Wilhelm Meißner: Die DDR und der Frieden

Berlin - Brandenburg Tor_2.jpg
Die DDR war ein Friedensstaat. Gemeinsam mit der Sowjetunion und den anderen Staaten des Warschauer Vertrages (eines im Jahre 1955 in Warschau abgeschlossenen „Vertrags über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“) unternahm die Partei- und Staatsführung der DDR zahlreiche Initiativen, um die akute Gefahr eines neuerlichen Krieges in Europa abzuwenden und zur friedlichen Koexistenz von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung überzugehen. Doch durch den westdeutschen Imperialismus wurden die Friedensbemühungen der DDR immer wieder torpediert. Mit Sabotage, Wirtschaftsspionage und durch hinterhältige politische Winkelzüge versuchten die Machthaber der BRD, das friedliche Nebeneinander an der Trennlinie zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu erschweren. Mit der Sicherung ihrer Staatsgrenze gelang es der DDR im Jahre 1961 schließlich den von Seiten der USA geplanten Atomkrieg zu verhindern. Der DDR-Politiker Wilhelm Meißner (1899-1994) schrieb im Jahre 1957 über Friedensbemühungen der DDR:

Die Bestrebungen zur kollektiven Sicherheit, zur Abrüstung und die Gewährleistung des Friedens

von Wilhelm Meißner

Das vornehmlichste Ziel unserer Außenpolitik besteht darin, mit allen Kräften zur Erhaltung und Festigung des Friedens beizutragen. Sie tritt für die Minderung der internationalen Spannungen, für das Verbot der Massen­vernichtungswaffen und eme allgememe Ab­rüstung auf dem Gebiet der herkömmlichen Streitkräfte und Rüstungen, für die Schaffung eines gesamteuropäischen kollektiven Sicher­heitssystems ein. Das ist zugleich der Weg, um der Wiedervereinigung Deutschlands auf fried­licher und demokratischer Grundlage näher­zukommen.

Bedingungen für die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands

Die friedliche Wiedervereinigung Deutsch­lands, die Verhandlungen zwischen beiden deut­schen Staaten erfordert, wird nur möglich, wenn die Hindernisse abgebaut werden, die von den Regierungskreisen der drei Westmächte und der Bundesrepublik errichtet wurden und den Weg zu einem einheitlichen und fortschrittlichen Deutschland versperren. Das bedeutendste äußere Hindernis ist die Mitgliedschaft Westdeutsch­lands im aggressiven NATO-Block und in ande­ren imperialistischen Gruppierungen. Konkrete Maßnahmen auf dem Gebiet der Abrüstung, die Herbeiführung einer gesamteuropäischen kollek­tiven Sicherheitsregelung würden günstige Bedin­gungen für die Überwindung der der friedlichen Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Wege stehenden Hindernisse schaffen und somit die Herstellung eines einheitlichen, friedlichen und demokratischen Deutschlands erleichtern.

Welche Schritte unternahm die DDR?

Indem die Außenpolitik unserer Republik auf die Entspannung der internationalen Lage, auf die Herbeiführung einer effektiven Abrüstungs­regelung und die Schaffung gesamteuropäischer kollektiver Sicherheit gerichtet ist, dient sie der friedlichen Lösung der Deutschlandfrage auf demokratischer Basis. Auch im Jahre 1956 stand diese Aufgabe weiter im Mittelpunkt unserer Außenpolitik.

  • Die Deutsche Demokratische Re­publik leistete selbst einen aktiven Beitrag zur Minderung der Spannungen in der Welt und zur Abrüstung, indem sie ihre Streitkräfte freiwillig auf 90.000 Mann reduzierte und auf die Einfüh­rung der Wehrpflicht verzichtete.
  • Gemeinsam mit den anderen Partnern des Warschauer Ver­trages trat sie auf der Tagung des Politischen Rates dieses Paktes im Januar 1956 für die Schaffung eines gesamteuropäischen kollektiven Sicherheitssystems, für die Bildung einer kontrollierten Zone der Begrenzung der Streitkräfte und Rüstungen, für die Begrenzung der Streit­kräfte der beiden deutschen Staaten und ihre Nichtausrüstung mit Atomwaffen, für die Redu­zierung der ausländischen Streitkräfte in Deutschland sowie für den Abschluß von Nichtangriffs­pakten zwischen den Staaten ein.

Was erklärte Ministerpräsident Otto Grotewohl?

Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik begrüßte die Verhandlungen des Unterausschusses der UN-Abrüstungskommission, die im Frühjahr des vergangenen Jahres [1956] in London stattfand. Ministerpräsident Otto Grotewohl erklärte dazu in einer Rede in Erfurt:

„Die Regie­rung der Deutschen Demokratischen Republik begrüßt aufrichtig jeden Schritt, der zur Min­derung der Spannungen, zur Abrüstung, zur Schaffung von Frieden und Sicherheit beiträgt, und ist bereit, ihn nach Kräften zu unterstützen. Sie drückt die Hoffnung aus, daß die Londoner Abrüstungsverhandlungen zu konkreten Ergeb­nissen führen mögen, die der Stärkung des Frie­dens und der Sicherheit dienen und damit Vor­aussetzungen schaffen, die unser Volk der fried­lichen und demokratischen Wiedervereinigung seines Landes näherbringen.“ [1]

Welche Vorschläge unterbreitete die DDR?

Die Deutsche Demokratische Republik unter­nahm im vergangenen Jahr unermüdliche An­strengungen, um zu einer Entspannung der Lage in Deutschland, zur Normalisierung des Ver­hältnisses zwischen beiden deutschen Staaten zu kommen. Die Regierung unterbreitete mehrfach kon­krete Vorschläge zur Entspannung in Deutschland, so am 18. Januar, am 29. Mai, am 29. Au­gust und am 3. November 1956. Sie schlug u. a. vor, daß beide deutsche Staaten

  1. für einen gesamt­europäischen Vertrag über kollektive Sicherheit,
  2. für eine kontrollierte Abrüstungszone,
  3. für den schrittweisen Abzug der ausländischen Truppen in Deutschland eintreten sollen,
  4. auf die Aus­stattung ihrer Streitkräfte mit Atomwaffen, auf die Herstellung von solchen Waffen in Deutsch­land sowie auf die Vorbereitung eines Atom­krieges verzichten und
  5. sich für die Begrenzung der Streitkräfte der beiden deutschen Staaten und
  6. die Nichtstationierung von Atomwaffen auf deutschem Territorium einsetzen.

Die Regierung erklärte sich wiederholt zu Ver­handlungen über alle diese Vorschläge bereit.

Wie reagierten die Machthaber in der BRD?

Die herrschenden Kreise der Bundesrepublik hingegen haben ihren außenpolitischen Kurs der Politik der Stärke, des Wettrüstens, des Strebens nach Vorherrschaft in Westeuropa und der Kriegsvorbereitung in verstärktem Maße fort­gesetzt und lehnten alle Vorschläge zur Entspan­nung und zur Abrüstung kategorisch ab. Im Zusammenhang mit den Londoner Abrüstungs­verhandlungen ließ Dr. Adenauer in einer herausfordernden Verlautbarung seines Auswär­tigen Amtes erklären:

„Keine deutsche Regierung wird bereit sein, Vorschläge ernsthaft zu disku­tieren, die die Entspannung auf der Grundlage einer auch nur vorübergehenden Anerkennung oder stillschweigenden Hinnahme der Teilung Deutschlands bewirken wolle.“ [2]

Die Remilitarisierung der BRD

Die Adenauerregierung will also jede Vermin­derung der Spannungen von der Wiedervereini­gung Deutschlands als NATO-Staat abhängig machen. Die Erklärung enthüllt die Unsicherheit und Sorge jener westdeutschen Kreise, die sich der Aufrüstung verschrieben haben und die immer deutlicher spüren, daß der Widerstand gegen die Entfesselung eines neuen Krieges immer stärker wird und immer breitere Kreise erfaßt.

Diese revanchistischen Kräfte haben Furcht davor, daß unter dem Druck der Volksmassen Abrü­stungsvereinbarungen zustandekommen, die der Politik der Stärke und der Remilitarisierung den Boden unter den Füßen entziehen und in Deutsch­land Bedingungen schaffen, die die Verständi­gung der Deutschen aus Ost und West über die friedliche und demokratische Wiedervereinigung ihres Vaterlandes ermöglichen. Deshalb erfolgten die Fanfarenstöße des Auswärtigen Amtes in Bonn, die der Welt abermals zeigten, daß der deutsche Imperialismus der Störenfried in Europa ist und nicht nur Entspannung und Sicherheit in Deutschland, sondern im Weltmaßstab ver­hindern möchte.

