W. I. Lenin: Welche Erfahrungen haben wir gemacht?

Rede Lenins

Rede Lenins vor Moskauer Arbeitern

Der Sieg der Großen Sozialistischn Oktoberrevolution im Jahre 1917 war beileibe kein Spaziergang. Dem vorausgegangen waren zahlreiche Aufstände und Streiks der arbeitenden Bevölkerung in Rußland, da das Joch der Ausbeutung und Unterdrückung, die Verfolgung aller Gegner es zaristischen Regimes unerträglich geworden war. Dem vorausgegangen war die erste proletarische Revolution im Jahre 1871 in Frankreich und die gescheiterte russische Revolution im Jahre 1905. Dem vorausgegangen war die Februarrevolution und der harte Klassenkampf gegen das verhaßte zaristische Regime. Und dem vorausgegangen war eine aktive und breitgefächerte politische Arbeit der Partei der Bolschewiki unter der Führung Lenins. Lenin schuf auf der Grundlage der wissenschaftlichen Arbeiten von Karl Marx und Friedrich Engels das theoretische und praktische Fundament für den Sturz des Zarismus und die sozialistische Revolution im damaligen Rußland. In einer Rede 2 Monate nach dem Sieg der Revolution faßte Lenin die bisherigen Erfahrungen noch einmal zusammen:  

BERICHT ÜBER DIE TÄTIGKEIT
DES RATS DER VOLKSKOMMISSARE
11. JANUAR 1918

Wie war das mit der Pariser Kommune?

Die Pariser Arbeiter, die zum erstenmal die Kommune, die Keimform der Sowjetmacht geschaffen hatten, fielen, nachdem sie sich 2 Monate und 10 Tage gehalten hatten, unter den Kugeln der französischen Kadetten, Menschewiki und rechten kaledinschen Sozialrevolutionäre. Die französischen Arbeiter mußten mit unerhört schweren Opfern den ersten Versuch einer Arbeiterregierung bezahlen, deren Sinn und Ziele der großen Mehrheit der Bauern in Frankreich unbekannt waren.

Warum hatte die Oktoberrevolution 1917 Erfolg?

Wir befinden uns in weit günstigeren Verhältnissen, weil die russischen Soldaten, Arbeiter und Bauern einen Apparat zu schaffen vermochten, der die ganze Welt über die Formen ihres Kampfes unterrichtet hat: die Sowjetregierung. Das ist es, was vor allem die Lage der russischen Arbeiter und Bauern im Vergleich zur Staatsmacht des Pariser Proletariats unterscheidet. Die Pariser Proletarier hatten keinen Apparat, und das Land verstand sie nicht. Wir dagegen fanden sofort eine Stütze in der Sowjetmacht, und deshalb haben wir nie daran gezweifelt, daß die Sowjetmacht die Sympathie und die wärmste, hingebungsvollste Unterstützung der gewaltigen Mehrheit der Massen genießt und also unbesiegbar ist.

Warum blieb die Sowjetmacht bestehen?

Die Leute, die der Sowjetmacht skeptisch gegenüberstanden und sie oft bewußt oder unbewußt verkauft und verraten haben, um mit den Kapitalisten und Imperialisten zu paktieren, diese Leute haben allen in den Ohren gelegen, daß sich eine Regierung einzig und allein des Proletariats in Rußland nicht halten könne. Als ob irgend jemand unter den Bolschewiki und ihren Anhängern auch nur einen Augenblick vergessen hätte, daß in Rußland nur eine Macht von Dauer sein kann, die es versteht, die Arbeiterklasse, die Mehrheit der Bauern, alle werktätigen und ausgebeuteten Klassen zu einer einzigen unlösbar verbundenen Kraft zusammenzuschließen, die den Kampf gegen die Gutsbesitzer und die Bourgeoisie führt.

Welche Bedeutung hatte das Bündnis mit den Bauern?

Wir haben nie daran gezweifelt, daß nur das Bündnis der Arbeiter und der armen Bauern, der Halbproletarier, von dem in unserem Parteiprogramm die Rede ist, in Rußland die Mehrheit der Bevölkerung erfassen und eine dauerhafte Unterstützung der Staatsmacht gewährleisten kann. Jeder bewußte Sozialist wird sagen, daß man den Sozialismus den Bauern nicht gewaltsam aufzwingen kann Und daß man nur auf die Kraft des Beispiels und die Aneignung der lebendigen Erfahrung durch die Bauernmasse rechnen darf. Wie hält sie es für zweckmäßig, den Übergang zum Sozialismus zu vollziehen? Das ist die Aufgabe, vor die jetzt die russische Bauernschaft in der Praxis gestellt ist. Wie kann sie selbst das sozialistische Proletariat unterstützen und den Übergang zum Sozialismus beginnen? Die Bauern haben bereits mit diesem Übergang begonnen, und wir haben volles Vertrauen zu ihnen.

