Rosemarie Winzer: Was ist Glück?

schastyeSchon viele Jahrhunderte lang haben Menschen irgendwie versucht herauszufinden, worin eigentlich der Sinn des menschlichen Lebens besteht, und was denn nötig sei, damit der Mensch ein glückliches und erfülltes Leben führen kann. Schließlich stand dahinter auch die Frage, ob – und wenn ja – wie man darauf Einfluß nehmen kann, oder ob der Mensch sich in sein Schicksal zu fügen habe. Nicht nur marxistische Gesellschaftswissenschaftler, Philosophen, Pädagogen, Soziologen und Psychologen, gingen dieser Frage nach, sondern auch Theologen, bürgerliche Ideologen und Politologen. Doch letztere mit einem ganz anderen Hintergedanken, nämlich Menschen im Interesse der machtausübenden Klasse, im Sinne von Kirche und Kapital, zunehmend ihrer maximalen Beherrschbarkeit und Verwertbarkeit zuzuführen. Die marxistische Wissenschaftlerin Prof. Dr.sc. Rosemarie Winzer schrieb diesen Beitrag im Jahre 1965 in der DDR.

Glück als weltanschauliches Problem

Rosemarie Winzer

Es gibt wohl kaum ein anderes weltanschauliches Problem, das die Gemüter breitester Volksmassen, insbesondere auch der Dichter und Denker, seit Jahrhunderten immer wieder aufs Neue erregt hat und erregt, wie die Frage nach dem menschlichen Glück. Das ist eine völlig gesetzmäßige Erscheinung; denn Glück existiert nur als Glück eines bestimmten Menschen, der in einer bestimmten Gesellschaftsformation lebt, einer bestimmten Klasse angehört, eines Menschen, der selbst eine ein­malige unwiederholbare Persönlichkeit ist. Glück ist stets historisch konkret.

Wer hat Glück im Leben?

Das Glück des Menschen gibt es nicht. Daher läßt sich auch keine ein für allemal befriedigende Antwort finden. Weil auf die Frage nach dem Inhalt des Glücks die vielfältigsten Antworten möglich sind, wird nicht selten der Schluß gezogen, daß Glück etwas ausschließlich Subjektives sei. Hier sollen zwei Ursachen angedeutet werden, die diesen Anschein begünstigen:

a) Beginnen wir mit dem psychologischen Aspekt. Glück wird von den Menschen meist als ein tiefes freudiges Ereignis erlebt, als ein Gefühl, eine Stimmung, die positiven Charakter trägt: „Das Gefühl des Menschen ist seine Beziehung, seine Stellungnahme zur Welt, zu dem, was er erfährt und tut, in Form des unmittelbaren Erlebens.“ [1] Das heißt, das Glückserlebnis etwas dem einzelnen Menschen und nur diesem Mensch Eigenes, ist nicht von einem anderen Menschen in gleicher Qualität mitzuerleben oder nachzuvollziehen. Mit dieser Stellungnahme zur Welt sind stets gewisse Erwartungen, Ideale und konkrete Ziele verknüpft, in denen die allgemeinen sozialen Voraussetzungen, die Zugehörigkeit einer bestimmten Klasse oder Schicht der Gesellschaft auf individuelle Art und Weise verarbeitet sind und widergespiegelt werden.

Hier fließen also auch persönliche Erfahrungen, Bedürfnisse, Interessen und weltanschauliche Einstellungen ein. Diese Momente, die bei jedem Menschen in jeder beliebigen Gesellschaftsformation wirksam werden, mögen zur ständigen Festigung subjektivistischer Auffassungen beigetragen haben.

b) Nehmen wir den gesellschaftlichen Aspekt. Wenn gesagt wird, „jeder versteht das Glück auf seine Weise“, so ist dem in dem gleichen Sinne zuzustimmen wie der Behauptung, daß zwar jede Persönlichkeit einer bestimmten Klasse mit anderen Persönlichkeiten dieser Klasse gemeinsame wesentliche Merkmale teilt, die jedoch sehr unterschiedlich in Erscheinung treten und die Persönlichkeit daher gegüber anderen als unverwechselbare Individualität auszeichnen. Es wäre allerdings falsch, die individuelle Erscheinungsform des menschlichen Glücks zu verabsolutieren bzw. auf den psychischen Prozeß positiver emotionaler Reaktionen zu reduzieren, wie es von bürgerlichen Theoretikern teilweise getan wird.

Wo befinden sich die Wurzeln des Glücks?

