… gefallen im November 1916

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Kriegerdenkmal in Murg (Foto: W.Pomorzew)

Immer noch stehen im Westen der BRD zahlreiche martialische Krieger-denkmäler aus dem ersten Weltkrieg, die von einer „Heldenverehrung“ zeugen, die völlig an der Tatsache vorbeigeht, daß Deutschland schon den zweiten Weltkrieg begonnen (und verloren hat!) und nun erneut zum Kriege rüstet. Auch in Ostdeutschland wurden nach 1990 zahlreiche verfallene Kriegerdenkmäler aufwendig wieder restauriert. Ein heuchlerisches, gleichmacherisches „Gedenken“ findet hier statt, um zu vertuschen, daß in beiden Fällen der Krieg von deutschem Boden ausging und fremde Völker mit einer mörderischen Verwüstung und Vernichtung überzog. Und zwar stets im Auftrag der herrschenden Monopolbourgeoisie. Um es hier ganz deutlich zu sagen: Es gibt keinerlei Analogie zwischen den Denkmälern zu Ehren der gefallenen Helden der Sowjetunion, die ihre sozialistische Heimat verteidigten bzw. den Denkmälern des antifaschistischen Widerstandkampfes (z.B. in Buchenwald) und den Denkmälern, die für die deutschen Okkupanten, die „Krieger“ von Reichswehr und Wehrmacht errichtet wurden.

Günter Kunert schreibt über sein Gedicht: „Der Zweck des Gedichts, glaube ich, ist sein Leser, der, indem er sich mit dem Gedicht befaßt, sich mit sich selber zu befassen genötigt wird:  in einem dialektischen Prozeß – im gleichen, den ihm das Gedicht vorschreibt …“

Günter Kunert

Unter einer Decke von Beton

Hier liege ich
Ich, der unbekannte Soldat,
Heldentödlich getroffen im 29.Monat
des großen Schlachtens.
Hier liege ich unter Dreck und Schlamm
Umgepflügt oder zerwalzt.
Doch die Geschichte, Zeit, Entwicklung eilt weiter.
So werde ich bald woanders liegen.
Man wird mich finden und zur Stadt bringen.
Da komme ich unter eine Decke von Beton.
Auf mir steht ein Grabmal.
Unverkennbare völkische Architektur.
Um mich herum haschen sich Kinder.
Kleine pazifistische Hunde heben ihr Bein an den Säulen.
Leute hasten und die Autos rattern über Asphalt.
Sonntäglich Spaziergänger, Polizisten.
Mal Sonnenschein, nmal Regen.
Öde.
Nur selten zieht ein Regiment auf,
Musizierend und fahnenflatternd.
Dann kommen die Zylinder und die golbetreßten Mützen
mich besuchen.
Sie bringen mir Blumen
Als Geschenk.
Aber diese Blumen sind kein Geschenk.
Ich habe sie schon bezahlt.
Und nicht nur die Blumen.
Ich habe auich das Monument über mir bezahlt.
Ich bezahlte die Zylinderhüte, die golbetreßten Mützen und die
Köpfe darunter…
Ich bezahlte die Wagen, die Musikabende und die Weiber.
Ich gab ihnen Gesundheit, volle Mägen und dicke Dividente.
Gab ihnen die Möglichkeit für ihr Handeln und Denken.
Ich machte sie zu
Größenwahnsinnigen,
Pensionsberechtigten,
Mördern.
Ich schuf sie.
Und hauchte ihnen ewiges Leben ein.
Als ich krepierte.
Da liegen die Blumen.
Wührend ihre Blättchen abfallen,
Dekorieren die Herren einander.
Während die zarten Stengel austrocknen,
drücken Zylinder und Mützen
Sich gegenseitig die Hände
Lächeln und sagen:
„Nie wieder Krieg!“
Das Regiment schießt Salut, die Menge jubelt
– und irgendwo weitab steigen Stahlaktien
Und werden Fememörder gefeiert.
Nun ist es zu Ende.
Trommelrührend marschieren sie wieder davon.
Das Regiment verhallt in der Ferne.
Sie trommeln schon wieder –
Laut und deutlich –
Hört ihr sie?

