Kurt Gossweiler: Gemeinsamkeiten und Unterschiede von „altem“ und „modernem“ Revisionismus

gossweilerEs ist immer wieder einmal notwendig, daran zu erinnern, daß es der Revisionismus ist, welcher dem Opportunismus als politisch-ideologische Begründung diente, um die Abschaffung des Kapitalismus und den Übergang zu einer sozialistischen Gesellschaftsordnung zu verhindern, oder doch zumindest zu verzögern. Unter Revisionismus verstehen wir eine antimarxistische Strömung in der Arbeiterbewegung und als Opportunismus bezeichnen wir eine bürgerliche bzw. kleinbürgerliche Strömung, die bereit ist Bündnisse oder Vereinbarungen mit der herrschenden Ausbeuterklasse, der Bourgeoisie zu treffen. Auch der Revisionismus eines Kautsky oder Bernstein erfuhr eine Modifikation, die schließlich zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts führte – dem Sturz des sozialistischen Weltsystems. Anläßlich seines 101.Geburtstages hier nun der Beitrag des Genossen Dr. Kurt Gossweiler zur Frage des Revisionismus [1].

Der Revisionismus – Instrument der Konterrevolution

Gemeinsam ist dem alten wie dem neuen, dem „modernen“ Revisionismus, daß beide innerhalb der revolutionären marxistischen bzw. marxistisch-leninistischen Arbeiterbewegung den revolutionären Antikapitalismus und Anti-Imperialismus zu verdrängen und zu ersetzen suchten durch eine Ideologie und Praxis des Reformismus, der Klassenzusammenarbeit, und daß beide sehr bald zu Agenturen der Bourgeoisie, zu Instrumenten der bourgeoisen Konterrevolution wurden.

Unterwanderung der kommunistischen Bewegung

Ein Grund dafür ist, daß die Bourgeoisie ein wachsames Auge auf alle politischen Organisationen wirft, ein ganz besonders wachsames auf die kommunistischen Parteien, und daß sie die ihr gefährlich erscheinenden Organisationen nicht nur durch Repression, sondern auch durch Diversion bekämpft. Mit größter Aufmerksamkeit verfolgen ihre dafür zuständigen Organe innerparteiliche Auseinandersetzungen in den kommunistischen Parteien, und jede innerparteiliche Opposition besitzt eine magische Anziehungskraft auf Mitarbeiter dieser Organe. Auf allen möglichen und unmöglichen Wegen suchen sie Kontakt zu solchen Oppositionellen, aber nicht nur Kontakt, sondern die Möglichkeit, auf solche Oppositionsgruppen – sei es von außen, noch besser aber von innen – Einfluß zu nehmen und schließlich sie in eine gewünschte Richtung zu steuern.

Unterschiede zwischen alten und neuen Revisionismus

Aber die Aufgabe, die sich der alte Revisionismus der sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien stellte, und jene, vor die sich der modernen Revisionismus in den regierenden kommunistischen und Arbeiterparteien gestellt sah, waren trotz Einigkeit im Ziel geradezu gegensätzlich:
Der alte Revisionismus hatte zum Ziel, den revolutionären Sturz der bestehenden Ordnung, des Kapitalismus, zu verhindern, also die bestehende Ordnung, ein bisschen reformiert, zu erhalten. Der moderne Revisionismus hatte und hat zum Ziel, die bestehende Ordnung, den Sozialismus, zu beseitigen, durch „Liberalisierung“ und schrittweise Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen.
Der „alte“ und der „moderne“ Revisionismus sind auch auf unterschiedliche Weise entstanden. Zwar sind beide aus dem Boden des Imperialismus erwachsen, aber auf doch recht unterschiedliche Weise und unter ganz unterschiedlichen Bedingungen.
Der alte Revisionismus entstand, wie schon oben abgehandelt, als ideologische und politische Strömung der vom Imperialismus privilegierten Oberschichten der Arbeiterklasse, die ihren Frieden mit der gegebenen kapitalistischen Ordnung gemacht hatten. Diese Strömung und ihre Ideologen und Wortführer in der Spitze der Sozialdemokratie fanden die kräftige Unterstützung der klügsten Vertreter der imperialistischen Bourgeoisie. Wo die revisionistischen Führer die Partei in die Hand bekamen, wandelten sie diese um in Parteien, für die Kurt Tucholsky das treffende Bild vom Radieschen fand: außen rot und innen weiß. Im ersten Weltkrieg erwies sich, dass diese Parteien bereits zu bürgerlichen Arbeiterparteien und damit Stützen der imperialistischen Ordnung, zu Agenturen des Imperialismus in der Arbeiterklasse, geworden waren.
Anders entstand der moderne Revisionismus.
Ich rechne die linken und rechten Strömungen, die es in der Geschichte der kommunistischen Bewegung und vor allem in der KPdSU in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg gab, nicht dem modernen Revisionismus zu, sondern zu seinen Vorläufern. Dies deshalb, weil sie nie zur Formulierung eines solch umfassenden Gegenprogramms gelangten, wie es das in ersten Grundzügen von Browder verfasste, dann aber von den jugoslawischen Revisionisten unter Führung Titos weiterentwickelte Programm des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens war, dessen Kerngehalt in der Erklärung der internationalen Moskauer Beratung vom November 1957 beschrieben, und das – systematisiert und kodifiziert -1958 auf dem Ljubljanaer Parteitag der Tito-Partei als Gegenprogramm gegen das noch auf dem Marxismus-Leninismus beruhenden Programm der KPdSU angenommen wurde.

