Georg Klaus: Die Macht des Wortes

AristotelesVielfach werden wir heute von den Massenmedien mit Nachrichten konfrontiert, die teilweise falsch sind, bewußt gelogen sind oder einfach nur von der Realität ablenken sollen. Als einfachstes Kriterium für den Wahrheitsgehalt einer Mitteilung gilt selbstverständlich die Praxis. Doch nicht immer lassen sich Aussagen gleich unmißverständlich verifizieren oder falsifizieren. Mitunter dauert es sogar Jahre bis die Wahrheit ans Licht kommt. Der Mißbrauch der Sprache durch die herrschende Ausbeuterklasse, die Bourgeoisie, ist ein wichtiges Mittel zur Manipulation der Volksmassen.  Wahre Aussagen werden als fake news oder Verschwörungtheorie verunglimpft und falsche Aussgen als Zeitzeugenbericht hingestellt. Mit diesem Phänomen hat sich der marxistische Philosoph Georg Klaus schon vor fast einem halben Jahrhundert beschäftigt. Er wies nach, daß die Semiotik (die Lehre von den Zeichen) eine geeignete geistige Waffe im Klassenkampf ist.

In der Diskussion um die Sprachwissenschaft in der Sowjetunion hatte Stalin seinerzeit zurecht darauf hingewiesen, daß die Sprache nicht eine Klassensprache ist, sondern ein Kommunikationsmittel der ganzen Gesellschaft. Dennoch spiegeln sich in der Sprache, insbesondere in der Art und Weise, wie sie verwendet wird und wie sie auf andere Menschen wirkt,  Klassenunterschiede und bestimmte Klasseninteressen wider. Georg Klaus schreibt:

Die Sprachanalyse

Die Gedanken sind das wichtigste Instrument zur Abbildung der Wirklichkeit durch den Menschen. Die sprachlichen Zeichen sind die materielle Existenzform der Gedanken. Es liegt daher nahe, der Sprachanalyse im Rahmen der materialistischen Erkenntnistheorie einen zentralen Platz einzu­räumen, denn der pragmatische Aspekt dieser Analyse schlägt einerseits eine Brücke von der Erkenntnistheorie zum historischen Materialismus, zur Soziologie und zur Linguistik. Der historische Materialismus, die Soziologie und die Linguistik liefern andererseits der Erkenntnistheorie Material über die Art und Weise des Funktionierens der Sprache als gesellschaftliches Kommunikationsmittel.

Die neuen Dimensionen der Sprache

Die relative Eigengesetzlichkeit der Sprache ist letzten Endes nur durch das Zusammenwirken von Linguistik, Erkenntnistheorie, historischem Materialismus und Soziologie aufzuklären. Diese Tatsache ist von besonders großer gesellschaftlicher Bedeutung. Die modernen technischen und physikalischen Entdeckungen lassen die Erde immer mehr zu einem einheitlichen Nachrichtenraum werden. Wenn wir einheitlich sagen, so meinen wir selbstverständlich nicht die inhaltliche Seite des Nachrichtenflusses, sondern die technischen Möglichkeiten der Kommunikation, der Nachrichtenverarbeitung, -speicherung usw. Durch diese neuen Möglichkeiten sind die Dimensionen, in denen die Gesellschaft mit der Sprache umgeht und mit ihr konfrontiert wird, ins Gewaltige angewachsen.

Bild

Ein Objekt O, das gedanklich abgebildet wird, wird in einem Denk- und Sprechprozeß P1 erfaßt, und die Resultate dieses Denk- und Sprechprozesses werden in einem Prozeß P2 in Gedanken bzw. Sätzen fixiert. Der spezifisch pragmatische Aspekt dieses Abbildprozesses ist der gesellschaftliche Bezug, in dessen Rahmen und unter dessen Beeinflussung sich die Prozesse P1 und P2 vollziehen.

Der Einfluß auf das gesellschaftliche Bewußtsein

Mit Hilfe der neuen Massenkommunikationsmittel wie Zeitung und Rundfunk, Fernsehen und Film können Millionen von Menschen ohne zeitlichen Verzug und nahezu an beliebigen Orten die gleiche Nachricht empfangen; auf Grund der technischen Möglichkeiten ist den Menschen eine Fülle ver­schiedenartiger Nachrichten zugänglich. Diesem Umstand muß sowohl bei einer erkenntnistheoretischen Untersuchung der Faktoren, die auf den Men­schen einwirken, als auch bei einer historisch-materialistischen und soziologi­schen Analyse des gesellschaftlichen Bewußtseins Rechnung getragen wer­den.

