Die »Abwehr« – Drei Fälle aus drei Jahrzehnten

abwherDer Faschismus, die terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals – wie ihn Georgi Dimitroff definierte –, begann unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 in Deutschland die brutale Unterdrückung durchzusetzen und Kurs auf die Aggression nach außen zu nehmen. In dieser Zielsetzung waren sich nicht nur die Vertreter des Monopolkapitals mit den Nazi­führern einig, sondern auch die Generale und Admirale der Reichswehr. In seinem Buch „Hitlers Spionage-Generale sagen aus“ beschreibt Julius Mader drei charakteristische Fälle aus einer Zeit, die wir in der DDR längst der Vergangenheit zugehörig glaubten. Doch nun hat uns diese Zeit längst wieder eingeholt … und wieder tanzen die Puppen nach der Pfeife der Militaristen und ihrer monopolkapitalistischen Auftraggeber. Doch nicht für immer – dessen sind wir gewiß!

Der erste Fall: »Sonderauftrag Jablunka-Paß«

Dem einsamen Bergwanderer in den Westbeskiden bot sich ein etwas seltsamer Anblick: Etwa dreißig Männer, teils in polnischen Uniformen, teils in Räuberzivil, alle aber schwer bewaffnet, zogen in Reihe rüstig bergan. An der Spitze marschierte ein deutscher Leutnant. Wer ahnte wohl beim Anblick dieses gemischten Haufens, daß er ausersehen war, den zweiten Weltkrieg einzuleiten?

Fall1

Vorbereitung der deutschen Invasion

Man schrieb den 25.-August 1939. Hitler hatte an diesem Tage um 15.25 Uhr seiner Wehrmacht den Befehl erteilt, am folgenden Tag genau um 4.15 Uhr über das benachbarte Polen herzufallen. Nun war bereits dieses deutsche Geheimdienstkommando unter­wegs, um rechtzeitig einen strategisch bedeutenden Sonderauftrag durchzuführen: die Besetzung des Jablunka-Passes, der ein wichtiges Einfalltor von der Nordwestslowakei in die Südflanke des bedrohten Landes darstellte.

Mord ist eingeplant

Die Paßwache sollte mit Hilfe der in polnische Uniformen gesteckten deutschen Geheimdienstler ge­täuscht, von dem Sonderkommando handstreichartig überwältigt und notfalls niedergemacht werden. Jede Sprengung des Eisen­bahntunnels war zu verhindern und die Strecke von eventuellen Sperren zu befreien. Morgens um 4 Uhr sollten die ersten Truppen­transporte der im Raum von Zilina konzentrierten 7.Infanterie­division der Hitlerwehrmacht über den Paß in das Industriezentrum um Gliwice und Krakow rollen und mit den nachstoßenden Ver­bänden die polnische westliche Verteidigungsfront in die Zange nehmen.

Den Dolch im Gewande…

Das Sonderkommando gehörte zur »Abwehr«, es wurde vom Leutnant der Abw. II Dr. Albrecht Herzner kommandiert. Niemand hatte im geringsten daran gedacht, daß die mitgenomme­nen Funkgeräte in der stark zerklüfteten und bewaldeten Gegend versagen könnten. So geschah es, daß Herzners »Dolch-im­-Gewande«-Truppe nicht mehr davon verständigt werden konnte, daß das Oberkommando der Wehrmacht am 25. August um 20.30 Uhr den Angriffsbefehl noch einmal zurückzog, um ihn später endgültig auf den 1. September !939, 4.45 Uhr, zu fixieren,

… befehlsgemäß »frei gekämpft«

getaeuschtHerzner, der zur Absicherung des Überfallplanes polnisch sprechende und ortskundige sogenannte Volksdeutsche in sein Kommando eingereiht hatte, führte seinen Auftrag aus. Er lockte noch einen anrollenden Transportzug in den Hinterhalt. In den ersten Morgenstunden des 26. August 1939 hatte er über zwei­tausend nichtsahnende polnische Bergarbeiter, die auf ihren Schichtzug warteten, Offiziere und Soldaten als Kriegsgefangene erklärt und in Lagerschuppen eingesperrt, die Telefonzentrale gesprengt, den Paß gewissermaßen befehlsgemäß »frei gekämpft«, und dennoch wurde er zusehends nervös. Die abgestoppte 7.Infanteriedivision blieb aus, und die polnische Armee rüstete zum massiven Gegenschlag. Herzner befahl am Abend desselben Tages den Rückzug. Die ersten Opfer des zweiten Weltkrieges ließ er am Jablunka-Paß zurück.

