Der Ritter der Hoffnung: Luis Carlos Prestes

Luis PRESTESEine faszinierende Persönlichkeit war der Kommunist Luis Carlos PRESTES, und ist, nun fast 30 Jahre nach seinem Tode, immer noch – und wohl für immer – ein Vorbild für die Jugend des lateinamerikanischen Kontinents! Ein Leben lang kämpfte der Brasilianer Luis Prestes gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen den Kapitalismus, gegen den verbrecherischen USA-Imperialismus und führte und lehrte sein Volk im Kampf um Demokratie und Sozialismus.  Ein Leben für die Revolution, unauslöschbar und unvergessen!  Der berühmte Dichter Jorge Amado schrieb 1948 über ihn: „Prestes las damals die marxistische Literatur mit dem leidenschaftlichen Interesse eines Entdeckers. … Die Bücher hatten ihn keinen Augenblick das Leben und das Verständnis für die Not der Mitmenschen vergessen lassen. Niemand war menschlicher als er. Niemand war belesener als er. Niemand konnte so wie er die großen Probleme erleben und verstehen, ohne darüber all die kleinen Einzelprobleme aus dem Auge zu verlieren.“ [1] Dafür haßten ihn die Oligarchen seines Landes, dafür haßten und verfolgten ihn die Faschisten. Doch Prestes blieb standhaft: ein wahrer Mensch, ein Kommunist!

Prestes

Jorge Amado schrieb über ihn im Vorwort zu seinem Buch „Der Ritter der Hoffnung“:

VORWORT ZUR FRANZÖSISCHEN AUSGABE

 (Auszug)

Während ich an diesem Buche schrieb – und so meine heiligste Pflicht als Staatsbürger und Schrift­steller erfüllte –, beendete Prestes mit unvergleich­licher Würde das sechste Jahr seiner Haft, die zehn Jahre währen sollte. Im Jahre 1945 befreiten die brasilianischen Volksmassen unter dem Eindruck der an den Fronten errungenen Siege der Roten Armee den großen Führer des antifaschistischen und anti­imperialistischen Kampf es des lateinamerikanischen Kontinents.

Olga Benario – von den Nazis ermordet

Daher ist in diesem Buche nicht mehr von Prestes‘ letzten Haftjahren die Rede, Jahren des un­unterbrochenen Studiums und Leidens. In diesen Jahren erfuhr er den Tod seiner Mutter – Dona Leo­cadia Prestes starb im Jahre 1943 im Exil in Mexiko, ohne ihren Sohn in ihrer letzten Stunde bei sich zu haben – und den Tod seiner Frau, Olga Benario Prestes, die in einem deutschen Konzentrationslager von den Nazis ermordet wurde als sich die siegreichen Truppen der Roten Armee dem Lager näherten. Eben­sowenig berichtet dieses Buch über Prestes‘ Aktivität seit der Amnestie vom April 1945, das heißt über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren, die mit em­siger und fruchtbringender Arbeit ausgefüllt waren.

Ein harter Kampf gegen den USA-Imperialismus

Um den europäischen Lesern dieses Buches ein mög­lichst vollständiges Bild des Mannes zu vermitteln, der heute für alle Lateinamerikaner das Symbol ihres har­ten Kampfes gegen die Kräfte des Yankee-Imperialis­mus ist, muß man mit einigen Worten über Prestes‘ Tätigkeit seit seiner Befreiung sprechen. Eigentlich hätte ich einen weiteren, vielleicht noch umfangreicheren Band als den vorliegenden schreiben müssen, um die bewundernswerte Arbeit zu würdigen, die Prestes nach seiner Freilassung an der Spitze des brasilianischen Volkes geleistet hat.

Welche Rolle spielte Luis Carlos Prestes?

Sein Name ist aus der jüngsten Epoche unseres politischen Lebens nicht wegzudenken, und nicht ohne Grund sagte der fran­zösischeSchriftsteller Andre Wurmser bei seiner Rückkehr aus Brasilien, daß Prestes „der Politiker“ sei, „der sich in ganz Amerika des größten Ansehens erfreut“. Als Generalsekretär der stärksten kommunistischen Partei Lateinamerikas spielt Prestes im Geschehen un­serer Tage eine höchst bedeutsame Rolle. Der Yankee­imperialismus hofft, in den Ländern Lateinamerikas und vor allem in Brasilien nicht nur neue Rohstoff­quellen und Stützpunkte für die amerikanische Flotte und Luftwaffe zu finden, sondern vor allem Soldaten auch für seinen Krieg gegen die Sowjetunion und die Volksdemokratien.