„So unterschiedlich auch die Auffassungen vom Glück sein mögen, bei ihnen wird immer und von allen an einen emotionalen Zustand, an erreichtes Wohlbehagen, angenehme Zufriedenheit gedacht.“ [2] Eine ähnliche Auffassung vertritt G. Lindner: „Wenn irgendein Satz als Axiom an die Spitze der Glückseligkeitslehre gestellt zu werden verdient, so ist es These, daß der Schwerpunkt der wahren Glückseligkeit nicht außer uns, sondern in uns liegen müsse.“ [3]

Ist Glück nur ein seelischer Zustand …?

Diese bürgerlichen Autoren erfüllten mit der Reduzierung des Glücks auf den seelischen Zustand, auf die Innerlichkeit, eine bestimmte ideo­logische Funktion. Was bleibt dem Menschen zu tun übrig, „als den Versuch anzustellen, dasjenige, was er außer sich vergebens suchte im Kampfe des Lebens, aufzusuchen ,in sich selbst‘“ [4]? Der Mensch wird aufgerufen, sich nicht länger anzustrengen, vor allem nicht länger zu versuchen, die gesell­schaftlichen Verhältnisse zu verbessern. Er „soll zufrieden sein mit seinem Los oder sich auf alle Fälle mit ihm aussöhnen“ [5].

… oder gibt es auch noch andere Gründe?

Das heißt natürlich nicht, daß Glück nichts mit einem inneren Prozeß, mit dem Gefühlsleben des Individuums, zu tun hätte. Das Problem der Spezifik dieser emotionalen Reaktionen, die Frage, ob Freude oder Glücksgefühl von gleicher psychologischer Qualität sind, ob z.B. Zufriedenheit, Gehobenheit und Freude nicht verschiedene Grade des gleichen Gefühls repräsentieren, gehört in den Bereich der Psychologie. Aber welche objektiven Gegebenheiten lösen ein subjektives Glücksgefühl aus? Wir werden darauf noch zurückkommen.

Ist Glück einem Zufallsprinzip zu verdanken?

Eine Reduzierung des Glücks auf psychische Prozesse, auf einen inneren Zustand, ist jedoch ohne Zweifel einseitig. Neben dem psychologischen Aspekt gibt es für diese Betrachtungsweise auch historische Wurzeln. In der Vergangenheit und zum Teil noch in der Gegenwart war oder ist das Glück eng mit dem Zufall verbunden. Das Glück lachte heute dem, morgen jenem. Waren es friiher zum Beispiel Jagderfolge oder das Glück der Geburt, so war und ist es in der kapitalistischen Gesellschaft vor allem das Glück, den Arbeitsplatz zu behalten, was die Menschen bewegte und bewegt.

Das Glück in den Fängen der Religion

Wie bei anderen philosophischen Kategorien entbrannte auch um den Inhalt und das Wesen des menschlichen Glücks der weltanschauliche Streit. Insbesondere die christlichen Theologen hatten sehr bald herausgefunden, daß die emotionale Färbung dieses Wortes den Begriff Glück besonders für die religiöse Weltanschauung geeignet macht. Sie beanspruchten sogar für sich, die einzig mögliche Antwort auf die Frage nach dem Glück gefunden zu haben. Angefangen von Thomas von Aquino erklären sie mit nur geringen Ab­weichungen bis heute, daß das Glück des Menschen im Streben nach der Schau des höchsten Gutes, nach der Gemeinschaft mit Gott, als dem absoluten Glück bestehe. Das Glück des Menschen liegt nicht in seiner Hand, sondern in der Hand Gottes, es fällt dem Menschen als „göttliches Geschenk“ [6] zu. Der Mensch erscheint dem Glück ausgeliefert. [7] Damit wird ihm von vornherein und für alle Zeiten die Fähigkeit abgesprochen, sein Glück selbst zu gestalten. Jedoch in einer Zeit, in der es der Religion als letzter Zufluchtsstätte vor dem irdischen Elend nicht mehr bedarf, weil es darum geht, die Bedingung, für ein menschenwürdiges, glückliches Leben aller in dieser Welt zu schaffen, wird ihre Antwort offensichtlich immer unbefriedigender und unzulänglicher.

