Mao Tse-tung: Gegen den Liberalismus

Mao Zedong | Мао Цзэдун, 1937

Mao Tse-tung (1937) – Foto: Color by Klimbim

Mao Tse-tung (1883-1976) war ein bedeutender marxistisch-leninistischer Staats- und Parteiführer, der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Chinas. Und es hatte seinen Grund, warum er 1937 ausgerechnet zum Liberalismus Stellung nahm. In Europa hatte sich der Faschismus ausgebreitet. Hitlerdeutschland hatte die Folterkeller der SA ausgebaut und deutschlandweit ein Netz von Konzentrationslagern errichtet, in denen Zehntausende Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Antifaschisten von den Nazis ohne Gerichtsurteil gefangengehalten wurden. Sie mußten dort unter unmenschlichen Bedingungen, unzureichend ernährt und gekleidet, körperlich härteste Arbeit verrichten. Brutale Mißhandlungen, Folter und Mord gehörten zum Alltag dieser Stätten des Grauens. Die Nazis unterstützten in Spanien, gemeinsam mit den USA und Trotzkisten, das faschistische Franco-Regime. Im April 1937 bombardierten sie Guernica. Die Kriegsvorbereitungen der deutschen Faschisten liefen auf Hochtouren. Das war auch in China bekannt. Liberalismus, Freisinnigkeit und eine gleichgültige, bürgerlich-individualistische Geisteshaltung war in dieser Situation völlig unangebracht.

Mao Tse-tung

GEGEN DEN LIBERALISMUS

(7. September 1937)

Wir sind für den aktiven ideologischen Kampf, da er die Waffe ist, mit der die innere Geschlossenheit der Partei und der anderen revolutionären Organisationen erreicht wird, die ihre Kampffähigkeit gewährleistet. Jeder Kommunist, jeder Revolutionär muß sich dieser Waffe bedienen.

Der Liberalismus dagegen lehnt den ideologischen Kampf ab und bezieht die Positionen eines prinzipienlosen Friedens. Das bringt einen faulen, spießbürgerlichen Arbeitsstil hervor, der dazu führt, daß einzelne Gruppen und einzelne Mitglieder der Partei und der anderen revolutionären Organisationen politisch in Fäulnis übergehen.
Der Liberalismus äußert sich in verschiedenen Formen:

  1. Es ist bekannt und offenkundig, daß jemand falsch handelt; aber nur, weil er dein Bekannter, Landsmann, Schulkamerad, Busenfreund oder Liebster, alter Kollege oder Untergebener ist, führst du mit ihm keinen prinzipiellen Kampf, sondern gestattest ihm, auch weiterhin im gleichen Sinne zu handeln, nur um des lieben Friedens und der Freundschaft willen; oder aber du liest ihm ein bißchen die Leviten, löst jedoch die Frage nicht konsequent und restlos, damit nur ja alles ruhig und glatt sei. Im Ergebnis schadet das sowohl dem ganzen Kollektiv als auch der betreffenden Person.
  2. Du erlaubst dir verantwortungslose Kritik hinter dem Rücken. stellst aber nicht entschlossen die Fragen vor der Organisation; du sprichst einem nicht glatt ins Gesicht, sondern redest hinter dem Rücken; in Versammlungen schweigst du, nach den Versammlungen aber schwingst du Reden. Statt der Prinzipien des Kollektivismus herrscht in deinem Bewußtsein liberale Undiszipliniertheit.
  3. Wenn eine Angelegenheit dich persönlich nicht betrifft, bist du bemüht, dich von ihr soweit wie möglich fernzuhalten; obwohl du genau weißt, daß die Leute im Unrecht sind, hältst du es für besser, möglichst wenig zu reden: der Weise – so meinst du – weicht dem Bösen aus, um nur ja nicht selbst zu sündigen.
  4. Du fügst dich nicht den Anweisungen und stellst deine persönliche Meinung über alles; du willst, daß die Organisation sich um dich kümmert, wünschst aber nicht die Disziplin der Organisation anzuerkennen.
  5. Du führst nicht den Kampf gegen falsche Anschauungen, kämpfst nicht im Interesse des Zusammenschlusses, im Interesse der Vorwärtsbewegung und der Organisierung der Arbeit gegen sie an, sondern befaßt dich mit persönlichen Angriffen, mit Klatsch und Tratsch, mit persönlichen Abrechnungen und versuchst, dich zu rächen.
  6. Du hörst falsche Urteile, diskutierst aber nicht dagegen; mehr noch, selbst über konterrevolutionäre Gespräche berichtest du nicht, sondern nimmst sie gleichgültig hin, als wäre nichts geschehen.
  7. Du führst weder Propaganda noch Agitation unter den Massen, hältst keine Reden, machst dich nicht mit der Lage vertraut, stellst keine Fragen, nimmst dir die Lebensinteressen der Bevölkerung nicht zu Herzen, sondern bist allem gegenüber gleichgültig. Du vergißt, daß du Mitglied der Kommunistischen Partei bist und sinkst auf das Niveau eines einfachen Spießers herab.
  8. Wenn du Handlungen siehst, die die Interessen der Massen schädigen, bist du darüber nicht empört, überzeugst nicht, unterbindest sie nicht, leistest keine Aufklärungsarbeit, sondern duldest sie, drückst ein Auge zu.
  9. Du nimmst die Arbeit nicht ernst, arbeitest ohne einen bestimmten Plan, ohne eine bestimmte Richtung, pfuschst mehr schlecht als recht, bist froh, wenn der Tag um ist.
  10. Da du dich für einen verdienten Revolutionär hältst, brüstest du dich mit der Dauer deiner Parteizugehörigkeit, doch mit großen Aufgaben wirst du nicht fertig, bei kleinen aber winkst du ab, du arbeitest nachlässig, und auch beim Studium überanstrengst du dich nicht.
  11. Wenn du einen Fehler gemacht und das bereits begriffen hast, willst du ihn trotzdem nicht korrigieren und offenbarst damit Liberalismus dir selbst gegenüber.