Die ernsten Warnungen Prestes‘

Prestes wies schon zu Beginn des Jahres 1946 an­läßlich des ersten Jahrestags des Sieges der Vereinten Nationen vor der Konstituierenden Nationalver­sammlung auf die Gefahr hin, die den lateinameri­kanischen Völkern und darüber hinaus allen Völkern der Erde von seiten des Yankee-Imperialismus droht. Er sagte wörtlich:

„Der Hauptgrund für die Hetze gegen den Kommunismus im Innern ist der Wunsch der Faschisten, ihre Stellungen zu halten. Sie wissen und begreifen, daß ihre Tage gezählt sind, wenn die Demokratie Fortschritte macht. Deshalb versuchen sie auf die verschiedensten Arten, Schläge gegen die Demokratie zu führen. Sie trachten danach, ihre Rie­senprofite zu. retten, das Volk noch mehr als bisher auszusaugen und die Interessen der imperialistischen Großunternehmer zu schützen.

Die antikommunistische Haltung der USA

Auf dem Gebiet der Außenpolitik ist ihre antikommunistische Haltung durch ihr Streben und ihren Wunsch bedingt, unser Vaterland in die militärischen Abenteuer des Impe­rialismus hineinzuziehen, und zwar als unterworfenes Land, als Kolonie, aus der man ohne Schwierigkeiten Soldaten herauspressen könnte.

Der aggressiv-feindliche USA-Präsident Truman 

Es ist kein Zufall, daß die strategischen Stützpunkte – trotz der offiziellen Dementis – noch immer in den Händen der Imperia­listen sind, was erst heute von einem der Unterstaats­sekretäre des Staatsdepartements bestätigt worden ist. Die Zeitungen der Hauptstadt haben gestern den Plan veröffentlicht, den Präsident Truman über die mili­tärische Zusammenarbeit auf dem Kontinent vorge­legt hat. Die ihrem Wesen nach defensive Monroe-­Doktrin wird darin zu einer Angriffsdoktrin.

Die Gefährdung des Friedens durch die USA

Die Bildung des sogenannten panamerikanischen Blocks steht in flagrantem Widerspruch zu der Charta von San Francisco, die der Organisation der Vereinten Nationen zugrunde liegt. Sie stellt eine offensichtliche Bedrohung der Welteinheit und vor allem der Zu­sammenarbeit der drei Großmächte durch die Regie­rung der Vereinigten Staaten dar. Dieser panamerika­nische Block gefährdet den Frieden der westlichen Hemisphäre und der Welt.

Militärische Bedrohung durch die USA

Aus welchem Grunde erstreben die Vereinigten Staaten eine solche militärische Organisation des ge­samten amerikanischen Kontinents, wenn nicht, um die anderen Großmächte anzugreifen? Dieser Plan stellt überdies noch rückständige Länder wie das uns­rige, die keine Schwerindustrie besitzen, unter die Herrschaft der USA. Unsre bewaffneten Streitkräfte würden im Vergleich zu den Streitkräften der USA eine untergeordnete Rolle spielen. Diese Folge ist unvermeidlich.

Eine Politik des Neokolonialismus

Der Plan eines panamerikanischen Blocks, wie er den Vereinigten Staaten vorschwebt, würde unsere Streitkräfte gegenüber der mit den modernsten Waffen ausgerüsteten Armee der Ver­einigten Staaten in die gleiche Lage versetzen, in der sich – bei den gleichen Proportionen – die Polizei­truppen unserer Staaten gegenüber der Nationalarmee befinden. Und früher oder später würden wir erleben, daß unsere Armee, die brasilianischen Soldaten, dem Kommando amerikanischer Offiziere unterstellt wer­den. Das ist das Ziel des Yankee-Imperialismus. Wir warnen in vorletzter Stunde. Niemand wünscht bren­nender als wir, daß diese Absicht niemals Wirklichkeit wird, und wir werden gegen sie kämpfen.“

L.C. Prestes: „Gegen den Krieg und den Imperia­lismus“

Wenige Tage zuvor, am 26. März 1946, hatte Prestes vor der gleichen Konstituierenden Versammlung seine berühmte Rede „Gegen den Krieg und den Imperia­lismus“ gehalten, in deren Verlauf er die militärischen Provokationen des USA-Imperialismus anprangerte und dem brasilianischen Volk die Parole gab, mit allen Mitteln gegen eine Regierung zu kämpfen, die Bra­silien an der Seite der Vereinigten Staaten in einen imperialistischen Krieg gegen die friedliebenden Völ­ker Osteuropas treiben würde.