Das Glück als irreale, unbeständige Erscheinung

Auch in Sprichwörtern und Volksweisheiten spiegelt sich die Unbeständigkeit des Glücks (sprich: günstige Umstände) wider: „Glück und Glas, wie leicht bricht das“; „Glück ist wendischer als ein Wetterhahn“; „Wo du nicht bist, da ist das Glück“. „Aus den Wolken muß es fallen, aus der Götter Schoß“ – so wird das Glück von Schiller besungen. Derartige Vorstellungen haben sogar in die Theorie Eingang gefunden. Der bürgerliche Philosoph N. Hartmann schreibt: ,,Das wirkliche Glück kommt immer von anderer Seite, als man es meint, liegt immer da, wo man es nicht sucht. Es kommt immer als Geschenk und läßt sich dem Leben nicht abringen oder abtrotzen.“ [8] Hartmann sucht das Glück „in der Wertfülle des Lebens, die immer da ist. Es öffnet sich dem, der den Blick auf diese Wertfülle einstellt…“ [9]

Die scheinbare Ohnmacht des Menschen

Alle diese Äußerungen reflektieren letztlich die scheinbare Ohnmacht des Menschen gegenüber den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen bzw. auch gegenüber der Natur sowie der Tatsache, daß sich die gesellschaftlichen Gesetze in der antagonistischen Klassengesellschaft hinter seinem Rücken durchsetzen. Dadurch werden nicht selten vor allem unter Jugendlichen in kapitalistischen Ländern Gedanken über die Sinnlosigkeit des Lebens wachgerufen und mit Hilfe der Propaganda der herrschenden Klassen bis zu Verzicht auf den Kampf um das Glück geführt.

Was sagen Jugendliche über das Glück?

In einer Befragung, die W. A. Posse im vorrevolutionären Rußland vornahm, schrieb ein 24jähriges Mädchen: „Niemals hat das, was ich wollte, die Form erhalten, nach der ich strebte … Das Leben ist Dummheit. Und mein persönliches Leben ist Teil dieser Dummheit. Ich habe das gesehen und aufgehört, mit dem Leben zu kämpfen. Ich bin doch ein lebendiger Leichnam.“ [10] Vergleichen wir dieses erschütternde Selbstzeugnis mit der Aussage eines 20jährigen Mädchens aus der Gegenwart Westdeutschlands: „Wir haben das Vertrauen in die Zukunft verloren … Wissen Sie, warum die heutige Jugend sich wie pensionsreife Greise benimmt? Weil sie eine ungeheure Angst … vor dem Zukurzkommen, vor dem Sein-Leben-nicht-zu-Ende-leben-Können hat … Die Erwachsenen, die diese Welt regieren, die dauernd Worte wie Frieden, Freih­eit und Gerechtigkeit im Munde führen, dabei aber für Vernichtung und Tod rüsten, haben die Zukunft der Jugend vergewaltigt … Ich frage Sie, wie kann man auf eine Zukunft hoffen, von ihr träumen, wenn diese Zukunft schon längst nicht mehr Möglichkeit ist, sondern Tatsache, wenn sie schon fertig über der Gegenwart steht? … Aber was nicht zu ändern ist, ist eben nicht zu ändern.“ [11] An diesen Beispielen zeigt sich sehr anschaulich, daß das persönliche Glück zu keiner Zeit etwas rein Individuelles, Subjektives oder schlechthin Auffassungssache war und ist, sondern stets durch die objektiven, historisch konkreten Umstände bedingt wird.

Kapitalistische Glücksexperten und ihre Auftraggeber

Wenn dennoch einige glauben, Glück sei eine klassenindifferente Erscheinung und habe rein individuelle Bedeutung, so mögen sie sich ansehen, was der westdeutsche Führungsexperte W. Böckmann den westdeutschen Monopolen empfiehlt: „Glück oder Unglück sind auch in der Arbeitswelt keinesfalls nur abstrakte Begriffe, sondern eine ganz konkrete Führungsaufgabe. Nur wer den ganzen Menschen akzeptiert und ihn glücklich macht, wird sich auch auf ihn ganz verlassen kön­nen.“ [12]

Was steckt hinter dieser Maske?

