Hildegard Reissmann: Geistige Schätze in Gestalt von Büchern

BibliothekDas Lesen gehörte in der DDR zu den Grundfertigkeiten, die alle Schüler der sozialistischen Schule am Ende der vierten Klasse in einem solchen Grade beherrschen mußten, daß sie imstande waren, aus einem ihrem Alter abgepaßten unbekannten Text selbständig den Sinn zu erschließen und einen bekannten Text ausdrucksvoll vorzulesen. Und das gelang.  Die DDR war eine hochgebildete Nation. Nicht nur Werke der Weltliteratur, wie Goethe, Schiller, Heine, Puschkin oder Shakespeare gehörten zum Lesealltag der Jugend, sondern auch viele zeitgenössische Autoren, wie Anna Seghers, Friedrich Wolf, Bruno Apitz und Bertolt Brecht. Dabei leisteten die Bibliothekare der DDR eine unverzichtbare Arbeit. Es waren nicht angelernte Kräfte, die Bücher nur von hinten kennen und heute lieber „Medien“ in ihre Regale stellen anstatt Bücher, sondern mindestens ebenso gebildete Persönlichkeiten, die ihren jungen und älteren Lesern wertvolle Literatur nahezubringen verstanden. Im folgenden Beitrag schreibt die Bibliothekarin einer kleinen Gemeindebibliothek über ihre Erfahrungen aus dem Jahre 1979. Solche kleineren und größeren Bibliotheken gab es in der DDR zu Tausenden…

Wie war das damals in der DDR?

Im 30. Jahr der DDR waren die Bibliotheken aufgerufen, mit allen ihren Möglichkeiten die Literatur und Kunst zu verbreiten, Leselust zu befriedigen und zu wecken. Auch die Gemeindebibliotheken erwiesen sich als wichtige Partner beim Durch­setzen der kulturpolitischen Linie der Ar­beiterklasse. Die Aufgabe eines Gemeindebibliothekars ist nicht nur damit erfüllt, daß er Bücher ausleiht; von der Bibliothek wird erwar­tet, daß sie eine Institution mit eigenem Profil ist, die im gesellschaftlichen Ge­schehen ihres Ortes eine zentrale Rolle spielt.

Schwerpunkt Bildung

Ein Schwerpunkt unserer gesamten kultur­politischen Arbeit ist die politisch-mora­lische Erziehung der jungen Generation, ihre Heranbildung zu bewußten Staats­bürgern. Der Beitrag, den die Literatur­propaganda dazu leisten kann, muß einen qualitativ hohen Wirkungsgrad erreichen. Es geht also um die weitere Entwicklung eines anregenden, vielseitigen geistig­-kulturellen Lebens der Jugend.

Die kleine Gemeindebibliothek

In unserer Bibliothek wurde die Erfahrung gemacht, daß Buchbesprechungen zu Elternabenden in der Schule sowie im Kin­dergarten sehr fruchtbringend sein kön­nen, denn es ist sehr wichtig, vor allem erst einmal die Kinder an das gute Buch heranzuführen, denn die Kinder von heute sind einmal die Leser von morgen.

Unsere Bibliothek

Im Jahre 1948 lag die erste Bibliotheks­statistik der Gemeindebibliothek Klein­reinsdorf vor. Sie weist einen Buchbestand von 61 Büchern aus. Zu verzeichnen waren keine Leser – keine Ausleihen. 1948 wur­den die 61 Bücher in einem Schulzimmer aufbewahrt; es war nicht einmal ein Schrank oder ein Regal vorhanden. Im Jahre 1955, als ich die Gemeindebibliothek übernahm, wurde in der Jahresstatistik ein Buchbestand von 221, eine Leserzahl von 17 mit 193 Ausleihen, angegeben. Die 221 Bücher waren jetzt in einem Schrank, der im Vereinszimmer des Gast­hauses „Zur Linde“ stand, untergebracht. Im Jahre 1968 wurde das Gasthaus „Zur Linde“ zu einem Kulturhaus ausgebaut, in diesem Kulturhaus erhielt nun die Ge­meindebibliothek einen würdigen Biblio­theksraum mit 6 Bücherregalen und einer gemütlichen Leseecke mit zwei Sesseln. Seit dem Jahre 1968 stieg die Leser- und Ausleihzahl von Jahr zu Jahr enorm an. Sa konnte für das Jahr 1978 eine Leserzahl von 156 Personen mit 2506 Ausleihen gemeldet werden.