Der Verräter Earl Browder

Zu einer Zeit, als sich noch viele Menschen durch die irrigen Thesen Earl Browders [2] über den wahren Feind täuschen ließen, den es zu bekämpfen galt, warnte Prestes das brasi­lianische Volk vor diesen Irrlehren und gab der Politik der Kommunistischen Partei Brasiliens die richtige Linie: alle Kräfte auf den Kampf für den Frieden und gegen den USA-Imperialismus zu konzentrieren.

Das demagogische „Blau­buch“ aus den USA

Diese Haltung der Kommunistischen Partei Brasiliens wurde sogleich in der Stellungnahme zu dem „Blau­buch“ deutlich, das das Staatsdepartement zu Beginn des Jahres 1946, am Vorabend der Präsidentschafts­wahlen in Argentinien, veröffentlicht hatte. Während viele Demokraten sich täuschen ließen und das ameri­kanische Dokument für eine Anklage gegen Peron, für einen Beitrag zum antifaschistischen Kampf des argentinischen Volkes hielten, entlarvte Prestes das „Blaubuch“ als eine militärische Provokation, als direkte Einmischung der Vereinigten Staaten in die inneren Angelegenheiten Argentiniens.

Die antiimperialistische Bewegung in Lateinamerika

Seit jener Rede hat sich der Kampf Prestes‘ und seiner Partei gegen die militärische Provokation und gegen die Unterwerfung Brasiliens unter die Politik der amerikanischen Magnaten immer mehr verschärft; heute wird er von einer mächtigen antiimperialistischen Massenbewegung getragen.

Ein Lichtstrahl aus dem Dunkel

Hinter Prestes stehen die Arbeitermassen Brasiliens und des gesamten Kontinents, deren unermüdlicher politischer Erzieher er ist. Zuvor, in den Tagen der Vargas-Diktatur, hatte er ein Beispiel unerschütter­licher Entschlossenheit gegeben, das gleich einem Lichtstrahl aus dem Dunkel der Gefängnisse unserem Volk auf dem Weg durch die Nacht des Faschismus voranleuchtete. Seine tägliche Gegenwart unter dem Proletariat und dem Volke Brasiliens seit 1945 hat auf die politische Entwicklung des Landes einen Einfluß ausgeübt, der sich nur schwer ermessen läßt.

Die Amnestie Prestes‘ nach über 9 Jahren Gefängnis

Als Prestes amnestiert wurde, befand sich ein Teil des brasilianischen Proletariats noch unter der Ein­wirkung der arbeiterfeindlichen Demagogie Vargas‘: unzählige Bauern, deren Lebensbedingungen nur mit denen der russischen Leibeigenen vor der Oktober­revolution zu vergleichen sind, lebten buchstäblich unter der Knute der Großgrundbesitzer.

Die Entfernung des trotzkistischen Gesindels aus der Partei

Als Prestes im April 1945 durch die schweren Tore des Zentral­gefängnisses des Bundesdistrikts schritt, zählte die Kommunistische Partei Brasiliens 3.500 eingeschrie­bene Mitglieder. Damals sammelte das Liquidatoren­tum, das unter dem Einfluß der Irrlehren Browders entstanden war, zahlreiche Intellektuelle und „linke“ Kleinbürger, Opfer einer hinterhältigen trotzkistischen Propaganda, in parteifeindlichen Gruppen. Prestes‘ Befreiung hatte ein unmittelbares Ergebnis: die Liquidierung all dieser von einer kleinbürgerlichen Ideologie durchtränkten Gruppen.

Prestes schmiedet die Einheit der Kommunisten Brasiliens

Die linken Sektierer wurden rasch entlarvt: Sie wollten die Arbeiterklasse vom Kleinbürgertum ins Schlepptau nehmen lassen, indem sie vorgaben, daß dieses die bürgerlich-demo­kratische Revolution, die gegenwärtige Etappe des historischen Kampf es des brasilianischen Volkes, leiten müsse. Mit Hilfe einer Gruppe junger, marxistisch ge­schulter Funktionäre, die in der Zeit des illegalen Kampf es ihre Bewährungsprobe bestanden hatten – Diogenes de Arruda, Pedro Pomar, Joao Ama­zonas, Manricio Grabois, Carlos Mariguela, Cayres de Brito, Francisco Gomes und andere –, erhöhte Prestes die Mitgliederzahl der Partei auf über zwei­hunderttausend Kämpfer und schmiedete sie zu einer mächtigen Vorhut des Proletariats und des brasilia­nischen Volkes zusammen.