Welche Besonderheiten kennzeichnen den modernen Revisionismus?

Die Besonderheit der Entstehung des modernen Revisionismus besteht nun darin, daß bereits seine ersten Schritte sich des erwartungsfrohen Segens des USA-Imperialismus erfreuten: Wir erinnern an die Begründung des Weißen Hauses, mit der Browder aus dem Gefängnis entlassen wurde – die Entlassung liege „im Interesse der Einheit der nationalen Front“ – und daran, daß es der Vertrauensmann von Allan Dulles, Noel Field war, der für die Verbreitung der Browder-Thesen unter den Mitgliedern der europäischen kommunistischen Parteien, insbesondere unter den deutschen, tschechischen, polnischen und ungarischen kommunistischen Emigranten, sorgte.

Die USA als Geburtshelfer des modernen Revisionsimus

Bei der Geburt der Urform des modernen Revisionismus, des „Browderismus“, waren also USA-Staatsorgane wenn nicht Geburtshelfer, so doch Pate und Entwicklungshelfer. Und dabei blieb es nicht nur, sondern diese Sorge der imperialistischen Geheimdienste um das Wohl und Wehe und Gedeihen des modernen Revisionismus wurde vor allem nach der Bildung antifaschistisch-demokratischer und sozialistischer Staaten im Osten Europas immer intensiver.

Der Kommunismus wird zum „Reich des Bösen“ erklärt

Browders „nationale Einheitsfront“-Thesen waren zum einen das Produkt des enormen Drucks des amerikanischen Kapitalismus und seines Staates auf die kommunistische Bewegung (Verbotsdrohung!) und auf ihn selbst, (Verurteilung zu vier Jahren Gefängnis), zum anderen des ganz ungewöhnlichen und vorher für unmöglich gehaltenen Bündnisses der imperialistischen Führungsmacht USA mit der so lange verfemten und zum Reich des Bösen erklärten sozialistischen Sowjetunion in der Anti-Hitler-Koalition und schließlich der Bemühungen des USA-Geheimdienstes, die Bindung der Kommunistischen Partei der USA an die Sowjetunion und die Komintern zu lösen und sie zu einer das System mittragenden reformistischen Organisation umzuwandeln..

KP-Funktionär Browder erfüllt die Wünsche der Herrschenden

Browders Wirken als Generalsekretär der KP USA nach seiner Haft-Entlassung lag ganz auf der Linie der Erfüllung der Wünsche der Herrschenden: Auflösung der KP und ihre Verwandlung in einen Verein, Loslösung nicht nur organisatorisch, sondern auch politisch-ideologisch von derKomintern und der KPdSU, Verkündung der Zurückstellung der sozialistischen Zielsetzung zugunsten der Bildung einer dauerhaften klassenübergreifenden nationalen Einheitsfront, dies mit der Begründung, das sei der Beitrag der Kommunisten der USA zur Fortführung der Zusammenarbeit USA – UdSSR auch nach dem Kriege und damit zur Sicherung des Friedens.