Das hört sich zunächst außerordentlich menschen­freundlich an, aber bei näherem Hinsehen erweist sich diese Empfehlung als Mittel zum Zweck, den Menschen noch besser und vollständiger den Interessen des Monopolkapitals und seinem Profitstreben unterzuordnen und selbst mit dem Glück des Menschen zu manipulieren. Davon zeugt auch das gegen Ende des Buches von Böckmann selbst herangezogene Zitat eines westdeutschen Generaldirektors: „Im Mittelpunkt meines Betriebes steht nicht der Mensch, sondern die Produktion. Im Mittelpunkt der Probleme, die zu einer bestmöglichen Produktion führen, steht allerdings der Mensch.“ [13] Das ist alles, was von den wohlklingenden demagogischen Phrasen über Mensch­lichkeit im Betrieb übrigbleibt. Das kann auch gar nicht anders sein in einer Gesellschaft, deren allgemeines oder gemeinschaft­liches Interesse „eben nur die Allseitigkeit des selbstsüchtigen Interesses ist“ [14], in der, genauer gesagt, nicht einmal die Produktion im Mittelpunkt des Betriebes steht, sondern die Produktion ebenso wie der Mensch dem einen Ziel dienen, Maximalprofite zu sichern.

Gesellschaftliches und privates Glück

Es ist daher durchaus nicht zufällig, wenn andere bürgerliche Autoren darüber Klage führen, daß der entfremdete Mensch unglücklich sei und die Konsumtion der Vergnügungsindustrie nur dazu diene, das Wissen um sein Unglück zu unterdrücken (E. Fromm); daß dem Menschen der Sinn seines Lebens abhan­den gekommen sei, daß der heutige Mensch im allgemeinen nicht glücklich sei (J. Bodamer); daß die Unfähigkeit zum eigentlichen Glück wächst (K. Jaspers). Diese „Unglücksbilanz“ zeigt noch einmal deutlich, daß Glück und Unglück des Menschen nicht zu trennen sind von der gesellschaftlichen Entwicklung, von dem gesellschaftlichen Spielraum, innerhalb des­sen die einzelnen den Kampf um ihr persönliches Glück auf­nehmen.


Zur Widersprüchlichkeit menschlichen Glücks

Will man über Glück sprechen, so scheint es angebracht, daß sich die Partner vorher verständigen, wovon sie reden: vom Glück als emotionalem Prozeß, vom Glück als Ideal, Zielvorstellung, Motiv oder aber vom realen Lebensprozeß, in dem das Individuum danach strebt, „sein“ Glücksideal zu verwirk­lichen. Im alltäglichen Leben wird der Begriff Glück am häu­figsten zur Bezeichnung der ersten beiden Möglichkeiten ange­wandt. Damit bleibt aber gerade der aktive Prozeß, in dem der Mensch seine Glücksvorstellungen realisiert, in dem er sich mit der Umwelt auseinandersetzt, mit anderen seine Kräfte mißt, seine Fähigkeiten und Talente entfaltet, häufig außer Betracht.

Ein gewisses Hochgefühl von Glück…

Dem liegen unter anderem folgende Überlegungen zugrunde: Glück wird stillschweigend oder auch ausdrücklich mit einer psychischen Hochstimmung gleichgesetzt. Nun ist es einleuchtend, daß eine derartige Hochstimmung kaum von langer Dauer sein kann, da auf das Individuum die verschieden­artigsten Einflüsse wirken, die je nach ihrer Bedeutung auf die eine oder andere Weise auch emotional verarbeitet werden. Eine solche Hochstimmung ist also „störanfällig“. Der Fehler solcher Überlegungen besteht lediglich darin, daß das resul­tative Moment, das ohne Zweifel beim Glück eine besondere Rolle spielt, verabsolutiert wird. Was sich nun ergibt, ist eine Aneinanderreihung von einzelnen Momenten, Zuständen.

Was sagte Karl Marx dazu?

Ein Erfolgserlebnis von besonderer Bedeutsamkeit, das den Menschen ausrufen läßt: „Ich bin glücklich!“, scheint den gan­zen Prozeß, der zu diesem Ausruf geführt hat, gleichsam in einer einzigen starken Gefühlsbewegung zusammenzudrängen, zu konzentrieren. Aber es hieße die dialektische Bewegung entzweischneiden, wollte man das Resultat – in diesem Falle die emotionale Reaktion – von dem gesamten Lebensprozeß trennen. Wenn Karl Marx kurz und knapp auf die Frage seiner Töchter nach seiner Auffassung vom Glück antwortete: „zu kämpfen!“, so wird daran die ganze Problematik, Kompliziert­heit und Widersprüchlichkeit, die das Glück des Menschen – nicht ein illusorisches – in sich birgt, sichtbar. Das wirkliche Glück ist weit entfernt davon, ein Zustand rosaroter Idylle, vollkommener Harmonie zu sein. Es ist im Gegenteil davon abhängig, wie es der Mensch versteht, seine Fähigkeiten und Anlagen, entsprechend den objektiven historischen und indivi­duellen Möglichkeiten, gemäß den historischen Erfordernissen zu entwickeln und einzusetzen.