Quelle:
Günter Kunert „Notizen in Kreide“, Reclam Verlag, Leipzig, 1975, S.45-47.


P.S. Auch der von seiner Kirche wegen seiner fortschrittlichen Haltung, seiner Ablehnung des Krieges und der bewußten Unterstützung des sozialistischen Staates DDR mit einem „Amtszuchtverfahren“ bestrafte evangelische Pfarrer Peter Franz hat sich in seinem Buch „Martialische Idole“ kritisch mit der Sprache der Kriegerdenkmäler in Thüringen auseinandergesetzt. (Erschienen in Jena 2001, ISBN 3-935850-04-2)

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9 Antworten zu … gefallen im November 1916

  1. tommmm schreibt:

    Otto Dix hat das Grauen des 1. Weltkrieges in seinen Bildern dargestellt.
    Ich war im vorigen Jahr im Otto Dix Museum in Gera. Leider ist aus dieser Schaffensperiode in diesem Museum kein einziges Bild.
    Arbeiter schießen auf Arbeiter, Krupp und Konsorten machen Kasse.

    https://www.hamburger-kunsthalle.de/sites/default/files/styles/hkh_poster_wide/public/2014_2_dix.jpg?itok=eXpAP480

    • sascha313 schreibt:

      Das Otto-Dix-Museum in Gera ist eine „Disney-Schau“, eine Ablenkung von der Wirklichkeit, ein Unterhaltungsprogramm! Interessant und bunt gestaltet, vermeidet es jede politische Aussage!, denn die heutigen Machthaber wünschen das nicht! (vgl. hier)

      Es gibt Hunderte Postkarten, mit denen Otto Dix den Krieg aufs Schärfste verurteilt. Davon ist nichts zu sehen, Stattdessen werden irgendwelche belanglosen Porträts gezeigt, von irgendwelchen bedeutungslosen Leuten, die heute kein Mensch mehr kennt und die für solch ein Bild sicherlich ein nettes Honorar gezahlt haben…

      • tommmm schreibt:

        Sascha,
        du bringst es auf den Punkt. Ich habe dort eine ca. 50-55 jährige Mitarbeiterin des Museums angesprochen und gefragt, wie der Rundgang aufgebaut ist, wo die Bilder aus welcher Schaffensperiode hängen usw. Antwort: “ Ich arbeite erst 10 Wochen hier und konnte mich damit noch nicht beschäftigen. Ich frage mal den Kollegen an der Kasse“
        Die Gehirnwäsche wirkt. Ich meine das nicht persönlich, sondern ich vermute, das dort regelmäßig 1€ Jobber verheizt werden. So etwas habe ich in der DDR nie erlebt. Da hatte jeder Mitarbeiter, egal in welchem Museum fundierte Kenntnisse.

        Was mir sehr unangenehm in Erinnerung geblieben ist: 30 % des Museums beschäftigen sich mit dem Streit ob Otto Dix nun ein Sohn der Stadt Gera ist oder der Stadt Singen. Du kannst dir ja die Tendenz vorstellen. Ein schöner Nebenkriegsschauplatz.

        Den Künstler erkennt man an seinen Werken und nicht daran, was irgendwelche „Kritiker“ ihm in den Mund legen.

      • sascha313 schreibt:

        Ich weiß. Und die Museumsleitung besteht – wie stets in solchen Einrichtungen! – aus Opportunisten!

  2. greg tejero schreibt:

    Hallo Ihr Lieben!
    Bei uns hier im nordbadischen Kaff gleich bei der evangelischen Kirche (sic!) steht eines für die „Gefallenen“ (für die Opfer der teutsch-preußischen Monarchien) von 1914-18 u. eines für die von 1870-71 (als Frankreich in die Grundfesten hinein so gedemütigt wurde, daß es den WK I führen mußte. Das geraubte Elsaß-Lothringen wurde damals von über zwei Mio. Menschen verlassen. Daher auch der in Ostfrankreich bei den Alten noch bekannte Trinkspruch beim Leeren einer Flasche Wein: „encore une bouteille que les Prussiens n´auront pas!“. (zu deutsch etwa: wenigstens saufen die Preußen die Flasche nicht). Bitte mir nicht anti-sowjetisch auslegen: meine ganze Erziehung, mein Ausbildungsweg u. meine Berufserfahrung ist durch u. durch französisch beeinflußt. Mental gesehen bin ich bestenfalls ein halber Deutscher, u. ein halber Franzose. Es ist ja auch alles etwas graziler, u. einen Tick liebevoller d´outre-Rhin. Hat unser genialer Gründervater (Gott selbst hab ihn selig im Paradies der weisen Heiden!) Karl Marx ja auch schon so zu schätzen gewußt. Was für ein unglaubliches Leben hat der Mann auch hinter sich gebracht. Er hat ebenso gelitten wie ein Franz von Assisi: er sollte auch heiliggesprochen werden von allen echten katholischen Befreiungstheologen. Ja Freunde: das wahre Christentum ist sowjetisch, oder es ist nicht. Dann ist es eben nur Beruhigungspille für Biedermeyerbürger.