Eine Waffe zur Zersetzung der kommunistischen Bewegung

Als es Browder zunächst gelang, die Mehrheit der Parteimitglieder für seinen „nationalen Weg“ und für die Umwandlung der Partei in einen „politischen Verein“ zu gewinnen, erkannten die US-amerikanischen Spezialisten für die Bekämpfung des Kommunismus sehr schnell, dass der „Browderismus“, wenn es gelang, ihn zu internationalisieren und in alle kommunistischen Parteien zu implantieren, insbesondere in jene, die im Osten Europas voraussichtlich bald Regierungsparteien sein würden, geeignet war, neben dem Trotzkismus eine neue wirkungsvolle Waffe zur Schwächung und Zersetzung der kommunistischen Bewegung von innen zu werden.

Mister Dulles ist hochzufrieden…

Welche praktischen Schlußfolgerungen daraus gezogen wurden, haben wir am Beispiel des Wirkens von Noel und Hermann Field gesehen. Mit den Ergebnisse der Bemühungen von nur zwei Jahren, also bis zum Jahr 1946, um das Einpflanzen von Keimen des modernen Revisionismus in weitere kommunistische Parteien konnten Field und Dulles hochzufrieden sein: Die inzwischen zur regierenden Partei gewordene Kommunistische Partei Jugoslawiens wurde ausschließlich von Verfechtern des modernen Revisionismus beherrscht.[2]

Die KP Jugoslawien – das Trojanische Pferd des Imperialismus

Jugoslawien wurde von den Führern der KPJ mit dem Spitzentrio Tito, Kardelj und Rankovic in Koordinierung mit dem britischen und US-amerikanischen Geheimdienst zu einem Gegenzentrum gegen die Sowjetunion ausgebaut, während die KPJ selbst die Rolle eines Trojanischen Pferdes des Imperialismus in der Festung der Kommunistischen Parteien und zugleich die Rolle eines Leitzentrums des modernen Revisionismus für die Stützpunkte in anderen kommunistischen Parteien übernahm.

Schlüsselpositionen besetzt…

Noch während die kommunistischen Parteien im Osten Europas im Kampfe gegen die faschistischen Okkupanten standen, war es in einige n von ihnen Funktionären, die auf nationalistischen, antisowjetischen, prowestlichen, also auf Browder- und Tito-Positionen standen, gelungen, Schlüsselpositionen zu besetzen: In der Polnischen Arbeiter-Partei war seit 1943 Erster Sekretär Wladylaw Gomulka, auf den Tito große Hoffnungen setzte, daß es ihm gelingen werde, die PAP zu einer Partei nach dem Vorbild der KPJ umzugestalten. [3]

László Rajk – ein Agent des Imperialismus

In der Kommunistischen Partei Ungarns war es László Rajk [4] – Mitglied der Kommunistischen Partei seit Anfang der 30er Jahre, 1931 Verhaftung durch die Horthy-Polizei, freigekommen, nachdem er eine Bereitschaftserklärung zur Zusammenarbeit mit der Polizei unterzeichnet hatte, 1937 mit Auftrag der Polizeibehörde nach Spanien zu m Rákosi-Bataillon, dort im Juni 1938 aus der Partei ausgeschlossen, 1939 in Frankreich im Lager Vernet interniert, dort Anschluß an eine Gruppe jugoslawischer Trotzkisten und Besuch auch von Noel Field, 1941 zur Arbeit nach Deutschland verbracht, von dort im August 1941 nach Budapest zurückgekehrt – dem es gelang – da den Genossen nichts von allem ihn Belastenden bekannt war – zunächst Sekretär der Budapester Parteiorganisation zu werden, und nach dem Sturz des faschistischen Szalasi-Regimes und der Bildung der ersten kommunistisch geführten Regierung der Ungarischen Republik im Februar 1946 sogar zum Innenminister in der Regierung aufzusteigen, die von Imre Nagy als Ministerpräsident geleitet wurde – auch dieser ein – wie sich zehn Jahre später zeigen sollte – Parteigänger Titos. [5]

