Die Berge blau, und die Fahne ist rot. Zum Tode unseres Genossen Rudi W. Berger

RudiIm Alter von 95 Jahren starb in Langenwetzendorf bei Greiz unser Genosse Rudi W. Berger. Er war ein aufrechter Kommunist. Bis zuletzt hellwach hat er sich für die Verbreitung der wissenschaftlichen Weltanschauung von Marx, Engels, Lenin und Stalin eingesetzt, hat versucht, beim Poetry Slam jungen Menschen seine Gedanken zu vermitteln, war ein entschiedener Streiter gegen den Krieg, gegen Heuchelei und Unehrlichkeit, gegen Feigheit und geistige Trägheit. „Mit tiefer Betroffenheit haben wir die Nachricht vom Tod von Rudi W. Berger zur Kenntnis genommen. Aufmerksam und mit Zuversicht meldete er sich bis ins hohe Alter öffentlich zu Wort. Der Tischler, Berufsschullehrer, Journalist und Student des Literaturinstitutes ‚Johannes R. Becher‘ vom Jahrgang 1924 hatte viel mitzuteilen, was die Vergangenheit und mehr noch die Gefahren der Gegenwart betraf“, schrieben Dr. Michael Gölles, der Vorsitzende des Kreisverbandes Greiz des Deutschen Freidenker-Verbandes, Heike Cienskowski, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Freidenker-Verbandes Thüringen und Holger Steiniger (Linke).

NACHBEMERKUNG

von Rudi W. Berger

Wer Freiheit in Ketten und Knüppel der Gewalt verwandelt

„Das Wagnis“ und seinen Werdegang nenne ich respektvoll eine gelungene kollektive Arbeit mit vielerlei Erfahrungen, großer Begeisterung und Persönlichkeitsgewinn, ohne das soziale Umfeld einer DDR undenkbar. Doch dieses bemerkenswerte Ereignis nahm ein unerwartetes Ende, denn es wurde durch einen Mitarbeiter der Abteilung Kultur des Zentralkomitees der Partei vom Plan der Arbeiterfestspiele genommen.

Was der herrschenden Klasse nützt…

Das war für die gesamte Truppe erst einmal eine herbe Enttäuschung und für manch andere eine willkürliche Beschneidung schriftstellerischer Tätigkeit, mit Blick auf die sogenannte Unfreiheit in der DDR. Das aber ist schlichtweg eine aus Hass gegen sie geborene Erfindung, neuerdings Fake genannt. Denn diese unveränderbare, schier heilige Freiheit, worauf das zielt, gibt es nicht und hat es nie gegeben. Sie wird inhaltlich von den jeweils Herrschenden bestimmt und erlaubt ihnen alles, was ihrer Klasse nützt.

Ein Überwachungsstaat

Das wusste ich damals auch, allerdings ohne zu ahnen, welche Scheußlichkeiten und Verbrechen sie heute in ihrem Namen begehen. Dazu gehört auch wie Polizeistaat und Geheimdienste nicht nur in der Bundesrepublik zusammenarbeiten. Ein riesiger Überwachungsapparat mit gigantischen virtuellen Einrichtungen greift über alle Meridiane bis ins Private. Dafür könnte schon der Wortschatz meiner Bücher ausreichen, um in einem der elektronischen Raster als aufsässig und gefährlich markiert zu werden. Damit beginnt jene hundsgemeine Praxis gegen jeden Verdächtigen, der schließlich vor die Läufe eines Mordkommandos oder einer Drohne ins Ziel gerät. Man tötet den renitente „Übeltäter“ oder lässt ihn straflos verschwinden. Die Tatsachen zeigen, es ist nicht übertrieben.

Die Freiheit, die sie meinen…

Edward Snowden, der Ex-US-Geheimdienstler und viel genannte Whistleblower, machte es öffentlich, indem er diesen Skandal aufdeckte, wonach jene Verteidiger der sogenannten Freiheit, sie in einer Größenordnung missbrauchten, kaum überschaubar. Da waren ja die Mittel der Staatssicherheit für den notigen inneren und außerer; Schutz der Republik gegen die ständig geäußerte Bedrohung, sie zu vernichten recht bescheiden. Im Grunde brachte Snowdens nichts Neues, denn diese Einschränkung realer Freiheit, die sie anderer, zuschieben, praktizieren sie wann und wo auch immer selbst weit mehr. Massiv gegen Presse, Kunst und Literatur ihrer Widersacher gerichtet, lässt sie auch mich nicht aus, indem manche öffentliche Einrichtungen meine Bücher oder Lesungen handfester Gesellschaftskritik ablehnen.