Anstrengung und Genuß – Erfolg und Niederlage

Marx kritisierte bereits A. Smiths absolute Gegenüberstel­lung von Arbeit und Glück: „Die ,Ruhe‘ erscheint als der adäquate Zustand, als identisch mit ,Freiheit‘ und ,Glück‘. Daß das Individuum ,in seinem normalen Zustand von Gesundheit, Kraft, Tätigkeit, Geschicklichkeit, Gewandtheit‘ auch das Be­dürfnis einer normalen Portion von Arbeit hat, und von Auf­hebung der Ruhe, scheint A. Smith ganz fernzuliegen … Daß aber diese Überwindung von Hindernissen an sich Betätigung der Freiheit … also als Selbstverwirklichung, Vergegenständ­lichung des Subjekts, daher reale Freiheit, deren Aktion eben die Arbeit, ahnt A. Smith ebensowenig.“ [15] Glück liegt in der Anstrengung wie im Genuß. Es ist also mit einem Prozeß verbunden, den durchaus nicht ständig eine Hochstimmung begleitet, sondern der auch – so paradox es klingen mag – Enttäuschungen über Rückschläge, Ärger über Mißlungenes, Zweifel an der Richtigkeit des gewählten Weges einschließt.


Über die sozialistische Erziehung

Diese Widersprüchlichkeit muß in der Erziehung besonders beachtet werden; denn vereinfachte, überzeichnete Glücks­ideale bleiben illusionär und brechen unter dem Druck erster Schwierigkeiten zusammen, führen zu Enttäuschungen, die skeptische oder pessimistische Grundhaltungen hervorrufen oder Passivität auslösen.

Macht Geld glücklich?

Sehr verbreitet war und ist auch die Meinung, daß der Reichtum an materiellen Gütern notwendig von Glück begleitet sein muß, gleichbedeutend mit Glück ist. Diese Vorstellung wider­spiegelt in verzerrter Form die Klassenbeziehungen der Aus­beutergesellschaft. Diese Meinung ist eine der vielfältigen Formen, in denen sich die Unterdrückten des Klassengegen­satzes bewußt wurden. Sie wird daher von den Ideologen der herrschenden Klasse mit Recht gefürchtet, aber gleichzeitig benutzt man diese noch unentwickelte Form des Selbstbewußt­seins der Ausgebeuteten und Unterdrückten zur Verfälschung der wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse:

„Die Tatsache steht“, so heißt es in der westdeutschen Zeit­schrift „Katholische Frauenbildung“, „daß der Mensch das Glück nicht in der Hand hat, daß kein Streben es erzwingt. Damit ist der Materialismus in seiner Unfähigkeit erkannt; das gilt nicht nur für den marxistischen Materialismus, sondern für jede Auffassung, die vermeint, ein materielles Gut vermöge Träger des Glücks zu sein. Denn im Bereich des Materiellen geschieht alles zwangsläufig nach den Naturgesetzen. Wenn Materielles glücksträchtig wäre, müßte der Besitzer zwangsläufig beglückt sein.“ [16]

Die Fälscher des Marxismus

Es ist eine schon lange praktizierte Methode aller Marxver­fälscher, den von Marx und Engels überwundenen mechanischen Materialismus, der jeglichen Zufall negiert, dem unvoreingenommenen Leser als Marxismus zu servieren, um diesen dann um so leichter „widerlegen“ zu können. Die Argumentation Prof. Fleigs trifft in keiner Weise den marxistischen Materialismus. Von marxistischen Autoren wurde nie behauptet, diejenigen, welche die materiellen Güter besitzen, seien zwangsläufig glücklich; wohl aber hat Engels in seiner Kritik an Feuerbach alle moralisierenden Lehren verurteilt, da sie „keinen Schuß Pulver wert“ seien „für die Leute, denen diese Mittel fehlen“. [17]

Der Sozialismus als Weg zum Glück

Dem Marxismus ist in der Tat eine den materiellen Gütern entsagende asketische Haltung fremd. Die gesamte Praxis der Gestaltung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus in der DDR ist auf die Erhöhung des Wohlstandes aller Werktätigen gerichtet. Alle Anstrengun­gen zur maximalen Steigerung der Arbeitsproduktivität, zur Erreichung und Mitbestimmung des wissenschaftlich-techni­schen Höchststandes, sind nicht Selbstzweck, sondern dienen letztlich der Befriedigung der Bedürfnisse jedes einzelnen Bürgers unserer Republik.