Kostoff und  Slansky – ebenfalls Agenten des Imperialismus

In der Kommunistischen Partei Bulgariens wurde Traitscho Kostoff im März 1945 1.Sekretär des ZK und damit der Stellvertreter Georgi Dimitroffs in Bulgarien bis zu dessen Rückkehr aus Moskau Ende 1945. Kostoff arbeitete mit dem englischen und dem jugoslawischen Geheimdienst zusammen. [6]
In der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bekleidete den Posten des Generalsekretärs Rudolf Slansky, seit 1921 Mitglied und schon seit den späten zwanziger Jahren leitender Funktionär der Partei. Er benutzte seine Machtvollkommenheit, um Leute in Schlüsselpositionen im Staats- und Wirtschaftsapparat einzubauen, von denen ihm bekannt war, daß sie eine feindliche, antikommunistische und antisowjetische, prowestliche und pro-titoistische Einstellung hegten, und auch solche, deren Verbindung zu imperialistischen Geheimdiensten und feindlichen, darunter auch zionistischen Organisationen ihm bekannt waren. Auf diese Weise wurde er, wie es die Anklage formulierte, zum Leiter eines staatsfeindlichen Verschwörerzentrums. [7]
An dieser Stelle sei an den Bericht Leo Bauers über sein Begegnung mit Slansky, Clementis und André Simone im Sommer 1948 erinnert, in dem er deren große Unzufriedenheit über „den Druck aus Moskau“ zur Zurückziehung der Zustimmung zum Marshall-Plan und über „den Bruch des Kominform mit Tito“ beschrieb. (S.42)

Fields Komplizen in der DDR

In der Deutschen Demokratischen Republik hatten viele von Fields Freunden und der von ihm in der Emigration Betreuten wichtige Funktionen in der Partei, im Staatsapparat, in den Massenorganisationen und im Kultur- und Medien-Bereich inne. Der, mit dem Field die engsten Beziehungen unterhalten hatte, Paul Merker, war erwartungsgemäß Mitglied im Politbüro der SED geworden, ebenfalls Franz Dahlem, den Field auch aus dessen Internierung in Frankreich kannte. Field selbst kehrte nach dem Ende des Krieges nur für kurze Zeit in die Staaten zurück, suchte jedoch, wie wir schon gesehen haben, in der DDR oder in der Tschechoslowakei eine Anstellung zu finden.

in Netzwerk der Konterrevolution

Wie schon aus dem Matern-Bericht zitiert, wurde Field, „um ihn in die Deutsche Demokratische Republik einzubauen,…wegen Unterstützung der Kommunisten von seiner amerikanischen Dienststelle entlassen. Um ihm eine Grundlage in der CSR zu schaffen, wird er vom unamerikanischen Komitee öffentlich als kommunistischer Agent angeklagt.“ Der wirkliche Grund für sein Bleiben in Europa war, daß die eigentliche Arbeit für ihn ja jetzt erst begann: nun, da seine „Schützlinge“ hohe und höchste Funktionen in den kommunistisch regierten Ländern innehatten, wurde die Verbindung zu ihnen erst richtig wertvoll und von größter Wichtigkeit. Das Netz in der Emigration zu knüpfen – das war nur Vorbereitungsarbeit gewesen.

Die Untergrundarbeit des Noel Field in der DDR

Jetzt stand der wichtigere Teil bevor: dieses Netz zum Einsatz zu bringen, mit ihm zu arbeiten und es nach Möglichkeit durch Gewinnung neuer Adressen noch dichter zu machen! Diese Arbeit konnte keinem anderen übertragen werden – ihr Erfolg beruhte ganz auf dem Vertrauensverhältnis, das Field zu seinen „Schützlingen“ aufgebaut hatte. Von Fields Bemühungen, neue zusätzliche Adressen zu gewinnen, hatten wir schon im Matern-Bericht Kenntnis erlangt. Diese Bemühungen hat auch Kießling erwähnt. Field hatte durch Vermittlung von Walter Bartel Franz Dahlem in Bartels Wohnung getroffen.
„Ein Ergebnis der Begegnung Dahlems mit Field war zweifellos, daß zwischen Field und der VVN, (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, K.G.) vertreten durch Helmut Bock, Spenden des USC vereinbart wurden.“ (Kießling, S.132).
Kießling ist zu dieser Auffassung offenbar durch die Darstellung im Beschluß des ZK der SED vom 20.Dezember 1952 gekommen, in dem ausgeführt wurde:
„Er (Field) versuchte mehrmals Listen von Opfern des Faschismus zu erhalten und wandte sich deshalb an das Zentralsekretariat der SED. Da er hier jedoch abgewiesen wurde, knüpfte er durch fingierte Telefonanrufe eine Verbindung zum Berliner Hauptausschuss der Opfer des Faschismus an, wo es ihm tatsächlich gelang, nach mehreren Besprechungen eine Liste mit 25 Namen zu erhalten.“

