Der französische Schriftsteller Romain Rolland (1866-1944)

romain rollandRomain Rolland [rɔ‘lã] ist ein Schriftsteller von Weltgeltung. Heute findet man seine Bücher kaum noch in deutschen Buchhandlungen. In den Regalen und auf den Büchertischen liegt aller möglicher Unrat herum. Unermüdlich kämpfte Rolland für Frieden und Völkerfreundschaft. Er war ein verständnisvoller Bewunderer des jungen Sowjetstaates. Seine Entwicklungsromane (u.a. „Jean Christophe“, 1904/12 [Erlebnis deutscher Musik]; „Die verzauberte Seele“, 1922/23 [von der Kritik am Bürgertum zum Kommunismus]), der aufrüttelnde Antikriegsroman „Clérambault“ (1920) sowie seine Monographien (u.a. „Beethoven“, 1903; „Das Leben Tolstojs“, 1911)  sind von hohem menschlichen und künstlerischem Rang und in viele Sprachen übersetzt. 1915 erhielt Romain Rolland den Nobelpreis für Literatur. In einer Würdigung seines bedeutenden Wirkens schreibt der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Pichler:

Das Tagebuch

Vor wenigen Jahren wurde in Paris Rollands Tagebuch aus den Jahren 1914-1919 veröffentlicht, das ein wichtiges Dokument über den ersten Weltkrieg darstellt. Rolland no­tiert darin die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen, in den Hauptstädten, so wie er sie aus den Zeitungen, aus seiner Tätigkeit beim Roten Kreuz, aus seinem Briefwechsel kennenlernt. Unter den Briefen, die er erhält, eine Fülle von Schmä­hungen, aber auch oft Äußerungen leidenschaftlicher Zustimmung von Freunden, von Unbekannten: „Sie sagen die Wahrheit! Sie müssen auch weiterhin zu den Völkern sprechen…!“

Ein kriegerisches Europa

Wenig tröstlich ist in den ersten Monaten das Bild Europas, das sich aus diesen Tagebucheintragungen abzeichnet:

  • Ver­sagen der sozialistischen Parteien,
  • chauvinistische Erklä­rungen führender Vertreter des Geisteslebens,
  • vorbehaltlose Unterstützung des Krieges durch die katholische wie die protestantische Geistlichkeit in allen Staaten,
  • breite Teile der Volksmassen von der Kriegspsychose erfaßt,
  • stete Aus­weitung des Krieges.

Ja, selbst in der neutralen Schweiz regen sich in den französischsprachigen ebenso wie in den deutsch­sprachigen Kantonen kriegerische Stimmungen.

Nobelpreis für Literatur

Ende 1916 wird ihm eine Anerkennung zuteil, die seinen Namen, wenn es dessen noch bedurft hätte, in der ganzen Welt bekanntmacht. Rolland erhält den Literatur-Nobelpreis. Er gilt dem Dichter des „Johann Christof“. Aber niemand täuscht sich darüber: die Verleihung des Preises durch die hohe Schwedische Körperschaft ist ebensosehr eine Auszeichnung des Mannes, der in einer von Kriegsstürmen erschütterten Welt an seinem Bekenntnis zum Frieden festgehalten hat.

Henri Barbusse*

Im Februar 1917 lernt Rolland ein Buch kennen, das den stärksten Eindruck auf ihn macht: „Das Feuer“ von Henri Barbusse. In seinem Tagebuch bemerkt er darüber:

„ ,Das Feuer‘ von Henri Barbusse gelesen. Höchst überrascht, daß in Paris ein so kühnes Werk. ohne irgendeine Streichung er­scheinen und sogar den Prix Goncourt erhalten konnte. Es ist ein hervorragendes Dokument über den französischen Soldaten im Schützengrabenkrieg, und man spürt bei diesem Prole­tariat der Armee deutliche Anzeichen für eine soziale Revo­lution, für den Zusammenschluß der hingeschlachteten Völker.“

Lenin und die Revolution

Die soziale Revolution, von der Rolland spricht, ist nicht mehr fern. Wenige Tage später stürzt das russische Volk den Zarismus, und Lenin kehrt nach Rußland zurück, wo er den Kampf eröffnet, der in der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution die Krönung findet. Doch noch befindet er sich … wie Rolland – im Schweizer Exil. Rolland hat den Namen Lenin bisher in seinem Tagebuch nicht erwähnt. Erst jetzt, wo sich die Blicke nach Rußland wenden, erfährt er von den Vorbereitungen der russischen Revolutionäre, den Kampf in der Heimat weiterzuführen.