Die Aggressivität des westdeutschen Imperialismus

Die aggressive Rolle der Deutschen Bundes­republik zeigt sich besonders deutlich in dem Verhalten ihrer herrschenden Kreise zur Deut­schen Demokratischen Republik. In panischer Sorge vor der wachsenden Autorität der Deut­schen Demokratischen Republik setzt die Bun­desregierung ihre allerdings illusorischen Ver­suche fort, die Existenz der Deutschen Demokra­tischen Republik zu leugnen. Die Bundesregie­rung beansprucht die Nachfolge des ehemaligen Deutschen Reiches für sich allein und schreckt nicht vor Erpressungen, Drohungen und vor offener Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder zurück, um die inter­nationale Stellung der Deutschen Demokrati­schen Republik zu beeinträchtigen.

Der klare politische Standpunkt der DDR

Es soll – gerade weil die westdeutsche Bundes­regierung in den letzten Wochen des alten und ersten des neuen Jahres so viel Mühe verwandte, die Existenz der Deutschen Demokratischen Republik wegzureden – noch einmal wiederholt und nachdrücklich betont werden:

  • Die An­maßung der westdeutschen Bundesregierung, als alleinige Vertreterin ganz Deutschlands in den internationalen Beziehungen aufzutreten, ist gegen die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands gerichtet und soll die „Rechtsgrundlage“ für die Pläne des deutschen Impe­rialismus schaffen, die Deutsche Demokratische Republik gewaltsam zu beseitigen und ein mili­taristisches NATO-Gesamtdeutschland herzu­stellen.
  • Der Bonner Alleinvertretungsanspruch ist ein gefährliches politisches Manöver, das jeder völkerrechtlichen Grundlage entbehrt. Die Deutsche Demokratische Republik ist ein souveräner, gefestigter und zudem friedlicher demokratischer Staat, der auch durch solche „Deklarationen“ nicht aus der Welt geschafft werden kann. Alle Versuche, die Deutsche Demokratische Republik zu beseitigen, sind zum Scheitern verurteilt. Es ergibt sich die ernste Gefahr eines dritten Welt­krieges, wenn die deutschen Imperialisten ver­suchen sollten, die Deutsche Demokratische Republik anzugreifen.
  • Die Versuche der Bundesregierung, andere Staaten von der Herstellung normaler diplo­matischer Beziehungen zur Deutschen Demo­kratischen Republik abzuhalten, stellen eine grobe Einmischung in die inneren Angelegen­heiten dar und verletzen das Völkerrecht.
  • Es widerspricht auch dem Völkerrecht, wenn ver­schiedene Depositärstaaten für internationale Konventionen sich weigern, die Beitrittserklä­rungen der Deutschen Demokratischen Republik entgegenzunehmen oder wenn verschiedene inter­nationale Organisationen die Aufnahme der Deutschen Demokratischen Republik mit der Begründung ablehnen, daß Deutschland bereits durch die Bundesrepublik vertreten sei. Alle diese Schritte ignorieren die völkerrechtlichen Ansprüche der Deutschen Demokratischen Re­publik und werden deshalb entschieden zurück­gewiesen.
  • Die Behauptung der Bundesregierung, die Herstellung diplomatischer Beziehungen zur Deutschen Demokratischen Republik durch dritte Staaten bedeute die völkerrechtliche An­erkennung der Spaltung Deutschlands und ver­tiefe damit die Zweiteilung unseres Vaterlandes, ist eine grobe Irreführung.
  • Die friedliche Wieder­vereinigung ist Sache des deutschen Volkes, sie erfordert Verhandlungen zwischen beiden deut­schen Staaten und macht ihre friedliche Annähe­rung unerläßlich. Die Deutsche Demokratische Republik wird niemals zulassen, daß die aggres­sive NATO auf ganz Deutschland ausgedehnt wird, daß die Revanchisten, die Europa und die ganze Welt schon zweimal in diesem Jahr­hundert mit unsäglichem Leid überzogen haben, abermals in ganz Deutschland die Macht erhalten.

Die diplomatische Anerkennung der DDR

Die Existenz der Deutschen Demokratischen Republik ist die Gewähr für das zukünftige ein­heitliche, friedliche und demokratische Deutsch­land, das mit allen Staaten gleichberechtigte und freundschaftliche Beziehungen unterhalten und ein fester Hort des Friedens in Europa sein wird. Die diplomatische Anerkennung der Deut­schen Demokratischen Republik durch andere Staaten ist ein unerläßlicher Beitrag dazu, daß dieses friedliche Deutschland auf dem Wege der Verständigung zwischen der Deutschen Demo­kratischen Republik und der Deutschen Bundes­republik entstehen wird.

