Moskau: „Parade der Besiegten“ (1944)

Moskau 1944_26Der Marsch der kriegsgefangen Deutschen durch Moskau fand an einem Montag, dem 17. Juli 1944, statt. In Kolonnen zogen die schätzungsweise 57.000 deutschen Soldaten und Offiziere, die hauptsächlich in Sowjet-Belorußland von den Truppen der 1., 2. und der 3. Belorussischen Front gefangen genommen worden waren, vom Gartenring aus durch die Straßen der sowjetischen Hauptstadt. Im Verlaufe der Operation „Bagration“ war im Sommer 1944 die deutsche Gruppe der Armeen des „Zentrums“ zerschlagen worden. Dabei gerieten etwa 400.000 Soldaten und Offiziere der faschistischen Wehrmacht in Gefangenschaft. Die Verluste der Wehrmacht waren dabei weitaus größer als die von Stalingrad. Von den 47 Generälen der Wehrmacht, die als Korps- und Divisions-Kommandeure die Kämpfe anführten, waren 21 gefangengenommen worden.

Den alliierten Westmächten, die bis dahin noch an der so grandiosen Niederlage der Wehrmacht in Belorußland gezweifelt hatten, wurde auf diese Weise sichtbar vor Augen geführt, welchen heroischen Erfolg die UdSSR im Krieg gegen die faschistischen-deutschen Okkupanten aufzuweisen hatten. Auch trug diese Demonstration dazu bei, den Kampfgeist der Moskauer und der Bewohner anderer sowjetischer Städte zu heben.

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Es wurde entschieden, die gefangenen Deutschen – angeführt von ihren Generälen – durch die Straßen Moskaus und Kiews zu führen. Diese „Parade der Besiegten“ führte der NKWD durch, und benannte sie nach der musikalischen Komödie «Большой вальс» („Großer Walzer“). Am Morgen des 17. Juli wurde sie im Rundfunk übertragen und erschien gedruckt auf der Titelseite der „Prawda“.

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Die Kriegsgefangenen wurden in der Moskauer Pferderennbahn und im „Dynamo“-Stadion gesammelt. Vor dem Marsch wurde jeder deutsche Gefangene sorgfältig untersucht. Durch Moskau durften nur die Gesunden marschieren, und diejenigen, die  fähig waren, sich selbständig zu bewegen. Durch die Feuerwehr wurde für Kriegsgefangenen  Wasser angefahren. Es war genug, um zum Trinken, reichte aber nicht aus, um sich zu waschen. Durch die Hauptstadt der Sowjetunion mußten sie gehen, wie sie waren — ungewaschen, manchmal in Unterhosen und ohne Schuhe. Doch hatten die Gefangenen zuvor alle eine erhöhte Essensration erhalten — Brei und Fettbrote.

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Um 11 Uhr morgens am 17. Juli wurden die Gefangene in zwei Gruppen aufgeteilt und entsprechend dem Dienstgrad in 600 Mann (davon 20 vorneweg) aufgestellt. Den Ablauf der Parade befehligte Generaloberst P.A.Artemjew.

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Die erste Gruppe (42.000 Mann) marschierte 2 Stunden und 25 Minuten von der Leningrader Autobahn über die Gorki-Straße (heute Twerer Straße) zum Majakowski-Platz, dann über den Gartenring bis zum Kursker Bahnhof. In dieser Gruppe befanden sich auch 1.227 Gefangene mit Offiziers- und Generalstiteln, darunter 19 Generäle in ihren Uniformen mit Orden und Ehrenzeichen, 6 Oberste und Oberstleutnante.

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Die zweite Gruppe (15.000 Mann) marschierte vom Majakowski-Platz aus den Gartenring entlang, 4 Stunden 20 Minuten bis zur Bahnstation Kanattschikowo am Stadtrand Moskaus (heute an der Metrostation „Leninski Prospekt“).

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Die Marschkolonnen wurden begleitet von Reitern und bewaffneten Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. Den Gefangenen folgten Wasserwagen, die symbolisch die Straßen von der „Hitlerteufelei“ säuberten. Die „Parade“ endete gegen sieben Uhr abends, nachdem alle Gefangenen in die bereitgestellten Wagen verladen und in die entsprechenden Kriegsgefangenenlager zurückgebracht worden waren. Vier Gefangenen, die bei dem Marsch zurückgeblieben waren, wurde ärztliche Hilfe geleistet.

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Im seinem Bericht an das Staatliche Verteidigungskomitee der UdSSR erklärte L.P. Berija, daß es während des Marsches seitens der Bevölkerung zahlreiche antifaschistische Rufe gegeben habe: „Tod dem Hitler!“ und „Tod dem Faschismus!“. Insgesamt habe es aber, so berichteten Zeugen, nur sehr wenige aggressive oder antideutsche Ausfälle gegeben.