Die Bibliothek nach 30 Jahren DDR

Der Gemeindebibliothek Kleinreinsdorf standen 1979 über 2000 Bücher zur Ver­fügung. Durch den Ausleihverkehr mit der Stadt- und Kreisbibliothek Greiz so­wie der Kinderbibliothek in Greiz-Pohlitz ist der Buchbestand stets aktuell und den Lesern stehen die neuesten Bücher zur Verfügung, sei es Belletristik, Fachliteratur oder Kinderbücher. Um den damaligen Leistungsstand zu er­reichen, bedurfte es viel Geduld und persönlichen Einsatzes. Daß die geistigen Schätze der Welt in der Gestalt von Büchern erreichbar sind für Kinder und Erwachsene, dies alles bewirkte eine Bi­bliothek und das  Buchwesen in der DDR stützte sich auf drei Jahrzehnte praktizierten sozialistischen Humanismus.

Quelle: Heimatbote, Heft 7, Juli 1979, Greiz. (Text bearbeitet, N.G.); Foto: Freund.

pdfimage Reissmann: Buecher sind geistige Schaetze


Nachbemerkung: Heute gibt es diese Bibliothek nicht mehr! Sämtliche Bücher wurden „entsorgt“…

Die größte Büchervernichtung der Geschichte

Die 1946 gegründete Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG) hatte 1989 einen Umsatz von 1,2 Milliarden Mark der DDR erreicht und sie beschäftigte 1.200 Mitarbeiter. Der Bestand der LKG umfaßte 1991 mehr als zehn Millionen Bücher und Broschüren aus alle Bereichen der Weltliteratur. Diese wertvollen Bücher sollten auf Geheiß der neuen Herren nach der Annexion der DDR möglichst schnell verramscht oder vernichtet werden.

Die „Makulierung dieser Druckwerke“ (was für ein schönes Wort für eine solche Schandtat!) erfolgte in Papiermühlen oder durch das Verheizen in Kraftwerken. Außerdem wurden ca. 400.000 Bücher auf einer wilden Deponie nahe Borna gefunden. Man hatte die Bücher einfach in die ehemaligen Bornaer Braunkohlengruben geworfen. Später nahm sich ein Pfarrer dieser Bücher an, rettete einen kleinen Teil davon und brachte sie in einer Scheune unter (Bücherburg Katlenburg). Der Leipziger Dichter Dieter Mucke äußerte im Oktober 1991 auf einer Pressekonferenz des Verbandes deutscher Schriftsteller:

„… ich möchte darauf aufmerksam machen, daß der in dem bekannten Heine-Wort benannte schreckliche Kausalzusammenhang, wer Bücher verbrennt/vernichtet, verbrennt/vernichtet auch Menschen, keine logische Abstraktion oder historische Reminiszenz ist, sondern schon wieder deutsche Gegenwart. Deshalb fordere ich als ein in Leipzig geborener Dichter, daß dieses barbarische und faschistoide Verbrechen der Büchervernichtung endlich geahndet wird.“

Quelle: Frank Thomas Grub: „Wende“ und „Einheit“ im Spiegel der deutschsprachigen Literatur: ein Handbuch. Bd.1: Untersuchungen. De Gruyter, Berlin 2008, S.21

Ebenso rettete der Schauspieler Peter Sodann Tausende Bücher vor der Vernichtung. Sie sind zu finden: Thomas-Müntzer-Platz 8, in 01594 Staucha. Tel.: 035268/949574. Und hin und wieder findet man in den zahlreichen Sozialkaufhäusern im Osten Deutschlands noch wertvolle Bücher aus privaten Haushaltsauflösungen. Der Buchautor Rainer Schmitz nannte den Vorgang

„die demütigendste Phase, die die Schöne Literatur bislang in der Weltgeschichte erleben mußte.“

Quelle: Rainer Schmitz: „Was geschah mit Schillers Schädel.“ Eichborn, Berlin 2006, S.878.

