A.A. Smirnow: Eigenschaften des Verstandes

DenkerAuch wenn vielleicht einige der Gedanken des Autors im nachfolgenden Beitrag nicht so ganz dem heutigen Verständnis entsprechen – immerhin liegt die Entstehung des Buches bereits 70 Jahre zurück – so ist doch die Systematik seiner Herangehensweise durchaus auf unsere Zeit übertragbar. Es gilt aus der Fülle der Informationen, mit der wir uns tagtäglich konfrontiert sehen, Wesentliches  herauszufiltern, Unnötiges zu löschen und dabei so manche Verwirrungen und Ablenkungen zu beseitigen, um aus marxistischer Sicht zu einem klaren Ergebnis zu kommen. Unabdingbar ist es, in steter Verbindung zur Praxis zu bleiben, damit sich die Suche nach Lösungen nicht in Illusionen oder Wunschvorstellungen verliert.

Eigenschaften des Verstandes

Wenn alles Denken auch allgemeinen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, so verläuft es bei den verschiedenen Menschen doch ungleichartig. Darum muß man individuelle Eigenschaften des Verstandes unterscheiden. Die wichtigsten von ihnen sind: die Weite und die Tiefe des Verstandes, seine Selbständigkeit und Biegsamkeit (Elastizität), die Folgerichtigkeit und Schnelligkeit des Denkens.

1. Die Weite des Verstandes

Die Weite des Verstandes kommt in der Fähigkeit zum Ausdruck, einen weiten Umkreis von Fragen zu umfassen und auf den verschiedenen Gebieten des Wissens und der Praxis schöpferisch zu denken. Die Genies der Menschheit sind durch diese Eigenschaft charakterisiert, die bei ihnen in besonders hohem Grade ausgeprägt ist. Unter den größten Persönlichkeiten des Altertums setzt uns Aristoteles durch die Weite seines Geistes in Erstaunen, er versuchte es, alle wissenschaftlichen Kenntnisse seiner Zeit zu verallgemeinern. Durch einen umfassenden Verstand, der sich in der Fähigkeit äußerte, eine enorme Menge faktischen Materials zu erfassen und zu verallgemeinern – als ein „Montblanc der Tatsachen“ –, war Darwin ausgezeichnet. Es ist allgemein bekannt, welch umfassender Geist Lomonossow war. Größte Weite des Verstandes finden wir bei Marx, Lenin und Stalin, und zwar in ihren Arbeiten und in ihrer schöpferischen Tätigkeit, die alle Seiten des Lebens und des Wissens umfassen.

Konkretheit: Die echte Weite des Verstandes ist immer mit seiner Konkretheit eng verbunden, also mit der Fähigkeit, nicht nur eine Frage im ganzen und in ihren allgemeinsten und wesentlichsten Zügen zu erfassen, sondern dabei auch die wichtigen Details und die wesentlichen individuellen Momente zu sehen. Eine solche Eigenschaft des Verstandes ist charakteristisch für große Staatsmänner, Heerführer und Ge­lehrte. Die Fähigkeit, bei der Lösung selbst der kompliziertesten und wichtigsten Fragen die kleinsten, für die Sache wesentlichen Details einzudringen, setzt jeden in Erstaunen, der mit dem Genossen Stalin sprechen oder ihn bei der Arbeit beobachten konnte.

„Wenn bei Beratungen irgendeine komplizierte Frage behandelt wird, so hört Genosse Stalin außerordentlich aufmerksam auf die Meinungen der zuständigen Vertreter, die die kleinsten Details ihrer Angelegenheiten dar­legen. Diesen Details und spezifischen Besonderheiten widmet Genosse Stalin immer seine besondere Aufmerksamkeit; darin wird der ausgezeichnete Spezialist in allen Zweigen der Wissenschaft, Technik und Produktion sichtbar.“ (Der Held der Sowjetunion Jumaschew.)

2. Die Tiefe des Verstandes

Die Tiefe des Verstandes ist durch die Fähigkeit charakterisiert, in das Wesen einer Frage, in den eigentlichen Kern der Sache einzudringen, die Ursachen der Erscheinungen, und zwar nicht nur die nächstliegenden, sondern auch die tiefer liegenden zu ermitteln, die wirkliche Grundlage der Tatsachen zu erkennen, den Sinn des Geschehens zu begreifen und die später eintretenden Folgen von Erscheinungen und Ereignissen vorauszusehen. Für einen tiefen Verstand ist das Vermögen aufschlußreich, eine Frage gründlich und vielseitig zu betrachten und eine Erscheinung in der Mannigfaltigkeit ihrer Verbindungen und Beziehungen zu begreifen.

