Xsenja Melnikowa: Warum sich die Ostdeutschen nach der sowjetischen Vergangenheit sehnen

gdr_germaniyarusvesna.su: Ost- und Westdeutsche begingen den den 28. Jahrestag der Vereinigung Deutschlands. Viele Jahre lang, während sie auf gegenüberliegenden Seiten der Berliner Mauer lebten, träumten sie davon, die Einheit der Nation wiederherzustellen. Aber als das schließlich passierte, stellte sich heraus, daß sie immer noch von der Mauer getrennt waren – in Traditionen, Mentalität, Erziehung, Einkommen und sogar in der Sprache. Die Ostdeutschen bekennen, daß sie mit dem Verschwinden der DDR ihre Heimat verloren haben und sich gern an die sozialistische Vergangenheit erinnern, die sie oft sogar stark idealisieren.

Baba Jaga und Spreewaldgurken

„Diesen Sommer bin wieder zum Klassentreffen unserer Schule gegangen. Wir treffen uns alle fünf Jahre. Jetzt lebe ich in Holland, aber dafür komme ich nach Deutschland“, sagt Heidi Kulen. Neben Schul-Fotoalben bringen ehemalige Klassenkameraden Schokolade, „Rotkäppchen“-Sekt, die berühmten Spreewaldgurken, Letscho, Senf aus Bautzen in Sachsen und ein Analogon amerikanischer Cola – die in der DDR beliebte Club-Cola mit. Sie alle erinnern sich, wie sie zum Unterrichtstag in der Produktion gingen, Kartoffeln sammelten und darüber spotteten, wie sie von den „Wessis“ dargestellt wurden.

Erinnerungen an die DDR

„Im modernen Deutschland sind Dinge und Gegenstände der sozialistischen Vergangenheit gefragt: Küchengeräte, Lampen, Zahnbürsten, Porzellanfiguren aus der DDR.“ Um die Zeit zurückzudrehen und sich mehrere Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit zu begeben, werden jedes Jahr mehr und mehr Geschäften und Restaurants mit ostdeutschen Retro-Produkten eröffnet. Es gibt Magazine, Bücher und Filme über das Leben in der DDR. „Es macht mir große Freude, sowjetische Märchenfilme zu sehen. Baba Jaga und ihr Hüttchen auf Hühnerbeinchen sind dabei außer Konkurrenz. Jetzt werden Sie so etwas nicht mehr finden“, sagt die 40-jährige Sandra Dogan. Ihrer Meinung nach gibt es heutzutage nicht genug von dem, was in der DDR war. „Damals war jedem Kind ein Platz im Kindergarten garantiert, es war leicht, zur Universität zu gehen, die Medizin war kostenlos, es gab keine Arbeitslosigkeit, die Menschen waren herzlicher. Alles, was wir getan haben, wurde geschätzt, nichts blieb ohne Aufmerksamkeit“, zählt sie gegenüber RIA Novosti auf.

Damals war’s…

Frau Gert, die schon über achtzig ist, stimmt ihr zu: „Früher war Ordnung. Wir haben zusammen gelebt, gearbeitet, waren zuversichtlich in die Zukunft. Im Dorf haben sich die Nachbarn gegenseitig geholfen, alle waren wie eine Familie. “ Eine ältere Frau beschwert sich, dass jetzt jeder allein ist, „hinter seinem eigenen Zaun“. „Damals gab es viele Jugendorganisationen, und die Jugendlichen von heute wissen einfach nicht, was sie tun sollen: Entweder sitzen sie mit Mobiltelefonen herum oder bleiben vor Monitoren sitzen. Und der Schullehrplan war viel effektiver“, sagte Holger Renitz aus Frankfurt an der Oder.

Die harte Realität des Kapitalismus

Das Thema Renten ist besonders akut. Angela Merkel hat versprochen, sie bis 2025 anzugleichen, aber bis jetzt ist der Unterschied spürbar. Manchmal erreicht die Lücke 450 Euro, schreibt der ‚Spiegel‘. „Ich lebe seit meiner Kindheit in Thüringen, habe mein ganzes Leben als Busfahrer gearbeitet und meine Rente ist niedriger als bei vielen anderen Deutschen“, klagt Ralph Schwider in einem Gespräch mit RIA Novosti (und hat darum gebeten, seinen richtigen Namen zu ändern).

