisten Michail Bachtin und Juri Lotman geliefert haben, mit ihnen haben wir Denkwerkzeuge, mit denen wir Persönlichkeit als Entwick­lungsprozeß betrachten, den jede und jeder von uns durchläuft, Behinderte und Nicht­-Behinderte, psychisch Kranke – wir sind alle Menschen!

Prof. Dr. Wolfgang Jantzen, Bremen, studierte in Gießen und Marburg Psychologie und Soziologie und promovierte in Erziehungswissenschaft. 1974 – 2006 Professur fiir Behindertenpädagogik an der Universität Bremen, dazwischen 1987-1988 Pro­fessur für Psychologie an der Karl-Marx-­Universität Leipzig.

[1] Karl Marx: Das Kapital. Bd.1, MEW Bd.23, Berlin, 1983, S.673 (s.Zitat unten)
[2] ebd. 192ff.
[3] Jantzen, W., Mit Luther den Kapitalismus überwinden? Reflexionen über Ulrich Duchrow: »Mit Luther, Marx & Papst den Kapitalismus überwinden«. (2017 Hamburg), siehe: https://www.linksnet.de/artikel/47267
[4] So Marx & Engels im Manifest der Kommunis­tischen Partei. MEW 4, Berlin , S. 482.

Quelle: „Freidenker“ Nr. 3-18, Extra: Menschenbild, September 2018. S.17-25. (Zwischenüberschriften eingefügt; gekürzt – N.G.)


Einige namhafte (vorwiegend sowjetische) Wissenschaftler:

Anóchin, Pjotr Kusmitsch (1998-1974): sowjet. Physiologe; Begründer der Theorie der funktionalen Systeme; Leninpreisträger 1972; schrieb u.a. „Probleme des Zentrums und der Peripherie in der Physiologie der Nerventätigkeit“ (1935), „Biologie und Neurophysiologie des bedingten Reflexes“ (1968), dt. „Lexikon der Psychologie

Bachtín, Michail Michailowitsch (1895-1975): sowjet. Philosoph u. Kulturwissenschaftler; Begründer der Theorie einer Polyphonie im literarischen Werk, Erforschung der Sprache u. der künstlerischen Prinzipien des Romans bei François Rabelais, Probleme des Textes in der Linguistik; schrieb u.a. „Probleme des künstlerischen Schaffen von Dostojewski“ (1929), „Fragen der Literatur u. der Ästhetik“ (1975), dt. „Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur“ (1969, München)

Barthes, Roland [ʁɔlɑ̃ baʁt] (1915-1980): frz. Philosoph u. Schriftsteller; forschte über Semantik u. Bedeutung der Sprache; schrieb u.a. „Le degré zéro de l’écriture“ (1953, dt. „Am Nullpunkt der Literatur„, 1985)

Bernschtejn, Nikolaj Alexandrowitsch (1896-1966): sowjet. Psychologe u. Physiologe; Stalinpreisträger (1947); Begründer der Physiologie der Aktivität, theoretische u. empirische Analyse natürlicher Bewegungen des Menschen; schrieb u.a. „Allgemeine Biomechanik“ (1926), dt. „Bewegungsphysiologie“ (1975/1988 Lpz.).

Leóntjew, Alexej Nikolajewitsch (1903-1979): sowjet. Psychologe; erwarb sich Verdienste um die marxistisch-leninistische Begründung und Entwicklung der sowjet. Psychologie; schrieb u.a. „Probleme der Entwicklung des Psychischen“ (1964, dt.), „Tätigkeit – Bewußtsein – Persönlichkeit“ (1979, dt.).

Lótman, Juri Michailowitsch (1922-1993): sowjet.-russ. Literaturwissenschaftler u. Semiotiker; Mitglied der Akademie der Wiss. der Estnischen SSR; schrieb u.a. „Lektionen über strukturelle Poetik“ (1964), „Semiotik des Films u. Probleme der Kino-Ästhetik“ (1973).

Lúrija, Alexander Romanowitsch (1902-1977): sowjet. Psychologe, Begründer der  sowjet. Neuropsychologie; Mitarbeiter von L.S. Wygotskij; formulierte die Grundprinzipien der dynamischen Lokalisierung psychischer Prozesse u. der zerebralen Mechanismen des Gedächtnisses; schrieb u.a. „Traumatische Aphasie“ (1947), „Grundlagen der Neuropsychologie“ (1973).

Wygótski, Lew Seomjonowitsch (1896-1934): sowjet. Psychologe; Mitbegründer der dialektisch-materialistischen Psychologie in der UdSSR; schrieb u.a. „Denken und Sprechen“ (1964, dt.), „Psychologie der Kunst“ (1976, dt.).