Quelle: Марш пленных немцев по Москве (Übersetzung: Florian Geißler)


Die „Ewiggestrigen“

Die Wehrmachtsgenerale (sie mußten während ihrer Kriegsgefangenschaft in der UdSSR nicht arbeiten) bekamen entsprechend der Genfer Kriegsgefangenen-Konvention bessere Verpflegung als die Soldaten, sie wurden in Bezug auf die Rationen den sowjetischen Truppen gleichgestellt. Das heißt, sie erhielten die gleiche Verpflegung wie die Moskauer Garnison, einschließlich der Staffelung, die zwischen Mannschaften und Generalen bestand. Und sie durften ihre Kriegsdekorationen behalten.

Wie sich nun die Generale und Admirale der Wehrmacht verhielten, darüber gibt der Bericht des ehemaligen Stadtkommandanten von Greifswald, Rudolf Petershagen, Auskunft. Petershagen war bekannt geworden durch seine mutige, kampflose Übergabe der Stadt Greifswald an die vorrückenden sowjetischen Truppen.

Bei einer Kontrolle war einem dieser Herren, dem Admiral Wuthmann, sein Kartenspiel abgenommen worden.

„Dieses rote Gesindel hat mir meine Patience­karten abgenommen.“
„Was!“
„So eine Gemeinheit, was soll ich denn hier ohne Karten! Da kann man sich ja gleich aufhängen.“
Die Unaufmerksamkeit eines Postens ermöglichte es dem Brat­kartoffel-Admiral, einem bereits kontrollierten Kameraden sein Kartenspiel zuzustecken. Jetzt strahlte auch Wuthmann wieder. Damit war der geistige Lebensinhalt hinter dem „Eisernen Vorhang“ gerettet. Ich war froh, daß ich endlich aus der gehässigen Waggonatmo­sphäre heraus war, wo im engen Raum Wuthmann dominierte. Ein neuer Abschnitt begann. …
Im Lager befanden sich etwa tausend Gefangene. Viele waren schon längere Zeit dort, manche bereits mehrere Jahre. Außer uns Deutschen waren dort Ungarn, Rumänen, Italiener und später sogar Japaner vertreten. Aber auch Belgier, Spanier, Jugoslawen und andere. Ein buntes Völkchen aus aller Herren Länder. Die Deutschen waren bei weitem in der Überzahl. Man sah aber kaum einen Mannschaftsdienstgrad. Die meisten waren Gene­rale oder Stabsoffiziere bzw. Ärzte und Intendanten in entspre­chenden militärischen Rängen.
Eine große Zahl der deutschen Offiziere kannte ich von früher her persönlich oder wenigstens dem Namen nach. Viele Bekannte begrüßten mich, aber nicht alle. Auch erlebte ich, daß einige, die sich anfangs über das Wiedersehen mit mir herzlich und aufrichtig freuten, schon am nächsten Tage wie umgewandelt waren. Sie grüßten kühl und steif, oft gar nicht mehr, es sei denn, sie trafen mich allein und glaubten sich unbeobachtet. Warum? Der untergründige Nachrichtendienst streute bereits sein Gift aus. …
Die Generale trugen tadellose Uniformen mit Orden und Ehren­zeichen. Sie stachen von den arbeitenden Gefangenen auffallend ab. Sie lebten in jeder Beziehung reserviert. …
Auffallend häufig bekam ich an meine Adresse gerichtete Bemerkungen über den „heldenhaften, vorbildlichen Kampf um Breslau“ und seinen tapferen, todesmutigen Kommandanten“, General Niehoff, zu hören. Gleichermaßen hohe Loblieder hatte man für alle anderen Generale in gleicher Lage bereit, die nach Ansicht dieser illustren Gesellschaft das bittere Los einer unlösbaren militärischen Aufgabe in „vorbildlichem, tragischen Heldentum“ bis zum letzten Blutstropfen ihres letzten Soldaten getragen hatten.

Quelle:

Rudolf Petershagen: Gewissen in Aufruhr. Verlag der Nation, Berlin, 1961, S.86/90
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6 Antworten zu Moskau: „Parade der Besiegten“ (1944)

  1. Weber Johann schreibt:

    Lieber Sascha, vielen Dank, dass Du immer wieder aus dem Buch von Rudolf Petershagen zitierst. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und auf das Buch von Angelika Petershagen, „Entscheidung für Greifswald – Eine Frau begreift ihre Zeit“ erschienen 1986 im Verlag der Nation Berlin, hinzuweisen. Ein sehr lesenwertes Buch.

