Peter Franz: Martialische Idole

Kriegerdkm1Kaum ist der Krieg vorbei, wird für die „gefallenen Helden“ ein Denkmal geweiht. So zumindest, meinen die trauernde Mutter und die verlassene Braut, wird derer gedacht, die, wie man ihnen weismachen will „auf dem Felde der Ehre für’s Vaterland gefallen“ seien. Daß diese deutsche Lüge auch heute kein Ende zu nehmen scheint, beweisen die zahlreichen auf dem Gebiet der „ehemaligen DDR“ erneuerten und wieder „eingeweihten“ Kriegerdenkmäler der beiden Weltkriege. Und Bürgermeister und eigens eingeladene Vertreter der „Opferverbände“ beschwören erneut die Wichtigkeit des „Gedenkens“ – gleichwie der Krieg und die mit dem Denkmal verherrlichten Toten keineswegs den Dank und noch viel weniger Ruhm und Ehre verdienen, da beide deutsche Kriege, an die man hier zu erinnern beabsichtigt, Eroberungskriege waren, die unendliches Leid über die überfallenen Völker brachten. Pfarrer Peter Franz hat ein Buch geschrieben und mit der ihm eigenen Akribie das Wesen dieser heuchlerischen „Helden“- und „Opfer“-Mythologie entlarvt.

Zurecht wurden in der DDR diese martialischen Symbole einer dunklen Vergangenheit vernachlässigt. Umso mehr verwundert es, wenn heute aus einer Mischung von Rührseligkeit und untergründigen Revanchegedanken heuchlerisch der „Opfer von Krieg und Gewalt“ gedacht wird. Will man damit doch vermeiden, daß Ursachen und Drahtzieher der Kriege benannt werden und eine Gesellschaftsordnung in die Kritik gerät, die auch heute wieder (unter welchem Vorwand auch immer!) ihre Söldner und Soldaten in Kriegsgebiete entsendet, gewinnreich Waffen aller Art exportiert und ihre Armeen an fremden Grenzen stationiert oder gar – wie in den letzten Jahrzehnten mehrfach wieder geschehen – einmarschieren läßt, um Verwüstung, Tod und unbewohnbares Land zu hinterlassen. Wer’s noch immer nicht begriffen hat: Gemeint sind die USA und die anderen imperialistischen NATO-Staaten. Und Bürgermeister, Stadträte und Geldgeber solcher Huldigungsarien müssen sich schon ein paar Fragen gefallen lassen, wem ihr missionarischer Wiederherstellungseifer solcher Denkmäler eigentlich dient…


„Wir waren einmal Werkzeug in Verbrecherhänden.“ (Franz Fühmann)


Was sind und wozu dienen Kriegerdenkmäler?

von Pfarrer Peter Franz

Wer Kirchen besucht und die sie umgebenden Kirchhöfe betrachtet, kommt fast zwangsläufig an Tafeln, Monumenten und Inschriften vorüber, die eine kriegsgeschwängerte Vergangenheit an diesen Orten hinterlassen hat. Da kann man etwas lesen von „gefallenen Helden“, die „fürs Vaterland ihr Leben gegeben“ haben. Auf mancher dieser Tafeln begegnet uns der Bibelvers: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben läßt für die Freunde.“ [1]

Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Schicksals

Wer jedoch einmal mit einer der übrig gebliebenen Witwen jener getöteten Männer (ihre Mütter waren ja meist schon tot) sprach, wird mit Sicherheit deren Klage über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit ihres Schicksals vernommen haben. Nicht ein einziges Mal habe ich im Gespräch mit Kriegs-Überlebenden auch nur andeutungsweise Worte gehört, die so etwas wie einen „höheren Sinn“ oder ein bewußtes Bejahen des Kriegseinsatzes durch die Toten durchblicken ließen.

Und freudig singend zogen sie in den Krieg…?

Alle klagten sie über ein schicksalhaftes Muß der Einberufung der Männer, über deren Angst und Fluchtgedanken (die natürlich meist nicht realisiert wurden) und ließen Verachtung und Haß gegenüber einem Regime durchblicken, das ihnen die Männer und das Lebensglück genommen hatte. Warum aber dann diese Kriegerdenkmäler, die häufig nicht die Trauer, sondern ganz andere Gefühle widerspiegeln: Stolz, Trotz, Vcrehrungswlllen, verschwommene Hoffnungen und geradezu irrationale Zuversicht auf irgendeine zukünftige Umkehrung oder Wiedergutmachung ihres Sterbens?