Wesentliches: Wenn ein Mensch sich auf die feinste Analyse des Gegenstandes seines Denkens stützt, so wird er, wenn er diesen tiefen Verstand hat, das Wesen der Er­scheinungen ermitteln. Ein tiefer Verstand charakterisiert die großen Denker, die in den einfachen, alltäglichen, allen gutbekannten Tatsachen große Probleme zu sehen wußten, die wichtigsten Gesetzmäßigkeiten aufdeckten, die Naturgesetze und die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens der Menschen ermittelten.

Ein besonders einleuchtendes Beispiel eines tiefen Eindringens in den Kern der Erscheinungen haben wir bei Marx. „In seinem ,Kapital’“, so sagt Lenin, „wird zunächst das einfachste, gewöhnlichste, grundlegendste, massenhafteste, alltäg­lichste, milliardenfach zu beobachtende Verhältnis der bürgerlichen (Waren-) Gesellschaft analysiert, der Warentausch. Die Analyse deckt in dieser einfachsten Erscheinung (in dieser ,Zelle‘ der bürgerlichen Gesellschaft) alle Widersprüche (respektive die Keime aller Widersprüche) der modernen Gesellschaft auf“ [1]

Kern der Sache: Die Fähigkeit, eine „Keimzelle“ zu finden, in der sich die verschiedenen Prozesse der Erscheinungen kreuzen, alle Wechselbeziehungen und Widersprüche der Erscheinungen zu ermitteln und ihren echten Kern und ihre Grundlage klarzulegen, ist gerade für Menschen eines tiefen Verstandes charakteristisch.

Dialektisches Denken: Die Besonderheit zeichnet das dialektische Denken als die höchste Form des Denkens, als seine höchste Entwicklungsstufe aus. Lenin sagt, das soeben angeführte Wort über Marx fortsetzend: „So muß die Methode der Auslegung (respektive des Studiums) der Dialektik überhaupt beschaffen sein.“ Das dialektische Denken führt uns zur Erkenntnis der Gegenstände und Erscheinungen in ihren Verbin­dungen und Beziehungen und ihrer ununterbrochenen Entwicklung, es ermittelt die Widersprüche als treibende Kräfte der Entwicklung und gibt uns damit die Möglichkeit, tiefer in das eigentliche Wesen der Gegenstände und Erscheinungen einzudringen. Die glänzendsten Vorbilder für die Tiefe des Denkens sind die Ar­beiten Lenins und Stalins.


3. Die Selbständigkeit des Verstandes

Die Selbständigkeit des Verstandes kommt in der Fähigkeit zum Ausdruck, eine Frage, die eine Lösung verlangt, genau zu erkennen und selbst die Antwort auf diese Frage zu finden. Ein selbständiger Verstand sucht keine fertigen Lösungen und vermeidet es, sich auf fremde Gedanken und Leitsätze zu stützen. Er tritt schöpferisch an die Erkenntnis der Wirklichkeit heran, sucht und findet neun Wege zu ihrem Studium, neue Tatsachen und Gesetzmäßigkeiten, und schließlich stellt er neue Erklärungen und Theorien auf.

Kritikfähigkeit: Die Selbständigkeit des Verstandes ist eng mit seiner Fähigkeit zur Kritik ver­bunden, also mit dem Vermögen, sich keinem suggestiven Einfluß fremder Ge­danken zu unterwerfen, sondern diese streng und gerecht zu bewerten, ihre star­ken und schwachen Seiten zu erkennen und das Wertvolle, das in ihnen liegt, sowie die darin enthaltenen Fehler zu ermitteln. Ein Mensch mit kritischem Verstand schätzt auch seine eigenen Gedanken und seine eigenen Leitsätze nach strengen Maßstäben ab, er prüft sorgfältig die von ihm selbst vertretenen Hypothesen. Er hält nicht jede Lösung einer Denkaufgabe, die in seinem Verstand auftaucht, für wahr, solange er nicht von ihrer tatsächlichen Richtigkeit überzeugt ist. Selbstkritik ist das Kennzeichen eines kritischen V erstandes.