Die gefährlichen Pläne des deutschen Imperialismus

Die Sorgen gewisser, zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Deutschen Demokratischen Republik bereiter Staaten sind deshalb vollkommen unbegründet, wenn sie glauben, mit der Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik die Spal­tung Deutschlands weiter zu vertiefen. Es kann in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden, daß jene Staaten, die ihre Beziehungen zu Deutschland auf die Bundesrepublik be­schränken, bewußt oder unbewußt den gefähr­lichen Plänen des deutschen Imperialismus und Militarismus Vorschub leisten.

Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs

Mit diesen Darlegungen steht auch das Pro­blem der Rechtsnachfolge im unmittelbaren Zu­sammenhang. In der Erklärung vom 29. August 1956 wies die Regierung der Deutschen Demo­kratischen Republik darauf hin, „daß, solange auf deutschem Territorium zwei deutsche Staa­ten bestehen, beide Staaten Nachfolgestaaten des ehemaligen Deutschen Reiches sind“ [3] Mit der offiziellen Betonung der Nachfolge leitet sich nicht nur das Recht ab, daß die Mitwirkung der Deutschen Demokratischen Repu­blik bei Angelegenheiten, die Deutschland be­treffen, unerläßlich ist, sondern damit erklärt sich die Deutsche Demokratische Republik auch bereit, über Verpflichtungen des ehemaligen Deutschen Reiches zu verhandeln.

Für Frieden und Völkerverständigung

Das vergangene Jahr hat, wenn die Ereignisse abschließend eingeschätzt werden, erneut deut­lich gemacht, daß die friedliche und demokrati­sche Außenpolitik der Deutschen Demokrati­schen Republik bedeutende Erfolge errungen hat, Erfolge, die im Interesse des deutschen Volkes liegen und die dem Frieden und der Völkerverständigung dienen. Dieser friedliche und demokratische Weg unserer Außenpolitik stärkt und festigt das internationale Ansehen unserer Republik und damit ganz Deutschlands.

Die Völker der Welt erkennen in zunehmendem Maße, daß die Deutsche Demokratische Repu­blik die fortschrittlichen Kräfte Deutschlands repräsentiert. Die Außenpolitik der Deutschen Demokratischen Republik wird immer mehr zum Vorbild für ganz Deutschland. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik wird auch im Jahre 1957 konsequent ihre auf die Erhaltung des Friedens gerichtete Innen- und Außenpolitik fortsetzen.

Wilhelm Meißner

[1] Neues Deutschland, 6.4.1956
[2] Erklärung des Auswärtigen Amtes der BRD
[3] Neues Deutschland, 30.8.1956
Quelle: Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik, Verlag Die Wirtschaft, Berlin, 1957, S.130-132. (Zwischenüberschriften u. Gliederung eingefügt, N.G,.)

Heute muß man sagen, daß diese Bemühungen der Staats- und Parteiführung der DDR um eine friedliche Koexistenz zwar nicht vergeblich waren, doch durch die konterrevolutionäre Entwicklung in der UdSSR nach dem berüchtigten XX.Parteitag der KPdSU 1956 und mit der sogenannten „friedlichen Revolution“ 1989 (einer offenen Konterrevolution) in einer der bisher größten Katastrophen für die gesamte Menschheit endeten: Die Zerschlagung des sozialistischen Weltsystems führte nicht nur zu erheblichen Menschenverlusten, sondern brachte auch die brutalste, räuberischste Enteignung des gesamten Volkes der Deutschen Demokratischen Republik mit sich. Das führte zum Erstarken des Imperialismus und zu neuen Kriegen in der Welt. Der Kapitalismus ist nicht imstande die globalen Menschheitsprobleme in der Welt zu lösen. Die einzige Ausweg besteht darin, daß die vereinte Arbeiterklasse die herrschende Kapitalistenklasse davonjagt und erneut mit dem Aufbau des Sozialismus beginnt. Ein friedliches Hineinwachsen in eine gerechte Gesellschaft, so wie das linke und rechte Revisionisten propagieren, ist unmöglich. 


Siehe auch:

Emil Collet: Die DDR – ein Meisterwerk
Vergebliche Schmähung der DDR
Was war die DDR aus historischer Sicht?