Die „Thüringer Literaturtage“ und die Feigheit der Veranstalter

Die Thüringer Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis sind dafür ein deutlicher Beleg. Auf meine Bewerbung, dort mitwirken zu dürfen, bekam ich keine Antwort. Auch das zugeschickte entsprechende Buch blieb unbeachtet. Selbst beim Poetry Slam wurde ich, obwohl oft einziger Poet aus der Region, nie eingeladen, obgleich ich in vielen Städten des thüringisch-sächsischen Raumes erfolgreich auftrete. Meinem kritischen Anschreiben erwiderte man, als Lese-Zeichen e.V., Jena, die Autoren/Innen für das Veranstaltungsprofil aus einem Fundus von mehr als 90.000 Neuerscheinungen der deutschen Verlage pro Jahr auswählen zu müssen. „Jede andere Vorgehensweise widerspräche unserem Selbstverständnis als Literatur- und Kunstverein. Allein aus dieser Tatsache sind Ihre Zensurvorwürfe haltlos“.

Anpassung und Unterwerfung

Meine Entgegnung war hart, doch ohne Absicht zu beleidigen. Wollte ich sachlich und wahrhaft sein, blieb mir keine andere Wahl auch mit Blick auf den anscheinend so kritikwürdigen Parteifunktionär. Er hat im Auftrag seiner Partei die Lehre vom Kommunismus wider Altes und Überholtes, den Generationen jahrhundertelang eingeprügelt, durchzusetzen, vor allem gegen die Sozialisierung mit seinem Feind. Das ist jene als Massenerscheinung so viel geübte Anpassung, an dessen Beziehungen, Gefühle und Triebe, die einer geistig, emotionale Beschränktheit gleicht. Sie ermöglicht es, selbst Gegnern die eigene, ihm fremde bürgerliche Art aufzuzwingen. Es ist die erfolgreichste gegnerische Taktik, daran zu messen, dass bislang so viele Revolutionen verflachten und, das Ende der DDR einbezogen, brachial abgewürgt werden konnten.

…natürlich ist ihnen das keine Zensur!

Die Organisatoren der Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis wählen ebenfalls, lassen zu oder schließen aus wie der Funktionär. Obwohl als Besitzlose gleicher sozialer Herkunft wie er, entsprechen sie ihr nicht und setzen auf Autoren der ganz anderen Lesart. Doch das ist ihnen keine Zensur, weil selbst von dieser Sozialisation mit dem Gegner bestimmt. Das können oder wollen sie nicht begreifen. Anders oder gar dagegen, müssten sie Unannehmlichkeiten und Nachteile in Kauf nehmen.

Ein erbärmlicher Verrat!

Aber wozu? Sie werden für ihre Dienste hochgelobt und machen Karriere. Mehr noch, obwohl selbst dieser unbarmherzigen räuberischen Gesellschaft total ausgeliefert, sind sie willens, möglichen Widerstand aufzugeben. Wie so viele nehmen sie Verzicht und Opferbereitschaft auf sich. Ihre Zugeständnisse reichen unter bestimmten Verhältnissen höchstwahrscheinlich bis zum Äußersten: Sie gehen freiwillig in den „süßen Heldentod“ oder töten im kriegerischen und harten Klassenauseinandersetzungen den anderen im Bruderkampf. Das aber ist nicht nur irgendwelches Versagen, sondern Feigheit und Unterwürfigkeit gepaart, erbärmlicher Verrat an sich selbst und der eigenen Klasse.

Die neuen Freiheitsrecken

Das alles provoziert der Disput um Zensur und ist in Summe als genanntes Selbstverständnis zugleich das Credo dieses Vereines gewiss auch während der diesjährigen Literatur- und Autorentage. Der dornige Rosenzweig im Logo signalisiert Widerstand. Ingo Schulze [siehe Anmerkung unten] gehört zu den Gästen, die sie eröffnen. Einer jener Freiheitsrecken, die sich darüber freuen, dass es eine DDR nicht mehr gibt. Sein Wälzer „Neue Leben“ ist schon im Titel eine Täuschung, denn was uns darin begegnet, ist nichts anderes als ein verhunzter bürgerlicher Charakter, den er als neu verkauft. Gegen welchen Stachel mag einer wie er wohl löcken? Und jener Schwarm Literaturbegeisterte, der sich an solchen Tagen des Erfolges aufwärmt, ist aus kaum anderem Holz wie es Lenin skizzierte:

„Seid ihr denn, ihr Herren Schriftsteller, frei gegenüber euren bürgerlichen Verlegern, frei gegenüber eurem bürgerlichen Publikum, dass von euch Pornografie und Prostitution in Gestalt von Ergänzung zur heiligen Kunst der Inszenierung fordert.“ [1]

Sklaverei in Wort und Tat

Anders gesagt: Ihre Freiheit ist gleich eng wie die eines Sklaven, wenn auch gegen ein gewisses Entgelt. Im alten Rom konnte er, wenn zum Haus gehörig, gar Künstler und Gelehrte sein, allerdings um den Preis, in hündiger Abhängigkeit zu verkommen. Es ist völlig gleich, welcher sozialen Schichtung oder welchem Beruf wer zugehört, jeder ist gefährdet, seine Integrität zu verlieren. Nicht zuletzt erwischt es den braven Bürger in Uniform als Söldner in Afghanistan oder Afrika. (Das erinnert sogleich an die deutschen Kolonialtruppen unter General von Trohta, der, des Völkermordes schuldig, jene Hereros zu Tausenden in die Wüste Omaheke treiben ließ, wo sie verdursteten und verhungerten.)