Dieser noch recht unbekannte, aber typische Fall zeigt, wie die »Abwehr« so »mitten im Frieden den Krieg auf eigene Faust eröffnet hatte«. [1]


Der zweite Fall: »Weg frei zum Fememord!«

Es geschah im Rücken der anglo-amerikanischen Kampfver­bände, die nach der Befreiung Aachens weiter zum Rhein vor­stießen. Das Operationsgebiet eines sechsköpfigen Fallschirm­-Sonderkommandos der »Abwehr« lag im Grenzdreieck Deutsch­land-Niederlande-Belgien, siebzig Kilometer hinter der Front. Sein erstes Opfer wurde ein niederländischer Grenzwächter, der die Diversantengruppe nach ihrer Landung sah. Ein Schuß aus der Schalldämpferpistole machte ihn für immer mundtot und der Gruppe den Weg frei zu einem Fememord.

Todesurteil für Oppenhoff

Ein gewisser Oppenhoff hatte, das absehbare Kriegsende vor Augen und die Sinnlosigkeit der faschistischen Durchhaltebefehle erkennend, eine Diversions­einheit der Wehrmacht verlassen und war in den Kreis seiner kinderreichen Familie heimgekehrt. Der US-Army hatte er sich, vom Vertrauen der Ortseinwohner gestützt, als neuer Bürger­meister zur Verfügung gestellt und bemühte sich nun als Zivilist, in seiner Heimatgemeinde die Kriegsfolgen zu beseitigen. Durch einen Agenten hatte die »Abwehr« von Oppenhoffs Aufenthalt und Verhalten erfahren. Das bedeutete das Todesurteil.

Das Messer im Rücken

Die Banditen des Sonderkommandos mit dem Liquidations­befehl schlichen sich nachts in Oppenhoffs Haus und beschwich­tigten ihn mit dem Argument, sie wären hinter der Front abge­schossene deutsche Flieger, die sich frontwärts durchschlagen wollten. Oppenhoff wurde überrumpelt und fiel der Feme seiner ehemaligen »Agentenskameraden« zum Opfer. [2]

Der bestialische Mord … Zukunft der Kriegsführung?

Der Autor des in Westberlin gedruckten Divisions-Tagebuches, in dem Details dieses bestialischen Mordes enthalten sind, bemerkt lakonisch, daß die Agententruppe der »Abwehr« dazu ausgebildet worden sei, »um, wie es in der Gesamtanweisung hieß, überall dort zu kämpfen, wo ,noch nicht‘ oder ,nicht mehr‘ gekämpft werden konnte. Dieses ,noch nicht‘ und ,nicht mehr‘ aber bedingte, daß außerhalb der Kriegsregeln gekämpft werden mußte. Dies hatte es in der deutschen Armee bisher nicht gegeben. Und der Verleger solch militaristischer Literatur, Bodo Graefe, betonte im Oktober 1958 im Vorwort: »Die in dem Buch geschilderte Art einer weltweiten Kriegsführung in Tarneinsätzen, von Admiral Canaris konzipiert, wird in der Zukunft noch eine wesentlich wichtigere Rolle spielen als bisher.« [3]


Der dritte Fall: Der BND – Spionage und Diversion

Zwischen dem geschilderten ersten Fall und dem folgenden liegen drei Jahrzehnte, zwischen dem Meuchelmord und dem drit­ten Fall zwei Dutzend Jahre. Im Frühjahr 1969 wurde in Berlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, der gefaßte Agent des geheimen »Bundesnachrichtendienstes« (BND) der BRD Rudolf Sonnabend abgeurteilt. Sonnabend hatte während des zweiten Weltkrieges der »Abwehr« angehört, und zwar als Heereskriegsinspektor (entsprach dem Range eines Oberleutnants – J. M.) in der Abteilung III. Noch 1944 war Sonnabend mit dem Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern deko­riert worden.