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2 Antworten zu Wilhelm Meißner: Die DDR und der Frieden

  1. Johann Weber schreibt:

    Der 13. August ist nicht mehr weit. Jeder kann selber verfolgen ob die Medien (incl. Den Alternativen) über die Verhinderung der Atombombenabwürfe durch die NATO auf das Gebiet der DDR berichten werden. Es wird auch hier nur das große Schweigen ausbrechen. Die seit jahrzehnten altbekannt DDR-Hetze wird sich wieder abspielen.

    Hier einige Hintergrundinfo, die belegen, dass der Bau der Berliner Mauer die Menschen in der DDR und in der Alt-BRD für einer Atombombenabwurfkatastrophe bewahrt hatte.

    Auszug aus dem Buch
    „Die Erinnerungen“ von Franz Josef Strauss, Seite 380-388
    Unter dem Kapitel „Berlinkrisen und Mauerbau“ schreibt Franz Josef Strauß:

    „Die Gespräche im NATO-Hauptquartier in Paris sind in kurzen Abständen wiederholt und fortgesetzt worden. Eines Tages kam Foertsch zu mir – es muß nach der Auseinandersetzung mit den Engländern gewesen sein, bei der sich die Franzosen im übrigen ziemlich zurückhaltend gaben -, um mir aufgeregt das Neueste aus dem NATO Hauptquartier zu berichten. An dem Gespräch nahmen meiner Erinnerung nach noch General Schnez und Staatssekretär Hopf teil. Für den Fall, daß der von den Amerikanern geplante Vorstoß zu Lande nach Berlin von der Sowjetunion aufgrund ihrer Überlegenheit aufgehalten werde, hätten die USA die Absicht, so Foertsch, bevor es zum großen Schlag gegen die Sowjetunion komme, eine Atombombe zu werfen und zwar im Gebiet der DDR. Ich fragte nach: »Im Gebiet der Sowjetunion?« Nein, so die Antwort, im Gebiet der DDR.

    Die Amerikaner brachten diesen Gedanken ernsthaft ins Gespräch was schon daraus hervorgeht, daß sie uns nicht nur allgemein gefragt haben, sondern daß sie von uns wissen wollten, welches Ziel wir empfehlen. Das war die kritischste Frage, die mir je gestellt wurde. Ich sagte diese Verantwortung könne niemand übernehmen. Ein Ziel wie Hiroshima oder Nagasaki komme, so meine eiserne Position, nicht in Betracht, damit würden wir uns trotz eines eventuellen Erfolges, nämlich Erzwingung der Zugänge zu Berlin, eine solche politische Last auferlegen, daß der Preis in keinem Verhältnis stünde zum Ergebnis. Es war dann von einem russischen Truppenübungsplatz die Rede, auf der große Mengen russischer Truppen konzentriert waren.

    Wenn diese Atombombe präzise geworfen und wenn sie einen begrenzten Wirkungsradius haben würde, dann wären die Opfer unter der Zivil-Bevölkerung weitgehend auf die Menschen beschränkt, die auf diesem Truppenübungsplatz arbeiteten. Einen Truppenübungsplatz, den ich kannte, habe ich namentlich genannt – ich war dort im Jahre 1942 eine Zeitlang bei der Aufstellung einer neuen deutschen Panzerflakeinheit. Dies erschien mir, wenn es schon dazu kommen mußte und wir Amerikanern nicht in den Arm fallen konnten, unter den gegeben Übeln das geringste zu sein, obwohl es noch immer schlimm genug war.“

    Der amerikanische Gedanke eines Atombombenabwurfs auf einen sowjetischen Truppenübungsplatz hätte, wäre er verwirklicht worden den Tod von Tausenden sowjetischer Soldaten bedeutet. Das wäre der Dritte Weltkrieg gewesen. Die Amerikaner wagten einen solchen Gedanken, weil sie sehr genau wußten, daß die Sowjets damals nicht über präzise treffende und zuverlässig funktionsfähige Interkontinentalraketen verfügten, auch nicht über einsatzgenaue Mittelstreckenraketen, die in Stellung zu bringen gewesen wären. Der Krieg hätte weitgehend in Europa stattgefunden, und zwar als konventioneller Krieg, dem die USA eine nukleare Komponente hinzufügen konnten. Solche Überlegungen sind am Sonntag, dem 13. August 1961 zum Glück Makulatur geworden.

