Karl Veken: Eine Begegnung mit Ernst Thälmann

JSDas Jahr 1929. Der Kommunist, antifaschistische Widerstandskämpfer und spätere DDR-Schriftsteller Karl Veken beschreibt die Situation der jungen Kommunisten, wie es damals war und wie er sie selbst erlebt hat. Eine unvergeßliche Begegnung der Jugend mit dem Hamburger Arbeiterführer und Reichstagsabgeordneten Ernst Thälmann – unserem „Teddy“. Er schreibt: „Die Jungkommunisten der Helders-AG durften einen Genossen auf die Schule schicken, die über Weihnachten in der Jugendherberge Oranienburg stattfand. Sie wählten Walter. Witschorek zupfte beim Abschied lächelnd sein Bärtchen…“

…mit heimlicher Bewunderung blickte Walter auf Jupp: Der hatte bereits für die Sache der Arbeiterklasse gesessen! Christel war nicht das einzige Mädel. Da war noch die lustige Helga mit der Klampfe. Sie stammte aus Thüringen. An der anderen Schmalseite der Tischreihe stand die blonde Marta. Ihr Gesicht war auffallend zart. Marta kam aus Chemnitz und sprach einen gezogenen sächsischen Dialekt, der Walter ein wenig spaßhaft erschien. Jetzt, während sie sang, lag strenger Ernst auf ihrem Gesicht. … Der Spaßvogel in dieser Runde von etwa zwanzig jungen Menschen war Heinz Vetter, den alle „Kleckser“ nannten; ein Malergeselle aus Hannover, der vor einem Jahr die Lehre beendet hatte. Er kniff beim Singen die Lider zusammen.Walter hatte von Pilo erfahren, daß Kleckser tollkühn und geschickt den höchsten Schornstein hinaufturnte, wenn Losungen anzumalen waren.

Erfahrungsaustausch  …und eine Pistole?

Das Lied verklang. Helgas letzter Gitarrenschlag hing in der Luft. Jetzt drängten alle zueinander, sie fragten nach Bekannnten oder erzählten von ihrer Arbeit. Pilo schob sich zu Walter. ,,Wir können im Wald schießen – ich hab was mitgebracht“, flüsterte er: ,,Kleckser kommt mit.“ „Hierher? Verrückt! Versteck das Ding – hier wird gebüffelt.“ „Willst du den Kapitalismus mit Büchern und Broschüren totschlagen?“
„Unsinn, Pilo, aber…“
Pilo war enttäuscht. „Du machst nicht mit?“
Auch in Walter erwachte die Lust, zu zielen und zu treffen, sich in Sicherheit und Genauigkeit mit anderen zu messen, den Reiz zu kosten, der im Spiel mit der Gefahr liegt, in der Erwartung des Knalls und des Aufschlags im Ziel.
„Versteck das Ding – wir gehen später einmal zusammen in den Wald“, sagte er. Pilo kniff ein Auge zu und verschwand.

Egon, der Herbergsleiter

Beim Abendbrot klopfte Egon auf den Tisch.
„Ihr müßt noch viel lernen, Genossen. Wenn ihr zum Beispiel eine Waffe versteckt, dürft ihr sie nie in den Strohsack stopfen. Wenn ihr es trotzdem tut, sorgt wenigstens dafür, daß kein verräterisches Gerinsel auf den Boden fällt. Bei einer Haussuchung sucht die Polizei zuerst in den Betten. – Der Knallkopf bekommt sein Eisen zurück, wenn er nach Hause fährt.“
Pilo machte ein langes Gesicht. Christel, die neben ihm saß, erriet, daß die Waffe ihm gehörte.
,,Ja, sie gehört mir!“ Pilo stützte angriffslustig beide Arme auf den Tisch.
Kleckser rief: „Vielleicht hat er gedacht, es gibt hier Wanzen!“
Als das Gelächter verebbte, sagte Egon: „Alles zu seiner Zeit! Hier wird nicht geballert – hier wird gelernt.“

