Vorsicht – Zentrismus!

MaskeWir begegnen heute auf Schritt und Tritt Leuten, die sich mit marxistischen Phrasen schmücken, die angeblich den Revisionismus bekämpfen wollen, die aus den Werken der Klassiker des Marxismus-Leninismus zitieren und seitenlange Erklärungen abgeben, warum dies oder jenes so oder anders gewesen sei, als man bisher gewußt habe, warum die DDR scheitern mußte oder warum Marx bisher falsch verstanden worden sei. Sie erklären uns die politische Ökonomie, sie erklären uns die DDR, und sie wissen auch, warum der Sozialismus, so wie er war, nicht funktionieren konnte… Wer sind diese Leute? Es gab sie und es gibt sie immer noch. Es sind Zentristen. Und was ist Zentrismus? Darüber lesen wir im folgenden Beitrag…

Zentrismus: international verbreitete, verdeckte und darum besonders gefährliche Abart des Opportunismus. In der deutschen Arbeiterbewegung bildete sich der Zentrismus als zweite opportunistische Strömung neben dem Revisionismus heraus, als sich die Auseinandersetzungen zwischen Marxisten und Revisionisten über Grundfragen der Strategie und Taktik der Arbeiterpartei in der imperialistischen Epoche im Zusammenhang mit der Revolution in Rußland (1905-07) zuspitzten.

Die Zentristen bekannten sich in Worten zum Marxismus, betrieben jedoch opportunistische Politik. Als Vertreter einer Ideologie der Versöhnung und der Verschleierung der prinzipiellen Gegensätze zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Klassenlinie in der Arbeiterbewegung unterstützten die Zentristen objektiv den offenen Opportunismus und ebneten ihm den Weg zur Beherrschung der deuschen Sozialdemokratie; sie verhinderten lange Zeit die Herausbildung einer marxistisch-leninistischen Partei in Deutschland.

Hauptsächlicher Vertreter des Zentrismus war K.Kautsky, mit dessen opportunistischer Ermattungsstrategie (1910) der Zentrismus zum erstenmal theoretisch deutlich in Erscheinung trat. Den Kern der theoretischen Auffassungen des Zentrismus stellte die Theorie vom Ultraimperialismus dar, die Kautsky 1915 propagierte. Diese Theorie war „eine höchst reaktionäre Vertröstung der Massen auf die Möglichkeit eines dauernden Friedens im Kapitalismus“ (W.I. Lenin). Der raffinierte Opportunismus Kautskys, der dessen Absage an den revolutionären Klassenkampf, die proletarische Revolution und die Diktatur des Proletariats verdeckte, wurde namentlich von R. Luxemburg frühzeitig erkannt und bekämpft.

Dennoch breitete sich der Zentrismus rasch aus. Er war eine der wesentlichen Ursachen für die Verwandlung der deutschen Sozialdemokratie aus einer revolutionären Massenpartei in eine reformistische Arbeiterpartei. Während des ersten Weltkriegs wurde der Zentrismus zum Sozialpazifismus, dessen Repräsentanten „Sozialisten in Worten, in der Tat aber Wortführer der bürgerlich-pazifistischen Heuchelei“ waren (W.I. Lenin).

Als Partei konstituierte sich der Zentrismus 1917 zum erstenmal in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Nachdem sich die revolutionären Arbeitermitglieder der in der internationalen Arbeiterbewegung entstandenen zentristischen Parteien und Gruppen während der revolutionären Nachkriegskrise größtenteils den neugegründeten kommunistischen Parteien angeschlossen hatten (in Deutschland im Dez. 1920), vereinigten sich die Reste der zentristischen Gruppierungen um 1922/23 wieder mit den offen reformistischen Arbeiterorganisationen.

Quelle: Kleines politisches Wörterbuch, Dietz Verlag 1967, S.748


Zum Schluß.

Was schreibt Kurt Gossweiler über Fehler und deren Korrekturen?

Wie schwierig das ist, hatte sich schon auf dem III. Weltkongreß, anläßlich der Levikrise in der KPD im Zusammenhang mit der Märzaktion von 1921 gezeigt. Es hatte damals der ganzen Weisheit Lenins bedurft, um den richtigen Weg zur Lösung zu finden, und seiner ganzen Autorität, um diese Lösung auch durchzusetzen. Denn in die Richtung linker Überspitzungen drückten nicht nur einige radikalisierte kleinbürgerliche Intellektuelle vom Schlage Ruth Fischer, sondern auch die besten revolutionären Arbeiter der KPD, die, empört über den verräterischen Opportunismus Levis, und voller Haß gegen die konterrevolutionäre Sozialdemokratie wenig Verständnis für noch so notwendiges Manövrieren aufbrachten, sondern mit der opportunistischen Schweinerei so schnell und so radikal wie möglich Schluß machen wollten.