In der Lage von Gedemütigten

Die DDR und West-Berlin wurden 1990 Teil der Bundesrepublik Deutschland, aber im Wesentlichen war es eine Annexion. Auf dem Territorium des ehemaligen sozialistischen Staates wurde das Grundgesetzt der Bundesrepublik Deutschland von 1949 eingeführt, Banknoten wurden ausgetauscht, Militär, Beamte und Geheimdienstmitarbeiter wurden „lustriert“ (gemeint ist die politische „Säuberung“ aller öffentlichen Funktionen, A. d. Ü.).
Die Unterschiede in der Mentalitä der „Ossis“und „Wessis“, wie sie sich ironisch bezeichneten, sind noch nicht verschwunden. „Die Mauer ist in unseren Köpfen“, sagen die Deutschen selbst.

Die Ossis im Westen

„Die Westdeutschen stellen meist die Elite, es gibt einen echten Kulturkolonialismus und wir reden dabei von den Behörden in den östlichen Ländern selbst“, sagte Thomas Krueger, Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung. Er ist einer der wenigen Ossis, die an die Macht kamen. Die Tatsache, dass Angela Merkel, die in der DDR geboren wurde, den höchsten Posten im Land besetzt, mildert die Situation nur wenig. Die Leute im Osten geben zu, dass sie sich oft als minderwertige Bürger fühlen, glauben, dass im Ergebnis der Vereinigung „ihr Heimatland diffamiert wurde“, und sie selbst „in die Situation kamen, gedemütigt zu werden“. Kein Wunder – sie haben die Fusion teuer bezahlt.

Bedingungen diktiert von der BRD

Unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer erklärten die deutschen Behörden ihren vereinnahmten Landsleuten, dass ihre Technologie zehn Jahre veraltet und die Wirtschaft nicht konkurrenzfähig sei. Alle großen Unternehmen der ehemaligen DDR wurden geschlossen: Millionen waren arbeitslos. Ein solches Schicksal ereilte auch das Stahlwerk Brandenburg, das größte in den östlichen Ländern. In den 1970er Jahren produzierte es 2,3 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr und beschäftigte zehntausend Menschen. Dieser Stahl wurde für das Vereinigte Land nicht benötigt, und 1992 wurde er auf dem Fabrikgelände das Brandenburger Industriemuseum eröffnet.

Systemvergleiche

Die „Ossis“, die ihre Arbeit verloren hatten gingen auf der Suche nach einem besseren Leban in den Westen. Wer früher ganze Betriebe geleitet hatte, begann nun die Straßen zu fegen und Waren auszuliefern. Gegenwärtig macht die Industrie der östlichen Länder nicht mehr als zehn Prozent der deutschen Wirtschaft aus. Das Familieneinkommen ist um 20 Prozent niedriger als im Westen. Ja, und die durchschnittlichen Kosten einer Stunde Arbeitszeit sind um sieben Euro geringer. Viele bevorzugen es, im Westen zu arbeiten und nur über das Wochenende nach Hause zu kommen. Aufgrund des starken Abflusses der Bevölkerung und der niedrigen Geburtenrate auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sind demographische Probleme entstanden.

Meinungen, Wohlstand, Zukunft?

Öffentliche Meinungsumfragen, die im Land durchgeführt wurden, haben wiederholt gezeigt, dass die „Ossis“ anfällig für Nostalgie für die alte Lebensweise sind.
Fast die Hälfte der Bevölkerung in Ostdeutschland ist sich sicher: „Es gab mehr Gutes als Schlechtes in der DDR, es gab Probleme, aber man konnte mit ihnen leben“ und „die Menschen lebten glücklicher und besser als in Deutschland nach der Wiedervereinigung“. Junge Leute sind damit nicht einverstanden: Die neue Generation lebt gerne in einem vereinten Land, und sie kennen die „Mauer“ nur aus den Geschichten ihrer Verwandten oder aus dem Geschichtsunterricht.

Gibt es die deutsche Einheit wirklich?