„Ihr Führer ist Lenin, der als der Kopf der ganzen revolutionären Bewegung gilt“, heißt es im Tagebuch am 6. April 1917. Die Ententeländer verweigern den russischen Bolschewiki die Durchreise durch ihr Gebiet. So erfolgt die Heimfahrt im plombierten Wagen durch Deutschland. Die deutsche Regierung gibt ihre Zustimmung. Rolland hat seine Bedenken gegen dieses Projekt: „Ich zweifle in keiner Weise an der Vertrauenswürdigkeit der russischen Revolutionäre (sie ist über jeden Zweifel erhaben), und ich verstehe nur zu gut (besonders, da ich ihre Begeisterung kenne) ihre furchtbare Ungeduld beim Gedanken an die Kämpfe, die sich in diesen Tagen in Petersburg abspielen und wo sie nicht dabei sind. Aber ich kann nicht gutheißen, daß sie sich an die deutsche Regierung wenden …“

Und weiter heißt es:

Der Name Romain Rolland erfreute sich in Deutschland hoher Achtung. Die freundschaftlichen Gefühle des Mannes, der „Johann Christof“ geschrieben und sich im Kriege sein gesundes Urteilsvermögen bewahrt hatte, waren wohl bekannt. So war den Faschisten auch nichts daran gelegen, ihn zum Gegner zu haben. In den ersten Wochen ihrer Herrschaft ge­dachten sie sogar, ihn mit der Goethe-Medaille des Preußi­schen Staates für sich zu gewinnen.

Ein hervorragender Goethe-Kenner

Rolland war ja ein ausge­zeichneter Goethekenner und hatte u.a. 1930 eine vielbeach­tete Abhandlung „Goethe und Beethoven“ veröffentlicht (die ein Teil seiner umfangreichen, 1928/45 herausgegebenen Beethovenbiographie ist). Unter einer anderen deutschen Re­gierung, die sich in ihren Taten hätte mehr von dem huma­nistischen Geist eines Beethoven leiten lassen; wäre ihm die Auszeichnung eine hohe Ehre gewesen. Aus den Händen der Faschisten aber wollte er die Medaille nicht entgegennehmen.

Der deutsche Faschismus

„Das, was heute in Deutschland geschieht“, heißt es in Rol­lands Antwort an den deutschen Konsul in Genf, „die Vernichtung der Freiheit, die Verfolgung der regierungsfeind­lichen Parteien, die grausame und schmachvolle Ächtung der Juden, entfacht die Empörung der Welt und meine eigene. Es kann Ihnen nicht unbekannt geblieben sein, daß ich diese Empörung in öffentlichen Protesten zum Ausdruck brachte. Ich bin der Überzeugung, daß eine solche Politik Deutschland in den Augen von Millionen Menschen aller Länder zugrunde richtet; sie ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es ist mir unmöglich, eine solche Ehrenbezeigung von einer Re­gierung anzunehmen, welche diese Politik ihrem ideellen Pro­gramm und seiner Verwirklichung zugrunde legt.“

Arroganz der faschistischen Machhaber

Auch nach dieser eindeutigen Absage fehlte es nicht an Versuchen der faschistischen Machthaber, den Verfasser des „Johann Christof“ umzustimmen. Im Mai 1933 veröffent­lichte die „Kölnische Zeitung“ eine Zuschrift des Dichters, in der er seine Verurteilung des faschistischen Regimes be­gründete, nebst einer Erwiderung, in der davon die Rede war, daß Rolland sich irre und Deutschland mißverstehe. In dem vergeblichen Versuch, die Argumente Rollands zu entkräften, schrieb in der „Kölnischen Zeitung“ damals der Dichter Ru­dolf G. Binding: „Was fällt Rolland ein? Goethe ist so deutsch wie Göring oder Goebbels oder der SA-Mann Müller oder ich.“ Womit er freilich keineswegs Ebenbürtigkeit mit Goethe bewies.

Der Reichstagsbrand

Ein großes Verbrechen hatte den Nazis dazu gedient, ihre Macht zu befestigen: der Reichstagsbrand und die damit be­gründete Verfolgung der Oppositionsparteien. In Leipzig be­reiteten sie einen Prozeß vor, um Unschuldige wegen dieses von ihnen begangenen Verbrechens zu verurteilen. Doch die Weltöffentlichkeit ließ sich nicht irreführen. Rolland war eine der führenden internationalen Persönlichkeiten, die den in London geführten Gegenprozeß organisierten, der Beweise für die Schuld des Hitlerregimes erbrachte. Er schrieb Briefe an den Oberreichsanwalt, in denen er ihn auf dieses Material aufmerksam machte.

