K.Simonow: „…auf, daß auch wir bald Feste feiern.“

Simonow_TageStalingrad 1942. Die Deutschen hatten auf ihrem Vormarsch durch die Weiten der westlichen Sowjetunion eine breite Blutspur und verbrannte Erde hinter sich gelassen: ermordete Frauen, Greise und Kinder, zerstörte und verbrannte Wohnhäuser, Dörfer, Schulen und Kindergärten, erntereife von hunderten Panzern niedergewalzte Felder, geplünderte Speicher und Ställe … es war grauenvoll. Der Winter war gekommen und eisiger Wind wehte über das Trümmerfeld von Stalingrad. Die einst so schön gepflegten Parks und Sportanlagen waren mit Bombentrichtern übersät. Häuser und Straßen waren bis zur Unkenntlichkeit zerbombt und verwüstet. Und immer noch fielen Bomben, heulten die Granaten, um jede Hausruine, jede zertrümmerte Werkhalle,  jedes Fleckchen Erde wurde erbittert gekämpft. Endlich war die Wolga zugefroren und es kam wieder Nachschub vom anderen Ufer. Den Angriff zur Wolga hatten die Einheiten der Roten Armee zurückgeschlagen. So war die Lage. General Prozenko kannte sie genau…

Die großmaßstäbliche Gefechtskarte

Als Wostrikow die Karte mit den alten, noch im September gemachten Vermerken vor ihm auf den Tisch ausgebreitet hatte, strich Prozenko sie mit der Hand glatt, neigte sich über sie und dachte nach. Dann suchte er mit den Augen die Städte, Flüsse und Vermerke der früheren Stellungen, und plötzlich war es ihm, als sei er aus diesen Häusern und Stadtvierteln, aus Stalingrad heraus ins Freie gelangt. Und erst, als ihm das ganze Ausmaß dieser Karte klargeworden war, empfand er ganz deutlich, was Stalingrad, das auf dieser großen Karte doch nur ein Punkt war, bedeuten mußte, wenn alle Städte, alle ihre Einwohner in diesen zwei Monaten nur für diesen Punkt, nur für Stalingrad lebten und speziell für diese fünf Häuserblocks und für den Unterstand, in dem er, Prozenko, saß.

Heldentum und eine eherne Logik

Er blickte mit neuem Interesse auf die Karte. Und seine beiden Hände schoben sich unwillkürlich mit derselben Bewegung vorwärts, wie sie das Mitglied des Kriegsrats der Front gemacht hatte, und vereinigten sich genauso irgendwo im Westen, weit hinter Stalingrad. Und in dieser Bewegung war offenbar nicht nur eine zufällige Übereinstimmung, sondern auch eine Gesetzmäßigkeit, weil im Krieg die größten Entscheidungen und die gewaltig­sten strategischen Pläne irgendwie im Grunde genommen logisch, notwendig, allgemein verständlich und restlos klar sind in ihrer Einfachheit, die sich aus der ehernen Logik der richtig erkannten Umstände ergibt.

Empfang der Kommandeure beim General

Gegen fünf Uhr früh, kurz vor Morgengrauen, rief Prozenko alle Regiments- und Bataillonskommandeure zu sich, so daß sie noch in der Dämmerung in ihre Stellungen zurückkehren konnten. Nachts war endlich ein Schlittentroß mit Proviant und Wodka über das Eis der Wolga gekommen, und im engen Unterstand Prozenkos waren auf einem großen Tisch, dort, wo gewöhnlich die Karte lag, Zeitungen ausgebreitet, auf denen einige Feldflaschen mit Wodka und statt der Gläser säuber­lich auf geschnittene leere amerikanische Konservenbüchsen standen. Auf zwei großen Platten waren dicke Wurstscheiben und gewärmte Fleischkonserven mit Kartoffeln aufgetürmt. In der Mitte des Tisches prangte auf einem Teller ein pom­pöser, mit Schnörkeln und Röschen verzierter Butteraufbau, den Prozenkos Koch geformt hatte, um diesmal mit seiner Kunst zu glänzen.

Prozenko weiß mehr als er sagen will…

Prozenko saß auf seinem gewohnten Platz in der Ecke. Der Unterstand war gut geheizt. Ganz gegen seine Gewohnheit trug der General nicht die übliche Feldbluse, sondern einen aus dem Koffer hervorgeholten sauberen Uniformrock. Der Uniformrock war am Halse offen und ließ ein schneeweißes, schimmerndes Seidenhemd sehen. Heute war die ganze Nacht für Prozenko Wasser heiß gemacht worden, und eine Stunde vor Ankunft der Gäste wusch er sich hier im Unterstand in einer verzinkten Kinderwanne, in der er schon wiederholt ge­badet hatte, was er aber niemandem außer Wostrikow ein­gestanden hätte; Prozenko saß erhitzt und gutgelaunt da und genoß die angenehme Kühle des sauberen Seidenhemds. …