Diszipliniertes Denken: Ein kritischer Verstand ist ein disziplinierter Verstand. Er versteht es, in weitem Umfange von der Einbildungskraft Gebrauch zu machen, wobei er sich auf diese stützt, wenn es Neues zu schaffen gilt, zugleich aber weiß er die Tätigkeit der Phantasie dort aufzuhalten, wo sie ihn auf einen falschen Weg, zu undurchführbaren Projekten und unrealen Plänen zu verführen droht.

Kreativität: Die Selbständigkeit und Kritikfähigkeit des Verstandes ist eine notwendige Voraussetzung für die schöpferische, Neues schaffende Tätigkeit des Menschen und die fortschrittlichen Ideen, die er vertritt. Gerade diese Eigenschaften sind nötig um die Wissenschaft vorwärtszutreiben und eine fortschrittliche Wissenschaft zu fördern, „deren Mitarbeiter, wenn sie auch die Stärke und die Bedeutung der in der Wissenschaft feststehenden Tradition begreifen und sie im Interesse der Wissenschaft gut anwenden, gleichwohl nicht Sklaven dieser Tradition sein wollen, sondern so kühn und entschieden sind, die alten Traditionen, Normen und Feststellungen zu zerbrechen, wenn sie veraltet und zu einem Hemmschuh für die Bewegung nach vorwärts geworden sind, und die es verstehen, neue Traditionen, neue Normen und neue Feststellungen zu schaffen.“ [2]


4. Die Elastizität des Verstandes

Die Elastizität des Verstandes besteht in der Fähigkeit, den Entwurf oder auch clie Methode einer Lösung zu variieren, wenn, sie sich als falsch erwiesen hat, als Ersatz dafür neue Forschungswege zu finden und von einem neuen Gesichts­punkt aus an den Gegenstand des Nachdenkens heranzugehen. Der Mensch mit einem biegsamen Verstand ist frei von Voreingenommenheiten und von schablonenhaften Methoden bei der Lösung einer Aufgabe. Er berücksichtigt die konkreten Umstände von Handlungen und Ereignissen und von jenen Wandlungen in ihnen, die eine Veränderung in der Fragestellung, einen Verzicht auf die frühere Lösung und die Übernahme einer neuen erfordern.

Flexibilität: Je veränderlicher die Bedingungen sind, unter denen der Mensch handeln soll, desto notwendiger ist für ihn die Elastizität seines Verstandes. In hohem Grade ist sie für große Politiker, Staatsmänner und Heerführer, die bei ununterbrochen wechselnden kriegerischen Verhältnissen Entscheidungen treffen müssen, erforderlich. Sehr wichtig ist sie auch für einen Gelehrten, der bei seiner wissenschaftlichen Arbeit häufig auf unerwartete Tatsachen stoßen wird, die einen Verzicht auf bisher vertretene Hypothesen verlangen, und der daher neue Erklärungen suchen und seine Forschungsmethoden abändern muß.

Dynamisches Denken: Das Leben mit seiner kontinuierlichen Entwicklung und den dabei entstehenden ständigen Veränderungen fordert von jedem Menschen Biegsamkeit des Verstandes. Gedankliche Trägheit und allzu großes Beharrungsvermögen sind mit der Dynamik des Lebens unvereinbar, sie entsprechen ihr nicht, sie antworten nicht auf die vom Leben gestellten Forderungen. Bei unseren großen Führern Lenin und Stalin finden wir die Fähigkeit ganz besonders ausgeprägt, Fragen neu zu stellen, und zwar entsprechend den konkreten Bedingungen des gesellschaftlich-politischen Lebens und den Veränderungen auf politischem Gebiet.


5. Die Folgerichtigkeit des Verstandes

Die Folgerichtigkeit des Denkens kommt in der Fähigkeit zum Ausdruck, eine logische Ordnung bei der Betrachtung einer Frage und eine logische Begründung, in den Überlegungen, also eine strenge Logik des Denkens, zu beachten. Ein Mensch mit einem solchen Verstand hält sich beim Nachdenken an das gewählte Thema, er schweift nicht ab und springt nicht von einem Gedanken auf den anderen über.

Logisches Denken: Wenn er eine komplizierte Frage betrachtet, so hält er sich dabei an ein bestimmtes Prinzip. Bei der Darlegung seiner Gedanken folgt er mit Scharfblick einer Ordnung dieser Darlegung und der Beachtung eines bestimmten Planes. Seine Überlegungen enthalten keine logischen Fehler. Wenn er die Wahrheit bestimmter Sätze anerkennt, so wird er ohne Scheu alle daraus sich ergebenden Folgerungen ziehen. Er ist um die Schlüssigkeit seiner Urteile besorgt und strebt danach, sie im höchsten Maße zu sichern. Ein folgerichtiger Verstand ist ein streng logischer Verstand. Die unerbittliche Logik bei den Überlegungen und außerordentliche Folgerichtigkeit im Denken charakterisiert die Arbeiten von Lenin und Stalin.