  3. Atomino schreibt:

    bin ich eigentlich der einzigste, dem Greg etwas seltsam vorkommt ? Bitte verbrennen sie diese Nachricht nach dem Empfang, sammeln sie alle Bits & Bytes ein (soweit möglich) und antworten Sie nur über diese komischen Simmen in meinem Kopf ! 🙂

  4. greg tejero schreibt:

    @ Atomino: ich verstehe jetzt nicht, worauf Du hinaus willst. Ist Dir der Kommentar zu eklektisch, oder zu metaphysisch, oder einfach nur zu provinziell, oder fehlt Dir hier einfach die marxistisch-leninistische Abhandlung? Es gibt eben auch Leute, die im sog. West-Europa lebten u. leben. Sollen die prinzipiell die Klappe halten? Des weiteren gibt es eben auch Leute, die die Religion (vor allem die Befreiungstheologie, nicht den klerikalen Beruhigungspillen-Stuß der staatl. gesponsorten Pfaffen hier im Lande) NICHT ausdrücklich verdammen. Bevor die Schnappatmung einsetzt: ich nicht provozierend gemeint von mir hier. Ich möchte mal einen Satz von der zurecht nicht unumstrittenen Jutta Ditfurth hier zitieren: „in einer revolutionären Bewegung müssen sehr unterschiedliche Leute lernen, miteinander auszukommen“. DU mußt natürlich gar nichts: ich kann´s auch lassen hier. Muß mich eh um genug eigene Baustellen meines Lebens kümmern, was auch nicht besonders lustig ist derzeit. Ist aber auch so ein Phänomen, das ich schon länger beobachte auf so ziemlich vielen Blogs: entweder, du bist 110% auf Linie, oder aber „seltsam“. Aber gut: die eigentliche menschliche Kommunikation läuft von Angesicht zu Angesicht über Worte, Mimik u. Gestik, u. nicht über eingetippte Textzeilen aus dem Off. Das sich da dann spontan was reibt, will ich Dir nicht übelnehmen. Der Sache ist es dann auch nicht dienlich u. der Feind (Obrigkeit, Kapital, Besitzbürgertum, Besitzklerus) reibt sich die Hände obendrein. Aber nichtsdestotrotz liefere ich Dir noch gerne argumentative Munition, falls Du noch mal nachlegen möchest. „Seltsamer Zentrismus“ würde vielleicht passen? 🙂 Ein bißchen Selbstironie schadet bekanntlich nicht.

    • sascha313 schreibt:

      @atomino: ich find das nicht so gut, wie Du reagierst – es ist besser mit anderen Leuten zu reden, als über andere Leute. Und besser Fragen zu stellen, als Erklärungen abzugeben. Du kennst niemanden schon vom Internet her … ich hätte auch manchmal genug Gründe gehabt, jemanden auszuschließen, der Formulierunge oder Denkweisen gebraucht, die mir fremd sind. Das ist heute der Wesenszug der Individualisierung: jeder hat eigene Begriffe, Denkschemata oder Weltanschauungen. Da ein paar prinzipielle Gemeinsamkeiten herzustellen, ist ein langwieriger Prozeß, verstehst Du, wie ich’s meine? Es werden heute in den Schulen und über die Medien so viele wirre Dinge verbreitet, was oft schwer zu sortieren ist – und das ist von der Bourgeoisie ja auch so gewollt… das meine ich 🙂

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