Feierliche Stimmung…

Die Gäste versammelten sich fast gleichzeitig. Remisow er­schien mit der Pünktlichkeit eines alten Militärs Schlag 6.00, und die anderen kamen zwei Minuten früher oder später. Sa­burow kam als letzter mit fünf Minuten Verspätung: er war im Laufgraben gestolpert, hatte sich das Knie empfindlich gestoßen und den Rest des Weges hinkend zurücklegen müssen.
„Ah, Alexej lwanowitsch“, sagte Prozenko.
„Ich bitte um Verzeihung wegen der Verspätung, Genosse General“, entschuldigte sich Saburow.
„Schon gut“, sagte Prozenko. „Warte, wir gießen dir gleich einen Strafpokal ein, dann kommst du das nächste Mal nicht zu spät.“
„Setzen Sie sich“, sagte Remisow und rückte auf seinem Schemel zur Seite, „hier, auf die eine Hälfte.“

Eine feierliche Ansprache

Und als Sabu­row Platz genommen hatte, legte ihm Remisow, um bequemer zu sitzen, den linken Arm um die Schulter und fügte hinzu: „so ist es zwar eng, aber gemütlich.“
„Bitte bedienen Sie sich“, forderte Prozenko die Anwesenden auf. Als sich alle Wodka eingegossen hatten, sagte Prozenko nach einer kurzen Pause:

„Ich habe Sie heute nicht zu einer Beratung zusammengerufen, sondern einfach, damit wir einmal zusammenkommen und einander in die Augen schauen. Vielleicht erleben wir nicht alle die große Stunde (die Worte ,große Stunde‘ klangen in seinem Munde überraschend feierlich), „nicht alle werden die große Stunde erleben“, wiederholte er, „und darum möchte ich, daß wir, die wir uns hier versammelt haben, einander in die Augen blicken und uns davon überzeugen, daß jeder bis zum letzten ausharren, und, wenn auch nicht jeder von uns, so doch die Division die große Stunde erleben wird. Das erste Glas“, er erhob sich und nach ihm erhoben sich alle von ihren Plätzen, „trinken wir heute darauf, daß auch wir bald Feste feiern.“

Ein denkwürdiger Moment

Und wieder lag in diesen, in letzter Zeit oft zitierten und von allen wiederholten Worten, und darin, wie sie jetzt aus­gesprochen wurden, eine besondere Feierlichkeit. Nach dem ersten Trinkspruch wurde es still. Alle kauten eifrig, denn in den letzten Tagen war die Verpflegung schlecht gewesen, und die unzulängliche Ernährung wurde lediglich wagen der allgemeinen Übermüdung nicht bemerkt. Dann wurde der zweite Trinkspruch ausgebracht, der traditionelle Trinkspruch jeder Division, die auf ihre Ehre hält, und zwar darauf, daß sie eine Garde-Division werden möge. Danach trank man ohne Zeremonie weiter und stieß mit seinen Nachbarn an. Prozenko scherzte viel, war gut aufgelegt, und obwohl er einigemal dem einen oder anderen Offizier gern eine sachliche Frage gestellt hätte, die ihm plötzlich eingefallen war, unter­drückte er sie, denn er wollte als Gastgeber den allgemeinen Eindruck der Feierlichkeit und des kameradschaftlichen Beisammenseins nicht stören.

Quelle:
Konstantin Simonow Tage und Nächte“, SWA-Verlag, Berlin 1947, S.308-311. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)


Nachbemerkung: Es ist klar, was General Prozenko wußte. Wenige Stunden später begann die entscheidene Schlacht: Die sowjetische Rote Armee begann mit ihrer Offensive, der Umkreisung und Einkesselung einer ganzen Armee der deutschen Wehrmacht und der Zerschlagung der feindlichen Kräfte in Stalingrad. Die Reden Stalins vom 6. und 7. November gaben allen Sowjetmenschen den unerschütterlichen Glauben an den Sieg, sie steigerten die moralische Festigkeit der Sowjetkämpfer, der Sowjetpartisanen und der Werktätigen des sowjetischen Hinterlandes, die die Waffen für den Sieg über den Feind schmiedeten. Stalins Worte drangen zu den Kämpfern gegen den Faschismus in den anderen Ländern der Welt und mobilisierten überall die Volksmassen zum Kampf gegen die faschistischen Räuber.
Am 2. Februar 1943 war die beispiellose Stalingrader Schlacht beendet. Die Sowjettruppen hatten die 330.000 Mann starke deutsche Armee vernichtet, ein Drittel gab sich gefangen, riesige Mengen an Kriegsmaterial wurden erobert. Die Sowjetarmee verfolgte die geschlagenen deutschen Verbände unablässig und drangen im Laufe des Winters stellenweise mehr als 400km weit nach Westen vor. Es war die Wende des Krieges. Auf hinterhältige Weise hatten die Alliierten (USA, Großbritannien, Frankreich) bisher eine zweite Front verhindert. Das führte zu weiteren Verlusten. Dennoch gelang es der Roten Armee, die feindlichen deutschen Okkupanten vernichtend zu schlagen. Am 9.März 1945 beging die Sowjetunion des Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus.