Kann man mit anderen linken Kräften ein Bündnis eingehen?

Das Bündnis, das wir mit den linken Sozialrevolutionären geschlossen haben, ist auf einem festen Grund errichtet und festigt sich von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde. Wenn wir in der ersten Zeit im Rat der Volkskommissare befürchten mußten, daß der Fraktionskampf die Arbeit hemmen werde, so muß ich heute nach den Erfahrungen von zwei Monaten gemeinsamer Arbeit mit aller Bestimmtheit erklären, daß bei uns in den meisten Fragen einstimmige Beschlüsse zustande kommen. Wir wissen, erst dann, wenn die Erfahrungen den Bauern zeigen, wie zum Beispiel der Austausch zwischen Stadt und Land aussehen muß, stellen sie selbst, von unten her, auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen, die Verbindung her. Anderseits zeigen die Erfahrungen des Bürgerkriegs den Vertretern der Bauern mit aller Klarheit, daß es keinen anderen Weg zum Sozialismus gibt als die Diktatur des Proletariats und die rücksichtslose Niederschlagung der Herrschaft der Ausbeuter.
( B e i f a l l . )

Warum ist die Diktatur des Proletariats so wichtig?

Genossen! Jedesmal, wenn wir dieses Thema berühren, ob auf dieser Tagung oder im ZEK, bekomme ich von Zeit zu Zeit vom rechten Flügel den Zwischenruf zu hören: „Diktator!“ Jawohl, „als wir Sozialisten waren“, da haben alle die Diktatur des Proletariats anerkannt; sie schrieben sogar von ihr in ihren Programmen, sie entrüsteten sich über das verbreitete Vorurteil, daß man nur die Bevölkerung zu überzeugen, ihr nur zu beweisen brauche, daß es keine Ausbeutung der werktätigen Massen geben dürfe, daß das eine Sünde und eine Schande sei – und daß dann der Himmel auf Erden anbrechen werde. Nein, dieses utopische Vorurteil ist theoretisch längst zerschlagen worden, und unsere Aufgabe besteht darin, es in der Praxis zu zerschlagen.

Geht der Aufbau des Sozialismus auch ohne Gewalt?

Man darf sich den Sozialismus nicht so vorstellen, als ob die Herren Sozialisten ihn uns auf dem Teller, fix und fertig, präsentieren werden; das wird nicht so sein. Noch keine einzige Frage des Klassenkampfes ist in der Geschichte anders als durch Gewalt entschieden worden. Wenn die Gewalt von den werktätigen, ausgebeuteten Massen ausgeht, gegen die Ausbeuter, ja, dann sind wir für diese Gewalt!
( S t ü r m i s c h e r B e i f a l l . )

Warum gibt die Ausbeuterklasse ihre Macht nicht freiwillig her?

Und uns macht das Geschrei der Leute nicht im geringsten irre, die bewußt oder unbewußt auf der Seite der Bourgeoisie stehen oder von ihr so eingeschüchtert, durch ihre Herrschaft so an die Wand gedrückt sind, daß sie, wenn sie jetzt diesen unerhört scharfen Klassenkampf sehen, den Kopf verlieren, zu greinen anfangen, alle ihre Grundsätze vergessen und von uns das Unmögliche fordern, wir Sozialisten sollten ohne Kampf gegen die Ausbeuter, ohne Unterdrückung ihres Widerstands den vollen Sieg erringen. Die Herren Ausbeuter hatten bereits im Sommer 1917 begriffen, daß es sich um das „letzte Gefecht“ handelt, daß der letzte Pfeiler der Bourgeoisie erschüttert, das wichtigste und entscheidende Instrument zur Unterdrückung der werktätigen Massen ihren Händen entrissen werden wird, wenn die Sowjets die Macht erlangen.

Eben darum hat die Oktoberrevolution diesen systematischen unentwegten Kampf begonnen, mit dem Ziel, die Ausbeuter zu zwingen, ihren Widerstand einzustellen und – wie schwer das selbst den Besten unter ihnen auch fallen mag – sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß es keine Herrschaft der Ausbeuterklassen mehr geben wird, daß von nun an der einfache Mann kommandieren wird und sie ihm gehorchen müssen; wie unangenehm ihnen das auch sein mag, es hilft ihnen doch nichts.

Warum brauchen die Arbeiter Mut und Ausdauer?

Wir werden viele Schwierigkeiten zu überwinden haben, werden viele Opfer bringen müssen und viele Fehler machen, denn das ist ein neues, in der Geschichte beispielloses Werk, über das in den Büchern nichts verzeichnet ist. Natürlich, das ist der gewaltigste, schwierigste Übergang in der Geschichte, aber anders konnte man diesen gewaltigen Übergang nicht bewerkstelligen. Und wenn in Rußland die Sowjetmacht geschaffen worden ist, wenn Millionen der kleinen Schar von Parteiarbeitern zu Hilfe eilen, so zeigt das, daß über die reichsten revolutionären Erfahrungen die revolutionäre Masse selbst verfügt, die in der Tat ihre Ausbeuter an der Gurgel packt.