In der DDR erwischt…

Dieser »Abwehr«-Mann wurde nun im ersten deut­schen Friedensstaat ertappt; wie er sich als Fährtensucher einer neuen Aggression, eines antisozialistischen Überfalls auf die DDR und somit auf die Staaten des Warschauer Verteidigungspaktes, betätigte. Er jagte militärischen, wirtschaftlichen und politischen Geheimnissen nach. Gleichzeitig sollte aber seine Spionage ge­fährliche Diversions- und Sabotageakte vorbereiten helfen. Da­bei spielten besonders Methoden. illegalen Eindringens in die DDR eine große Rolle, über die er vor Gericht unter anderem aussagte:

»Die territoriale Lage Westberlins wurde im Zusammenhang mit der Einschleusung von Agenten als Kampfschwimmer be­handelt. Im einzelnen wurden dafür die um die Hauptstadt der DDR gelegenen Gewässer eingeschätzt, inwieweit Möglichkeiten für das Einschleusen gegeben sind. Meine Erkundungsschwer­punkte waren sichere Stellen für das Verlassen der Gewässer und günstige Unterschlupfmöglichkeiten. Generell erhielt ich den Auftrag. in der DDR günstige Versteckmöglichkeiten für Agenten- und Diversionsgruppen sowie deren Ausrüstung zu erkunden und wichtige Geländeabschnitte ausfindig zu machen, die für den Absprung von Fallschirmspringern geeignet sind. Schwerpunkt­mäßig bezog sich dieser Auftrag auf die Umgebung Berlins. Auftragsgemäß berichtete ich ständig über derartige von mir erforschte Geländeabschnitte. Das gleiche traf auch auf die Ge­wässer im Raum Berlins und deren nähere oder weitere Um­gebung zu.
Die Mitarbeiter des BND haben mir ausdrücklich mitgeteilt, daß diese von mir gesammelten Angaben außer von den Geheim­diensten selbst von der Bundeswehr für ihre strategisch-operative Planung ausgewertet und anderen NATO-Verbänden zur Verfügung gestellt werden. Des weiteren klärte ich im Raum Berlin-Baumschulenweg den Geländeabschnitt der Königsheide auf, der als Abwurfgebiet für nachrichtendienstliche Hilfsmittel und Ausrüstungen für bereits eingeschleuste und tätige Agenten festgelegt worden war. Beson­ders wertvoll für diese. Zwecke erschien dem BND-Mitarbeiter die Königsheide, weil sie in der Flugschneise des Westberliner Flugplatzes Tempelhof liegt und die Flugzeuge in einer ungefäh­ren Höhe von hundertfünfzig bis zweihundert Meter diesen Geländeabschnitt überfliegen. Dadurch ist eine Überwachung schlecht möglich und die Abwurfmöglichkeit äußerst günstig.
Aus mehreren Gesprächen mit Mitarbeitern des BND erfuhr ich, daß diese Aktionen der Vorbereitung einer Aggression gegen die DDR dienen. Ihnen maßen die Mitarbeiter des BND größte militärische Bedeutung bei, zumal ihre Vorbereitung und Durch­führung in Friedenszeiten mit der entsprechenden Sorgfalt und Genauigkeit erfolgt. So erfuhr ich, daß geplant ist, die praktizierten Einsätze der Einsatzkommandos der .Brandenburger‘ während des zweiten Weltkrieges in ähnlicher Form im Gebiet der DDR zu wiederholen. Zu den Aufgaben dieser Spezialeinheiten gehört es, Sabotage- und Diversionsakte im Einsatzgebiet durchzuführen, dort Untergruppen zu bilden, die Bevölkerung gegen die Regie­rung aufzuwiegeln, umfangreiche Militärspionage zu betreiben und militärische Handlungen aktiv zu unterstützen.«

Um seine Spionageergebnisse schnell und auch unter Kriegs­bedingungen an seine Geheimdienstzentrale in der BRD übermitteln zu können, war Sonnabend bereits zusätzlich als Agenten­funker ausgebildet und ausgerüstet worden.