Lenins Rat an die deutschen Kommunisten

In seinem “Brief an die deutschen Kommunisten” hatte Lenin damals geschrieben: “In der internationalen kommunistischen Bewegung war im Sommer 1921 der ‘springende Punkt’, daß einige der besten und einflußreichsten Teile der Kommunistischen Internationale … ein klein wenig den ‘Kampf gegen den Zentrismus’ übertrieben, ein klein wenig jene Grenze überschritten, jenseits welcher sich dieser Kampf in einen Sport verwandelt, jenseits welcher die Kompromittierung des revolutionären Marxismus beginnt. … Die Übertreibung war nicht groß. Aber ihre Gefahr war ungeheuer. Der Kampf gegen diese Übertreibung war schwer; denn die Übertreibung begingen wirklich die besten, ergebnsten Elemente, ohne die es wohl die Kommunistische Internationale überhaupt nicht gäbe.(…) Übertreiben aber, wenn auch nur ein klein wenig, heißt eben den Sieg verhindern.” (W. I Lenin, Brief an die deutschen Kommunisten, LW 32/545-6)


Nicht übertreiben!

Lenin hatte zwar die deutschen Kommunisten gelehrt: “Übertreiben aber, wenn auch nur ein klein wenig, heißt eben den Sieg verhindern. Den Kampf gegen den Zentrismus übertreiben, heißt den Zentrismus retten, seinen Einfluß auf die Arbeiter festigen.” (W.I. Lenin, Brief an die deutschen Kommunisten – 14. August 1921 – LW 32/546)

Auf dem 9. Parteitag formulierte dagegen ein Mitglied der Zentrale, das nicht einmal zu den Linken, sondern zur Mittelgruppe gehörte, in geradezu klassischer Weise die Auffassung, die bei der Masse der Mitglieder der KPD herrschte. “Die rechten Gefahren sind für die kommunistische Taktik viel gefährlicher als irgendwelche linken Gefahren.

Nicht den revolutionären Elan brechen!

Rechte Gefahren führen zwangsläufig zu einem Kompromiß, zu einer Linie mit den Verteidigern der gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaftsordnung und lähmen den Kampf. Linke Gefahren haben zwar den einen Nachteil, daß sie die Bewegung als Massenbewegung hemmen können, aber sie können nicht den revolutionären Elan brechen. Nie kann man nach links eine Koalition eingehen, die eine Gefahr für die Revolution überhaupt bedeutet. Alles, was nach links weicht, wird bei revolutionären Kämpfen und in revolutionärer Entwicklung selbst immer wieder zurückfluten auf die richtige revolutionäre Linie. Deswegen sind sie keine solche Gefahren wie rechte Abweichungen.” (Bericht über den 9. Parteitag, Seite 272).

Sektierertum überwinden!

Hier wird offenbar, wo sich die deutschen Kommunisten den Leninismus noch nicht voll zu eigen gemacht hatten. Für die Zukunft der Partei hing ungeheuer viel davon ab, diesen besten Kadern der KPD zu helfen, möglichst rasch und gründlich ihre sektiererischen, linksradikalen Tendenzen zu überwinden.

Das konnte nur geschehen durch eine Politik, die es verstand, sich von rechtsopportunistischen Fehlern ebenso freizuhalten, wie vom Sektierertum. Das galt in ganz besonderem Maße für die Anwendung der Einheitsfronttaktik, bei der die Gefahr rechter Abweichungen ziemlich groß war und die gerade deshalb bei den kommunistischen Arbeitern auf Argwohn und Mißtrauen stieß. Dieser Argwohn und dieses Mißtrauen konnte nur durch die Erfolge, die eine richtige Anwendung der Einheitsfronttaktik unvermeidlich mit sich gebracht hätte, überwunden werden.

Quelle: Zur Strategie und Taktik der SPD und KPD in der Weimarer Republik (April bis Juni 1957) – http://kurt-gossweiler.de/?p=735 (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Dieser Beitrag wurde unter Marxismus-Leninismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Vorsicht – Zentrismus!

  1. Rolf schreibt:

    Also mit allen „linken Gruppen“ zusammenschließen?
    Ohne wenn und aber?

  2. Pingback: Die Novemberrevolution. Was geschah 1918 in Deutschland? | Sascha's Welt

  3. Pingback: Die Antikommunisten | Sascha's Welt

  4. Pingback: Rechte Sozialdemokraten als Helfershelfer der CIA | Sascha's Welt

  5. Pingback: Der faschistische Putsch in Indonesien (1966) – Wichtige Lehren aus der Geschichte | Sascha's Welt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s