Was geschah wirklich im Jauar 1948?

Beide Darstellungen stimmen so nicht. Als mir Helmut Bock, mit dem ich befreundet war, einmal von dieser Begegnung mit Field erzählte, bat ich ihn, das doch aufzuschreiben. Das tat er. Hier sein Bericht vom 17.7.1992:
„Nach meiner nicht mehr genauen Erinnerung, es kann in der wärmeren Jahreszeit im Jahr 1948 gewesen sein, auf jeden Fall war es noch vor der Spaltung, da erhielt ich in meiner Dienststelle (ich war damals Leiter des Hauptamtes Opfer des Faschismus im Berliner Magistrat) einen Anruf von der Amerikanischen Militärregierung. Der Mann am Apparat stellte sich als Noel Field vor, und er bestellte mich zu einer Unterredung in die Wohnung von Walter Bartel, der damals in Schöneberg wohnte, Straße weiß ich nicht mehr. Als ich zum verabredeten Zeitpunkt im Treppenhaus emporstieg, kam mir von oben ein großer, sehr schlanker Mann entgegen, der zu mir sagte, er wäre Field, bei Bartels wäre niemand zu Hause, er bat mich, in seinem Straßenkreuzer Platz zu nehmen, und auf der Fahrt fand dann ein Gespräch statt: Er sei Mitarbeiter einer Hilfsorganisation der amerikanischen Militärregierung, und sie wollen Opfer des Faschismus materiell unter stützen. Es wurde ein Termin vereinbart, an dem ich mich, wenn ich wollte, mit einem meiner Mitarbeiter, in einem Büro der amerikanischen Besatzungsmacht einfinden sollte. Das geschah dann auch, mit meiner Kameradin Ilse Haak (lebt nicht mehr) ging ich dorthin ( an den Ort des Büros kann ich mich nicht mehr erinnern). Field empfing uns und verwies uns an eine Frau in mittleren Jahren, und kümmerte sich dann nicht mehr um uns, saß irgendwo hinten im Raum an einem Schreibtisch. Die Frau sagte uns, daß sie die Opfer des Faschismus mit wertvollen Lebensmitteln unterstützen möchten (Care-Pakete), nicht nur die Berliner, sondern auch die OdF im Bereich der sowjetischen Besatzungszone. Wenn es uns möglich wäre, sollten wir ihr doch eine entsprechende Adressenliste zur Verfügung stellen. Zunächst waren wir angenehm berührt von dieser, wie wir meinten, humanen Geste. Im Gespräch mit Genossen des ZK wurden wir aber gewarnt, die Amerikaner könnten hinterhältige Zwecke damit verbinden, und der Bitte der amerikanischen Frau wurde nicht stattgegeben. Adressenlisten sind nicht übergeben worden.“
Jedenfalls nicht von Helmut Bock. Field hat offenbar nach dem Fehlschlag bei Helmut Bock mit Hilfe seiner einflußreichen Freunde andere Wege gefunden, an neue Adressen heranzukommen. Es verdient übrigens Beachtung, daß der angeblich in den USA als Kommunistenfreund angeklagte Field in Berlin als Angehöriger der USA-Militärregierung mit der Sammlung von Adressen von Opfern des Faschismus, die ja größtenteils Kommunisten waren, beauftragt war!
Kurt Gossweiler, Berlin