Faschisten bleiben was sie sind – Kriegsprovokateure, antikommunistische Söldner, Banditen und Mörder!

Die drei Fälle – aus Hunderten herausgegriffen – zeigen zunächst, daß »Abwehr«-Offiziere und -Agenten der Hitlerwehr­macht seit Jahrzehnten unentwegt und bedenkenlos für den deut­schen Imperialismus auf Kriegspfad sind. Sie selbst nannten und nennen noch oft ihren Geheimdienst irreführend »Abwehr«. Tatsächlich griff und greift diese »Abwehr« an. Sie erwies sich als eine für ihre imperialistischen Auftraggeber zu jedem Verbrechen bereite Subversionstruppe, als militanter Klub abrufbereiter Kriegsprovokateure, als verschworener Haufen von Femesöld­nern, als antikommunistische Sturmabteilung. Doch wie die Niederlagen des deutschen Imperialismus und Militarismus historisch gesetzmäßig sind, so hatte auch deren »Abwehr« wenig und immer geringer werdende Chancen.

Und immer noch: höchstgefährlich!

Gelangen den Geheimdiensten Hitlerdeutschlands im August 1939 noch solche kriegsauslösenden und -einleitenden Unter­nehmen wie der Überfall auf den Jablunka-Paß eine Woche und der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz einen Tag vor Be­ginn des zweiten Weltkrieges, so hatten in der DDR die gegen das sozia­listische Weltsystem vorgeschickten bundesdeutschen und anderen NATO-Agenten prinzipiell keine Erfolgschancen mehr. Dennoch bleiben sie höchst gefährlich, und es dürfte lehrreich sein, sich damit zu beschäftigen, was hinter der schon oft zitierten »Abwehr« steckte und steckt.

[1] Vgl. »Deutsche Divisionen im zweiten Weltkrieg, bearbeitet nach Tagebuch-­Aufzeichnungen«, Bd.3: »Getarnt, getäuscht und doch getreu – Die ge­heimnisvollen ,Brandenburger’«, Westberlin 1958, S.294f.; Julius Mader, »Die Killer lauern – Ein Dokumentarbericht über die Ausbildung und den Einsatz militärischer Diversions- und Sabotageeinheiten der USA und Westdeutschlands«, Berlin 1961, S.22; »Berliner Zeitung« vom 24.8.1969. Vgl. »Deutsche Divisionen im zweiten Weltkrieg…« , a.a.0., S.274-279.
[2] Ebd., S.305.
[3] Ebd., S.6.
Quelle:
Julius Mader: Hitlers Spionagegeneräle sagen aus. Ein Dokumentarbericht über Aufbau, Struktur und Operationendes OKW-Geheimdienstamtes Ausland/Abwehr mit einer Chronologie  seiner Einsätze von 1933 bis 1944. Verlag der Nation, 1983, S.13-18.
Dieser Beitrag wurde unter Faschismus, Geschichte, Kriminelle Gewalt, Verbrechen des Kapitalismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die »Abwehr« – Drei Fälle aus drei Jahrzehnten

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    Der Faschismus, die terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals – wie ihn Georgi Dimitroff definierte –, begann unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 in Deutschland die brutale Unterdrückung durchzusetzen und Kurs auf die Aggression nach außen zu nehmen. In dieser Zielsetzung waren sich nicht nur die Vertreter des Monopolkapitals mit den Nazi­führern einig, sondern auch die Generale und Admirale der Reichswehr. In seinem Buch „Hitlers Spionage-Generale sagen aus“ beschreibt Julius Mader drei charakteristische Fälle aus einer Zeit, die wir in der DDR längst der Vergangenheit zugehörig glaubten. Doch nun hat uns diese Zeit längst wieder eingeholt … und wieder tanzen die Puppen nach der Pfeife der Militaristen und ihrer monopolkapitalistischen Auftraggeber. Doch nicht für immer – dessen sind wir gewiß!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s