Die Schwierigkeiten der Rückkopplung

Dabei ist z.B. zu beachten, daß der durch die Massenkommunikations­mittel realisierte Kommunikationsakt bestimmte Besonderheiten von sozio­logischer Bedeutung aufweist: so ist etwa die Rückkopplung zwischen Sender und Empfänger sehr viel komplizierter als beim natürlichen Kom­munikationsakt. Daraus ergeben sich einerseits besondere Anforderungen an die Gestaltung der Nachricht. Andererseits erhöhen sich aber auch die Gefahren des Mißbrauchs, der Manipulierung; wenn der unmittelbare Kon­takt zum Sender einer Nachricht erschwert ist, dann verhält sich der Emp­fänger dieser Nachricht gegenüber unbeteiligter und damit auch unkritischer, zumindest nimmt die Kritik andere Formen an und wird auch in ihrer Motivierung komplizierter.

Beeinflussung der Massen

Zeitungs- und Rundfunkwesen, Fernsehen und Film haben sich in der jüngsten Vergangenheit stürmisch entwickelt und besitzen heute außerordentlich große Bedeutung für die ideologische und politische Beeinflussung der Massen. Deshalb muß den angedeuteten Mög­lichkeiten und Besonderheiten dieser Kommunikationsarten vor allem Rech­nung getragen werden bei einer richtig betriebenen Propaganda und Agitation, aber auch bei einem wirksamen Kampf gegen den Mißbrauch der Massenkommunikationsmittel.

Die antikommunistische Lügenpropaganda

Der pragmatische Aspekt der semiotischen Analyse wird in den kapitali­stischen Ländern systematisch sowohl als Mittel als auch als theoretische Grundlage für eine politische und soziologische Propaganda ausgebaut, die vom Antikommunismus und seinen Schlagworten bis zur Lehre vom Ver­schwinden der Klassengegensätze, von der Betriebsharmonie und Betriebs­demokratie bis zur Reklame für die angeblich beste Zahnpasta reicht.

Erfolgreiche sozialistische Agitation und Propaganda

Es ist in marxistischen Kreisen vielfach üblich geworden, über diese Form der geistigen Aktivität der imperialistischen Ideologen entweder zu lächeln oder sie empört als Massenbetrug und Massenverdummung abzutun. Es geht aber nicht schlechthin darum! Wissenschaftlich interessant ist in erster Linie doch die Frage, weshalb diese Methoden mindestens teilweise Erfolg haben und sich manchmal tatsächlich als außerordentlich wirkungsvoll erweisen. Will man die ideologische Auseinandersetzung allseitig und für den Sozia­lismus maximal erfolgreich führen, so muß man den Gegner und seine Waffen kennen. Die Semiotik, und insbesondere ihr pragmatischer Aspekt, ist eine dieser Waffen.

Quelle:
Georg Klaus: Die Macht des Wortes. Ein erkenntnistheoretisches, pragmatisches Traktat. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1972, S.28-29. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Semiotik

Die Semiotik untersucht die allgemeinen Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten von Zeichensystemen, insbesondere von Sprachen. Als Zeichen betrachtet die Semiotik beliebige materielle Gebilde, die auf etwas hinweisen, etwas mitteilen. Die semiotik untersucht folgende Grundfunktionen der Zeichensysteme:

  • die Ausdrucksfunktion, d.h. die Beziehungen zwischen zulässigen Zeichen eines Zeichensystems;
  • die Mitteilungsfunktion, d.h. die Funktion der sprachlichen Verständigung und die Voraussetzungen des richtigen Verstehens von Zeichen durch den Hörer oder Leser, dem die Mitteilung gemacht wird;
  • die Funktion, den Hörer bzw. Leser, dem die Mitteilung gemacht wird, zu einer bestimmten Handlung zu veranlassen, bestimmte Einstellungen und Gefühle in ihm hervorzurufen.

Diesen Funktionen entsprechend unterteilt man die Semiotik in Syntaktik, Semantik und Pragmatik.

Quelle:
Fiedler/Gurst (Hrsg.): Jugendlexikon Philosophie. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1987, S.165.

(P.S. Weggelassen wurde in der vorstehenden Erklärung über die Semiotik die nonverbale Kommunikation, die Sprache von Bildern, Gesten, Mimik, Haltungen und Verhaltensweisen,  Empfindungen, Geräuschen bzw. Musik. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei übrigens auch die Kleidung, die von gesellschaftlichen Normen, Modeerscheinungen und individuellen Präferenzen bestimmt ist und Rückschlüsse auf die betreffende Person zuläßt.)
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