Hier ein Abschnitt aus „Das Kapital“ (Bd.1), damit man begreift, wovon der Autor schreibt, wenn er Karl Marx zitiert (zu Fußnote [1]):

Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte Übervölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.

Quelle: Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd.1. In: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1983, Bd.23, S.673f. (Hervorh.- N.G.)
Bohème: bürgerlich-dekadentes Milieu von ungebunden lebenden u. damit gegen die bürgerliche Gesellschaft protestierenden Schriftstellern, Künstlern u. Studenten, insbes. das Milieu der kleinbürgerl. künstler. Intelligenz gegen Ende des 19.Jh. (Quelle: Großes Fremdwörterbuch, Lpz. 1986)

Siehe auch:
Wolfgang Jantzen: Mit Luther den Kapitalismus überwinden?

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13 Antworten zu Wolfgang Jantzen: Gemeinsam auf ein humanes Ziel

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    „in der Lektüre der Marx’schen Klassenanalyse bin ich schon Mitte der 1970er Jahre darauf gestoßen, dass in der Regel damals von Behinderten, von Obdachlosen und vielen anderen Menschen immer von ,,Lumpenproletariat“ gesprochen wird. Nein, das war nicht die Marx’sche Terminologie, das Lumpenproletariat war ein bestimmter Teil der Boheme, aber über jene Leute hat er von „Lazarus-Schichten“ gesprochen. Marx hat also grundsätzlich vom Leiden der Men­schen her gedacht; und auch seine Kritik ist daraus entwickelt…“

  2. Ulrike Spurgat schreibt:

    Wie kann ich meine tiefe Dankbarkeit in Worte fassen ?
    Leontjew, Wygotsky, Rubinstein, Pawlow, Holzkamp, Osterkamp und natürlich W.Jantzen bildeten die Grundlage für meine pädagogische Arbeit im Kapitalismus und haben ihre Faszination bis heute nicht verloren.. Lieber Sascha, Teplow ist dazu gekommen. Ein echt guter Hinweis von Dir und für den sage ich gerne noch einmal, Danke. BRILLANT !!!

    Jantzen hat die Behindertenpädagogik vom Kopf auf die Füße gestellt. („Grundriss einer allgemeinen Psychopathologie und Psychologie“ ist eines seiner Bücher, das aufzeigt, dass es keine strengen Regeln in der menschlichen Entwicklung, wie es die bürgerlichen Theorien bis heute weismachen wollen, nicht geben kann, weil der Mensch auf Entwicklung, auf Kooperation, auf Miteinander, auf Lernen und sicherlich noch einiges mehr, festgelegt ist. (Natürlich schließt das die menschliche Bewegung ein, das versteht sich von selbst).

    Ein völlig neuer Ansatz, sowohl in der Pädagogik, als auch in der Psychologie, der sich bei weitem von allen bürgerlichen Theorien grundsätzlich unterscheidet, da von einem Menschenbild ausgegangen wird, welches den Menschen als gesamtgesellschaftliches Wesen begreift, als ein immer lernendes, dass jedes Recht der Welt hat , mehr als ein auf seine Verwertbarkeit im Kapitalismus reduziert zu sein, sondern als wichtiger und wertvoller Mensch in der Gesellschaft seinen Platz zu haben. Das Zusammengehen von Pädagogik und der Psychologie ist einfach nur folgerichtig.

    Insbesondere haben wir uns mit den Folgen der Arbeitslosigkeit (so wird es bis Heute genannt) von Menschen intensiv beschäftigt welche Auswirkungen es für sie hat, wenn sie isoliert und entfremdet überleben lernen müssen. Die Folgen sind und daran hat sich zum heutigen Tage nichts geändert ein Teufelskreis von gesellschaftlich, verordneter Armut, Isolation und Krankheit. Verschlimmert durch die Ignoranz der herrschenden Klasse, die durch die politischen Entscheidungen die Menschen in die Zwangsjacke der Verelendung stecken wo sie strampeln können, bis sie nicht mehr können und aufgeben. (Ein widerlicher Haufen von Nichtsnutzen, diese herrschende Klasse).

    Arbeitslosigkeit ist eine Form isolierender Bedingungen, die, wenn sie nicht aufgehoben werden können, kommt es zu individuellen Verarbeitungsmechanismen, die ÜBERLEBENSNOTWENDIG sind, da sie das Leben absichern. Schwermut, Krankheit, Wesensänderung, Rückzug sind nur einige auftretende Probleme als Folgen der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Entfremdung und Isolation gehören zusammen.

