…und noch so ein gefälschtes Stalin-Zitat.

Fälschung Zitat StalinEs fällt immer wieder auf, daß insbesondere J.W. Stalin Aussagen untergejubelt werden, die er nicht gesagt hat, ja – nicht einmal gesagt haben könnte. Da diese falschen Aussagen offenbar meist unkritisch übernommen werden und sich kaum jemand der Mühe unterzieht, den tatsächlichen Ursprung des Textes zu ergründen, gilt es umso wachsamer zu sein, als es sich dabei um einen Versuch handelt, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte ins Zwielicht zu rücken. Man überfliegt, wie im nebenstehenden Beispiel,  die Quelle des „Zitates“ in der Annahme, dies sei bereits mehrfach überprüft worden und könne demnach auch nicht falsch sein. Doch wie naiv!

A. Djukow schrieb: In einer Reihe von Postings im Internet entdeckte ich erneut den Stalin zugeschriebenen Ausspruch:

„Nein, wir handeln richtig, wenn wir die Nationalisten aller Farben und Coleur streng bestrafen. Sie sind die besten Helfer unserer Feinde und die bösesten Feinde der eigenen Völker. Es ist doch der sehnliche Traum der Nationalisten, die Sowjetunion in ’nationale‘ Staaten zu zerstückeln, dann wird sie auch eine leichte Beute der Feinde sein. Und die Völker, die die Sowjetunion besiedeln, werden mehrheitlich physisch vernichtet, und der übriggebliebene Teil wird sich in stumme und beklagenswerten Sklaven der Eroberer verwandeln. Nicht zufällig haben die verachteten Verräter des ukrainischen Volkes, die Führer der ukrainischen Nationalisten, alle diese Melniks, Konowalzews und Banderas schon die Aufgabe vom deutschen Geheimdienst bekommen, unter den Ukrainern, die selbst Russen sind, den Haß auf die Russen anzuzünden und nach einer Abtrennung der Ukraine von der Sowjetunion zu streben. Es ist dasselbe alte Lied aus alten Zeiten noch aus der Periode des Römischen Reichs: teile und herrsche. Besonders weit vorangekommen beim Schüren von nationalen Streitigkeiten und der Hetze gegen andere Völker sind die Engländer. Dank einer solchen Taktik, daß die die beklagenswerten und käuflichen Führer verschiedener Völker bestochen wurden, hat die kapitalistische Insel England – die erste Fabrik der Welt, geringfügig klein in ihrer Größe, es geschafft, riesige Gebiete zu erobern, zu unterjochen und viele Völker der Welt zu berauben und ein ‚großes‘ britisches Imperium zu schaffen, in dem, wie die Engländer prahlend erklären, die Sonne niemals untergeht.“

Klingt recht logisch, nicht wahr? Angeblich soll Stalin diese Worte in März 1941 gesagt haben. Es gibt sogar noch einen Link zu J.W. Stalin: „Gespräch mit A.Jakowlew am 26. März 1941″, Werke, Bd.15, S.17. Den vollständigen Text des (angeblichen) „Gesprächs mit A.Jakowlew“ kann man hier nachlesen: http://www.marxists.org/russkij/stalin/t15/t15_02.htm (russ.)

Man liest, und man reibt sich die Augen: Und siehe da, Stalin kannte sogar die Pläne der Nazis zur Vernichtung der Juden, ein Jahr bevor sie überhaupt umgesetzt worden waren. Welch ein wundersamer Erfolg der sowjetischen Aufklärung! Es ist jedoch eine Fälschung, zweifellos! Zum ersten Mal wurde sie 1996 von W.M.Schuchraj eingeführt – im Band 15 der „Werke“ von J.W. Stalin und später wurde sie nachgedruckt.

Eine unnötige und stümperhafte Fälschung

Übrigens waren von dem Historiker Dr. M.I. Meltjuchow schon früher eine ganze Reihe Schuchrajscher Fälschungen in eben diesem Band 15 der Stalinwerke aufgedeckt worden:

„…veröffentlicht wurden im Band 15 der Werke J.W.Stalins (Мoskau, 1997) die folgenden gefälschten Dokumente: ,Rede vor der erweiterten Sitzung des Politbüros des ZK der Allunions-KP (B)‘ (Ende des Mai 1941) und ein ,Gespräch mit A.M. Lawrow am 18. Juni 1941′.