Lehren aus dem Hamburger Aufstand

Nachdem sie ihre Margarinestullen und den Hering gegessen hatten, beherrschte Pilos Waffe das Gespräch. Pilo kramte eine Zeitung aus seinem Rucksack hervor.
„Hier ist Teddys Artikel über die Lehren des Aufstands in Hamburg. Er fordert von der Jugend … – Da steht es: kaltblütig, todesverachtend, der Sache der Arbeiterklasse grenzenlos ergeben, das Gewehr in der Hand (Pilo las mit anschwellender Stimme), vor sich die Barrikade…“
„Und du kommst mit einer lumpigen Puste zur Schule“, unkte Kleckser vorwurfsvoll. „Schäm dich, Pilo! Wo ist dein Maschinengewehr?“
Walter nahm Pilo die Zeitung aus der Hand. Er kannte Thälmanns Aufsatz. Während Marta in strengem Ton ersuchte, keine faulen Witze über eine ernste Sache zu machen, blätterte er und las vor: „Augenblicklich befinden wir uns nicht in der Periode des direkten Sturmes, des unmittelbaren Kampfes um die Eroberung der Macht … Wir brauchen vor allem die geduldige, mühselige, hartnäckige Tagesarbeit…“

Ein Streit: Muß man schießen können?

Die schöne Marta hob ein wenig schulmeisterlich den Finger gegen Pilo.
„Weißt du, daß 7000 revolutionäre Arbeiter in den Gefängnissen und Zuchthäusern sitzen? Viele davon sind durch Unvorsichtigkeit, Denunziation oder durch Provokationen in Verbindung mit Waffen oder Sprengstoff in die Patsche geraten. Die Reaktion gibt sich alle Mühe, uns als Putschpartei zu diffamieren, und du…“ ·
„Soll ich etwa für die Revolution beten?“ rief Pilo, wild geworden, „Ich habe, was ich brauche, wenn’s soweit ist.“
Walter wußte, was Pilo meinte: eine Mauserpistole, die mit sechzig Schuß Munition hinter dem Querbrett des herausnehmbaren Türrahmens verborgen lag, und eine Werkzeugkiste, aus deren Inhalt Pilo geballte Wurfladungen herstellen wollte, wenn die Revolution da war.
Christel bat ums Wort.
„Ich kann auch schießen, Pilo“, sagte sie. „Ich habe es ganz legal im Schöneberger Schießstand gelernt; zwölf Pfennig pro Schuß. Wir treiben legal Kleinkaliberschießen als Sport. Und Waffen? Waffen finden wir, wenn wir erst die Mehrheit der Arbeiterklasse für die Revolution gewonnen haben. Darauf kommt es an, Pilo, dafür sind wir hier.“ …

Eine freudige Überraschung…

Während des Streites war Herbergsvater Egon hereingekommen. Er stampfte den Schnee von den Füßen. „Am zweiten Weihnachtstag kommt Genosse Thälmann her. Er wird mit euch essen, dann bleibt er bis zum Abend bei euch. Fragt ihn, wie er’s meint!“
Noch vor fünf Minuten hielten sich manche der Streithähne für Koryphäen des Klassenkampfes – aber jetzt schmolz aller Ruhm dahin.
„Essen?“ rief Marta, die den Küchendienst übernommen hatte. „Was soll ich kochen?“
„Was im Fahrplan steht“, erwiderte Egon, „Erbsensuppe mit Knackwurst, dazu Gänsewein.“ Die Fragen schwirrten durcheinander. „Wer holt ihn ab? –
„Wer entwirft die Begrüßungsansprache?“ „Wer soll sie halten?“
„Wollen wir ihm eins singen?“ fragte die knopfäugige Klampfen-Helga aus Thüringen.
Christel rief: „Macht’s nur nicht so feierlich, sonst vergrault ihr ihn gleich. Das liebt er gerade!“
„Er soll merken, daß wir uns freuen“, protestierte Jupp. „Wir sind ja schließlich keine Rauschebärte. Er soll spüren, daß er bei der proletarischen Jugend ist. Wir holen ihn alle miteinander ab.“

Ernst Thälmann

Drei Tage lernten sie mit heißen Köpfen. Dann kam Ernst Thälmann. Breitschultrig, mit Joppe und blauer Schirmmütze, trat er vor die Schüler. Einen Augenblick lang war Stille. Aus dem Haus kam Tellergeklapper und halblaut Martas aufgeregte Stimme. ·
Thälmanns AThaelmannugen überflogen die Jugendgenossen. Die Schneeweite und die goldene Wintersonne machten das Meer blau seiner Augen noch blauer und die Helle seines Blickes noch heller.
Pilo räusperte sich aufgeregt: Jetzt kam seine Begrüßung! „Klappt alles?“ fragte Thälmann, als Pilo gerade beginnen wollte.
„Es klappt!“ gab der Chor zurück.
Pilo trat einen Schritt vor. Genosse Thälmann, wollte er sagen, die proletarische Jugend grüßt den Führer der deutschen Arbeiterklasse, den Führer des Hamburger Aufstandes – aber er kam nicht dazu, denn Thälmann fragte weiter: „Seid ihr mit den Referenten zufrieden?“
„Hermann Duncker ist eine Kanone“, kam die Antwort.
Teddy lächelte und blickte reihum in die strahlenden geröteten Gesichter.
Pilo trat von einem Fuß auf den anderen, er kam nicht zu Wort. „Auch Genosse Duncker ist mit euch zufrieden“, sagte Thälmann, worauf Pilo tief Luft holte.

