Anna Seghers: Erkennen, was die Menschen bewegt…

Anna Seghers

Anna Seghers (1900-1983)

Von 1866 bis 1869 schrieb Tolstoj seinen Roman: «Война и мир» („Krieg und Frieden“), wohl eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur. In einem Brief an den Schriftsteller Jorge Amado äußert sich die große deutsche Schriftstellerin Anna Seghers über ihre Gedanken nach einem Besuch des Tolstoj-Archivs in Moskau. Es sei, so schreibt sie, sowohl Intuition als auch (selbst erteilter) Auftrag, sich mit einem Thema zu befassen, das die Menschen derart berührt und aufrüttelt, daß es sie auch zu eignem Handeln motiviert. Und es gibt wohl kaum einen gebildeten Menschen, der sich nicht schon einmal in ähnlicher Weise mit dem Thema „Krieg und Frieden“ befaßt hat. Erst recht dann, wo gerade heute von der herrschenden Klasse der Monopolbourgeoisie und deren Lakaien im Bundestag wieder einmal von einer – und nun sogar zwölfprozentigen – Erhöhung der Rüstungsausgaben gesprochen wird. Welche Kaltschnäuzigkeit und Menschenverachtung im Umgang mit dem Schicksal einer Nation – und hier des eigenen Volkes – steckt doch in solchen Überlegungen…


Lieber Jorge,

ich führe nie ein Tagebuch. Indem ich Euch schreibe, wie ich meine Zeit in Moskau verbrachte, gebe ich mir selbst noch einmal bis zu einem gewissen Grad Rechenschaft.

Was war mein Wunsch, als ich in das Tolstoi-Archiv ging, und dort darum bat – trotz der beschränkten Zeit und meiner mangelnden Kenntnisse –, mir die wichtigsten Vorarbeiten zu „Krieg und Frieden“ zu zeigen?

Herauszufinden, wie Tolstoi zu der Wahl seines Themas gekommen ist, zu seinen Helden und Handlungen. Da sah ich, wie Tolstoi, aus dem Bedürfnis, so tief wie möglich in seinen Stoff und die damit verbundenen Charaktere einzudringen, immer tiefer in das Jahrhundert eindrang, bis ihn schließlich, endgültig und unentrinnbar, die Zeit der Napoleonischen Kriege festhielt. Verwickelt in ihre Konflikte, konnten seine Helden – historische, halb erfundene, frei erfundene – ihre sämtlichen Eigenschaften an diesem Thema in jeder Richtung entfalten. Und das Thema entsprach seinen eigenen Fähigkeiten.

Insofern war es „Intuition“ – was an Forschen und Grübeln, an Suchen und Ändern voranging, stellen wir erst nachträglich fest –, als er von dem Stoff überwältigt wurde, der seinem Genie die gebührende Nahrung darbot. Insofern war es ein Auftrag, als er nach langem unruhigem Suchen die früheren Pläne fallen ließ und diese Arbeit auf sich nahm wie einen Auftrag des russischen Volkes, seinen Befreiungskampf zu gestalten, nacherlebbar für alle Menschen und Zeiten. Es war also weder Nur-Intuition, noch war es Nur-Auftrag. Und es war beides zusammen.

Du hast uns einmal erzählt, daß Du Dir erst im Laufe einer Arbeit über das Schicksal der dargestellten Personen klar wirst. Ehrenburg bemerkt etwas Ähnliches über Alexej Tolstoi. Für andere Schriftsteller – zum Beispiel mich selbst – steht ein wichtiger Teil der Handlung von vornherein fest. Manchmal, wahrscheinlich auch bei Dir und bei mir, sind beide Arbeitsweisen gemischt.

Liest man die Aufzeichnungen von Tolstoi, dann scheint er bald diesem, bald jenem recht zu geben, je nachdem in welchem Stadium der Arbeit er sich gerade befindet. Was in der Arbeitsweise des einzelnen Künstlers nur von seinem Leben und seinen Erfahrungen und Fähigkeiten abhängt, kann nicht im voraus festgelegt werden. Wir haben bisher alle nur wenig über wichtige Frage der künstlerischen Gestaltung diskutiert. Dazu gehört, was an der Arbeit des Schriftstellers gesetzmäßig ist in seinem Verhältnis zum Thema sowohl wie zur Umwelt und was von seinem Charakter, von seinen Fähigkeiten usw. abhängt.

Es ist gut, bei solchen Diskussionen von Werken auszugehen, über deren Wert und Bedeutung die Menschen sich einig sind – sie mögen noch so verschieden sein, was ihre Weltanschauung, ihre Nation, ihre Sprache betrifft –, von Werken, die sie als einen Teil unserer aller Kultur ansehen. Dann kann man die Frage stellen, wie solche Werke entstanden sind, worauf ihre Wirkung beruht und wodurch diese erreicht worden ist.

Ich weiß nicht, Jorge, ob solche Notizen, überdies nur ein Teil der Notizen, die ich mir im Tolstoi-Archiv gemacht habe, Dir einen Brief ersetzen. Aber ich bitte Dich, mir zu antworten, was Du selbst über die Fragen denkst, die mir dabei durch den Kopf gingen.

Es umarmt Dich und Celia
Anna


Quelle:
Anna Seghers: Glauben an Irdisches. Essays aus vier Jahrzehnten. Reclam Verlag Berlin, 1974, S.109-111.

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4 Antworten zu Anna Seghers: Erkennen, was die Menschen bewegt…

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    …“im Bundestag wieder einmal von einer – und nun sogar zwölf prozentigen – Erhöhung der Rüstungsausgaben gesprochen wird.“

    Die beschlossene Erhöhung beläuft sich auf 100%. Das Gerede von 12% dient nur der Ablenkung.

  2. Atomino schreibt:

    Anna Seghers war eine Gute ! aber die Abenteuer von Harry Potter lassen sich anno 2018 unsinnigerweise tausendmal besser verkaufen.

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