Stalingrad 1942

StalingradStalingrad 1942. Die Schlacht war in vollem Gange. Jeden Tag gab es Tote und Verwundete. Doch die Wehrmacht erhielt den Befehl, trotz aller Unsinnigkeit des Vorhabens und trotz des nahen Wintereinbruchs die Industriestadt an der Wolga zu erobern und zu halten. Und dabei hatten die Soldaten der Wehrmacht noch nicht einmal richtige Winterbekleidung. Die Blutspur der Nazis zog sich schon weit über zweitausend Kilometer über sowjetischen Boden hin. Und überall hatten sie Hunderttausende toter Sowjetbürger, Leichenberge, zerstörte Schulen, Dörfer und Fabriken hinterlassen. Hier beschreibt der 41jährige Major der Wehrmacht und Ritterkreuzträger Rudolf Petershagen eine Begebenheit aus dem inzwischen eingekesselten Stalingrad…

Er war im Gefangenenwesen tätig und berichtete mir, daß zu jeder Armee sogenannte Einsatzgruppen des SD* gehörten, die aus Angehörigen der SS bestanden. Sie erhielten ihre Befehle direkt vom RSHA (Reichssicherheitshauptamt) und unterstan­den dem jeweiligen Armeebefehlshaber nur taktisch, aber nicht disziplinarisch. In Krieg und Frieden war ihre Aufgabe die „Unschädlichmachung oppositioneller und die Wehrkraft zer­setzender Elemente“ im Hinterland.

*Anm.: Sicherheitsdienst (SD) – eine dem „Reichsführer SS“
unterstehende nazistische Mörderbande

Wir müssen im Durchgangslager aus den Gefangenen alle Kom­missare, Juden und sonstigen verdächtigen Elemente aussondern und dem SD, der das streng überwacht, zur Unschädlichma­chung, d.h. zur Ermordung, ausliefern. Auch unsere Schwester verfällt wegen ,Zersetzung der Wehrkraft‘ dieser .Sonderbe­handlung‘, Vielleicht behalten sie sie vorher noch eine Zeitlang für ihre schmutzigen Zwecke. Wir im Durchgangslager werden immer wieder angehalten, möglichst viele Gefangene dem SD zu übergeben oder vorher schon sterben zu lassen.

Kürzlich er­hielten wir den Befehl, ein Fleckfiebertyphus-Lazarett anzulegen für etwa 2.000 russische und jüdische Patienten. Dieses ,Lazarett‘ sollte sich außerhalb der Stadt in freiem, abgelegenem Gelände befinden und nur aus einer Grube bestehen, die mit Stachel­draht umzäunt werden sollte. Der Abstand des Zaunes von der Grube mußte weit genug sein, damit für die Posten keine In­fektionsgefahr bestand, aber nahe genug, damit sie jeden der Unglücklichen, der es versuchen sollte, aus der Grube heraus­zuklettern, mit tödlicher Sicherheit abknallen konnten. Weitere genaue Einzelheiten für diese Todesgrube waren angegeben. Ich sollte Bau und Organisation leiten.

Ich sah keinen anderen Aus­weg, als mich krank und jetzt zur Front zu melden. Den Chef­arzt habe ich ins Vertrauen gezogen. Die Sache geht in Ord­nung. Kommandeure, die sich solchen Anordnungen zu wider­setzen versuchten, verschwanden; sie haben auch beim Chef des Kriegsgefangenenwesens im OKW, General Reinecke, nie Un­terstützung gefunden. Reinecke hat schon vor dem Ostfeldzug Befehle über das ,Verhalten der Truppe im Osten‘ herausge­geben und darin angeordnet, russische Gefangene unter freiem Himmel hinter Stacheldraht unterzubringen; ihre ordnungsge­mäße Versorgung hat er als ,mißverstandene Menschlichkeit‘ bezeichnet. Keitel hat diesem Befehl noch hinzugefügt, daß es sich bei dem Ostfeldzug nicht um einen ritterlichen Krieg han­dele, sondern um Vernichtung.“

Der Hauptmann der Reserve hatte sich mit der Sache ernsthaft auseinandergesetzt. Von den genannten Befehlen konnte er mir Datum und Unterschrift nennen. Sie stünden, so sagte er, im Widerspruch zur Genfer Kriegsgefangenenkonvention vom 27. Juli 1929, die die Behandlung von Kriegsgefangenen völker­rechtlich regelt. Aber das störe Keitel und Reinecke nicht. Sie spornten vielmehr die SS und den SD zu ihren blutigen und grausamen Maßnahmen gegen wehrlose Gefangene und fried­liche Zivilisten im besetzten Hinterland an.