Schneeballschlacht mit Teddy

Thälmann bückte sich plötzlich. Seine wuchtigen Pranken formten blitzschnell fünf, sechs, sieben Schneebälle und schleuderten sie auf die jungen Menschen. Ehe die zum Schuß kamen, prasselte mit Geheul empfangen, bereits die zweite Salve auf sie nieder. Es waren saftige Schüsse, und jeder traf sein Ziel.
Das Feuer wurde sofort erwidert. Die Lage für den Angreifer war schlecht – er hatte bereits seine blaue Mütze durch einen Volltreffer verloren. Der linke Flügel war im Begriff, die Umzingelung zu beenden. Da stürmte, einen großen Topfdeckel in der Hand, die blonde Marta aus Chemnitz die fünfstufige Steintreppe der Küche herab. Mit dem Kampfruf „für Teddy“ stellte sie sich vor ihn, glühend von der Herdhitze, kampflustig wie eine Amazone. Sie fing mit dem Deckel die Geschosse ab und schleuderte sie zurück.
„Für Teddy“, schrie plötzlich Pilo, sprang an ihre Seite und hielt den gefährlichen Flügel zurück. Christel stand schon neben ihm.
„Für Teddy!“ rief auch Walter Blum und wechselte die Front.
Auf einmal gab es keine Front mehr, es vollzog sich von einer Sekunde zur anderen. Im wilden Knäuel wälzten sich die Leiber durch den Schnee. Jeder trachtete brüllend danach, den Mund des anderen mit Schnee zu füllen oder sein Gesicht in den weichen Schnee zu stippen.

Strahlende Gesichter

Thälmann stand dabei, er schüttelte sich vor Lachen und war nicht in der Lage, seine Mütze aufzuheben – vor Entzücken über diese Orgie proletarischer Kraft und jugendlichen Übermuts. Mit dem Handrücken wischte er Augen und Nase, endlich konnte er auch seine Mütze fassen. Jetzt umringten ihn alle prustend und schreiend, lange Hauchfahnen ausstoßend. Sie klopften einander freundschaftlich, fast liebevoll, den Schnee ab.
„So ist das“, sagte Kleckser im tiefsten Baß, „Pack schlägt sich, und Pack verträgt sich!“
Marta präsentierte den Topfdeckel militärisch: „Genosse Teddy, die Jugendgenossen bitten dich zu Tisch.“ Teddy schnupperte. Die Speisekarte hing in der Luft: Erbsensuppe!

Erbsensuppe mit Knackwurst und Gänsewein

Walters Platz war neben dem Gast, der die Hände auf die Stuhllehne legte. Das klare Gesicht mit den leuchtenden Wasserkantaugen ließ Walter nicht los. Walter gegenüber stand Christel, neben ihr Pilo.
Der Gast schien sich für das Gedeck zu interessieren, zwei große Terrinen mit Erbsensuppe, in der Knackwurstscheiben schwammen; ein Wasserkrug und ein Dutzend Gläser standen daneben. Die gefüllten Teller dampften.
Thälmann, bis dahin ein wenig über seine Hände auf der Stuhllehne geneigt, richtete sich auf. Der verhaltene Mund gab ein frohes, lautloses Lachen frei. Walter sah die Verwandlung. Das war der Teddy, der die Hamburger Arbeiter mitgerissen hatte, den die Arbeiter liebten als ihren Freund und Führer. Er streckte die Arme zur Seite. Walter ergriff die Hand des Genossen. Im Nu war der Kreis geschlossen. Wie ein einziges Wesen richtete sich der Kreis auf, als ob ein Strom, ein Schlag ihn hochreiße, in die jungen Menschen fahre und die Augen zum Leuchten bringe.
„Mahlzeit, Genossen!“
Es fiel Walter flüchtig auf, daß sich Christels und Pilos Hände als letzte lösten. Pilos Augen glühten. … Auch Walter war sich bewußt, daß er etwas Unvergeßliches, etwas Großartiges erlebte.