Anmerkungen und Quellen:
[1] Aus: „offen-siv“ 10-2003; Sonderheft: „Die Ursprünge des modernen Revisionismus“, S. 75-80
[2] Belege dazu in den bereits zitierten Bänden zu den Prozessen in Budapest und Prag und in dem Band: Traitscho Kostoff und seine Gruppe, Berlin 1951, über den Kostoff-Prozess in Sofia. Siehe auch meinen Vortrag: Die Entfaltung des Revisionismus in der kommunistischen Weltbewegung; in: Auferstanden aus Ruinen, Hannover 2000, S. 164 und 176-178
[3] Auferstanden aus Ruinen, a.a.O., S. 159-161
[4] Laszlo Rajk und Komplicen, Berlin 1949, S. 41-67
[5] Auferstanden aus Ruinen, a.a.O., S. 167-174
[6] ebenda, S. 174-178, sowie Traitscho Kostoff und seine Gruppe, a.a.O., S. 82-141
[7] Prozeß gegen die Leitung…, (Slansky-Prozeß), S.7-109, auch: Auferstanden aus Ruinen, a.a.O., S.161-163

Nachtrag: Eine weitere Überspitzung und Fortsetzung des modernen Revisionismus besteht z.B. auch darin, das Politbüro des ZK der SED unter Leitung des Genossen Erich Honecker als eine „revisionistische Clique“ zu bezichtigen, die nur „Lippenbekenntnisse“ zum Sozialismus abgegeben habe und deren Absicht es gewesen sei, die Marktwirtschaft in der DDR einzuführen. Das ist nichts anderes als die bekannte Delegitimierung der DDR, wie sie 1990 von dem damaligen Justizminister der BRD, Kinkel, angewiesen worden war.

pdfimage Kurt Gossweiler: Alter und neuer Revisionismus

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3 Antworten zu Kurt Gossweiler: Gemeinsamkeiten und Unterschiede von „altem“ und „modernem“ Revisionismus

  1. Weber Johann schreibt:

    Und wieder waren die Menschen in der DDR schon im Jahre 1954 über das „Treiben“ dieses Browders informiert. Im „Neuen Deutschland“ erschien am 20.8.1954 folgender Artikel. Unter der Überschrift „Hakenkreuz über dem Kapitol – Zum Verbot der Kommunistischen Partei der USA“, hier ein kurzer Auszug:

    „[…] Trotz der Verfolgungen seitens der herrschenden Kreise gewinnt die Kommunistische Partei der USA an Autorität bei den amerikanischen Werktätigen. Die geschlossene Einheit in den Reihen der Kommunistischen Partei, ihre Konsequenz im Kampf für den Frieden und ihr Einfluß auf die Massen wurden nur dadurch ermöglicht, daß die Partei den Revisionismus eines Browder, den rechten Opportunismus und das linke Sektierertum in ihren Reihen überwand.

    Während einer langen Zeitspanne war Browder als Geheimagent des amerikanischen Imperialismus und Feind der Arbeiterklasse bestrebt, die Reihen der Kommunistischen Partei zu zersetzen und die Partei zu liquidieren. Damit fügte der Provokateur Browder der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten großen Schaden zu. Auf diese Weise versuchten die imperialistischen Kreise der USA mit Hilfe ihrer Lakaien und Provokateure die unabhängige politische Partei der Arbeiterklasse zu beseitigen und somit die kommunistische Bewegung zu ersticken.

    Die treuen und ergebenen Parteimitglieder und unerschütterlichen Marxisten mit William Foster und Eugene Dennis an der Spitze erhoben sich entschlossen zum Kampf gegen die Agenten des Monopolkapitals und deren feindliche Tätigkeit. Dieser Kampf endete mit der vollständigen Zerschlagung der Anhängerschaft Browders. Auf dem Außerordentlichen Parteitag der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten von Amerika, der vom 26. bis 29. Juli 1945 stattfand, wurden Beschlüsse gefaßt, die dazu beitrugen, die Kommunistische Partei als politische Organisation der Arbeiterklasse zu erhalten. Jetzt haben Browder und seine Handlanger die Maske fallengelassen. Gemeinsam mit den amerikanischen Imperialisten verleumden sie offen die Sowjetunion und die Länder der Volksdemokratie und tragen so dazu bei, einen neuen, dritten Weltkrieg vorzubereiten. „

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