Künstler, Wissenschaftler und das Proletariat

Die berühmtesten Ver­treter der Literatur, der Kunst und der Wissenschaft traten der Partei bei: Graciliano Ramos, Candido Portinari, Oscar Niemeyer, Arnaldo Estrola, Mario Schemberg und viele andere. Und wenn die Partei Vargas‘ bei den Wahlen von 1945 noch einmal einen Teil des Proletariats des Staates Sao Paulo (des wich­tigsten Industriezentrums Lateinamerikas) auf ihre Seite ziehen konnte, so gaben die meisten Arbeiter, die bislang für Varga gestimmt hatten, bei den fol­genden Wahlen der Jahre 1946 und 1947 den kommu­nistischen Kandidaten ihre Stimmen.

Die Heranführung der Bauern an die kommunistische Partei

Prestes und die Partei hatten in der Zwischenzeit die breiten Massen des Volkes und vor allem die rückständigsten Schich­ten des Proletariats politisch geschult. Hinzu kam eine weitere, völlig neue Errungenschaft: Das Bauerntum begann an dem politischen Leben Brasiliens tätigen Anteil zu nehmen. Trotz der ungeheuren Schwierig­keiten, die die Großgrundbesitzer der Partei in den Weg legten, trotz Gewalt und Terror gelang es ihr, das Ohr der bäuerlichen Massen zu erreichen. …


Eine bedeutsame Rede

Während der Debatte über die Agrarreform in der Konstituierenden Nationalversammlung, in der eine erdrückende Mehrheit von Vertretern des Großgrund­besitzes saß, bestieg Prestes die Rednertribüne und hielt eine seiner bemerkenswertesten Reden. Er sagte bei dieser Gelegenheit:

Wie sind die Verhältnisse in Brasilien?

„Brasilien lebt, wie die meisten Länder der Welt, unter einem kapitalistischen Regime. Der Kapitalismus ist das in der gegenwärtigen Gesellschaft noch immer vorherrschende System. Das will besagen, daß Brasi­lien unter einem Regime lebt; in dem die Warener­zeugung, das Finanzwesen und die Lohnarbeit durch die kapitalistische Ausbeutung bestimmt sind. Es ist offenkundig, daß wir unter der Herrschaft eines kapi­talistischen Regimes leben.

Halbfeudale Arbeits- und Lebensbedingungen

Indessen ergibt die Ana­lyse der Produktionsverhältnisse in unserem Lande, daß sie zum weitaus größten Teil – und zwar in ihrem wesentlichsten Teil, der die nationale Wirtschaft be­stimmt – nicht typisch kapitalistisch sind. Die Produktionsverhältnisse vor allem in unserer Landwirtschaft sind typisch vorkapitalistisch. Es sind Verhältnisse, die einem dem Kapitalismus vorangehenden Stadium entsprechen. In unserem Vaterlande bestehen noch immer Überreste der Sklaverei und Spuren des Feu­dalismus. Deshalb bezeichnen wir Kommunisten das gesellschaftliche System, das bei uns besonders auf dem Lande vorherrscht, als halbfeudal.

Wer ist der entscheidende Faktor?

Aber wenn Brasilien kein Industrieland, sondern noch immer ein Agrarland ist, dann ist es klar, daß die Landwirtschaft den entscheidenden Faktor in unserem Vaterland dar­stellt. Folglich sind es die Exporterzeugnisse, die Roh­stoffe und die landwirtschaftlichen Produkte, die die nationale Wirtschaft im wesentlichen bestimmen. Nicht die Industrie, nicht unsere Textilindustrie – ein Zweig der Leichtindustrie – kann also der entscheidende Faktor in unserem Wirtschaftsleben sein. Brasilien ist noch immer ein Agrarland. Ja mehr noch: Siebzig Prozent aller Brasilianer, die Mehrheit un­serer Bevölkerung, leben noch auf dem Lande. Und unter welchen Bedingungen? Leben sie unter einem kapitalistischen Regime? Erhalten sie für ihre Arbeit einen Lohn in Bargeld?