Lernen – und nochmals Lernen 

Nach dem Essen lauschten sie vier Stunden gebannt der Schilderung vom Ausbeutungsfeldzug der deutschen Bourgeoisie, die den verlorenen Krieg auf das Volk abwälzen wollte. Aus den wasserhellen Augen Thälmanns war das frohe Lachen verschwunden, als er seinen Zuhörern erklärte:

„Die Machtergreifung des Proletariats ist kein einmaliger militärischer Akt – sie muß durch jahrelangen ausdauernden Kampf der Kommunisten und der Arbeiterklasse vorbereitet werden. Wir Kommunisten müssen nicht nur in Worten, sondern in der Tat Vortrupp, Führung, Wegweiser sein. Wir müssen eine Partei schaffen, wie die russischen Arbeiter sie geschaffen haben. Die Arbeiterklasse muß uns heiliger sein als unser Leben.“

Thälmanns Stimme brannte sich tief in Walters Herz ein. Er rief die Jugendgenossen auf, im Kampf neue, lebendige Methoden zu suchen, die das Bewußtsein der Arbeiter hochrissen und formten; die wie ein Blitz den lügnerischen Vorhang zerfetzen, mit dem die Kapitalisten das wahre Leben zudecken wollten. „Werft eure Jugend in die Waagschale der Klasse, stürmt vorwärts…“

Er sprach auch über die Lehren des Hamburger Aufstandes. „Wenn wir es verstehen, den Arbeitern das Wissen vom Sozialismus und von der Revolution, den Glauben an den Sieg zu geben, werden wir alle Waffen liaben, die wir brauchen .. Dazu müssen wir die Einheit der deutschen Arbeiterklasse schaffen.“

Was sind die heutigen praktischen Aufgaben?

Pilo brachte selbst seine Schußwaffe zur Sprache. Er sehe jetzt ein, daß er einen Fehler gemacht habe; aber ihn interessiere brennend alles, was mit Waffen zusammenhänge; er habe den Wunsch, ein militärischer Führer der Arbeiterklasse zu werden. Er hielt der Kopf gesenkt, als schäme er sich.

Thälmanns Gesicht spannte sich vor innerer Erregung. Der einfache Ausdruck von Liebe und Verbundenheit mit seinen Zuhörern rührte allen ans Herz. Er sprach:

„Die Arbeiterklasse wird ihren treuesten und erprobtesten Söhnen das Kommando über die Waffen anvertrauen. Pilo ist nicht der einzige, der von dieser hohen revolutionären Aufgabe träumt. Ihr wißt, daß in unserem Zentralkomitee eine Kommission die Probleme des bewaffneten Aufstandes studiert. Aber jetzt stehen die Probleme nicht praktisch, sondern theoretisch auf der Tagesordnung.“ Die Stimme wurde eindringlich und mahnend, es lief Walter kalt und heiß über den Rücken. „Hütet euch vor Spielereien mit diesen Dingen! Laßt euch nicht von Provokateuren verleiten! Wenn wir die Mehrheit der Arbeiterklasse für die Revolution gewonnen haben, wird euer Traum über Nacht Wirklichkeit werden.“

Walter fühlte, daß diese Stunde sein Leben entschieden hatte. Er verstand jetzt, was Witschorek gemeint hatte, als er sagte: „Teddy hat die richtige Linie!“

Quelle:
Karl Veken: „Auf >Tod und Leben“ Roman. Verlag Neues Leben Berlin 1961, S.66-73. (Zwischenüberschriften eingefügt – N.G.; Illustration: Jürgen Schnelle)


Siehe auch:
Wer war Ernst Thälmann?
Ernst Thälmann: Lehren aus dem Hamburger Aufstand
Jakob Weber: Begegnung mit Ernst Thälmann

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3 Antworten zu Karl Veken: Eine Begegnung mit Ernst Thälmann

  1. Ronny schreibt:

    Danke für diesen schönen Buchausschnitt. Ich hatte das Glück zwischen illegalen KPD Kämpfern im, wie Teddy es nannte, unsterblichen Barmbek groß zu werden. Es waren wunderbare, klassenbewußte Kämpfer mit einem einfachen, großen Herzen.
    Halten wir die Glut am glimmen, eines Tages wird ein Orkan sie anfachen.

    • sascha313 schreibt:

      So ist es, Ronny! 🙂 Vor diesem Hintergrund verblassen heutige „Lichtgestalten“, die durch nichts anderes auffallen, als durch respektlose und dumme Sprüche. Besinnen wir uns wieder mehr auf unsere wertvollen, proletarischen Traditionen!

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