Eine Geschichte aus der sozialistischen Sowjetunion…

WAHRE FREUNDE

R.Frajerman

zimyj lesEinmal bin ich auf die Jagd gegangen. Es war öde im sibirischen Wald. Hohe Kiefern, die bedeckt waren mit Schnee, umgaben mich. Plötzlich sah in der Schneise einen Jungen. Er war, wie auch ich, auf Skiern und über seiner Schulter hingen ein Gewehr und eine Tasche. Doch in der Tasche befand sich nicht totes Wild, sondern es waren Bücher darin. Das war schon merkwürdig. Ich erfuhr von dem Jungen, daß er der Sohn eines Kolchosbauern sei und in einem kleinen Kolchos am Ufer eines Waldsees lebe, daß es dort insgesamt sechs oder sieben Höfe gebe und daher keine Schule vorhanden sei, er aber jeden Tag durch diesen Wald in den benachbarten Kolchos gehe, um zu lernen. 

Ich fragte ihn: „Hast Du keine Angst, allein zu gehen?“ Er erwiderte:
„Zu zweit wäre es lustiger. Aber die Kinder der Nachbarn sind noch klein. Ich warte noch ein Stück – sie werden heranwachsen, und wir werden zusammen gehen. Solange gehe ich noch allein. Die Mutter meinte zwar, ich solle bei der Schule wohnen. Aber ich will das nicht. Ich gehe, weil die Nachbarn das alle brauchen. Ich bringe doch die Bücher aus der Bibliothek und die Zeitungen. Wer kommt schon durch diesen Wald zu uns an den See! Und sie warten jeden Abend im Kolchos auf mich. Ich lese ihnen aus den Büchern vor. Und so gehe durch den Wald und schreie.

„Und warum schreist du?“
„Ich schreie, damit die Tiere mir aus dem Weg gehen: Sie hören mich und verschwinden bestimmt. Das Gewehr haben sie mir vom Kolchos gegeben, weil sie sich Sorgen um mich gemacht haben. Aber ich fürchte mich nicht.

Und der Junge lief weiter durch den Wald.
Ich ging ein wenig ziellos vor mich hin – und dachte nach, über den Jungen und die Bücher. Ständig hatte ich diesen Jungen vor Augen. Ja, so ist das – ein einfacher sowjetischer Schüler, wie er mit einer schweren Tasche durch den Wald läuft und mit seinem Ruf die Tiere warnt. Wahrscheinlich hat er selber Angst. Kaum jemand würde ihm das zutrauen: ein kleiner, freiwilliger Bücherträger. Und dank der Bücher, seiner wahren Freunde, vollbringt er eine Heldentat, die sehr groß ist für sein Kindesalter – und wie die Menschen durch ihn wachsen werden, weil er ihnen Leben ins Dorf bringt….

Quelle:
M.A Staats: Russische Chrestomathie. Volk und Wissen Verlags GMBH, Leipzig 1948, S.24-25.

(Übersetzung: Florian Geißler)


Freunde_0001Freunde_0002

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte der UdSSR, Sozialistische Literatur, Sozialistische Wirklichkeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Eine Geschichte aus der sozialistischen Sowjetunion…

  1. Pingback: Gut und moralisch wertvoll… | Sascha's Welt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s