Ausbeutung und das kärgliche Leben der Landarbeiter

In Wirklichkeit ist die Lohn­arbeit auf den großen Farmen Brasiliens so gut wie unbekannt. Lohnarbeit kennt man nur auf den Zucker­plantagen in Pernainbuco und Campos. Selbst auf den Kaffeepflanzungen in Sao Paulo besteht eine Sonder­regelung. Eine Regelung, nach der nur ein Teil des Lohns in Bargeld ausgezahlt und der andere durch Pachtland abgegolten wird. In Wahrheit ist der brasi­lianische Landarbeiter weder theoretisch noch praktisch ein Lohnarbeiter. Er erhält keinen Lohn, er bezahlt den Pachtzins für sein Stück Land mit seiner Arbeit oder mit den Erträgen, die er erntet. Dies sind die feudalen Wurzeln, auf die ich vorhin anspielte. Das soziale System, das in unserer Wirtschaft weitgehend vorherrscht, ist in Wirklichkeit noch immer ein halb­feudales Regime.“

Prestes‘ Abänderungsanträge zur Verfassung Brasiliens

Nachdem Prestes in seiner Rede die Lage der bra­silianischen Wirtschaft, die Lebensbedingungen der Landbevölkerung, den verhängnisvollen Einfluß der Großgrundbesitzer auf unser politisches Leben und ihre Beziehungen zum Imperialismus analysiert hatte, stellte er eine Reihe von Abänderungsanträgen zum Verfassungsentwurf, die zur Lösung des Agrarpro­blems geführt, damit Brasilien den Weg zum Fort­schritt und zur Industrialisierung eröffnet und unserem Vaterland die völlige wirtschaftliche Unab­hängigkeit gesichert hätten.

Der Ausschluß der Kommunisten aus dem Parlament

Wie nicht anders zu er­warten, verwarf die reaktionäre Mehrheit der Ver­sammlung die Anträge der kommunistischen Fraktion. Zwei Jahre später schloß die gleiche Mehrheit Prestes aus dem Senat und die kommunistischen Abgeord­neten aus der Kammer aus, weil die Gegenwart der Vertreter des Proletariats in dieser Kammer, die von Imperialisten und Großgrundbesitzern beherrscht wurde, allzu unbequem war.

Erziehung des brasilianischen Volkes durch die Partei

Aber Prestes beschränkte sich nicht darauf, das bra­silianische Volk von der Tribüne der Konstituierenden Nationalversammlung oder des Senats aus zu erziehen. Seine Verbundenheit mit dem Volke war während dieser Jahre eng und fest. Er stand jeden Tag, jede Stunde, jede Minute mit ihm in Verbindung. Fünfzehn Jahre lang war die Bevölkerung Brasiliens fast ohne Unterbrechung von jeder legalen politischen Betätigung ausgeschlossen. Wir hatten die Erinnerung an Versammlungen, Kundgebungen und Aufmärsche, die nach der faschistischen Verfassung von 1937 ver­boten waren, nahezu verloren. Das Streikrecht war nicht nur auf gehoben, der Streik war sogar unter Strafe gestellt.

Gleiche Brüder –  gleiche Kappen: Gestapo und FBI

Das berüchtigte Sicherheitstribunal, das seine Tätigkeit aus dem auch heute wieder gültigen Gesetz zur Nationalen Sicherheit ableitete, und die Politische Polizei – damals unter der Kontrolle der Gestapo und heute des FBI, der Geheimen Staats­polizei der USA – lasteten wie eine schwere Kuppel auf dem politischen Gebäude Brasiliens. Gegen Ende des Krieges ließ sich das Volk jedoch weder von der Polizei noch von den Ausnahmegesetzen abhalten, auf die Straße zu gehen und laut die Amnestie zu fordern. Die Volksbewegung begann sich auszubreiten.