Der wahre Sinn des Lebens

Damit reden die Marxisten jedoch nicht denjenigen das Wort, die im Erwerb materieller Reichtümer den einzigen Lebenssinn sehen und auf diese Weise ihr Leben und damit ihr Glück künstlich einengen. Der Besitz materieller Güter allein ist noch nicht Glück; vielmehr nehmen die materiellen Gebrauchswerte einen bestimmten Platz im Leben des Men­schen ein, sie erfüllen bestimmte Funktionen. Der Mensch ist Produzent dieser Güter, aber nicht, um sich vor ihnen wie vor einer fremden Macht zu beugen, sondern um sie zu beherrschen, sie als notwendige Mittel für seine eigene Entwicklung zu benutzen. [18]

Lebenselixier des schöpferischen Menschen

Die Werktätigen als Schöpfer des materiellen Reichtums sind in der sozialistischen Gesellschaft auch die verdienten Nutznießer. Sie entwickeln sich auf völlig neue Weise zu reichen Menschen, zu sozialistischen Persönlichkei­ten: „Der reiche Mensch ist zugleich der einer Totalität der menschlichen Lebensäußerung bedürftige Mensch. Der Mensch, in dem seine eigne Verwirklichung als innere Notwendigkeit, als Not existiert.“ [19] Der reiche Mensch ist demzufolge der Mensch, dem die menschlichste aller Tätigkeiten, die Arbeit, mehr ist als ein bloßes Mittel, sein Leben zu fristen, dem sie zum inneren Be­dürfnis geworden ist, der reiche Mensch ist der, der der sozia­listischen Gemeinschaft in ihren vielfältigen Erscheinungsfor­men bedarf, sei es als Arbeitskollektiv, als Familie, als gesellschaftliche Organisation, als Freundeskreis.

Das Glück der sozialistischen Gemeinschaft

Der reiche Mensch, das ist der Mensch, der des kulturellen Reichtums bedarf, der von den Völkern der Welt in Jahrhunderten geschaffen wurde. Dieser Reichtum steht im Sozialismus jedem Bürger offen, den er sich in seiner aktiven Teilnahme bei der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft und in unermüdlicher Arbeit an sich selbst erwerben kann. Die in solcher Weise reichen Menschen lernen das Glück kennen, das sich in einem Satz zusammenfassen läßt: „Ich werde gebraucht.“ Dieses Glück der Gemeinsamkeit beruht auf der Übereinstimmung der grundlegenden Interessen der Werktätigen mit den gesellschaft­lichen Anforderungen. Das persönliche Glück ist daher um so mannigfaltiger und beständiger, je enger die sozialistische Per­sönlichkeit ihr Leben mit dem ihres Volkes verbindet.


Einige Schlußfolgerungen

Die kurze Analyse einiger bürgerlicher Auffassungen vom Glück, die auch in der Gegenwart noch eine Rolle spielen, läßt folgende Schlüsse zu:

  1. Wenn das Glück kein Zufall und kein Geschenk der Götter ist, kann man es nur innerhalb der Gesellschaft suchen, in der der Mensch lebt, d.h., es hat jeweils historisch konkrete Gestalt.
  2.  Das Glück ist nicht einseitig nur im materiellen oder nur im psychischen Bereich zu suchen, sondern es handelt sich hier um eine komplizierte Subjekt-Objekt-Relation. Die Kategorie Glück erfaßt objektive und subjektive Elemente in ihrem Wechselverhältnis.

Träger des Glücks ist der Mensch als soziales Wesen, als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Sein Glück hängt letzten Endes davon ab, welchen Stand die Produktivkräfte der Gesellschaft erreicht haben. Aber auf welchem Platz der einzelne bei der Nutzung und weiteren Entwicklung dieser Produktivkräfte steht, hängt nicht von seinem Willen ab, sondern vor allem davon, welche Stellung er im System der objektiv existierenden Produktionsverhältnisse einnimmt.

…der Mensch lernt, solange er strebt!

Schließlich findet der Mensch, je weiter die Geschichte fortschreitet, wissenschaftliche Ergebnisse, Kunstwerke und bestimmte Normen und Regeln des Verhaltens einzelner wie ganzer Gruppen vor. Er knüpft also auch an ideelle Produkte, an, darunter an bestimmte Glücksideale. Wie das Individuum als einzelnes durch tausenderlei Fäden mit der Gesellschaft verbunden ist und diese mitgestaltet, kann es auch sein Glück nicht außerhalb der Gesellschaft finden.