Der erstgenannte Text sollte beweisen, die sowjetische Führung keinerlei Angriffsabsichten hegte, und der zweite sollte zeigen, daß der allwissende sowjetische Nachrichtendienst dem Kreml nur die allerglaubwürdigsten Informationen über die Absichten Deutschlands, Japans, die USA und anderer Länder berichtete. Leider sind diese beiden Dokumente Fälschungen, deren Autor ganz offensichtlich W.M.Schuchraj ist, in dessen künstlerisch-publizistischem Buch sie zum ersten Mal erschienen.

Eine inhaltliche Analyse des ersteren Textes belegt, daß er eine ziemlich grobe Kompilation* aus den Erinnerungen G.K. Shukows und anderer Materialien ist. Im zweiten Dokument wird behauptet, daß ein gewisser Generaloberst A.M. Lawrow der Stalin persönlich unterstellte Vorgesetzte des Nachrichtendienstes und der Spionageabwehr gewesen sei. Doch keinem Forscher der Geschichte des sowjetischen Nachrichtendienstes ist einen solcher seltsamer Sonderdienst bekannt, und auch nicht dessen angeblicher Vorgesetzte. Auch 1941 war übrigens ein Generaloberst dieses Namens nicht bekannt. Freilich schreibt W.M.Schuchraj vorsorglich, daß A.M. Lawrow ein Pseudonym sei, das heißt wir haben es hier mit einer weiteren Variante eines angeblichen ,Geheimberater‘ Stalins zu tun.

Der Inhalt der Rede Stalins, die nach Meinung W.M. Schuchrajs am 12. Juni stattgefunden habe, ist ebenfalls eine Kompilation aus Materialien der neueren Forschungen über den Zweiten Weltkrieg. Leider haben einige Autoren diese ,Dokumente‘ unkritisch, sozusagen auf Treu und Glauben, übernommen, und es wird noch nicht einmal auf sie verwiesen.“

Quelle: М. И. Мельтюхов. Упущенный шанс Сталина. Советский Союз в борьбе за Европу: 1939–1941 гг. (документы, факты, суждения). М., „Вече“, 2002. С.6.

Also: Seien Sie wachsam!

Reflektieren Sie das, aber verbreiten Sie es nicht weiter!

Quelle: https://a-dyukov.livejournal.com/1375226.html (Übersetzung: Florian Geißler)

* Kompilation: [oft unschöpferische] Sammlung, Zusammentragung; Zusammenstoppelung.

Anmerkung: Aus unserer Sicht ist die Kritik an W.M Schuchraj völlig berechtigt. Nun kann man über den Kriegsteilnehmer und späteren Generaloberst der sowjetischen Sonderdienste Schuchraj denken was man will, doch leider wurden diese und weitere Erfindungen Schuchrajs auch von Gratschew in die russische Ausgabe der Stalin-Werke (Band 15) übernommen. Man sollte jedoch nicht unerwähnt lassen, daß auch M.I. Meltjuchow kein völlig seriöser Autor ist. Zwar muß man ihm in diesem Falle recht geben, doch in dem Sammelband „Die Unwahrheit des Viktor Suworow“ schreibt er beispielweise:

„…es ist heute ganz offensichtlich, daß die noch in der Sowjetperiode verbreitete Darstellung der Ereignisse von 1939-1941 einer wesentlichen Modernisierung bedarf. Vor allem muß man sich entschieden von der durch die sowjetische Propaganda eingeimpften, völlig phantastischen Idee einer gewissen pathologischen Friedfertigkeit der UdSSR verabschieden, dank derer in der Geschichtsschreibung das originale Bild verfälscht wurde.“ (Hervorh. – N.G.)
(Сборник: «Неправда Виктора Суворова», М., «Яуза» — «Эксмо», 2008. С. 5–75. М. Мельтюхов. «Главная ложь Виктора Суворова».)

Allein diese Formulierung, die von einer sowjetfeindlichen Voreingenommenheit des Autors zeugt, läßt seine sonstigen Einlassungen zur Geschichte der Sowjetunion als wahrheitsfremd und unhistorisch erscheinen. (vgl. auch: A.L. Kostin „Juni 1941. 10 Tage im Leben Stalins“ /russ. – А.Л. Костин Июнь 1941-го. 10 дней из жизни И.В.Сталина)


Siehe auch:

Ein gefälschtes Stalin-Zitat
Gefälschte Stalinbände
Gefälschte Zitate…

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