Man könnte noch eine Reihe von Beispielen anführen. Aber die elf aufgeführten sind die wichtigsten. Das alles sind Erscheinungen des Liberalismus.

Warum ist der Liberalismus schädlich?

Im Kollektiv der Revolutionäre ist der Liberalismus äußerst schädlich; er ist eine Art zersetzendes Prinzip, das Zerfall der Einheit, Schwächung des Zusammenhalts, Passivität in der Arbeit, ideologische Zerfahrenheit hervorruft. Der Liberalismus führt dazu, daß die feste Organisation und Disziplin in den Reihen der Revolutionäre verlorengehen, daß die konsequente und restlose Durchführung der politischen Linie unmöglich wird und die Parteiorganisation sich von den unter ihrer Führung stehenden Massen loslöst. Das ist eine durch und durch schädliche Tendenz.

Woher kommt der Liberalismus?

Die Quellen des Liberalismus liegen in der eigensüchtigen, egoistischen Natur der Kleinbourgeoisie, die ihre persönlichen Interessen in den Vordergrund, die Interessen der Revolution dagegen in den Hintergrund rückt. Just daraus entspringt der Liberalismus in der Ideologie, in der Politik und in den organisatorischen Fragen.

Die Liberalen betrachten die Leitsätze des Marxismus als abstrakte Dogmen. Sie sind für den Marxismus, aber sie beabsichtigen nicht, ihn ins Leben umzusetzen, oder sie beabsichtigen nicht, ihn voll und ganz ins Leben umzusetzen; sie haben nicht die Absicht, ihren Liberalismus durch Marxismus zu ersetzen. Sie haben sowohl den Marxismus als auch den Liberalismus in Bereitschaft: In Worten sind sie Marxisten, in ihren Taten dagegen Liberale. Für die Leute haben sie den Marxismus und für sich selbst den Liberalismus. Sie haben sowohl den einen als auch den anderen in ihrem Gepäck, für jeden haben sie eine eigene Verwendung. So sind die Gehirne gewisser Leute eingerichtet.

Warum verabscheuen Kommunisten den Liberalismus?

Der Liberalismus ist eine der Erscheinungen des Opportunismus; er widerspricht von Grund auf dem Marxismus. Der Liberalismus ist Passivität; er hilft objektiv dem Feind. Deshalb werden sich unsere Feinde freuen, wenn in unserer Mitte der Liberalismus erhalten bleibt. Solcher Art ist die Natur des Liberalismus, und in den Reihen der Revolutionäre darf es für ihn keinen Platz geben. Durchdrungen von dem aktiven Geist des Marxismus müssen wir den Liberalismus mit seiner Passivität überwinden.

Wie verhält sich ein Kommunist?

Der Kommunist muß aufrichtig, treu und aktiv sein, die Interessen der Revolution müssen ihm teurer sein als das Leben, er muß die persönlichen Interessen den Interessen der Revolution unterordnen; er muß stets und überall die richtigen Prinzipien verfechten, einen unermüdlichen Kampf gegen jegliche falsche Ansichten und Handlungen führen und eben dadurch den Kollektivismus im Leben der Partei und die Verbundenheit der Partei mit den Massen festigen; er muß sich um die Interessen der Partei und der Massen mehr sorgen als um die Interessen einer einzelnen Person, sich um die anderen mehr sorgen als um sich selbst. Nur ein solcher Mensch ist würdig, Kommunist genannt zu werden.