    Arbeitslosigkeit ist ein Gewaltakt, ein Anschlag auf die körperliche und geistige Integrität und die Unversehrtheit der betroffenen Menschen. Sie ist Raub und Enteignung der Fähigkeiten, Eigenschaften und Talenten, die meist in den Familien, in den Ausbildungen, im Studium, oftmals mühsam erworben wurden. Jeder Mensch hat Talente und Fähigkeiten . die brach liegen und verkümmern, wenn sie nicht gebraucht werden und der Mensch , weil wertlos und überflüssig an den Rand der Gesellschaft sich gedrängt fühlt und auch wird.

    Friedrich Engels sprach am Grab von Karl Marx in englisch am 17. März 1883 folgende Worte, (die am 18.März niederschrieb und am 22.3.1883 im „Sozialdemokrat“ veröffentlicht wurden): „…….dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken und sich kleiden müssen……,“ – ich würde noch das „Dach über dem Kopf“ ergänzen wollen.

    „Und weil der Mensch ein Mensch ist,“ ist bei all den Genannten Schreiben und Wissenschaftlern ein unverrückbarer Bestandteil ihrer Arbeiten und dass macht sie wertvoll, wichtig und einzigartig, weil trotz einiger gemeinsamer Erkenntnisse mit den bürgerlichen Pädagogen/Psychologen sie zu revolutionären Erkenntnissen gelangen und die machen den wesentlichen Unterschied.

  3. Hanna Fleiss schreibt:

    Schon erstaunlich, dass Herr Professor Jantzen den bestehenden Deutschen
    Freidenkerverband im Zusammenhang mit dem Freidenken überhaupt nicht erwähnt. Der Deutsche Freidenkerverband ist nicht nur der älteste Freidenkerverband (er entstand in den zwanziger Jahren in der Arbeiterschaft auf sozialistischer Basis, wurde von den Nazis verboten, und seine Mitglieder wurden in der Nazizeit verfolgt und kamen oftmals ins KZ und dort um, unter vielen anderen auch der langjährige Vorsitzende), er war als DDR-Freidenkerverband erst 1988 wiedergegründet worden und schloss sich in den neunziger Jahren mit dem westdeutschen Freidenkerverband zusammen zu einem gesamtdeutschen Freidenkerverband. Er ist politisch sehr aktiv, und sein Vorsitzender Klaus Hartmann äußert sich im Namen der Mitglieder vom sozialistisch-humanistischen Standpunkt oftmals zu vielen aktuellen Themen der Gegenwart. Es ist ein sehr reger Verband. Auch Kurt Gossweiler war Mitglied.

    Der Jantzen-Beitrag ist mir ein wenig zu allgemein-konkret, alles Gute und Schöne wird erwähnt, aber es bleibt blass angesichts der Tatsache, dass sich immer mehr Deutsche aus der Religion verabschieden. Auch würde ich mit Prof. Jantzen darüber streiten wollen, dass Marx mit dem Lumpenproletariat im „18. Brumaire des Napoleon Bonaparte“ die Obdachlosen, Arbeitslosen und Bettler und sonstigen Armen von ganz unten nicht gemeint hatte. Denn Napoleon III. hatte ja gerade in diesen Schichten den meisten Erfolg.

    • sascha313 schreibt:

      Erst mal: Das Heft hat 64 Seiten, davon sind allein 9 Seiten Text des Autors, also nicht wenig. Weder das Vorwort noch die anderen 6 Beiträge sind hier erwähnt. Man kann aber davon ausgehen, daß die Leser wissen, was der Freidenkerverband ist. Der Artikel von Prof. Jantzen ist wesentlich gekürzt – bis auf das, was mir wichtig erschien. Die zahlreichen Beispiele, die Jantzen aufführt, habe ich bewußt weggelassen. Allgemein-konkret ist der Beitrag also nun wirklich nicht.