Welche Botschaft soll vermittelt werden?

Welche Aufgabe haben die den Denkmälern zugedacht, die sie errichtet haben? Wir wollen noch einige zusätzliche Fragen stellen. Sollen sie nur an diese Verschollenen eines Krieges erinnern, oder haben sie auch noch andere Botschaften zu vermitteln? Reden sie nur von den Ausführenden vergangener Kriegszüge oder womöglich auch von den Absichten und Planungen der jeweiligen Staatsmacht, der sie damit dienten? Und welche Fragen ergeben sich aus ihrem tragischen Ende? Hat ihr Tod Auswirkungen auf die Lebenden und die Nachkommenden? Welche Schlußfolgerungen sind aus ihrem Sterben zu ziehen? Haben sie uns eine Botschaft zu vermitteln? Und welche wäre das?

Auf zu neuen Kriegen!

Zahlreiche Denkmäler liefern diese Botschaft deutlich und unübersehbar mit. Hat diese Botschaft für uns bleibende Gültigkeit? Oder sind nicht vielfach die falschen Konsequenzen gezogen worden? Warum ist nur wenige Jahre nach der Aufstellung der „Weltkriegsdenkmäler“ mit einer neuen Rüstungsrunde und dann mit einem noch furchtbareren Waffengang weitergemacht worden in Deutschland? Fast ist man versucht, als eine mögliche Lehre aus diesem Denkmalskult so zu sagen: Wo neue Denkmäler errichtet und alte geputzt werden, ist der neue Krieg nicht ferne. Muß das so sein? Muß das anders werden? So viele Fragen…

Eine trügerische Wortwahl – oder deutlicher: Demagogie!

Kriegerdenkmäler erinnern an umgekommene Soldaten. In älterer Zeit wurden diese Militärangehörigen ehrlicherweise noch als ,,Krieger“ bezeichnet und so schon mit dem Namen bei ihrem Auftrag behaftet, Krieg zu führen. Die Schrecken der „modernen“ Kriege unseres Jahrhunderts waren es dann wohl, die aus diesen Kriegern unter der Hand „Soldaten“, also Sold-Empfänger werden ließen, eine Art Lohnempfänger des Staatsunternehmens ,,Militär“. Die kriegerische Zielsetzung ist damit – semantisch zumindest – beseitigt. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg ist es in Deutschland üblich geworden, von diesen umgekommenen Kriegern gar als von „Opfern“ zu sprechen. Diese Wortwahl soll Mitgefühl und Mitleid erwecken und damit ihre ursprüngliche Beauftragung vergessen machen, mit der sie einst als Krieger losgeschickt worden sind.

Der Angriffskrieg ist ein Verbrechen!

Aber wer will heute schon gern einen Krieger beweinen, noch dazu den Soldaten eines Heeres, das einen Angriffskrieg gegen seine Nachbarvölker führte? Eine andere beliebte und im Volksempfinden verwurzelte Bezeichnung für den umgekommenen Militärangehörigen ist die Redeweise von dem „Gefallenen“. Mit dem Partizipium perfectum wird hier derjenige Soldat bezeichnet, den ein Schwerthieb erschlug, eine Kugel durchschoß oder eine Granate zerfetzte. Das Endergebnis des durch gewaltsame Handlungen des Kriegsgegners bewirkte Niederstürzen und Sterben auf dem „Feld der Ehre“ wird hier zum Adressaten des Gedenkens.

Die „Gefallenen“

Seltsamerweise spricht sich in dieser, offensichtlich modernen, Sprachform überhaupt kein Bewußtsein mehr aus von der jahrhundertelang in Geltung befindlichen biblisch-christlichen Wortbedeutung von „fallen“: … „Sündenfall“, „gefallene Schöpfung“, „durch Adams Fall ist ganz verderbt“ [2] u.ä. mehr. Was in der etwas verstaubten Redensart vom „gefallenen Mädchen“ noch mitschwingt, nämlich die Abgrenzung gegenüber einer moralisch eindeutig negativ bewerteten Verfehlung, davon ist beim „gefallenen Soldaten“ nichts mehr zu spüren. Während das gefallene Mädchen in bürgerlichen Kreisen früher in der Regel mit Verachtung gestraft wurde, genoß und genießt der gefallene Soldat auch heute noch durchweg Anteilnahme, Mitleid und sogar Verehrung. Er wird auf vielen, allzuvielen Kriegerdenkmälern geradezu zum „Helden“ stilisiert. Besonders pervers wird die Sache, wenn christliche Gemeinschaften dem Sterben der „gefallenen Helden“ aus ihren Reihen eine pseudotheologische Rechtfertigung geben.