Alle treuen, aufrichtigen, aktiven, festen Kommunisten müssen sich zum Kampf gegen die liberalen Tendenzen eines Teils der Parteimitglieder zusammenschließen und erreichen, daß diese Leute den richtigen Weg beschreiten. Das ist eine der Aufgaben unseres Kampfes an der ideologischen Front.

Quelle:

Mao Tese-tung, Ausgewählte Schriften (3 Bde.), Dietz Verlag Berlin, 1956, Bd.2, S-29-32. Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

pdfimage  Mao Tse-tung: Gegen den Liberalismus


In seiner „Taubenfußchronik“ schrieb der Historiker Dr. Kurt Gossweiler damals zu Tode von Mao Tse-tung:

9. September 1976
Heute, Null Uhr zehn Pekinger Zeit, ist Mao Tse-tung gestorben. Wären die Verhältnisse in der kommunistischen Welt normal, dann würden in allen sozialistischen Ländern die Fahnen auf Halbmast wehen, dann würden alle Kommunisten trauern um einen Führer seines Volkes und des Weltproletariats, der als einziger seit Stalins Tod verdient, unter die Klassiker des Kommunismus eingereiht zu werden. Mao ist der Fortsetzer der Sache von Marx, Engels, Lenin und Stalin. Wie ihr Werk, so wird auch das seine fortwirken in die Jahrhunderte. Um das zu würdigen, was er geleistet hat, müßten viele um­fangreiche Bücher geschrieben werden, und sie werden geschrieben werden!
Wenn man an diesem Tage die wichtigsten seiner Leistungen nennen soll, dann würde ich sie in folgenden sehen:
Mao Tse-tung hat die Chinesische Kommunistische Partei mitbegründet, er hat aus ihr eine wirklich proletarische, marxistisch-leninistische Partei gemacht im Kampf gegen alle unmarxistischen, unleninistischen Abweichungen. Mao Tse-tung hat die marxistisch-leninistische Revolutionstheorie entsprechend den Bedingungen der Ausbreitung der Weltrevolution auf die „Hinterhöfe des Imperialismus“, auf die sogenannte „Dritte Welt“, weiterentwickelt, hat die Völker dieser Länder gelehrt, wie man mit fast bloßen Händen den bis an die Zähne mit modernster Technik bewaffneten imperialistischen Gegner besiegen kann, er hat sie gelehrt, Wunder zu vollbringen, an deren Möglichkeit niemand glauben konnte, außer den Marxisten-Leninisten, die sich Maos Lehren angeeignet hatten. Die Richtigkeit dieser Lehren wurde erwiesen durch den Sieg der Volksbefreiungsrevolution in China und Vietnam, in Kuba, und sie erweist sich täg­lich im Befreiungskampf der afrikanischen Völker gegen Schon damit hätte er mehr getan, als alle Führer der kommunistischen Weltbewegung seit Stalin. Aber er tat viel mehr und nicht weniger Gewichtiges.
Als über die kommunistische Weltbewegung das Unglück der Tito-Chruschtschow-Verschwörung hereinbrach und für die sozialistische Staatengemeinschaft eine lebensgefährliche Situation heraufbeschwor, da war es Mao Tse-tung und mit ihm seine engsten Mitstreiter – Tschu Teh, Tschou En-lai u.a. – die die Strategie der Durchkreuzung des tückischen Komplotts der Chruschtschow-Clique, dieser verächtlichen Agenten des amerikanischen Imperialismus, ausarbeiteten und für die gelähmte Sowjetunion und die in der Spitze von den Feinden usurpierte KPdSU in die Bresche sprangen und wesentlich dazu beitrugen, daß der Einbruch des Feindes in die kommunistische Bewegung nach dem XX. Parteitag, nach dem Sieg der Tito-Kreatur Gomułka in Polen und nach der Konterrevolution in Ungarn nicht noch verbreitert werden konnte, sondern die Einbruchstelle abgeriegelt und ein langwieriger, kluger und weitsichtiger Kampf gegen die Verschwörer geführt wurde.
Quelle:
Kurt Gossweiler Die Taubenfußchronik oder Die Chruschtschowiade (2 Bde,), Verlag zur Förderung desr wissenschaftlichen Weltanschauung, München, 2005, Bd.II, S.489f.
Anmerkung: In der Folgezeit hat die Entwicklung dann allerdings – was nicht vorhersehbar war – einen völlig anderen Verlauf genommen. Die durch den Antikommunisten Chruschtschow 1956 eingeleitete Konterrevolution führte 1990 mit der Zerstörung der Sowjetunion zur größten Katastrophe in der Geschichte der Menschheit – der Niederlage des Sozialismus im Weltmaßstab.

Lies aber auch: Zum Maoismus…

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2 Antworten zu Mao Tse-tung: Gegen den Liberalismus

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