Der Hauptmann wußte dafür genügend Beispiele aus seinem Erleben anzuführen. Es war erschütternd, zu erleben, wie ein alter kränklicher Mann ohne irgendeinen soldatischen Ehr­geiz, aus Gewissensqualen die verhältnismäßig ruhige Etappe mit den Gefahren und Anstrengungen der Front vertauschen wollte. Er floh vor den Verbrechern staatlicher Organe seines Vaterlandes nach vorn, um nicht länger ihr Mitwisser und Handlanger sein zu müssen. Einen anderen Ausweg sah er nicht. Seine Schilderung brachte bei mir schwere Gewissenskonflikte hervor.

Quelle: Rudolf Petershagen „Gewissen in Aufruhr“, Verlag der Nation, Berlin, 1961, S.25-27.

Nachtrag: Während faschistische Offiziere und SS-Einheiten noch kurz vor Ende des 2.Weltkriegs 1945 fanatisch den Befehl ausführten, jedes Dorf und jede Stadt „bis zum letzten Mann“ zu verteidigen, gingen Antifaschisten und mutige Patrioten in einer Reihe von Orten daran, die Heimat zu retten und die kampflose Übergabe an die alliierten Truppen vorzubereiten. Die Widerstandsorganisation „Freies Deutschland“  in Greifswald, die auf Initiative Saefkows entstanden war, schuf die Voraussetzungen für die mutige Tat des Stadtkommandanten von Greifswald, Rudolf Petershagen, der die Stadt kampflos an die sowjetischen Truppen übergab.


Siehe auch:
Die „netten“ Amerikaner…
Die Stalingrader Schlacht
Der lange Weg der Erkenntnis
Stalingrad …ach – diese verfluchten deutschen Faschisten!

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7 Antworten zu Stalingrad 1942

  1. gunst01 schreibt:

    Die Schilderungen entsprechen den üblichen Methoden zur geplanten Bevolkerungsdezimierung während einer Landnahme. Cäsar lieferte das erste Musterbeispiel dafür. Nach seinem Eroberungsfeldzug in Gallien fehlte hier über ein Drittel der Bevölkerung.

  2. wahrheitssucher777 schreibt:

    Nasos sind keine Nazis, muss man wissen, aber heute sind bestimmt wieder 95 % Nazis, die dem Tiefenstaat dienen, in diesem Land, muss man wissen, aber linke Nazis sind a nicht die klügsten, muss man wissen, warum soll ein Naso den Nazis dienen, muss man wissen.

    • sascha313 schreibt:

      Sie müssen es ja wissen…

      • wahrheitssucher777 schreibt:

        Ich bin ja auch kein NaZionist, denn ich möchte D frei erleben.

      • sascha313 schreibt:

        …frei wovon? – „judenfrei“ – meinen Sie das? Das haben die Nazis auch gesagt. Und was Nazis sind (oder: National-sozialisten, auch NS, wie sie sich zu nennen belieben), wissen wir zur Genüge: Es sind Faschisten! Was Faschismus ist, lesen Sie hier. Und „Tiefenstaat“ ist genauso eine Erfindung.
        Es gibt ihn nicht. Der Staat ist das Machtinstrument der herrschenden Klasse. Und das ist in der BRD die Monopol-bourgeoisie. Niemand anderes. Wozu gehören Sie?

        Aber ich sage Ihnen was: Der schlimmste Feind der Arbeiterklasse sind die Demagogen!
        „Und ich werde nie müde werden zu wiederholen, daß die Demagogen die ärgsten Feinde der Arbeiterklasse sind. Eben darum die ärgsten, weil sie die schlechten Instinkte der Menge schüren, weil die unentwickelten Arbeiter nicht die Möglichkeit haben, diese Feinde richtig zu erkennen, die – manchmal aufrichtig – als ihre Freunde auftreten. Die ärgsten, weil in einer Zeit der Zerfahrenheit und Schwankungen, in einer Zeit, wo sich die Physiognomie unserer Bewegung erst herausbildet, nichts leichter ist, als demagogisch die Menge mitzureißen, die später nur durch die bittersten Erfahrungen über ihren Irrtum belehrt werden kann. “
        (Lenin: „Was tun?“, Bd.5, S.479)

        (Mit „Bewegung“ meint Lenin übrigens die Kommunisten, die Bolschewiki.)

  3. Pingback: K.Simonow: „…auf, daß auch wir bald Feste feiern.“ | Sascha's Welt

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