6. Schnelligkeit des Verstandes

Schnelligkeit im Denken ist immer dann nötig, wenn vom Menschen verlangt wird, eine rasche Entscheidung zu treffen. Im Kriege spielt diese Eigenschaft eine besonders wichtige Rolle. „Eine Minute entscheidet den Ausgang einer Schlacht“, sagte Suworow. Dieser Satz ist richtungweisend nicht nur für Truppen- und Heer­führer, sondern auch für jeden gewöhnlichen Soldaten.

Entscheidungsfreudigkeit: Der geringste Aufenthalt bei der Beurteilung der näheren Umstände oder beim Fällen einer Entscheidung kann für die Erfüllung der kriegerischen Aufgabe und für das eigene Leben des Soldaten verderblich werden. Jeder Soldat muß es verstehen, sich unverzüglich über die näheren Umstände zu orientieren, rasch eine Entscheidung zu treffen und große Schlagfertigkeit und Findigkeit zu beweisen. Groß ist auch die Bedeutung eines raschen Denkens bei allen anderen Arten menschlicher Tätigkeit.

Bedachtsamkeit: Man muß die Schnelligkeit im Denken von der Hast unterscheiden, mit der ein Mensch irgend etwas „flüchtig“ überdenkt, irgend etwas aufgreift auf Grund der ersten Einfälle, die ihm in den Sinn kommen, der sie nicht prüft und die vielen wesentlichen, für die Entscheidung der Frage erforderlichen Daten nicht berück­sichtigt. Die Geschwindigkeit in der Denktätigkeit darf nie auf Kosten ihrer Qua­lität, ihrer Weite, Tiefe, Folgerichtigkeit und Richtigkeit erfolgen.

[1] Lenin: Aus dem philosophischen Nachlaß. Dietz Verlag, Berlin 1949, S.286-287.
[2] Stalin, Rede über die Arbeitsmethoden an höheren Schulen vom 17. Juli 1938 (russisch)  

Quelle:
Kornilow/Smirnow/Teplow „Psychologie“, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1951, S.274-278.

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3 Antworten zu A.A. Smirnow: Eigenschaften des Verstandes

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    Eine echte Herausforderung, der sich scheinbar nur wenige stellen können oder wollen (?).

    Doch um dies Herausforderung anzunehmen, bedarf es zunächst einmal der Erkenntnis, dass das Denken, wie alle anderen Tätigkeiten des menschlichen Gehirns: das Sehen, Hören, Sprechen, Riechen, Schmecken und Fühlen erlernt werden muss.
    Beim Erlernen des Denkens hat der Mensch zwei großartige Helferinnen: Die Geometrie und die Mathematik [Mathematik: altgriechisch μαθηματική τέχνη mathēmatikē téchnē ‚die Kunst des Lernens‘, ‚zum Lernen gehörig‘)]

    Und zweitens bedarf es dazu, zu akzeptieren, dass nicht alles, was man selbst für das eigene Denken hält, überhaupt als Denken bezeichnet werden darf und es sich öfter als man “denkt“ um ein übernommenes Denken handelt, auf das der Mensch abgerichtet und dressiert wurde.
    Stichwort: Indoktrination: *Es wird einem eine falsche religiöse und/oder philosophische “Lehre“ beigebracht, die, weil der Mensch zunächst nichts anderes “erfährt“ oder kennt, von ihm nicht nur für wirklich, sondern für wahr gehalten wird.

  2. Atomino schreibt:

    mein Dank geht an eine solide polytechnische Ausbildung. Ohne breites wissenschaftliches Grundlagenwissen und eine materialistische Weltanschauung würden wir vielleicht heut noch Opferlämmer schlachten, wo doch gerade 2018 ein Jahr der Missernten war. Am meisten fasziniert mich die Erkenntnis, dass unser Verstand die bisher höchste Bewegungsform der Materie ist. Das alleine sollte uns schon zu denken geben, was es bedeutet, Mensch zu sein.
    Euch allen ein halbwegs aushaltbares 2019.
    rote Grüße,
    Atomino

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