      Schließlich: Marx hat niemals Behinderte und Obdachlose als „Lumpenproletariat“ bezeichnet. Das unterstreicht der Autor zurecht. Hier: „…über jene Leute hat er (Marx) von ,Lazarus-Schichten‘ gesprochen. Marx hat also grundsätzlich vom Leiden der Men­schen her gedacht; und auch seine Kritik ist daraus entwickelt.“ Und auch zur Frage der Religion äußert Jantzen sich kritisch, das bedarf aber m.E. keiner besonderen Hervorhebung. Freilich sind Kürzungen immer problematisch…

  4. Weber schreibt:

    Auch das Vorgehen der Alt-BRD Sicherheitsorgane gegen den Freidenkerverband darf nicht vergessen werden:

    Im „Neuen Deutschland“ vom 18.2.1960 steht:
    „Was geschah im Essener Gefängnis?
     Düsseldorf (ND). Der Deutsche Freiheitssender 904 brachte am Mittwochabend die alarmierende Nachricht, daß der am 29. Januar von der westdeutschen des Freidenker-Verbandes in Essen. Wilhelm Dohmeyer, noch am gleichen Abend im Gefängnis ums Leben gekommen ist. Die Polizei behauptete, Dohmeyer habe Selbstmord begangen, aber eigenartigerweise wurde Dohmeyer in aller Eile unter Überwachung von mindestens fünf Kriminalbeamten der Politischen Polizei beerdigt.

     Der Deutsche Freiheitssender richtete an die Polizeibehörden in Essen die Frage: „Was ist hier geschehen? Was hat man mit Dohmeyer in den Stunden zwischen seiner Verhaftung und seinem Tod getrieben? Jahrzehntelang hat Dohmeyer unerschrocken gekämpft, er war Verfolgter des Naziregimes. Wir glauben nicht an den angeblichen Selbstmord. Wir erinnern daran, daß im selben Gefängnis in Essen der Untersuchungsrichter des Bundesgerichts Dr. Clauß vor Jahren den Kaufmann Hartig im Zusammenhang mit der ominösen Affäre Vulkan ebenfalls in den Tod getrieben hat. Wir verlangen Aufklärung!“

    Am 12. Juni 1960 berichtet das „Neue Deutschland“ von einer Hetzjagd gegen den Freidenkerverband:
    „Hetzjagd gegen Freidenker
     Bonn. Das Erzbischöfliche Generalvikariat zu Köln hat gegen den westdeutschen Freidenkerverband und seinen Vorsitzenden, wegen angeblicher „Gotteslästerung“ Strafanzeige erstattet. Dieser Strafanzeige war eine wochenlange Kampagne gegen den Verband vorausgegangen, die vor allem der CDU und dem katholischen Klerus nahestehende Zeitungen im rheinischen Raum geführt hatten. Die Hetze gegen den Vorsitzenden ging bis zur indirekten Aufforderung zu Pogromen und bis zu seiner Exmittierung aus einer Dienstwohnung der Bundesbahn. Schließlich brachten einige CDU- Abgeordnete sogar eine parlamentarische Anfrage ein.

    Was war geschehen? Der Freidenkerverband hatte wie in früheren Jahren und wie In anderen Städten der Bundesrepublik auch in Köln, dem Sitz des Erzbischofs Kardinal Frings, im März eine Jugendweihe abgehalten. Bei dieser Jugendweihe hatten die Freidenker dem  Brauch entsprechend aus atheistischen Werken zitiert und einige in der Bundesrepublik verlegte Bücher verteilt.

    Diese Feierstunde wurde nun als kommunistische Propaganda ausgelegt. Die in ihrem Haß gegen alle Andersdenkenden vernagelte „Kölnische Rundschau“ lamentierte: „Zu einem Zeltpunkt, da der Westen auf Leben und Tod Im Kampf mit dem roten Osten“ stehe, dürften solche Veranstaltungen nicht mehr zugelassen werden. Daß mit dieser Aufforderung gleich vier Artikel des Grundgesetzes (Artikel 3. Abs. 3. Artikel 4. Abs. 1. Artikel 8. Abs. 1. und Artikel 9. Abs.1) verletzt werden, stört die Scharfmacher eingedenk größerer Verfassungsbrüche anscheinend nicht.“

  5. Hanna Fleiss schreibt:

    Sascha, ein Professor Jantzen ist mir als DDR-Wissenschaftler bekannt, ich habe auch einiges von ihm gelesen. Und ich nehme an, dieser Beitrag stammt aus DDR-Zeiten von ihm. Dass du nicht darauf hingewiesen hast, dass dies nur ein kleiner Auszug aus einer größeren Arbeit ist, schafft zudem etwas Verwirrung. Ich habe ja nichts dagegen, dass auch ein Bremer Prof. Jantzen existiert, der mit Themen aus der Behindertenpolitik befasst ist und zu gleichartigen Schlüssen gekommen ist. Aber stammt dieser Beitrag von dem Bremer Jantzen? Könnte es sich auch um eine Namensgleichheit handeln? Aber im Grunde spielt das keine Rolle, auf das Ergebnis kommt es an.