    Hier eine Kostprobe aus diesem Buch:
    „[..] Erst sehr allmählich begriff ich, daß nun ein neuer gesellschaftlicher Prozeß mit all seinen Widersprüchen begonnen hatte, dem wir ebenfalls ausgesetzt waren – Peter in der Fremde in Gefangenschaft, ich in Greifswald. Und es waren viele kleine Schritte notwendig, bis sich die Grundrichtung meines Denkens änderte. Einen Anstoß gab neben anderen jener Tag, an dem Elsbeth die Wohnungstür öffnete und mir entsetzt zuflüsterte: «Ein Offizier und eine Russin in Uniforrn!» Als ob ein Fuchs in den Hühnerstall einbricht, waren die Mädchen verschwunden. Mit Herzklopfen bat ich den sowje­tischen Oberst und seine Dolmetscherin ins Wohnzimmer. Was konnte sie zu mir führen? Ihre Erscheinungen und ihre Höflich­keit wirkten vertrauenerweckend, aber man kann sich da täuschen! Die Dolmetscherin war von einer auffallenden Schönheit. Und doch, ich erwartete nichts Gutes.

    Der Oberst setzte· sich an den Schreibtisch und verlangte einen Bogen Papier. Gespannt verfolgte ich das Entstehen einer rätselhaften Zeile nach der anderen. Was mochten sie bedeu­’ten? Wurde ich aus der Wohnung gewiesen? «Wir werden auf dem Brinkhof wohnen», hatte oft die düstere Prognose von Offizieren und Funktionären der Hitlerpartei in den letzten Wochen gelautet. Der «Brinkhof», das städtische Asyl, beher­bergte die Ärmsten Greifswalds, jeden Komfort entbehrend und den geringsten hygienischen Ansprüchen spottend. Mit schwungvoller Unterschrift beendete der Oberst sein Schreiben. Die Dolmetscherin übersetzte mir den Inhalt. Da­nach wurden alle Angehörigen der Sowjetarmee aufgefordert, stets hilfsbereit zu sein zur Frau des Obersts Petershagen und ihre Wohnung nicht ohne ihre Erlaubnis zu betreten. Dann tröstete mich die Dolmetscherin: «Ihr Mann ist ein guter Mensch, er wird sicher nicht lange fortbleiben.»

    Sie übersetzte mir die freundlichen Wünsche des Obersts, beide verabschiedeten sich. Mein Dank fiel dürftig aus. Die Überraschung war zu groß und zu beschämend für mich. Wie sich nach Jahren heraus­stellte, waren meine damaligen Gäste der inzwischen leider verstorbene Oberst P. M. Sineoki und seine spätere Frau Ma­rina. Sie blieben unserer Stadt stets eng verbunden. Nach diesem Besuch hatte ich das Gefühl, mich ziemlich dumm und hilflos benommen zu haben. Immer wieder prallte die anerzogene Antipathie gegen «die Russen» mit der Wirklichkeit zusammen. Zu kurze Zeit lag mein altes Leben in der gewohnten Atmosphäre zurück, so unheildrohend sie auch in den letzten Wochen gewesen war. Viele meiner Voreingenommenheiten gegenüber den sowjetischen Menschen hatte ich schon revidieren müssen, ein mühsamer, von Rückfällen in das alte Mißtrauen nicht freier Prozeß.

    Die tiefe Enttäuschung, die mir meine Landsleute im Rathaus bereitet hatten, verwand ich schnell. Dieses Erlebnis, so massiv, blieb eine Ausnahme. Der Kommandant aber hatte nicht nur meinen Gegnern eine Lehre erteilt, sondern zugleich mir Anschauungsunterricht in Fragen Ritterlichkeit eines so­wjetischen Offiziers. Jetzt, allein, empfand ich die Hilfsbereit­schaft aus allen Kreisen der Bevölkerung besonders wohltuend. Trotz mancher Sorgen und nicht ausbleibender Kämpfe fühlte ich mich geborgen in Greifswald. [..]“

  2. karovier schreibt:

    Hat dies auf karovier blog rebloggt und kommentierte:
    Vor 75 Jahren, am 17. Juli 1944, wurden die deutschen Kriegsgefangenen in einer „Parade der Besiegten“ durch die Straßen von Moskau geführt.

  3. olivia2010kroth schreibt:

    Tja, davon liest man nichts in deutschen Medien. Ist das Thema zu peinlich?

    • sascha313 schreibt:

      Zweifellos ist denen das unangenehm, daran erinnert zu werden. Die alten Nazis – sofern noch einer von denen lebt – werden niemals einsehen, daß ihnen der Sozialismus moralisch tausendfach überlegen ist. Und wer von den nachfolgenden Generation immer noch nicht begriffen hat, daß der Kapitalismus eine krankhafte, menschenverachtende Gesellschaft ist, der hat von Demokratie – also „Herrschaft des Volkes“ – keine Ahnung!

  4. olivia2010kroth schreibt:

    Ich denke, es gibt sie noch, die alten Nazis, aber sie geben sich nicht zu erkennen. Sie schämen sich.

    • sascha313 schreibt:

      Nein, nein. Sie schämen sich nicht. Immer wieder kann man sehen und lesen: keinerlei Reue, noch nicht einmal Schuldgefühle! Im Gegenteil! Sie würden es auch heute immer wieder tun…

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