Werden die Kapitalisten ihren Kampf gegen die Sowjetmacht aufgeben?

Man sagt uns, die Sabotage, die die Beamten und Gutsbesitzer dem Rat der Volkskommissare gegenüber getrieben haben, beweise, daß sie nicht gewillt sind, dem Sozialismus entgegenzukommen. Als ob es nicht klar war, daß dieses ganze Kapitalistengesindel, diese Gauner, Lumpenproletarier und Saboteure eine einzige von der Bourgeoisie gekaufte Bande bilden, die sich der Macht der Werktätigen entgegenstellt. Natürlich, wer glaubte, daß man auf einmal vom Kapitalismus zum Sozialismus hinüberspringen könne, oder wer es für möglich hielt, die Mehrheit des Volkes davon zu überzeugen, daß man das durch die Konstituierende Versammlung erreichen könne, wer an dieses bürgerlich-demokratische Märchen glaubte, der möge ruhig weiter daran glauben, aber er möge sich nicht über das Leben beklagen, wenn es dieses Märchen zerschlägt.

Wird es auch weiterhin Klassenkampf geben?

Wer begriffen hat, was der Klassenkampf ist, was die Sabotage bedeutet, die die Beamten organisiert haben, der weiß, daß wir nicht auf einmal in den Sozialismus hineinspringen können, übriggeblieben sind die Bourgeois, die Kapitalisten, die hoffen, ihre Herrschaft wiederzuerlangen, und die ihre Geldsäcke verteidigen; übriggeblieben ist das Lumpenproletariat, eine Schicht von käuflichen Menschen, die vom Kapitalismus vollkommen zertreten sind, die nicht imstande sind, sich zur Idee des proletarischen Kampfes emporzuschwingen, übriggeblieben sind die Angestellten und Beamten, die glauben, der Schutz der alten Ordnung liege im Interesse der Gesellschaft.

Wie verhalten sich die Kapitalisten?

Wie kann man sich den Sieg des Sozialismus vorstellen ohne den völligen Zusammenbruch dieser Schichten, ohne den völligen Untergang sowohl der russischen als auch der europäischen Bourgeoisie? Können wir glauben, daß die .Herren Rjabuschinski ihre Klasseninteressen nicht erkennen? Sie eben bezahlen die Saboteure dafür, daß sie nicht arbeiten. Oder handeln sie jeder für sich? Handeln sie nicht zusammen mit den französischen, englischen und amerikanischen Kapitalisten, wenn sie Wertpapiere aufkaufen? Wir werden sehen, ob ihnen diese Käufe viel helfen werden. Werden sich nicht die Berge von Wertpapieren, die sie jetzt erhalten, als leeres, nutzloses altes Papier erweisen?

Wir müssen wir uns auf einen Bürgerkrieg einstellen!

Deshalb, Genossen, antworten wir auf alle Vorwürfe und Anklagen, wir praktizierten den Terror, die Diktatur, den Bürgerkrieg, obwohl wir bei weitem noch nicht einen wirklichen Terror angewandt haben, weil wir stärker sind als sie – wir haben die Sowjets, es wird genügen, die Banken zu nationalisieren und die Vermögen zu konfiszieren, um sie zur Unterwerfung zu zwingen –, deshalb antworten wir auf alle Anklagen, wir praktizierten den Bürgerkrieg: Jawohl, wir haben offen verkündet, was zu verkünden keine einzige Regierung imstande war. Die erste Regierung der Welt, die imstande ist, offen von Bürgerkrieg zu reden, ist die Regierung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenmassen. Jawohl, wir haben den Krieg gegen die Ausbeuter begonnen, wir führen diesen Krieg.

Warum sagen wir das so offen?

Je offener wir das aussprechen, desto eher wird dieser Krieg zu Ende gehen, desto eher werden die werktätigen und ausgebeuteten Massen uns verstehen, werden sie verstehen, daß die Sowjetmacht die wirkliche, die ureigene Sache aller Werktätigen vertritt.

Quelle:
W.I. Lenin: Dritter Gesamtrussischer Kongreß der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten. 10.-18. (23.-31.) Januar 1918. In: Werke, Bd. 26, S.455-472.(Fragen bzw. Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Bild: Выступление Ленина перед рабочими завода АМО 28 июня 1918 года. Налбандян Дмитрий Аркадьевич (1906 — 1973). Rede Lenins vor den Arbeitern des Werkes der Moskauer Automobilgesellschaft am 28.6.1918 (Gemälde von Dmitri Arkadjewitsch Nalbandjan, 1906-1973)

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4 Antworten zu W. I. Lenin: Welche Erfahrungen haben wir gemacht?

  1. Muß es nicht 11. Januar 1918 heißen? Lenin spricht doch in der Vergangenheitsform über die Oktoberrevolution.

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