    Ich würde ganz gerne die Quelle genannt wissen, wo Marx von Obdachlosen und Behinderten schreibt. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, hat er so spezifisch nicht über die Armut in Frankreich zur Zeit des 18. Brumaire geschrieben, sondern die Anhängerschaft des Napoleon III.
    unter dem Begriff Lumpenproletariat zusammengefasst. Dazu zählten nach meinem Eindruck nicht gesondert die Behinderten und Obdachlosen, sondern heruntergekommene Kleinbürgerschichten, die in Napoleon „ihren Mann“ sahen. Dass sich darunter auch Behinderte und Obdachlose befanden, ist anzunehmen.

    • Ulrike Spurgat schreibt:

      Guten Morgen.
      Jantzen ist kein DDR Wissenschaftler, hat allerdings in seiner aktiven Forschungstätigkeit u.a., wie man sehen kann, an dem was Sascha von Jantzen geschrieben hat und ist dem Ruf der Karl Marx Uni Leipzig gefolgt und hat dort als Professor gelehrt.

      Was stört denn, dass es auch im Westen gute Wissenschaftler gegeben hat und gibt, zumal Begegnungen, wie diese hier durchaus von Erfolg gekrönt sein können, wenn man es denn will. Nur über Kontakte können die Vorbehalte und Vorurteile überwunden werden.

      Den gesellschaftlichen, langfristigen Beitrag den Jantzen, als auch andere geleistet haben, sollte nicht unterschätzt werden. Meine Kollegen haben wertvolles geleistet und tun es immer noch, wenn es darum geht das Bewusstsein der Menschen zu verändern, in dem ihnen andere Denkmöglichkeiten angeboten werden, die ihnen die Türe öffnen können alte Sichtweisen, Konditionierungen in Frage zu stellen und das kann bei ihrer Gesundung, soweit es im System möglich ist helfen und oftmals geht es in Richtung der Politisierung und die „elende Kreiselei,“ um sich selbst hat dann ein mögliches Ende gefunden.

      Man sollte dieses nicht schmälern, weil Jantzen Strukturen angegangen ist und gegen Widerstände kompromisslos für die Menschen eingetreten ist und für manchen Bruch dieser in Forschung und Lehre sich durchgesetzt hat. Eine bedeutende Leistung im elitären Uni Betrieb.

    • Weber Johann schreibt:

      Vielleicht hilft diese Meldung vom 19.9.1987, die im „Neuen Deutschland“ veröffentlicht wurde, weiter:

      „Lehrstuhl in Leipzig für BRD-Wissenschaftler
       Leipzig (ADN). Zum zeitweiligen Leiter des internationalen „Wilhelm-Wundt-Lehrstuhls für Psychologie an der Karl-Marx-Universität Leipzig wurde zum 1. Oktober Prof. Dr. Wolfgang Jantzen als erster Wissenschaftler aus der BRD berufen. Der Gelehrte, der an der Universität Bremen als Ordinarius für Behindertenpädagogik wirkt, verdiente sich internationalen Ruf auch durch seine Arbeiten auf den Gebieten der Persönlichkeitspsychologie, Psychopathologie und Theorienbildung der allgemeinen Psychologie. Der nach Wilhelm Wundt (1832-1920) benannte Lehrstuhl wurde auf Anregung des Weltpsychologenkongresses 1980 eingerichtet.“

      Noch eine Überraschung. Ein Prof. Dr. aus der Alt-BRD wurde auf einen DDR-Lehrstuhl berufen. Ich kenne keinen vergleichbaren Vorgang, dass ein Prof. Dr. aus der DDR auf einen Lehrstuhl in der Alt-BRD berufen wurde. Die böse, böse DDR. Regt schon zum Nachdenken an.

  6. Ulrike Spurgat schreibt:

    …….dem ist nichts hinzuzufügen, Johann Weber, doch eins: Vielen Dank !

  7. sascha313 schreibt:

    …nur einmal erwähnte Karl Marx im „Brumaire“ das Wort „behinderte“ – nämlich: „Das Wahlgesetz war die Bleikugel an den Füßen der Ordnungspartei, die sie am Gehen behinderte und nun gar am Stürmen!“ Meines Wissens gab es diesen Begriff „Behinderte“ damals noch gar nicht, außer im hier genannten Fall.

  8. R.R. schreibt:

    „Auch nach der großen Katastrophe des Zusammenbruchs eines Systems, von dem wir uns viel mehr erwartet haben, als wir letztlich erwarten konnten, nun – wir haben es halt vergeigt, alle zusammen.“

    Nö. Nicht wir alle. Und zusammen schonmal gar nicht!

    Herzliche Grüße!

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