Die Wahrheit in die Welt getragen…

Er erhielt auch einen Brief des bulga­rischen Kommunisten Georgi Dimitroff, in der dieser seine Unschuld betonte und mitteilte, daß fünf Monate lang seine Hände Tag und Nacht in Fesseln gelegen hatten. Als schließ­lich nach dem Leipziger Reichstagsbrandprozeß Dimitroff und seine kommunistischen Mitangeklagten von den Macht­habern des Dritten Reiches freigelassen werden mußten, war dies ein unzweifelhafter Erfolg des Londoner Gegenprozesses und der unter aktiver Mitwirkung von Rolland geführten Aufklärungskampagne, die die Wahrheit über den Reichstagsbrand in alle Welt getragen hatte.


Und schließlich:

„Robespierre“ ist als Höhepunkt seines Dramenschaffens anzusehen, obwohl das Werk nicht leicht den Zugang zur Bühne findet… Der junge Rolland hatte einst geglaubt, er könne allen beteiligten Akteuren des großen Geschichtsdramas gegenüber in gleicher Weise Sympathie und Verständnis aufbringen. Der Autor des „Robespierre“ aber hat unverkennbar Partei ergriffen. Partei für die Revolution, Partei für den Mann, der sie auf ihren höchsten Punkt führte.

Gegen Profitmacher, Händler und Ausbeuter…

Partei ergreifen heißt für ihn freilich nicht, sich mit einer Schwarzweißzeichnung zu begnügen. Auch Robespierre hat seine Schwächen. Aber er ist der Mann, der am entschiedensten für das Glück des Volkes, für seine Rechte kämpft.

„Stets hieß es für mich“, so sagt er an einer Stelle im Gespräch mit Le Bas, „mit dem Volk und für das Volk gegen jene schamlose Klasse der Profitmacher, Händler und Ausbeuter … Die Bourgeoisie hat alles getan und wird auch weiterhin alles tun, um das Volk zu unterjochen und den Fortschritt der Revolution zu ersticken … So gut wie du und Saint-Just kenne ich die Notwendigkeit einer Klassenpolitik, die den Reichen ihr Raubgut entreißt zugunsten der Armen; das ist der Sinn unserer Ventose-Cesetze, Aber in der Durch­führung dieser Gesetze müssen wir vorsichtig sein. Wir müssen schonend vorgehen, solange noch der Feind im Lande steht. Die Reichen sind die Geldgeber, und die Versorgung der Trup­pen liegt in ihren Händen.“

In diesen Sätzen ist der unüberbrückbare Gegensatz an­gedeutet, der schließlich Robespierre scheitern läßt. Auf der einen Seite die unzuverlässigen Kräfte, denen er mißtraut und denen er sich doch nähert, ohne ihre Feindschaft entwaffnen zu können. Auf der anderen Seite das ihm ergebene Volk, dem er zu große Opfer auferlegt und das er von sich entfernt, so daß er am 9. Thermidor der Koalition seiner aus den verschiedensten Erwägungen verbündeten Gegner erliegt.

Robespierre scheiterte…

Aber nicht besiegt ist die Revolution. Sie hat die Ziele er­reicht, die sich unter den gegebenen gesellschaftlichen Be­dingungen verwirklichen ließen. Die Revolution wird weiter­wirken. Sie wird auch hinwegschreiten über diejenigen, die im Besitz der Früchte des Sieges ein für allemal den Reichen ihre Beute sichern und die Armen zur Unterdrückung uni Aus­beutung verdammen wollen.

 

Das Revolutionsdrama wird zum Zeitstück, wenn Robe­spierre im Gespräch mit einer alten, den guten Sinn des Volkes verkörpernden Bäuerin sagt:

„Ich hatte gedacht – ich habe mich geirrt – daß man alle guten Menschen zusammenschließen könnte…“
„Das geht vielleicht später mal“, antwortet die Alte, „später, mein Söhnchen! Tröste dich! Wir sind nicht mehr da, wenn es mal so weit ist. Aber wenn es so weit ist, da kommt’s nicht darauf an, daß man nicht mehr dabei ist! … Ich bin sicher, es genügt dir, zu wissen, daß es einmal so kommen wird.“

Die Internationale: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde…“

Später – das heißt in unserer Zeit. Und so gehen am Ende des Stückes die Klänge der Marseillaise, die die französischen Revolutionäre in ihrem Kampf für „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ begleiteten, über in die Melodie der Inter­nationale, das Kampflied der für den Sozialismus, für die Be­freiung der ganzen Menschheit voranschreitenden Arbeiter­klasse.

Dr. Rudolf Pichler: „Romain Rolland – Sein Leben in Bildern“. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1957, S.38f., S.52f. und 55-57. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

pdfimage Prof.Pichler: Romain Rolland


*Henri Barbusse (1874-1934) ist der Autor der berühmten Stalin-Biographie (pdf-Datei).

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