Die gekaufte Mörderbande

Und der Soldat gehorcht, damals wie heute. Ob mit Bajonett, Handgranate oder Maschinengewehr: Zerschmettere den Feind, zermalme, mähe nieder. Kein Pardon, sei Deutschland und töte. Doch dann straft den bezahlten Totschläger und Mörder das Trommelfeuer des Gegners. Aus Angst eingepisst, krümmt er sich verschüttet wie im Grab. Ich ersticke. Zu Hilfe, Herrgott! Raus, nur raus hier. Einmal noch fressen, saufen und ein Weib aufreißen. Her mit dem süßen Fleisch, bevor du im Dreck verreckst. Nur einmal noch ficken fürs Vaterland, ficken, ficken. Alles für das liebe, gute Vater- und Mutterland!

Der Gestank der vermeintlichen „Freiheit“

Krieg ist eben Krieg, mosert der Unverstand, aber die sinkende Vernunft ist das Futter der Rohheit nicht nur in diesem Ausnahmezustand. Es wächst ihr durch Zeitungen, Fernsehen und Bücher alltäglich zu und hört nicht auf, durch Falschmeldungen oder ausgewählte tendenziöse Informationen jeglicher Medien, im Auftrag derer garniert, die sie besitzen. Selbst an diesem doch unbedeutendem Beispiel Burg Ranis wird offensichtlich, wie die Herrschenden als wenige den Duft der Freiheit vieler zum Gestank in Ketten und unter Knüppeln verwandeln und zu einem Grundelement unumgänglicher Klassen-auseinandersetzung mutiert.

„Wie kommt die Scheiße in die Köpfe!“

Wehedem, der den Knüppel aufhebt und sich wehrt. Gleich wird er beschimpft, geschnitten oder tätlich angegriffen, verfolgt und eingesperrt, denn er ist ja als Roter unverbesserlich und ein Terrorist. Dem erwidere ich auf gleiche Weise und mit dem Wort von Ronald Schernikau [2] auf dem letzten Schriftsteilekongress der DDR hinsichtlich der Umstände die zur Wende, besser Konterrevolution führten: „Wie kommt Scheiße in die Köpfe?“

Anmerkung von Rudi W.Berger:
Welches Land soll Deutschland sein? Darüber, wie in der OTZ zu lesen, diskutierten der Schriftsteller Ingo Schulze und der Sozialpsychologe Harald Welzer mit der Moderatorin Verena Krieger von der Universität Jena zur Eröffnung der 21. Thüringer Literatur und Autorentage auf Burg Ranis. Von kritischen und zugleich warnenden Tönen Welzers hinsichtlich wachsender Flüchtlingsfeindlichkeit, einseitigen Medien sowie des Umganges mit Konsum, Neid und Angst bestimmt und vor allem von einem Denken, was alle denken. Damit wandte er sich gegen die „Pathologie der Normalität“ als jene schier krankhafte Massenerscheinung, sich widerstandslos den Gegebenheiten anzupassen. Zugleich zitierte er das nicht weniger wichtige Wort des deutschen Philosophen Adorno vom falschen Leben, darin es kein richtiges gibt (Mit Marcuse und Horkheimer einer der Väter der „Achtziger“). Trotz der drängenden Themen gelang es allerdings nicht, mit entsprechenden Schlüssen und neuen Impulsen die Grenzen des Zeitgeistes hinter sich zu lassen. Der Disput, sich wesentlich in allseits bekannten Feststellungen und Betrachtungen erschöpfend, war damit zugleich das Spiegelbild heutiger inhaltlich so beliebigen und entleerten Landschaft von Kunst und Literatur. Das alles offen anzusprechen, dieses Versäumnis ist allerdings nicht allein den Gästen noch den Veranstaltern dieses viel besuchten und bedeutenden thüringischen Literaturfestivals anzurechnen, sondern vor allem der so dringend veränderungswürdigen gesamtgesellschaftlichen Situation.

Quelle:
Rudi W.Berger: „Berge blau und die Fahne rot“, Engelsdorfer Verlag Leipzig, 2018, S.229-234. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

[1] Siehe auch: W.I. Lenin „Parteiorganisation und Parteiliteratur“, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1970, Bd.10. S.33.
[2] Siehe auch: Was ist Freiheit, was ist Demokratie?


Siehe auch:
„Der byzantinische Dicher“ (Satirische Bemerkungen eines kritischen Zeitgenossen)

Auf Facebook:
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