Quelle:
Peter Franz: Martialische Idole. Eine Studie des Thüringer Forums für Bildung und Wissenschaft e.V. – Jena, o.D. S.7f. (gekürzt; Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)


Nachwort

Auf alle diese Fragen muß es eine Antwort geben, wenn künftige Kriege vermieden werden wollen. Und Peter Franz spricht viele der damit zusammenhängenden Hintergründe an. Warum zum Beispiel ist es „unchristlich“, wenn die Kirche Waffen oder Fahnen „segnet“? Die DDR war der erste Friedensstaat auf deutschem Boden – auch das muß man hier hervorheben! Und Pfarrer Franz tut das. Ebenso unterscheidet er sehr genau zwischen der Sowjetunion und den USA, wenn er über das Denkmal von Sergej Wutschetisch „Schwerter zu Pflugscharen“ schreibt:

„Kein abendländisch-christlicher Staat hat die Verwirklichung dieser Idee in Angriff genommen, sondern die ,atheistische‘ (!) Supermacht UdSSR, die von der anderen, den ,christlichen‘ (?) USA, aus dem Munde des damaligen Präsidenten Reagan zum ,Reich des Bösen‘ erklärt wurde.“ (ebd.S.118)

Auch muß deutlich unterschieden werden zwischen Ehrenmalen für die während der Befreiung Deutschlands vom Faschismus umgekommenen Sowjetsoldaten (die tatsächlich Helden waren!), und all diesen deutschen Kriegerdenkmälern und „Mahnmalen“, die nach 1990 in lügnerisch-gleichmacherischer Absicht für die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ errichtet und erneuert wurden.  Auch hierzu äußert sich Pfarrer Peter Franz eindeutig:

„In DIEHLSDORF (Kreis Sömmerda) werden auf dem ,zusammengeschusterten‘ Relikt eines ehemals größeren Denkmals kurzerhand zwei unterschiedliche Perioden deutscher Geschichte zu einer einzigen verschmolzen. Damit wird das faschistische Regime mit der antifaschistischen Nachkriegsordnung in einen Topf geworfen. Mit der einebnenden Bezeichnung ,Gewaltherrschaft‘ wird suggeriert, daß die faschistische Barbarei eine nahtlose Fortsetzung fand in der alliierten Besetzung Thüringens durch die US-Armee, die Zeit der sowjetischen Besatzung und schließlich die Periode von der Gründung der DDR bis zur sogenannten ,Wende‘.

Die Zeit der ersten Thüringer Naziregierung seit Januar 1930 bzw. seit August 1932 jedoch wird nicht unter das Verdikt der ,Gewaltherrschaft‘ gestellt, obwohl in dieser Zeit bereits zahlreiche Thüringer wegen ihrer Überzeugung oder ihres Bekenntnisses aus den Ämtern und Behörden verdrängt, die Künste vergewaltigt, der Wissenschaft und Literatur rassistische Zwangsjacken angelegt wurden.  Wie man unschwer erkennen kann, folgte diese Denkmalswidmung nicht eigenem Nachdenken, sondern den politisch-ideologischen Vorgaben aus der CDU-Zentrale, die die Losung von den ,beiden Diktaturen in Deutschland‘ ausgab und damit einer Verharmlosung des Naziterrors  im Bewußtsein ganzer Bevölkerungsschichten Tür und Tor öffnete.“ (ebd. S.124.)


Hier eine solche typische heuchlerisch-verlogene „Opferverehrung“ eines erneuerten Kriegerdenkmals:Mahnmal


Siehe auch:
Ein deutsches Denkmal – Diffamierung der Kommunisten und die Verharmlosung der imperialistischen Gewalt
Walter Ulbricht: Über die Ursachen der Kriege

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3 Antworten zu Peter Franz: Martialische Idole

  1. Rolf schreibt:

    Wenn es sich bei dem Bild zum Kriegerdenkmal um Ranis handelt, ich denke da immer an den „Buchenwaldmarsch“ …

    • sascha313 schreibt:

      Richtig. An die Todesmärsche, die von Buchenwald aus in alle Himmelsrichtungen führten und eine Blutspur erschossener Häftlinge hinterließen, hat wohl keiner der Anwesenden gedacht. Daran zu erinnern war ihnen die „Gedenkfeier“ wohl auch nicht wert…

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