Die Bundesregierung ist gezwungen, viel Geld in die Entwicklung des Ostens zu investieren, um insbesondere die soziale Sicherheit zu verbessern…
Der Ausgleich der Unterschiede in der Mentalität der Ost- und Westdeutschen nach der Spaltung, vierzig Jahre gedauert hatte, ist nach mehr als einem Vierteljahrhundert nicht gelungen. Zu Hilfe kommen aber Kultur und Sport. Die Deutschen geben zu, dass sie sich während der Olympischen Spiele sowie der Welt- und Europameisterschaften wirklich als Einheit sehen.

Quelle: Alternative Presseschau vom 7. Oktober 2018 (Danke für die Übersetzung!)

Anmerkung: Dieser Beitrag, gerschrieben aus der Sicht einer Russin, gibt selbstverständlich nur annähernd wieder, was das Wesen des Sozialismus und der DDR charakterisiert. Ausgelassen wurden hier die Ursachen und Hintergründe der einstweiligen Niederlage des Sozialismus sowie die gesellschaftlichen Widersprüche innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Doch darüber hatten wir schion mehrfach berichtet. Es ist klar, daß Jugendliche heute nur wenig oder fast nichts darüber wissen. Diese Erklärungen wurden ihnen in der Schule verheimlicht. Man hat ihnen die Sicht darauf gezielt vernebelt…

Siehe:
E. Collet – Die DDR ein Meisterwerk
Vom Kapitalismus enttäuscht
Was jeder über die Annexion der DDR wissen sollte

 

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Meine Heimat DDR, Wider den Antikommunismus! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Xsenja Melnikowa: Warum sich die Ostdeutschen nach der sowjetischen Vergangenheit sehnen

  1. Henk Gerrits schreibt:

    Im Hollandische Nachrichten kein wort uber die mislungene Wiedervereinigung.Wieso auch.Niks zu jubeln

  2. Hanna Fleiss schreibt:

    Die Autorin versucht, sachlich zu bleiben, greift aber stellenweise auf die westdeutsche Argumentation zurück, wenn sie von ostdeutscher Nostalgie schreibt. Woran wir einstigen DDR-Bürger denken, wenn wir uns die Vorzüge der DDR gegenüber dem westdeutschen Staat vor Augen halten, hat nichts mit dem bürgerlichen Begriff der Nostalgie zu tun. Zu gut wissen wir Älteren, was wir mit der DDR verloren haben.

    Und wenn Läden mit Waren angefüllt sind, die angeblich in der DDR produziert wurden, aber aus westdeutschen Unternehmen stammen, dann geschieht das aus Profitgründen. Und vielleicht auch, um den Ostdeutschen so indirekt zu sagen, wie kleinbürgerlich sie an die DDR angeblich zurückdenken. Wobei viele Waren aus der DDR absolut konkurrenzfähig gegenüber denen aus der BRD waren, nur die Verpackung war weniger aggressiv und eher rohstoffsparend. Aber sie sind aus den „Supermärkten“ verschwunden, und heute kaufen wir Berliner Äpfel aus Australien statt aus der Berliner ländlichen Umgebung. Erinnert sei an die systematische Zerstörung der Apfelplantagen in Werder, um westdeutsche oder ausländische Konkurrenz einzubringen.

    Natürlich, in der Erinnerung war das Leben in der DDR sehr viel lebenswerter als heute, wenn man es mit dem im zusammengebastelten Deutschland vergleicht. Und sicher wird auch einiges zu rosig von manch einem gesehen, aber es gibt auch das Gegenteil, davon berichten uns die Medien ja mehr als ausführlich, wie begeistert Ostdeutsche über die „Wiedervereinigung“ sind.

    Wir aber wissen, das Leben in der DDR war nicht „rosig“, es gab Höhen und Tiefen, aber wir wissen auch, dass die DDR die größte bisherige Errungenschaft der deutschen Arbeiterklasse war, trotz politischen Fehlern und Versäumnissen. Und was das „Einheitsgetümmel“ zum diesjährigen Jahrestag der „Deutschen Einheit“ angeht, so feiern vor allem Westdeutsche, die von der Annexion der DDR profitiert haben oder denen man die Köpfe derart verdreht hat, dass sie die Realität nicht von der Propaganda unterscheiden können.

    Für mich jedenfalls ist der 3. Oktober nicht nur der Geburtstag meines jüngsten Sohnes, sondern auch Anlass von Überdenken und Traurigkeit.

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