Siehe auch:
Petershagen: Stalingrad 1942
Stalingrad… ach, diese verfluchten deutschen Faschisten!

Oleg Rsheschewski: Die Stalingrader Schlacht

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8 Antworten zu K.Simonow: „…auf, daß auch wir bald Feste feiern.“

  1. Rolf schreibt:

    Da fällt mir nur ein Spruch ein: Hurra, Hurra, Hurra !
    Euch allen ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das kommende Jahr!
    Rolf

  2. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    “Stalingrad 1942. Die Deutschen hatten auf ihrem Vormarsch durch die Weiten der westlichen Sowjetunion eine breite Blutspur und verbrannte Erde hinter sich gelassen: ermordete Frauen, Greise und Kinder, zerstörte und verbrannte Wohnhäuser, Dörfer, Schulen und Kindergärten, erntereife Felder, geplünderte Speicher und Ställe … es war grauenvoll. Der Winter war gekommen und eisiger Wind wehte über das Trümmerfeld von Stalingrad. Die einst so schön gepflegten Parks und Sportanlagen waren mit Bombentrichtern übersät. Häuser und Straßen waren bis zur Unkenntlichkeit zerbombt und verwüstet. Und immer noch fielen Bomben, heulten die Granaten, um jede Hausruine, jede zertrümmerte Werkhalle, jedes Fleckchen Erde wurde erbittert gekämpft. Endlich war die Wolga zugefroren und es kam wieder Nachschub vom anderen Ufer. Den Angriff zur Wolga hatten die Einheiten der Roten Armee zurückgeschlagen. So war die Lage. General Prozenko kannte sie genau…“

  3. tommmm schreibt:

    Simonow ist wirklich empfehlenswert für alle die, die diesen Zeitraum der Geschichte verstehen wollen. Ich hatte die Triologie „Die Lebenden und die Toten“ als 20-jähriger gelesen. Jetzt 35 Jahre später habe ich sie noch mal gelesen und natürlich unter einem ganz anderen Blickwinkel.

    Dann fielen mir durch einen Zufall seine „Kriegstagebücher“ in die Hände. In diesen Büchern sind seine unmittelbaren tagesaktuellen Eintragungen aus seinen Frontbesuchen dargestellt. Da diese Bücher erst in den sechziger Jahren veröffentlicht wurden, hat Simonow noch genügend Zeit gefunden, in den Archiven oder aufgrund von Leserzuschriften nach Vorveröffentlichungen, in den staatlichen Archiven zu recherchieren, was aus den Menschen, die in den Tagebüchern Protagonisten waren, geworden ist. Dadurch sind es sehr authentische Bücher geworden, die einen tiefen Einblick in das harte Leben der Sowjetmenschen zur Zeit des Krieges und auch danach geben.
    Aus diesen Tagebüchern ist dann später die obengenannte Romantriologie entstanden. Aus meiner jetzigen Sicht finde ich die Kriegstagebücher viel aussagekräftiger, als junger Mensch würde ich eher den Roman empfehlen.

    • sascha313 schreibt:

      Das stimmt. Gerade auch die lebenden Biografien machen doch verständlich, was als geschichtliche Fakten sonst nur trockener Lehrstoff wäre. Solchen Menschen, wie Simonow sie beschreibt, kann man folgen, Theorien nur dann, wenn sie den Menschen auch nützlich sind. Und Simonows Helden sind wahrhafte Vorbilder!

  4. Patrick Büttner schreibt:

    Simonows Bücher sind eine Pflichtlektüre. Leider hat Simonow in „Aus der Sicht meiner Generation“ einigen Quatsch über Stalin geschrieben… egal, Kunst und Künstler muß man öfter mal trennen.

    • sascha313 schreibt:

      Ach, Patrick – wer macht nicht heute auch noch manchmal dumme Sachen! Und wie dumm war es doch, auf so manche Kehrtwendungen hereinzufallen 1956, 1990… Ich lese gerade Fred Oelßner „Rosa Luxemburg“ – sogar diese kluge Frau, diese glühende Revolutionärin, hat mit ihren Fehlern, auf denen sie zu allem Unglück auch noch beharrte, Schaden angerichtet. Es ist nur wichtig, aus Fehlern auch lernen zu wollen! Aber wir haben ja trotz alledem gute Lehrer!

      • Patrick Büttner schreibt:

        Ja, wer nicht. Leider las ich „Aus der Sicht meiner Generation“ als vorletztes – vor „Erfahrungen mit Literatur“ – was nach den Romanen und Kriegstagebüchern ein wenig unglücklich war, da bis dahin nichts von seinen Vorbehalten rauslesbar war. Eigentlich ist das sogar ein gutes Zeichen, merke ich gerade, vielleicht täuschte er sich einfach bzw. bekam über seine letzten 24 Jahre einen falschen Eindruck.
        Fred Oelßner merke ich mir mal vor… 🙂

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