Siehe auch:

…die Kinder in der DDR konnten besser lesen!
F.C. Weiskopf: Bücher sind Munition
Müssen Kinder lesen lernen?
Von Leseland zum Land der Idioten

Bücherburg Katlenburg

Burgberg 10
37191 Katlenburg-Lindau
Telefon: +49 (0) 171 – 403 48 10
E-Mail: buecherburg(at)web.de

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9 Antworten zu Hildegard Reissmann: Geistige Schätze in Gestalt von Büchern

  1. giskoe schreibt:

    Hat dies auf giskoes gedanken rebloggt.

  2. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    Der Leipziger Dichter Dieter Mucke äußerte im Oktober 1991 auf einer Pressekonferenz des Verbandes deutscher Schriftsteller:

    „… ich möchte darauf aufmerksam machen, daß der in dem bekannten Heine-Wort benannte schreckliche Kausalzusammenhang, wer Bücher verbrennt/vernichtet, verbrennt/vernichtet auch Menschen, keine logische Abstraktion oder historische Reminiszenz ist, sondern schon wieder deutsche Gegenwart. Deshalb fordere ich als ein in Leipzig geborener Dichter, daß dieses barbarische und faschistoide Verbrechen der Büchervernichtung endlich geahndet wird.“

    Quelle: Frank Thomas Grub: „Wende“ und „Einheit“ im Spiegel der deutschsprachigen Literatur: ein Handbuch. Bd.1: Untersuchungen. De Gruyter, Berlin 2008, S.21

  3. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die von der „Kirche“ gemachte Kultur immer wieder derselben Mittel bedient, um ihren teuflischen Gewalt-Anspruch über den Menschen selbst durchzusetzen.

    Die ganze Geschichte dieses IRREN Todeskultes ist vom Wahn der Vernichtung durchdrungen!

    Die Tempel der Antike und Spätantike — welche alberne Symbolik damit auch verbunden werden kann — wurden durch die “Kirche“ zerstört!
    Das Wissen, welches sich in den Zentren des Römischen Reiches und benachbarten Gemeinwesen (Ägypten, Persien, !Aleppo!, !Damaskus!) in der Form von ‚Büchern‘ in den Bibliotheken „der Welt“ befand, wurde gnadenlos verbrannt.

    Die größte Bibliothek der Welt, die sich in Alexandria befunden hat, ist keinem zufälligen Brand zum Opfer gefallen: Sie wurde willentlich in Brand gesteckt und danach dem Erdboden gleichgemacht!
    Schließlich war dieses riesige Gebäude aus Stein hergestellt, dem kein Feuer etwas anhaben konnte – selbst wenn der Inhalt, der aus beschrifteten Lederhäuten und Papyrus bestand, einem Fraß der Flammen nicht standhalten konnte.

    Nein! den Zerstörern des Wissens genügte eine bloße Verbrennung der Bücher nicht: Das Zeugnis selbst musste in deren Wahn platt gemacht werden, so dass es auch aus dem allgemeinen Gedächtnis der Menschheit ein für alle mal verschwindet, damit alle nachfolgenden Generationen als Deppen-Doofe und willfährige Schafe gehalten werden können!

    Und egal, wohin diese Organisation sich auch immer mit Gewalt und Mord ausgebreitet hat: Immer ist die gleiche Vorgehensweise zu beobachten: Das vorhandene Wissen wird ausgelöscht, um es dann als vermeintlich “eigene“ Wissen, welches für die Wahrheit ausgegeben wird, zu ersetzen.

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