Chancen und Möglichkeiten

Während die vorangegangenen Generationen der unter­drückten Klassen und Schichten in Deutschland ihr persönliches Glück stets nur im Kampf gegen die herrschenden gesellschaft­lichen Verhältnisse erringen konnten – was heute noch in vollem Umfange für alle demokratischen und antiimperialistischen Kräfte Westdeutschlands gilt –, wächst die heutige Jugend der DDR in einem Staat heran, dessen Existenz wir mit vollem Recht als Glück für ganz Deutschland bezeichnen.

Die sozialistische Perspektive

Durch die materielle und politische Entmachtung des Monopolkapitals wurden hier die gesellschaftlichen Ursachen, die persönliches Unglück über Millionen von Menschen gebracht haben, end­gültig beseitigt. Unter der Führung der Partei der Arbeiter­klasse beschritt die Bevölkerung in diesem Teil Deutschlands einen neuen, demokratischen Weg und arbeitet heute an der Gestaltung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus. So wird das persönliche Glück des einzelnen im gemeinsamen Kampf für die Verwirklichung humanistischer gesellschaftlicher Verhältnisse durchgesetzt. Die sozialistische Gesellschaft ist ihrem Wesen nach eine Gesellschaft glücklicher Menschen.

Ist der Sozialismus eine „Versiche­rungsanstalt“ für Glück?

Es wäre allerdings eine sehr vereinfachte Vorstellung, wollte man zwischen Sozialismus und persönlichem Glück einfach Gleichheitsstriche setzen. Man darf den Sozialismus auch nicht als eine Art „Versiche­rungsanstalt“ gegen persönliche Unglücksfälle betrachten. Hier geht es lediglich darum, daß der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft allen Bürgern immer größere Möglichkeiten schafft, sich als vielseitige harmonische Persönlichkeit zu ent­falten; doch nach wie vor bleibt das persönliche Glück das Resultat der eigenen Anstrengungen, aber auf einer grundsätz­lich neuen, stabilen gesellschaftlichen Grundlage.

Glück als sittliche Verpflichtung

Das Glück, sich als Persönlichkeit zu verwirklichen, steht heute für keinen Bürger der DDR im Widerspruch zu den gesellschaftlichen Voraussetzungen, sondern ist zur unumgänglichen Bedingung ihrer weiteren Entwicklung, zur „sittlichen Verpflichtung“ (Makárenko) geworden, so daß man in Abwandlung der bekannten These aus dem „Kommunistischen Manifest“ sagen könnte, daß hier eine Menschengemeinschaft entsteht, worin das Glück eines jeden die Bedingung für das Glück aller ist. [20] Halten wir also fest: Glück ist primär Schöpfertum, Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. Dieser Prozeß wird im Ergebnis bedeutender Ereignisse oder Erfolgserlebnisse als tiefes Glücksgefühl widergespiegelt.


Eine pädagogische Herausforderung

Der Hauptmangel, durch den sich die Ideale unserer Schüler (nicht nur das Glücksideal) gegenwärtig oft noch auszeichnen, ist ihre Abstraktheit, Losgelöstheit von den konkreten gesell­schaftlichen Aufgaben. Von vielen Schülern wird zum Beispiel die Arbeit zwar als entscheidender Bestandteil des mensch­lichen Glücks angesehen, aber es fehlt – ähnlich wie bei Schlü­ter – in einzelnen Fällen noch die Einsicht in die gesellschaft­liche Bedingtheit der Arbeit.

a) Motivation. Diesen Zusammenhang so ins Bewußtsein zu heben, daß er sich später in gesellschaftlich wertvollen Arbeitsmotiven nie­derschlägt, ist sowohl für die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft als auch der Persönlichkeit von großer Bedeutung. Die Forschungen, die bisher in der DDR zur Arbeitsmotivation durchgeführt worden sind, weisen immer wieder darauf hin, daß der Erwachsene über eine relativ stabile Motivstruktur verfügt und es großer Anstrengungen bedarf, diese zu verän­dern, bestimmte Motive zurückzudrängen, andere zu verstärken usw.