Hunderttausende Brasilianer begannen zu lernen…

Der eigentliche Erzieher des Volkes war Prestes, der sich sogleich nach seiner Freilassung an diese Aufgabe machte. Er weckte im Volk das Bewußtsein, daß die aktive Teilnahme am politischen Leben eine unbedingte Notwendigkeit ist. Damals fanden in Brasilien öffentliche Kundgebungen von einer Großartigkeit statt, wie man sie im übrigen Amerika kaum kannte. Die Teilnehmer gingen in die Zehntausende. Als Prestes in Rio de Janeiro zum erstenmal öffentlich sprach, lauschten ihm hunderttausend Menschen. Einhundertfünfzigtausend jubelten ihm im Stadion von Pacaembu zu. Einige Monate später, während der Wahlkampagne, wohnten dreihundert- bis vierhun­derttausend Menschen den Versammlungen in Recife, Sao Paulo, Porto Alegre und Bahia bei. Die Men­sehen strömten zu den Kundgebungen, begierig, aus Prestes‘ Mund die Wahrheit über die Lage Brasiliens und über die Lösung der großen Probleme unseres Vaterlandes zu erfahren.

Die von Prestes nach der Amnestie eingeleitete politische Erziehungskampagne beschänkte sich nicht auf große Massenkundgebungen. Seine Zeitungsartikel, seine Arbeit in den Parteileitungen, seine politischen Berichte und Hunderte von „Sabatinas“ [3], die er an allen Enden des Landes organisierte, schufen eine neues politisches Bewußtsein. Das ideologische Niveau unserer Arbeiterklasse wurde auf diese Weise bedeutend gehoben, die Arbeiterklasse wurde für ihre führende Rolle vorbereitet.

Quelle:
Jorge Amado „Der Ritter der Hoffnung“, Verlag Volk und Welt, Berlin (DDR), 1959, S.11-16 und 18-22. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)
Anmerkungen:
[1] Jorge Amado „Der Ritter der Hoffnung“, Verlag Volk und Welt, Berlin (DDR), 1959, S.292f.
[2] Earl Browder – ehemaliger Generalsekretär der Kommunistischen Partei der USA. Wurde wegen Revisionismus, der ihn 1944 zu dem Versuch veranlaßte, die KP der USA aufzulösen, aus der Partei ausgeschlossen.
[3] Sabatinas – Allwöchentlich stattfindende Ausspracheabende, die von der Kommunistischen Partei Brasiliens veranstaltet wurden und ausschließlich dem Gedankenaustausch zwischen den nicht der Partei angehörenden Besuchern und den Ver­tretern der Partei dienten. Diese „Sabatinas“ haben die poli­tische Erziehung der werktätigen Massen in hohem Maße gefördert. Hier wurden die einfachsten und kompliziertesten Fragen gestellt und den kommunistischen Funktionären Ge­legenheit gegeben, die gewünschten Auskünfte zu erteilen und sich zugleich über den Stand des politischen Bewußtseins der Massen zu orientieren.

 

Siehe auch:
Kurt Gossweiler: Die Aufklärung der Vorgänge um Noël Field – ein abgeschlossenes Kapitel?

pdfimage Luis Carlos Prestes – Ritter der Hoffnung

(Danke an tommmm für dieses hochinteressante Buch!)


Ein Gespräch mit Luis Carlos Prestes 1986 (leider portugiesisch)

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3 Antworten zu Der Ritter der Hoffnung: Luis Carlos Prestes

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  2. olivia2010kroth schreibt:

    Jorge Amado schrieb über ihn im Vorwort zu seinem Buch „Der Ritter der Hoffnung“:

    VORWORT ZUR FRANZÖSISCHEN AUSGABE ….

    Ich habe dieses Buch in einer französischen Buchhandlung gesucht. Man sagte mir, die Auflage sei vergriffen und werde nicht mehr aufgelegt.

    Oft gehen meine Recherchen ins Leere. Ich habe den Eindruck, dass hier in Frankreich – wie in der gesamten EU – Bücher über Kommunisten systematisch unterdrückt werden.

    Wie schade!

    Es bleiben nur noch die Blogs wie „Sascha’s Welt“, wo man etwas über solche Bücher erfährt.

    • sascha313 schreibt:

      Wiederum danke, Olivia. Du hast recht, daß die Suche immer schwieriger wird. Deshalb bin ich froh über jedes Buch, das ich irgendwo „ergattern“ kann – vor allem wenn es in der DDR (und vor 1955) gedruckt wurde. Es ist unglaublich wertvoll, wenn man sich mit dem Wissen bereichern kann, das Generationen vor uns schon gesammelt haben… da hatte Michail Kalinin schon recht!

      Ich hatte mal in Bayern in einem Sozialkaufhaus, wo etwa 5.000 Bücher herumstanden, das Glück, ein DDR-Buch von Swerdlow zu finden, das war das einzige! – der Rest dort war wirklich fast alles Müll.

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