    Einige Seiten weiter:
    „Bei der Betrachtung der Berlinkrise, wie sie sich anbahnte, wie sie sich dramatisch zuspitzte, wie sie abklang, ist meine Bewertung, die ich als Verteidigungsminister vor bald dreißig Jahren getroffen habe, aktuell geblieben. Ich hätte nur gewünscht, daß die Alliierten wenigstens den Versuch machten, jenseits der Sektorengrenze tätig zu werden, den zuerst gezogenen Stacheldrahtzaun niederzuwalzen und den Mauerbau zu verhindern. So aber habe ich in dem ganzen Ablauf der Krise eine Bestätigung der Torheiten der Amerikaner gesehen. Gravierende Irrtümer, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu den Fehleinschätzungen und Fehlern der amerikanischen Politik geführt hatten, trugen 1961 immer noch ihre schlimmen Früchte.“

    Strauß hatte keine Skrupel den NATO-Generälen, ohne großen Widerstand zu leisten, die Abwurfziele in der DDR zu nennen. Anscheinend spielte es keine Rolle, dass bei einem Atombomben-abwurf nicht nur die Menschen in der DDR sondern auch Menschen in der Alt-BRD und in den umliegenden Ländern große Opfer an Menschenleben zu beklagen gehabt hätten. Dem Ziel der NATO, die Vernichtung des Bolschewismus hatte sich alles unterzuordnen.

    Die Menschen in der DDR wurden von ihrer Regierung schon sehr früh über diese Atombombenabwürfe der NATO auf das Gebiet der DDR informiert. So schrieb Julius Mader in seinem Buch „Die Killer lauern“ von Julius Mader, Deutscher Militärverlag Berlin 1961, auf Seite 171, wie Walter Ulbricht die Öffentlichkeit über die Bombenabwurfziele auf das Gebiet der DDR informierte:

    „Über die Kette der Mißerfolge ihrer Spitzenspione beunruhigt, schickte der NATO-Stab direkte Geheimdienstoffiziere auf den Kriegs­pfad in die Deutsche Demokratische Republik. Was gedungenen Agenten nicht gelang, sollten nunmehr sie selbst an Informationen besorgen, auf die man in Bonn und Paris so sehnsüchtig wartet. Auch sie bissen aber auf Granit. Die Staatssicherheitsorgane der Deutschen Demokratischen Republik haben bereits kurz darauf, im Frühjahr 1960, Offizieren ameri­kanischer und englischer Militärmissionen, die besonders im Gebiet von Karl-Marx-Stadt Spionage trieben, höchst aufschlußreiche Kar­tenmaterialien abgenommen.

    So wurden von der amerikanischen Offiziersgruppe unter dem USA-Major Ramundo insgesamt 79 und von der britischen Aufklärergruppe unter Brigadegeneral Pakkard 122 Landkarten sichergestellt. Auf diesen Generalstabsmeßtischblät­tern waren bereits Absprungstellen für Luftlandetruppen, Lande­plätze für Spezialflugzeuge und andere militärisch höchst wichtige Angaben eingetragen.

    Am 19. Juli 1960 erklärte Walter Ulbricht auf einer internationalen Pressekonferenz in Berlin: „Bei dem bei amerikanischen und engli­schen Missionsangehörigen vorgefundenen Kartenmaterial gibt es Einzeichnungen über die Erkundung wichtiger Industrieobjekte, Kraft­werke, Umspannwerke, Hochspannungsleitungen, Versorgungsspei­cher, Silos, Wasserversorgungs-anlagen, Dränage- und Kanalisations­systeme.

    Von den Offizieren, sowohl von den amerikanischen wie auch von den englischen, wurden in den Räumen von Magdeburg, Halle, Cottbus und anderen Gebieten der DDR Absprungstellen für Fallschirmspringer aufgeklärt und im Kartenmaterial verarbeitet. In den Räumen von Magdeburg, Halle und Cottbus wurden Lande­flächen für Flugzeuge aufgeklärt und kartenmäßig verarbeitet. Auf­geklärt wurden im Gebiet der DDR Bombenabwurfziele. […]“

    • sascha313 schreibt:

      Danke, Johann, für den ausführlichen Text! So werden immer mehr Lügen widerlegt! Es kommt nun darauf an, immer wieder auf die sozialökonomischen Grundlagen (auf die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Ausbeutergesellschaft) hinzuweisen.

      In den sozialen Medien kursieren noch zu viele irreführenden Ablenkungsmanöver, die die Empörung über all die Ungerechtigkeiten und Verbrechen in die falsche Richtung lenken.

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