b) Sinngebung. Ferner zeigte sich, daß die einzelnen aktuellen Arbeits­motive weitgehend durch eine Art Grundmotivation gesteuert werden, die mit der Sinngebung des Lebens, mit den Glücks­vorstellungen und anderen Idealen verbunden ist und ein all­gemeines Reaktionsschema für das Verhalten bildet. Hinzu kommt, daß das Glück gewollt wird, die emotionale Kompo­nente also durchaus nicht erst im Resultat wirksam wird.

c) Bewußtheit. Da die Bereitschaft, glücklich zu werden, in der Regel gegeben ist, entscheidet das Ideal darüber, in welche Richtung die Aktivität gelenkt wird. Bewußt oder unbewußt bestimmt damit die Antwort auf die scheinbar rein persönliche Frage nach dem Glück das gesamte gesellschaftliche Verhalten eines Menschen über längere Lebensabschnitte hinweg, bestimmt seine Etap­penziele und die Wahl der Mittel, sie zu realisieren.

Zitate:
[1] S. L. Rubinstein: Grundlagen der allgemeinen Psychologie, S.571.
[2] Das Problem des Glücks vom psychologischen Standpunkt; Černigov, 1915, S.5 (russ.)
[3] G. A. Lindner: Das Problem des Glücks, Wien 1868, S.130.
[4] Ebenda, S. VI/VII.
[5] Das Problem des Glücks vom psychologischen Standpunkt, S.21.
[6] J. Pieper: Glück und Kontemplation, München 1957, S.22. – 0. F.
Bollnow: Das Wesen der Stimmungen, Frankfurt a. M., S. 92.
[7] Siehe J. Pieper: Glück und Kontemplation, S.16.
[8] N. Hartmann: Ethik, Berlin/Leipzig 1926, S.87.
[9] Ebenda.
[10] W. A. Posse: Glück und Sinn des Lebens, Petrograd 1916, S. 11 (russ.).
[11] Volk ohne Traum. Das Lebensgefühl der jungen Generation in Selbstzeugnissen. Zusammengestellt von E. Wisselinck, München 1964, s.28-30.
[12] W. Böckmann: Millionenverluste durch Führungsfehler, Düsseldorf/ Wien 1967, S.144.
[13] Ebenda, S.355.
[14] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Dietz Verlag, Berlin 1953, S.912.
[15] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S.505.
[16] P. Fleig: Die Tragik unseres Glücks. In: Katholische Frauenbildung, Paderborn 1958, Nr. 1, S.9.
[17] Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassi­schen deutschen Philosophie. In: Marx/Engels: Werke, Bd.21, S.288.
[18] Siehe Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: Werke, Bd. 4, S.476.
[19] Karl Marx: Zur Kritik der Nationalökonomie. In: Marx/Engels: Kleine ökonomische Schriften, S.137.
[20] Siehe Marx/Engels: Werke, Bd. 4, S.482.

Quelle:
Rosemarie Winzer: Glück als weltanschauliches und erzieherisches Problem. In: Jörg Vorholzer et al. (Hrsg.): Psychologie in unserem Leben. Dietz Verlag Berlin, 1969, S.329-341. (Auszug; Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

pdfimage  Rosemarie Winzer – Das Glück

Siehe auch:
Ethik – Vom Sinn des Lebens

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2 Antworten zu Rosemarie Winzer: Was ist Glück?

  1. Ein ausgezeichneter Beitrag, der in jeder deutschen Schule diskutiert werden
    sollte! Leider werden unter kapitalistischen Bedingungen in erster Linie
    nur Egoisten erzogen. Da heißt es „Lebe Dein Leben!“, „Realisiere Dein
    eigenes Ich!“ usw. usw. Glück ist mit dem Sinn des Lebens untrennbar
    verbunden. Deshalb gehörte das Buch von Nikolai Ostrowski „Wie der Stahl
    gehärtet wurde“ in der DDR zur Pflichtliteratur. Wir haben unser ganzes
    Leben in seinem Sinne gearbeitet und gelebt. Deshalb waren wir glücklich!
    ( siehe auch http://www.dr-schacht.com/html/skw_-martin_hoop-.html )

    • sascha313 schreibt:

      Danke, Wolfgang, das kann man nur dick unterstreichen. Diese ganzen Lumpen von Erfolgstrainern, Motivationsexperten und Lebensberatern haben nur die eine gewinnträchtige Absicht: Menschen in die Irre zu führen, sie über die wahren Ursachen ihres „irdischen Jammertals“ hinwegzutäuschen und sie zu mehr Leistung aufzustacheln.

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